In dieser Rubrik gehen wir auf einzelne fixe Transfers zumeist größerer Vereine ein und beleuchten Hintergründe und Motive. Wieso holt eine Mannschaft diesen Spieler?... Transfers erklärt: Darum wechselt Dong-Won Ji zu Borussia Dortmund

Borussia DortmundIn dieser Rubrik gehen wir auf einzelne fixe Transfers zumeist größerer Vereine ein und beleuchten Hintergründe und Motive. Wieso holt eine Mannschaft diesen Spieler? Wer ist dieser Spieler überhaupt? Was erwartet sich sein neuer Verein von ihm? Kann er die Erwartungen in seinem neuen Verein erfüllen? Diese Fragen sollen beantwortet werden. In dieser Ausgabe blicken wir auf den Transfer von Dong-Won Ji zu Borussia Dortmund.

Zweimal verlautbarten die Verantwortlichen des BVB im aktuellen Transferfenster bereits einen feststehenden Wechsel, wobei beide erst im kommenden Sommer über die Bühne gehen werden und keine Ablösesummen fließen werden. Einerseits handelte es sich dabei um den Abgang von Robert Lewandowski, andererseits um den Zugang von Dong-Won Ji, der seine Zelte in Sunderland aber bereits abgebaut hat.

Konträrer Ruf in England und Deutschland

Die Rückrunde bestreitet der Südkoreaner beim FC Augsburg, wo er bereits vor einem Jahr unter Vertrag stand. Damals überzeugte der 22-Jährige auf ganzer Linie. In 17 Spielen traf er fünfmal und hatte damit einen großen Anteil daran, dass der FCA die Klasse halten konnte. Sunderland war einem Verkauf von Ji nicht abgeneigt, jedoch war die ausgerufene Ablösesumme – angeblich rund fünf Millionen Euro – sowohl für Dortmund als auch Augsburg zu hoch. Warum der Premier League Klub mit einem Abgang des Offensivspielers leben konnte, zeigt ein einfacher Blick auf die Fakten.

Zwei Jahre gehörte Ji dem Kader der Black Cats an, stand aber nur ca. 650 Minuten auf dem Platz. Die Ausbeute war mit zwei Toren und zwei Vorlagen ebenfalls äußerst dürftig, zumal er meist als Stürmer bzw. hängende Spitze zum Zug kam. Der Höhepunkt dieser Ära war dabei ohne Frage sein Siegtor beim überraschenden 1:0-Sieg gegen Manchester City am Neujahrstag 2012. Wenn immer er das Sunderland-Trikot überstreifte, fehlte es seinem Spiel an Überzeugungskraft.

Ein besonders krasses Beispiel dafür ist eine Aktion aus der laufenden Spielzeit. Am dritten Spieltag gegen Crystal Palace ließ er eine sehr gute Möglichkeit aus kurzer Distanz aus, als er bei einer Flanke den Kopf wegzog und sich duckte anstatt den Ball mit Wucht Richtung Tor zu köpfen. Seinem damaligen Trainer Paolo Di Canio platze daraufhin der Kragen. „Einmal flanken wir sehr gut und Ji drückt seinen Kopf nicht nach vorne […] Ich bin enttäuschter als er.

Doch egal, ob unter dem umstrittenen Italiener oder unter dessen Vorgängern Steve Bruce, Martin O’Neill oder dem aktuellen Coach Gus Poyet, man hatte nie den Eindruck, dass sich Ji in England durchsetzen konnte. Wie soll also jemand, der nicht einmal bei einem Abstiegskandidaten in der Premier League erste Wahl war, einen deutschen Spitzenklub mit Champions League Ambitionen verstärken?

Vielseitig einsetzbar und neue Elemente

Als größtes Gut des Südkoreaners gilt seine Vielseitigkeit, wie auch BVB-Sportdirektor Michael Zorc nach der Verpflichtung deutlich herausstrich. Bei Sunderland agierte er in erster Linie als hängende Spitze um das Spiel mit dem im Allgemeinen statischen Mittelstürmer zu verbinden. Andererseits kam er auch als Flügelspieler zum Einsatz und brachte dort seine technischen Fertigkeiten ein, indem er die Halbräume ansteuerte. Brilliert hat er aber als Achter in der 4-1-4-1-Grundordnung unter Markus Weinzierl in Augsburg.

Ji agierte dabei als Hybridtyp aus mitspielendem Stürmer und zweikampfstarkem Mittelfeldspieler. Dadurch entstand immer eine markante Asymmetrie, die sich aufgrund der Spielintelligenz des Südkoreaners sowie den sauberen gruppentaktischen Abläufen eher positiv als negativ auswirkte. Zudem zeigte er auch im Spiel gegen den Ball überaus starke Aktionen. Im Pressing rückte er auf die Höhe des Stürmers auf und stellte den aufbaustarken gegnerischen Mittelfeldspielers in den Deckungsschatten. Im Gegenpressing war er besonders bei zweiten Bällen schnell zur Stelle.

Wie stark sich die veränderte Spielanlage auf die Leistungen bzw. die Daten von Ji auswirkten sei an dieser Stelle anhand eines Beispiels ausgeführt. Bei Augsburg benötigte Ji im Schnitt 55 Minuten für eine Balleroberung, bei Sunderland waren es 93 Minuten. Das mag auch mit der veränderten Position zusammenhängen, immerhin sind Balleroberungen bei Stürmern in aller Regel seltener als bei Mittelfeldspielern, allerdings schloss Ji im Schnitt genauso häufig ab. Insofern dürfte sein Spielstil gut zum BVB passen.

Die Schwarzgelben zählen zu den abschlussfreudigsten Teams in Europa und ihr Spielstil ist äußerst intensiv. Doch es sind nicht ausschließlich diese Faktoren, aufgrund derer man dem Engagement bei Borussia Dortmund positiv gegenüberstehen darf. Es sind vielmehr die neuen Elemente, die Ji einbringen kann, und er daher nicht nur als Füllspieler für den Kader sondern Erweiterung der Möglichkeiten zu sehen ist.

Mehr Präsenz in Dribblings und Kopfballduellen

Die Hinrunde des BVB war wechselhaft. Die Borussen legten einen makellosen Saisonstart hin, fielen in der zweiten Hälfte aber stark ab. Verantwortlich wird dafür weitestgehend das große Verletzungspech gemacht, immerhin fehlte kurzfristig die gesamte Viererkette. Doch auch in der Phase, in der es so schien, als könne Dortmund mit den Bayern Schritt halten, konnte man Probleme im Offensivspiel erkennen. Manche Spiele wurden aufgrund von Standardsituationen gewonnen, andere damit, dass man den Gegner schlicht überpowerte.

Ein Hauptproblem dabei ist, dass Neuzugang Henrikh Mkhitaryan, wie nach dessen Wechsel bereits ausgeführt wurde, im Gegensatz zu seinen Vorgängern kein Spielmacher, sondern ein Umschaltspieler ist. Im Verbund mit der Verletzung von Ilkay Gündogan fehlte es dem Offensivspiel des BVB daher oft an zündenden Ideen und Überraschungsmomenten gegen tiefstehende Gegner. Mit der Verpflichtung von Ji drehten die Verantwortlichen nun an einer Schraube, um dieses Problem künftig besser in den Griff zu bekommen.

Die Statistik weist Mkhitaryan zwar mehr erfolgreiche Dribblings pro Spiel als Ji aus, der Armenier verbucht diese aber in erster Linie wenn er nach Umschaltmomenten mit Tempo auf den Gegner zuläuft. Ji kann sich hingegen auch aus engen Situationen über Einzelaktionen lösen. Zudem ist er fast zehn Zentimeter größer und kann so für mehr Präsenz in Luftduellen sorgen – bei Augsburg gewann er zum Beispiel alle 33 Minuten einen Kopfball. Zum Vergleich: bei Mkhitaryan sind es 81.

Nicht zuletzt aufgrund seiner Fähigkeiten im Verbindungsspiel hinterließ Ji in der Bundesliga einen sehr guten Eindruck. Doch der Einsatzbereich dürfte über die Zehnerposition hinausgehen. Er könnte als spielstarke Option auf dem Flügel oder im Angriff fungieren. Körperlich, spielerisch und in seinem Bewegungsprofil bringt er ähnliche Anlagen wie Lewandowski mit. Langfristiger Ersatz für den scheidenden Polen wird Ji aber wohl nicht sein. In dieser Hinsicht werde der BVB, so Hans-Joachim Watzke, „auf jeden Fall im Sommer investieren.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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