Beim FC Liverpool hatte man zuletzt die Problemzone erkannt und mit personellen Nachbesserungen auch entsprechend repariert: Die taumelnde Defensive. Gepaart mit der vorhandenen Offensivpower... Liverpools Problemzone: Zu wenige Treffer aus dem Mittelfeld

Beim FC Liverpool hatte man zuletzt die Problemzone erkannt und mit personellen Nachbesserungen auch entsprechend repariert: Die taumelnde Defensive. Gepaart mit der vorhandenen Offensivpower stehen die Vorzeichen eigentlich ganz gut, um die ganz Großen richtig zu fordern. Doch nicht nur jetzt, auch schon in der Vergangenheit tat sich eine andere Baustelle immer mehr auf. Spätestens seit dem Abgang von Philippe Coutinho ist es offenkundig, wie torungefährlich das Mittelfeld der „Reds“ tatsächlich ist. Wir beleuchten diese Entwicklung heute etwas näher und untermauern sie mit Fakten!

Ein schweres Erbe für Keita, Fabinho und Co.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor einer (Spitzen-)Mannschaft ist es, wenn auch die Mannschaftsteile hinter den nominellen Sturmspitzen für Gefahr sorgen. Nach britischen Studien werden auf der Insel im Schnitt pro Saison knapp über 30% der Tore von Mittelfeldspielern erzielt. Gerade bei Spitzenteams fallen in Summe – oft deutlich – mehr Tore aus der zweiten Reihe.

Und genau hier hakt es bei Liverpools Mittelfeld, welches punkto Torgefahr eher bieder aufgestellt ist. Nicht nur die Schützenliste gibt Grund zur Beunruhigung, auch die Torvorlagen spiegeln die offensiven Nöte wieder.

Mit Philippe Coutinho hatte man bis Jahresbeginn im Mittelfeld einen „Game-Changer“ in den eigenen Reihen. Einen Spieler, der wenn die Stürmer abgemeldet sind, den Unterschied ausmachen kann. Sei es ein Weitschuss, ein genialer Pass oder sonst etwas was Unerwartetes, was einer zähen Partie die nötige Wendung Richtung Sieg geben kann. Diese Schlüsselposition wurde bis dato an der Anfield Road noch nicht adäquat nachbesetzt. Naby Keita und Fabinho sollen zeitnah in die großen Fußstapfen eines Gerrard, Alonso oder eben Coutinho treten. Doch aktuell fehlt den „Reds“ dieser eine Ausnahmespieler genauso, wie die torgefährliche Breite im Mittelfeld. Womöglich der entscheidende Puzzlestein der im Gesamtkunstwerk seit der Klopp‘schen Revolution momentan fehlt.

Eine schleichende Abwärts-Entwicklung

In der Saison 2016/17 brachten es Liverpools nominelle Mittelfeldspieler auf 27 Premier League Treffer. Und da ist Coutinho als Bestandteil des damaligen Sturmtrios gar nicht miteingerechnet. Damals sorgten in erster Linie Lallana (8 Tore), Milner (7), Wijnaldum (6) und Can (5) für die da noch sehr gute Bilanz.

In der Vorsaison sah es dann schon düsterer aus: Nur mehr 15 Treffer erzielten Mittelfeldspieler, den Großteil davon der im Winter zu Barcelona abgewanderte Coutinho mit sieben. Der ist heuer genauso wenig verfügbar wie Oxlade-Chamberlain (3 – Kreuzbandriss) und Can (3 – Transfer zu Juventus). Die beiden übrigen Treffer steuerten mit Henderson und Wijnaldum die einzigen im aktuellen Kader verfügbaren Spieler bei.

Und dann kommen wir zur heurigen Saison: James Milner traf zweimal vom Punkt und Georginio Wijnaldum einmal per Kopf nach einem Corner. Ergibt drei Tore (alle nach Standards) in 14 Runden Premier League. Das Torkonto der „Midfielder“ besserte einzig Flügelspieler Xherdan Shaqiri zuletzt auf, der in 306 Minuten immerhin schon zweimal ins Schwarze traf – aus dem Spiel heraus!

Und auch die Bilanz der Torvorlagen ist erschreckend. James Milner und Xherdan Shaqiri bereiteten je zwei Tore vor. Ergibt in dieser Kategorie nur vier Scorerpunkte für das Mittelfeld der „Reds“ in bereits zwölf Saisonspielen.

Kapitän Jordan Henderson – öfters verletzt und dann doch eher mit Defensivaufgaben betraut – wartet noch auf seine erste Torbeteiligung. Ebenso wie die potentiellen Stammkräfte im Mittelfeld Adam Lallana, Naby Keita und Paulinho.

Statistiken können immer entsprechend interpretiert werden. Doch auch am Rasen wirkt die Mittelfeldreihe der „Reds“ zuletzt meist wenig kreativ. Gegen tiefstehende Gegner die das Sturmtrio aus dem Spiel nehmen, fehlt häufig die zündende Offensivlösung aus der Mittelfeldreihe. Positiv auffallend ist der schon erwähnte Shaqiri. Mit Alex Oxlade-Chamberlain hätte man einen weiteren solchen Spieler im Kader, doch fällt der mit einem Kreuzbandriss die ganze Saison aus. Henderson und Lallana müssten wirklich fit werden um dem Offensivspiel (wieder) ihren Stempel aufdrücken zu können.

Ist jetzt alles schlecht?

Klare Antwort: Natürlich nicht! Die Mittelfeldreihe der „Reds“ gehört zweifelsohne zu den Besten der Liga, steht vor allem defensiv kompakt. Aber für den ganz großen Wurf fehlt die offensive Qualität, die Torgefahr um einen Defensivriegel auch aus der zweiten Reihe zu beackern und ihn schließlich zu knacken. Hier sind die „Sky-Blues“ das Maß aller Dinge. In der Meistersaison traf man aus diesen Positionen 32-mal! Bei Manchester City tragen unter anderem die brandgefährlichen Herren Kevin De Bruyne, David Silva und Ilkay Gündogan hinter den Sturmspitzen dazu bei, dass tiefstehende Gegner kaum den vollen, flexiblen Angriffswirbel unterbinden können. Diesen variablen, kreativen Angriffsdruck von fünf oder sechs Spielern aus den verschiedenen Positionen kann kaum eine Mannschaft über neunzig Minuten erfolgreich verteidigen. Mit dieser Überlegenheit wird gegen die Mittelständler oder Nachzügler der Liga fast spielerisch leicht Sieg um Sieg eingefahren. Was dann auch in einer langen Saison mit 38 Spieltagen wohl den Unterschied ausmacht, ob es eine schlussendlich eine perfekte oder doch nur eine gute Saison wird.

Mit Naby Keita und Fabinho wurden im Sommer zwei Hoffnungsträger für diese Position verpflichtet, die sobald sie das Liverpool-System intus haben, auch in die Rolle des torgefährlichen Mittelfeldspielers schlüpfen könnten. Für den Kampf gegen Manchester City und Co. könnte dies aber schon zu spät sein, um auch die nächsten Monate im Titelkampf Schritt zu halten.

Werner Sonnleitner, abseits.at

Werner Sonnleitner