Wie schon in den vergangenen Transferfenstern gehen wir in dieser Rubrik auf einzelne fixe Transfers zumeist größerer Vereine ein und beleuchten die Hintergründe und... Transfers erklärt: Darum wechselte Xabi Alonso zum FC Bayern München!

FC Bayern München - Wappen mit FarbenWie schon in den vergangenen Transferfenstern gehen wir in dieser Rubrik auf einzelne fixe Transfers zumeist größerer Vereine ein und beleuchten die Hintergründe und Motive. Wieso holt eine Mannschaft diesen Spieler? Wer ist dieser Spieler überhaupt? Was erwartet sich sein neuer Verein von ihm? Kann er die Erwartungen in seinem neuen Verein erfüllen?

Diese Fragen sollen beantwortet werden. Auch die taktische Perspektive soll nicht zu kurz kommen, immerhin ermöglicht ein neuer Spieler oftmals eine Vielzahl neuer Kombinationen und Synergien, die ebenfalls kurz erläutert werden sollen.

In dieser Ausgabe blicken wir auf den überraschenden Transfer einer der Schlüsselfiguren Real Madrids in den vergangenen Jahren zum FC Bayern München, deren Motive bei dieser Verpflichtung nicht ganz klar erscheinen.

Zwischen unter- und überschätzt

Schon in seiner Zeit bei Real Sociedad und später in England beim Liverpool FC galt Xabi Alonso als „Dirigent“, dessen besondere Fähigkeiten seine Spielintelligenz und seine Passstärke darstellen. Vielfach wurden solche Sechser als unterschätzt bezeichnet, weil sie sich schlichtweg nicht über ihre Athletik und Robustheit – wie zu Beginn und Mitte der vergangenen Dekade üblich – definieren. Bei Xabi Alonso muss man allerdings vorsichtig sein.

Er ist nämlich keineswegs ein nahezu körperlos agierender Sechser vom Schlage eines Busquets, der nach wie vor unterschätzt wird, oder gar eines Andrea Pirlo. Alonso ist eher der Typ Michael Ballack oder noch besser Mark van Bommel, welcher zwar ein feines Füßchen besitzt (und dessen Passradius sowie Eleganz deutlich über der des Niederländers liegen), allerdings mit einer sehr physischen Herangehensweise und körperlicher Präsenz garniert. Vermutlich ist dies auch der Grund, wieso Xabi Alonso medial und insbesondere in seiner Zeit in England häufig deutlich höher und positiver eingeschätzt wird als eben ein Sergio Busquets oder auch weniger bekannte Akteure wie zum Beispiel Leon Britton von Swansea City. Xabi ist also das Paradebeispiel eines Spielers, von dem man vermutet, er wird unterschätzt und man ihn dann dadurch überschätzt, weil er schlichtweg nicht ganz dem verkannten Spielertyp entspricht und durchaus die „klassischen“ Fähigkeiten wie eben eine präsente Physis mitbringt.

Wenn über Mannschaften geredet wird, in denen er mitspielt, gilt er fast immer als Schlüsselspieler und wichtigster Akteur; ob bei Real Sociedad, Liverpool oder in den letzten Jahren eben bei Real Madrid. Einzig bei Spanien wurde seine Wichtigkeit hinter Xavi und Iniesta eingeordnet, weil diese schlichtweg deutlich präsenter im Spielaufbau waren und über ein noch spektakuläreres Repertoire verfügen. Doch hier liegt auch die Gefahr bei Alonso: Seine herausragenden Fähigkeiten in puncto Weiträumigkeit und Radius seiner Pässe und das damit automatisch verbundene Spektakel verdecken nämlich den Blick auf bestimmte Mängel in Alonsos Spielweise.

Das negative „besondere Etwas“

Wie schon erwähnt werden spielintelligente Sechser automatisch als „unterschätzt“ bezeichnet. Die Ursache dafür sollen ihre Synergiewirkungen in taktischer Hinsicht sein; doch die inflationäre Benutzung des Attributs „unterschätzt“ oder auch der Eigenschaft „spielintelligent“ liegt darin, dass nur wenige wissen, wie diese taktischen Synergieeffekte aussehen. Sergio Busquets oder auch Spieler wie Roman Neustädter und Daniel Baier aus der deutschen Bundesliga besitzen sie; Xabi Alonso hingegen nicht. Häufig ist er nicht mehr, als er den Anschein macht, sondern weniger.

Auf den ersten Blick mag ihn von Paradebeispiel Busquets wenig unterscheiden. Sie agieren beide vor der Abwehr, verteilen ruhig und umsichtig mit starker Technik die Bälle, fangen Pässe des Gegners im Sechserraum geschickt ab und sind auch unter Druck gut. Doch bei genauerer Betrachtung finden sich zahlreiche Unterschiede zwischen den beiden, die Busquets positiv abheben. Das reicht von kleinen Mängeln in der Passtechnik – so sind Xabi Alonsos Pässe oft spektakulärer, dafür aber deutlich fester, haben mehr Effet und sind somit schwieriger und langsamer zu verarbeiten – bis hin zu Schwächen im Positionsspiel.

Alonso zum Beispiel läuft sich selbst frei beziehungsweise fordert konstant in offenen Räumen den Ball. Busquets wiederum versucht sowohl sich selbst freizulaufen, als auch Räume für seine Mitspieler zu öffnen; Xabi Alonso versperrt diese häufig. Ähnliches sieht man nicht nur im Freilaufen, sondern auch in der Entscheidungsfindung. Busquets ist herausragend in der Antizipation, denkt für seine Mitspieler mit und spielt praktisch immer den richtigen Pass; Xabi hingegen entscheidet sich teilweise für das Kollektiv falsch, spielt eine Verlagerung, statt der eine Kurzpasskombination sinnvoll gewesen wäre, oder passt in eine schlecht gestaffelte Spielsituation oder eine Unterzahlzone.

In Anbetracht dieser Umstände drängt sich eine Frage auf: Wenn diese taktischen Mängel wirklich vorhanden sind, wieso möchte dann ausgerechnet Josep Guardiola Xabi Alonso für seine Mannschaft?

Plan B und ein Mann für die Altersstruktur und Rotation?

Schon in seiner ersten Partie wurden Alonsos Mängel im Bewegungsspiel und in der Entscheidungsfindung sichtbar; mehrmals kippte er zwischen die Innenverteidiger ab, ohne dass es nötig oder die beiden Verteidiger dafür vorbereitet gewesen wären. Dadurch nahm er einen Mann aus dem Mittelfeld heraus – sich selbst –, zerstörte die Verbindungen ins Zentrum und erzeugte keine Vorteile durch sein Abkippen. Vielfach folgten dann auch sehr lange und für die Passempfänger anspruchsvolle Pässe nach vorne.

Auffällig war aber, dass das bayrische Kollektiv keineswegs unvorbereitet darauf schien. Die Münchner legten ihr kurzpassorientiertes Ballbesitzspiel gegen Schalke ab und spielten deutlich weiträumiger in der Ballzirkulation, verlagerten häufig lang, auch die Innenverteidiger und Neuer spielten einige Bälle direkt und hoch nach vorne oder auf die Seiten. Des Weiteren schoben die Außenverteidiger ebenfalls früh in die Spitze und lösten bewusst die Passverbindung zu den zentralen Defensivakteuren auf.

Das lässt vermuten, dass Guardiola in Anbetracht der Verletzungssorgen einen anderen Spielstil pflegen möchte; nach wie vor mit viel Ballbesitz, doch mit Veränderungen in der Ballzirkulation. Alonso sichert mit seiner Physis und seiner durchaus starken Defensivarbeit ab, spielt lange Bälle und die Münchner gehen vorne mit zahlreichen Spielern auf die zweiten Bälle und machen das Spielfeld enorm breit, um über die Seiten mit Flanken und Einzelaktionen die gegnerische Abwehr zu knacken. Die Aufstellung im für Guardiola überaus untypischen 4-4-2 mit zwei klassischen Angreifern – Müller und Lewandowski – ist ein weiteres Indiz. Ebenso wie Box-to-Box-Mittelfeldspieler Rode neben Alonso auf der Doppelsechs.

Eine ähnliche Spielweise ließ schon José Mourinho mit Alonso bei Real in der Meistersaison 2011/12 spielen. Alonso spielte weiträumige Pässe, Khedira unterstützte bei zweiten Bällen und das Kollektiv rückte schon früh sehr weit nach vorne, um in hohen Zonen präsent zu sein. Alonsos Vorteil hierbei ist, dass er durch seine technischen Fähigkeiten auch dann noch eine Rolle unter Guardiola und dessen Kurzpassfußball spielen kann, wenn die Verletzten wieder da sind und dieser Plan B womöglich wieder ad acta gelegt wird.

Zusätzlich bietet er eine weitere taktische Option jederzeit die Ballzirkulation umstellen zu können, ist eventuell in puncto Bewegungs- und Passspiel von Guardiola noch verbesserbar und dürfte ohne zu murren auch in größeren Spielen auf der Bank sitzen bleiben. Zudem versperrt er durch sein nicht mehr ganz junges Alter auch langfristig keine Stammplätze für die Jungen – Gaudino, Höjbjerg und Co. stehen nämlich schon in den Startlöchern. Der erfahrene Alonso könnte aber bis zu ihrer Reife eine Schlüsselfigur der Münchner werden.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

  • C…

    7.September.2014 #1 Author

    Glaubst du Xabi könnte sich taktisch nochmal weiterentwickeln? Er meinte er ja bei seiner Vorstellung iwas von wegen er wolle von Guardiola lernen, das Statement hat mich n bisschen verwundert angesichts seines Alters.

    Antworten

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