Sie fallen in der medialen Berichterstattung ein wenig durch den Rost. Alles berichtet von den Krachern zwischen dem Top-Trio Liverpool, Manchester City und Chelsea... Arsenal FC – Die Gründe für die Siegesserie

Sie fallen in der medialen Berichterstattung ein wenig durch den Rost. Alles berichtet von den Krachern zwischen dem Top-Trio Liverpool, Manchester City und Chelsea in der Premier League und deren Dreikampf um die Tabellenspitze. Seit Wochen gibt es allerdings noch ein anderes Team, das zwar ein bisschen unter dem Radar fliegt, aber trotzdem Woche für Woche starke Leistungen zeigt. Die Rede ist von den Gunners aus dem Norden Londons – die Rede ist vom FC Arsenal unter Neo-Coach Unai Emery! In diesem Artikel beleuchten wir die Gründe für die Siegesserie.

Trainerbestellung zu Saisonbeginn

In den vergangenen zwei Saisonen brodelte es im Stadtteil Holloway gewaltig. Die Fans waren wegen eines Mannes in zwei Lager gespalten. Arsene Wenger. Das Arsenal-Urgestein (Dienstantritt 1996) verlängerte am Ende der Saison 2016/17 seinen Vertrag um weitere zwei Jahre und zog damit den Unmut vieler Supporter auf sich. Diese ließen nichts unversucht, um ein vorzeitiges Ende der Ära Wenger hervorzurufen. Beispielsweise wurde ein Flugzeug gechartert, das während eines Spiels, mit einem Protestbanner ausgestattet, über das Stadion flog. Des Weiteren wurden Protestmärsche organisiert und auch das Motto „Wenger Out“ verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den sozialen Netzwerken. Auch die Medien sprangen auf den Zug auf und stifteten zusätzlich Unruhe. Das Vorhaben sollte auch gelingen. „Le Professeur“ gab im April 2018 seinen Rücktritt nach 22 Dienstjahren bekannt, dankte ein Jahr vor Auslaufen seines Vertrages ab und machte somit den Thron für die Nachfolge bereit.

In diese großen Fußstapfen trat im Juli 2018 Unai Emery. Der spanische Trainer kam von PSG, wo er in zwei Saisonen einen Meistertitel einfahren konnte. Der 46-Jährige setzte sich im Rennen um den Posten laut Medienberichten gegen die beiden Ex-Arsenalspieler Mikel Arteta und Thierry Henry durch. Vor seinem Engagement in der französischen Hauptstadt war er in Sevilla tätig. Dort gewann er dreimal in Folge die UEFA Europa League, triumphierte im Finale etwa über den FC Liverpool. Die Stärke in diesem Bewerb soll heuer den Gunners zu Gute kommen, die sich wie im Vorjahr mit der EL begnügen müssen.

Erfolgslauf nach anfänglicher Ernüchterung

Der Saisonbeginn verlief für den FC Arsenal alles andere als nach Maß. Die Auslosung bescherte den Gunners gleich zu Beginn zwei Top-Spiele. Der Saisonstart erfolgte zuhause gegen den amtierenden Meister Manchester City. Am 2. Spieltag gab es dann das Stadtderby gegen den FC Chelsea an der Stamford Bridge.

Beide Partien endeten für die Nordlondoner nicht nach Wunsch. Den Citiziens unterlag man mit 0:2. Nachdem Sterling lediglich 15 Minuten benötigte, um der Aufbruchsstimmung der Gunners einen Dämpfer zu verpassen, besiegelte Bernardo Silva in der 2. Halbzeit das Schicksal von Arsenal. Gegen die Blues (2:3) konnte man zwar die ersten zwei Torerfolge verbuchen, durch zu viele Fehler in der Verteidigung wurde diese „Fortschritte“ allerdings zunichte gemacht und man musste sich wieder in den Norden der Stadt zurückziehen – ohne Punkte.

Der Umschwung kam also erst am dritten Spieltag, als West Ham zu Gast war. Auch das Team von Marko Arnautovic war zu diesem Zeitpunkt noch punktelos. Der Wiener sorgte auch für die zwischenzeitliche Führung der Hammers. In einem chancenreichen Spiel gewannen aber am Ende die Gunners mit 3:1 und fuhren somit ihren ersten Saisonsieg ein.

In der Premier League folgten Siege gegen Cardiff City (3:2), Newcastle (2:1), Everton (2:0), Watford (2:0) und zuletzt Fulham (5:1).

Auch international spielte man unter der Leitung von „Mr. Europa League“ nicht weniger erfolgreich. Gegen Vorskla Poltava (UKR/4:2) und Quarabaq Agdam (AZE/3:0) gab es klare Siege. Im EFL-Cup gab es einen Drittrunden-Erfolg über Brentford zu bejubeln.

Derzeit hält man also bei neun Siegen en suite. Das gab es zuletzt zwischen März und April 2015, damals verhinderte der FC Chelsea eine zweistellige Siegesserie.

Eklatante Auswärtsschwäche? Gibt’s nicht mehr!

1 – 0 – 7…

Diese Aufstellung zeigt die Auswärtsbilanz von Arsenal unter Wenger im Jahr 2018 in der Premier League (Siege – Unentschieden – Niederlagen). Mit der französischen Vereinsikone auf der Trainerbank konnte in diesem Kalenderjahr lediglich Huddersfield bezwungen werden.

In dieser Saison sieht es schon anders aus. Auf die Niederlage an der Stamford Bridge folgten drei Auswärtssiege, zuletzt ein 5:1 in der Heimstätte Fulhams, dem Craven Cottage. In der Ferne hat man in dieser Saison bereits zwölf Tore zu Buche stehen. Zum Vergleich: In der Vorsaison konnten auswärts zwischen Neujahr und Saisonende nur sieben Tore erzielt werden.

Starke Offensive ebnet den Weg zum Erfolgslauf

In den bisherigen 8 Ligaspielen durften die Arsenal-Spieler 19-mal zum Torjubel abdrehen – ein Schnitt von 2,38 Toren pro Partie. Damit belegt man in der Rubrik „Erzielte Tore“ hinter Manchester City Platz 2.

Unter Emery sind vier Offensivspieler vor den beiden Sechsern positioniert. Zumeist lief man mit einem 4-2-3-1 auf, in der letzten Partie gegen den FC Fulham ließ der Spanier mit einem 4-2-2-2 spielen. Dabei vertraut der Coach nicht immer auf dieselben Spieler, sondern variiert ganz gerne. Welbeck, Aubameyang und Lacazette wechseln sich als Solostürmer ab.

Beim Auswärtsspiel gegen Fulham bildeten Welbeck und Lacazette zu Beginn die Doppelspitze. Am linken Flügel spulte Iwobi seine Kilometer ab und auf der rechten Außenbahn befand sich Henrikh Mkhitaryan – der einen starken Drang in Richtung Zentrum verspürte. Somit wurde die rechte Seite der Gunners ein wenig „stiefmütterlich“ behandelt, während man sich auf den linken Flügel bzw. das Zentrum konzentrierte.

Defensivverhalten: Ein zweiter Sechser bringt mehr Stabilität

In der Vorsaison sah man den FC Arsenal mit einem defensiven Mittelfeldspieler (zumeist Granit Xhaka) auflaufen. In dieser Spielzeit bekommt der Schweizer Gesellschaft, denn Unai Emery lässt mit zwei Sechsern spielen. Zu Beginn der Saison schenkte der spanische Coach dem Duo Xhaka/Guendouzi das Vertrauen. Während Xhaka ein klassischer defensiver Mittelfeldspieler ist, erlernte der 19-jährige Franzose ursprünglich die Position des „8ers“.

Nachdem in den ersten fünf Ligaspielen insgesamt neun Gegentreffer zu beklagen waren, beendete Emery das „Projekt Guendouzi“ und setzte neben Xhaka fortan auf Lucas Torreira – der Kurswechsel sollte sich bezahlt machen…

In der Innenverteidigung hält der Neo-Coach an der 4er Kette fest, hatte dort aber von Beginn weg Ausfälle zu beklagen. Koscielny kam nach seinem Achillessehnenriss in dieser Saison noch zu keiner einzigen Spielminute. Sead Kolasinac spielte einmal in der Europa League über die volle Länge, muss sich im Ligaalltag aber hinter Nacho Monreal anstellen.

Die Transfers im Fokus, ein Neuzugang sticht heraus!

Nachdem man vor bzw. während der Saison 2017/18 vorranging in die Offensive investierte (Mkhitaryan, Lacazette, Aubameyang), lag im Sommertransferfenster 2018 die Defensive im Fokus. Spieler mit Weltklasse-Format wurden keine nach London Holloway gelotst, dafür wurde eine gute Mischung aus jungen, aufstrebenden und erfahreneren Spielern gefunden.

Zur „alten Riege“ zählen Stephan Lichtsteiner und Sokratis. Lichtsteiner (Alter: 34) kam ablösefrei von Juventus Turin.  Für „Papa“ überwies man 16 Millionen Euro ins Ruhrgebiet nach Dortmund.

Ebenfalls aus Deutschland wurde Bernd Leno verpflichtet. Für den 26-Jährigen blätterten die Verantwortlichen 25 Mio. Euro hin. Er profitiert derzeit von einer Verletzung Petr Cech’s.

Die Verpflichtungen zweier Young Guns komplettierten die Transferaktivitäten des FC Arsenal. Einerseits eiste man im Sommer den 19-jährigen Mattéo Guendouzi vom FC Lorient (Ligue 2) für 8 Mio. € los, …

… andererseits brachte man mit der Verpflichtung von Lucas Torreira einen vielversprechenden Transfer unter Dach und Fach. 30 Millionen Euro ließen sich die Gunners die Dienste des 22-jährigen defensiven Mittelfeldspielers kosten. Neben seinem Engagement bei Arsenal ist er mittlerweile auch ein fixer Bestandteil des uruguayanischen Nationalteams und kam auch bei der WM in Russland zu seinen Einsatzminuten.

Zu Beginn musste Torreira noch dem anderen Neuzugang Guendouzi auf der 6er-Position weichen, wurde aber wettbewerbsübergreifend in jedem Spiel zumindest eingewechselt und konnte sich somit für einen Stammplatz empfehlen – den er zu einem späteren Zeitpunkt auch bekommen sollte. Am 6. Spieltag war es gegen Everton dann auch so weit. Er stand erstmals in der Startformation und konnte mit seinen Teamkollegen einen Sieg bejubeln – „clean sheet“ inklusive. Nach der Partie gegen die Toffees musste er lediglich in der EL bei Quarabag und im EFL Cup gegen Brentford zu Beginn auf der Bank Platz nehmen. In beiden Bewerben ist es unter englischen Coaches üblich, bei der Aufstellung stark zu rotieren.

Dass die kleingewachsene Neuerwerbung aus Uruguay für das (Defensiv-)Spiel der Gunners ein Segen ist, stellt auch folgende statistische Spielerei eindrucksvoll unter Beweis:

Bis dato stand Torreira 548 Minuten im Arsenal-Trikot auf dem Spielfeld (in allen Bewerben). In dieser Zeit kassierten die Nordlondoner lediglich drei Gegentore. Während seiner Abwesenheit, die 442 Minuten dauerte, musste der Arsenal-Keeper gleich 10x hinter sich greifen. Wenn man diese Werte auf die Minuten pro Gegentor herunterbricht, ergeben sich imposante Werte:

  • ohne Torreira: alle 44 Spielminuten ein Gegentor
  • mit Torreira: alle 183 Spielminuten ein Gegentor

…ein ganz klares Empfehlungsschreiben für einen Stammplatz im defensiven Mittelfeld!

Die Wunderwaffe namens Selbstvertrauen

Mit der Erwerbung von Unai Emery holten die Verantwortlichen der Gunners nicht nur einen Trainer, der sehr gute fachliche und taktische Voraussetzungen mit sich bringt, sondern verpflichteten auch gleichzeitig einen Coach, der gut zu den Spielern durchdringen kann und ihnen ihr verlorenes Selbstvertrauen wiederbeschaffen kann.

Mussten sich Fans und Spieler der Gunners in der letzten Saison noch vor anstehenden Auswärtspartien fürchten, so ist mittlerweile eine Leichtigkeit und zurückgekehrtes Selbstvertrauen zu erkennen.

Einer der größten Nutznießer der zwischenmenschlichen Fähigkeiten Emery’s ist Alex Iwobi. Wurde der 22-jährige Neffe von Jay-Jay Okocha vor wenigen Monaten von einigen Fans und Zeitungen noch abgeschrieben, so verzaubert der Nigerianer mit außergewöhnlichen Dribblings in regelmäßigen Abständen die Gooners und wohl auch den eigenen Coach.

Fazit und Ausblick:

Die Gunners unter Neo-Coach Emery konnten sich von den beiden Auftaktniederlagen gut erholen und mit einer seit neun Spielen anhaltenden Siegesserie bis auf Tabellenrang 4 rücken. Nach dem Topspiel-Double zu Beginn stand man keinem der Big 6 mehr gegenüber, fuhr gegen die „kleineren“, finanzschwächeren Teams aber konstant drei Punkte ein. Auch im internationalen Geschäft und dem EFL-Cup gab man sich keine Blöße.

Fortschritte sind auf jeden Fall zu erkennen. Die eklatante Auswärtsschwäche wurde endgültig abgelegt und auch die Defensive wurde durch einen zweiten defensiven Mittelfeldspieler gestärkt. Diesen zusätzlichen Platz in der Defensive hat nun Top-Zugang Torreira inne.

In der Offensive wurde die Abstimmung verbessert, vor allem das Zusammenspiel zwischen den beiden Stürmer-Stars Lacazette und Aubameyang wirkt stimmiger und harmonischer als in der letzten Rückrunde. Ein Mitgrund für die verbesserte Ausbeute vor dem Tor.

In der kommenden Runde wartet Leicester City. Die Foxes belegen derzeit den 10. Rang. Am 3. November folgt der Kracher der Runde gegen den FC Liverpool.

J.G., abseits.at