Die Deutschen setzten sich im Elfmeterschießen gegen die Italiener durch. Wie die 120 Minuten davor verliefen haben wir für euch analysiert. Prinzipielle Ausrichtungen Die... Historischer Sieg gegen Italien: Deutschland nach Elferkrimi im Halbfinale

Manuel Neuer (Deutschland, FC Bayern München)Die Deutschen setzten sich im Elfmeterschießen gegen die Italiener durch. Wie die 120 Minuten davor verliefen haben wir für euch analysiert.

Prinzipielle Ausrichtungen

Die Deutschen traten in einem 3-4-2-1 an, im Ballbesitz zeigte sich Kroos als tieferer Sechser im Aufbau, während beide Flügelverteidiger sehr hoch schoben. Man fand sich jedoch sehr konsequent deckenden italienischen Stürmern gegenüber, weshalb Kroos Schwierigkeiten hatte an den Ball zu kommen. Deswegen gab es immer wieder aufrückende Bewegungen der Verteidiger mit dem Ball am Fuß, sowie weite Bälle von Boateng und Hummels.

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Das deutsche Pressing gestaltete sich in einem 3-4-3/3-4-2-1, wobei Gomez immer wieder den Weg zu Parolo abschneiden sollte, während Özil und Müller die Wege zu den Achtern in den Halbräumen versperrten. Die Deutschen agierten sehr intensiv ohne Ball, was bei den individuell schwächeren Italienern bei versuchten Schnellangriffen immer wieder zu Ballverlusten führte.

Die Italiener formierten sich im Pressing im 5-3-2 und zogen sich recht weit zurück, attackierten meist erst in der eigenen Hälfte. Man war darauf bedacht das Zentrum zu schließen, weshalb Kroos auch situativ in Manndeckung genommen wurde, meist von Eder. Wenn der Spielaufbau nach außen gelenkt werden konnte wurden die diagonalen Passwege von den italienischen Achtern abgedeckt. Bei Abstößen oder Rückpässen der Deutschen rückte man weit nach um einen sauberen Aufbau zu erschweren.

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Im Aufbau versuchte man trotz des hohen Pressings der Deutschen das Spiel vermehrt mit flachen Bällen zu gestalten. Dabei nutzte man vor allem das Andribbeln der Halbsverteidiger, um Räume zu öffnen die man anschließend bespielen konnte. Zudem versuchte man den Ballvortrag so direkt wie möglich zu gestalten, man fokussierte immer wieder scharfe, flache Pässe auf die Stürmer, die sich in die Zwischenlinienräume fallen ließen. Aufgrund des kompakten Pressings der Deutschen waren Anschlussaktionen jedoch sehr schwierig zu kreieren. Parolo war oft kaum anzuspielen, was öfter dazu führte, dass die drei Verteidiger sich den Ball hin und her schoben, um am Ende dann doch den hohen Ball spielen zu müssen

Deutsche mit Verbindungsproblemen

Die Deutschen hatten von Beginn an das Ziel über kontinuierlichen Spielaufbau zum Erfolg zu kommen. Jedoch wollte man ebenso die eigene Variabilität nutzen und wenn es sich anbot auch direkte Angriffe vortragen. Durch gute Verbindungen im Ballbesitz konnte man immer wieder effektiv ins Gegenpressing gehen und schaffte es so auch bereits früh die Italiener in ihrer eigenen Hälfte einzuschnüren. Das Gegenpressing der Deutschen war um eine Klasse besser als das der Spanier einige Tage zuvor, was ein Schlüssel der spanischen Niederlage war.

Khedira musste nach nur 15 Minuten verletzungsbedingt ausgewechselt werden, für ihn kam Schweinsteiger, er übernahm eine ähnliche, vorstoßende Rolle wie sein ausgewchselter Teamkollege. Die Italiener hatten Schwierigkeiten im Aufbau, das kompakte Pressing der Deutschen mit gut eingebundenen, situativen Manndeckungen erschwerten den Stürmern die Ballkontrolle, zudem agierte man im Anschluss immer sehr intensiv im Kampf um den zweiten Ball, die entsprechende Physis besitzt man ja im deutschen Mittelfeld.

Die Deutschen hatten zwar mehr Ballbesitz, und diesen auch in hohen Zonen, jedoch fehlte ihnen oft die Anbindung ins Zentrum beziehungsweise in die Halbräume. Deswegen griff man öfter zu hohen Bällen in den Strafraum, die ja bei der stets passenden Strafraumbesetzung von Gomez und Müller, sowie den teilweise vorstoßenden Schweinsteiger, ein gutes Mittel waren. Die Endverteidigung der Italiener ist jedoch Weltklasse, weshalb auch hier die letzte Durchschlagskraft fehlte. Schweinsteiger ließ sich nun auch öfter rechts auf den Flügel fallen, um dort Überzahl herzustellen und Kimmich besser unterstützen zu können. Auch Özil musste sich oft recht breit anbieten, das Zentrum war durchwegs verschlossen. Mit etwas schnellerer Ballzirkulation oder gegnerschlagenden Dribblings hätte man hier besser entgegenwirken können. Man versuchte es jedoch primär mit Überladungen am Flügel und anschließenden Flanken, was gegen Ende der ersten Halbzeit zu zwei Abschlüssen der Deutschen führte.

Anpassungen Löws bringen Aufschwung

Die Deutschen pressten nun etwas tiefer als im vorigen Durchgang, weshalb die Italiener auch in höheren Zonen Ballbesitz hatten und gleich zu Beginn mit genauen hohen Bällen auf den linken Flügel für Gefahr sorgen konnten. Zuvor wurden die drei Juve-Verteidiger stark bedrängt im Ballbesitz, nun hatten sie Zeit und konnten ihre Stärke im Aufbauspiel besser nutzen. Nach diesen kurzen fünf Minuten erhöhten die Deutschen nun wieder die Intensität und schafften es auch wieder längere Ballbesitzphasen herzustellen. Nach intensiverem Pressing konnte man gleich eine gute Chance herausspielen, als man durch aggressives Aufrücken der zentralen Mittelfeldspieler und gutes Abdecken am Flügel den Ball gewann und schnell auf Gomez spielte, der für Müller ablegte. Sein Schuss wurde von Florenzi ins Out abgefälscht.

Es gab kleine Anpassungen bei den Deutschen, denn Höwedes, der in Halbzeit eins praktisch von seinen Mitspielern ignoriert wurde, agierte nun etwas höher und breiter, Schweinsteiger blieb zentraler, was bessere Verbindungen herstellte. Nun gab es auch Dreiecke mit Spielern im Halbraum und man konnte den Ball besser zirkulieren lassen. Özil und Schweinsteiger tauschten bisweilen auch die Seiten, was für mehr Diagonalität sorgte, wenn die beiden am Ball waren, dadurch dass ihr Sichtfeld und ihr stärkerer Fuß nach innen gerichtet ist.

Die Deutschen pressten nach der kurzen Drangphase jedoch wieder weniger intensiv und zudem öfter im 5-3-2. Man gab den Italienern, sofern sie sich aus dem Gegenpressing herausspielen konnten, durchaus mehr Zeit am Ball. Die Italiener haben jedoch ab dem Mittelfeld keine sonderlich pressingresistente Mannschaft.

Trotz der besseren Ballzirkulation ging man durch eine Gegenpressing-Situation in Führung. Nach einem hohen Pass von Neuer auf den Flügel gewann man den Kampf um den zweiten Ball, Hector vorderlief Gomez klug, seine Hereingabe landete abgefälscht auf Özil, der den Ball wenige Meter vor Buffon ins Tor schob.

Die Italiener agierten weiterhin mit hohen Bällen, nun wurde die letzte Linie quantitativ besser besetzt und es gab mehr Möglichkeiten für Eder und Pelle für Ablagen beziehungsweise Weiterleitungen, weshalb Contes Männer auch recht bald eine gute Chance vorfinden konnten. Pelles Abschlussposition nach der Hereingabe von de Sciglio war jedoch im Winkel zu spitz.

Die Dynamik des Spiels änderte sich mit dem Ausgleich, Bonucci verwandelte den von Boateng verursachten Handelfmeter. Die Italiener nahmen ihren gesteigerten Offensivgeist mit und man konnte weiterhin für etwas mehr Beschäftigung der deutschen Abwehrreihe tun, zumindest im Verhältnis zu den vorangegangenen 70 Minuten. Im Pressing war man zudem nun auch stabiler, was die längeren Ballbesitzphasen der Deutschen ohne viel Penetration im Passspiel resultieren ließ. Situativ presste man auch höher, tat dies jedoch nicht mit der letzten Intensität und war in den Schlussminuten der regulären Spielzeit darauf bedacht nicht allzu viel Risiko zu gehen, weshalb man sich nun auch im 5-4-1 formierte.

Die Verlängerung war geprägt von der tieferen, sichereren Ausrichtung der Italiener und längeren Ballbesitzphasen der Deutschen. Müdigkeit war außerdem natürlich auch ein großer Faktor, weshalb wenig Erwähnenswertes passierte und die Entscheidung im Elfmeterschießen fiel.

David Goigitzer, abseits.at

David Goigitzer