In dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien,... Der verlorene Weltklassespieler (18) – Wlodzimierz Lubanski

Fußball in PolenIn dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien, Verletzungen oder einfach die Umstände ihrer Karriere: zur falschen Zeit am falschen Ort kann manchmal schmerzhaft wahr sein.

Wir lassen die Karrieren dieser Akteure Revue passieren, spekulieren über die mögliche Auswirkung ihres fehlenden Durchbruchs in der Geschichte des Fußballs und ein kleines „was wäre, wenn…?“ darf natürlich auch nicht fehlen. Immerhin besitzt für solche Spieler nahezu jeder Fußballfan noch eine schöne Erinnerung und jene fragende Wehmut, welche Erinnerungen man nicht alles verpasst hat.

In diesem Teil widmen wir uns …

Wlodzimierz Lubanski

Dass die Polen vor vielen Jahren die eine oder andere goldene Generation hatten, wissen wir spätestens seit dem Artikel zu Kaszimierz Deyna. 1974 wurden sie gar Dritter – und das ohne ihren besten Stürmer, nämlich Wlodzimierz Lubanski. Dieser hatte gar im Verbund mit Deyna zuvor erst die Teilnahme an der Weltmeisterschaft durch einen Sieg gegen England, den Weltmeister von 1966, fixieren können.

Der Aufstieg eines Supertalents

1963 holte Lubanski als Stammspieler bei Gornik Zabrze seine erste von sieben Meisterschaften. An sich nichts Beeindruckendes – doch Lubanski war beim ersten Meistertitel erst 16 Jahre alt, mit 15 Jahren hatte er im Vorjahr sein Debüt für die Profimannschaft gegeben. Er etablierte sich sofort als Stammspieler und wurde dann 1966, also mit 19 Jahren, Torschützenkönig in der Liga. Er sollte seinen Titel daraufhin drei Mal verteidigen.

Doch die hohe Torausbeute war nicht seine einzige Stärke. Lubanski besaß die Fähigkeit seine Mitspieler besser zu machen – auch taktisch. Immer wieder öffnete er Räume, kreierte durch seine Bewegung oder intelligentes Kombinationsspiel Chancen für seine Mitspieler und beteiligte sich auch am Spielaufbau. In seinen besten Jahren galt er als kompletter Mittelstürmer, der neben Torgefahr auch Spektakel versprühte, ohne aber der herausragender Dribbler oder kreative Passgeber zu sein.

Neben seinen Leistungen im Klubfußball zeigte er bis zu seiner Verletzung auch starke Leistungen in der Nationalmannschaft, wo er bei seinem Debüt mit 16 gleich einen Treffer erzielen und 1972 seinen größten Triumph feiern konnte. Bei den olympischen Spielen gewannen die Polen das Turnier und setzten sich gegen namhafte Konkurrenz durch, unter anderem gegen die Sowjetunion mit Oleg Blokhin und Murtas Khurtsilava oder auch gegen die DDR mit Jürgen Sparwasser, Joachim Streich und Jürgen Croy.

Die Statistik dieses Turniers zeigte auch eine besondere und oftmals unterschätzte Stärke des Torjägers. Es war nämlich nicht Kapitän und Mittelstürmer Lubanski, der zum Torschützenkönig des Turniers wurde, sondern sein Mitspieler Kaszimierz Deyna. Dies geschah, weil Lubanski als Mittelstürmer sich immer wieder nach hinten fallen ließ und Deyna aufrückte. Dadurch wurden die gegnerischen Verteidiger verwirrt, Deyna konnte mit Dynamik in die Spitze rücken und Lubanski nutzte seine Spielintelligenz, um von hinten beim Angriffsvortrag zu helfen. Außerdem wich er auch immer wieder auf die Flügel aus, überlud dort Räume und öffnete wiederum Räume in der Mitte, die Deyna mit vertikalen Läufen besetzen konnte. Deyna sollte am Ende des Turniers in nur acht Spielen neun Tore erzielen können. Polen gab in diesen acht Partien nur einen einzigen Punkt ab, erzielte ganze 21 Tore und erhielt nur fünf.

Konsequenzen des Ruhms

Die nächste Krönung seiner Karriere hätte die Teilnahme bei der Weltmeisterschaft in Deutschland werden sollen, wo er 1972 schon Olympia gewann. 1973 sicherte er wie eingangs erwähnt die Qualifikation gegen England, aber noch in der gleichen Partie begann die Tragödie Lubanskis, der den Weltklassestürmer an einer erfolgreiche(re)n Karriere hinderte. Roy McFarland zerstörte ihm mit einem bösartigen Foul Schienbein und Kreuzband, wodurch Lubanski die Weltmeisterschaft verpasste.

Lubanski sollte auch nicht mehr der Alte werden. Ohnehin hatte er bereits einige physische Probleme, da er durch seine enorme Klasse und seine Position als beweglicher Mittelstürmer oftmals mit zwei Manndeckern und enorm aggressiven Grätschen und Attacken zu kämpfen hatte. Hinzu kam seine Popularität – Deyna wurde oftmals nicht so heftig attackiert, da er schlichtweg weniger bekannt war. Doch Lubanski war extrovertiert, ein Frauenschwarm und in der medialen Darstellung präsent. Bei einer der vielen Reisen nach Südamerika gerieten die dortigen Medien in Ekstase und sprachen vom weißen Pelé aus Europa.

Nach der Verletzung von 1973 benötigte er aber fast zwei Jahre, bis er wieder spielen konnte. Seine wirkliche Klasse sollte er nicht mehr zurückerlangen. Lubanski lebte nämlich nicht nur von seiner Spielintelligenz, seinem Torinstinkt und seiner Technik, sondern auch von seiner Schnelligkeit und Durchsetzungskraft. Sein Ausweichen auf die Flügel oder in die Tiefe fand seltener statt, seine Läufe in die Spitze waren weniger gefährlich und durchschlagskräftig.

Es ist wohl ein Zeugnis seiner Klasse wie seines Schicksals, dass er 1975 im Alter von 28 Jahren das Land verlassen durfte, um mehr Geld verdienen zu können. Normalerweise durften polnische Fußballer erst mit 30 Jahren oder älter ins Ausland gehen. Lubanski hingegen kam in Belgien bei KSC Lokeren unter, wo er in 192 Spielen beachtliche 82 Tore erzielen konnte. Bei US Valenciennes in der zweiten französischen Liga kam er mit 35 Jahren gar nochmal auf 27 Tore in 31 Partien, erzielte also 37% aller Tore der Mannschaft.

Eine komplette Neun?

Wie auch Deyna war Lubanski ein Spieler, wie es ihn heute nur noch selten gibt. Er war keine „falsche Neun“, die sich über die Kreativität und Improvisation definiert, aber auch kein klassischer Stürmer, der sich nur an vorderster Front bewegt. Lubanski hätte womöglich der Gegenpart zu einer falschen Neun werden können; ein kompletter Stürmer, der sich über seine Torausbeute und seine Präsenz im Strafraum definiert, aber sich dennoch viel im zweiten Spielfelddrittel und auf den Flügel bewegt. Sein Wechselspiel mit Deyna hätte auch eine erhöhte Flexibilität in der Rollenverteilung des Zehners und des Mittelstürmers schaffen können, wenn es bei einer Weltmeisterschaft erfolgreich präsentiert worden wäre.

So blieben aber beim hochtalentierten Lubanski nur wenige Dinge, an die man sich erinnern wird. Beispielsweise sein Fair-Play-Preis 1977, als er auf ein Tor verzichtete, um den dänischen Torwart nicht zu gefährden, sein Sieg bei Olympia, seine 50 Tore für Polen sowie 155 Tore für Gornik und darunter ein kurioser Treffer gegen Manchester City im Finale des Pokals der Pokalsieger 1970, als das Flutlicht ausfiel und der Treffer deswegen nicht zählte. Wer weiß, wie viele Treffer er mit Deyna und Lato bei der WM 1974 erzielt hätte… ob die Polen dann auch „nur“ auf Platz 3 gelandet wären?

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

Keine Kommentare bisher.

Sei der/die Erste mit einem Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.