Wenn es Spieler gab, die man aus Österreich gerne verpflichtete, so waren es oft die Abwehrspieler. Ein neuer Wolfgang Feiersinger ist nicht unter ihnen,... Wie geht es eigentlich Österreichs „vergessenen“ Verteidigern?

Wenn es Spieler gab, die man aus Österreich gerne verpflichtete, so waren es oft die Abwehrspieler. Ein neuer Wolfgang Feiersinger ist nicht unter ihnen, aber durchaus gute Typen: György Garics, Markus Berger, Thomas Piermayr, Tanju Kayhan und  Mario Hieblinger stehen auf jeden Fall ihren Mann.

György Garics – FC Bologna

Alternativen zu György Garics auf der rechten Abwehrseite hat Österreich kaum. Niemand ist international so erfahren wie der 27-jährige Ex-Rapidler. Über 100 Einsätze im Land des Weltmeisters von 2006 sprechen eine deutliche Sprache. 2006 wechselte er von Rapid zum SSC Napoli, zwei Jahre später zu Atalanta Bergamo und im August 2010 folgte der Transfer zum FC Bologna. Die Universitätsstädter ließen sich die Dienste des in Szombathely geborenen Verteidigers rund drei Millionen Euro kosten und verpflichteten ihn für vier Jahre. Nach 16 Spielen für den Verein am Fuß des Apennin folgte im Februar 2011 bei einem Testspiel der Schock: Kreuzbandriss! Am 8. Februar musste sich Garics am vorderen Kreuzband und am Meniskus operieren lassen. Der Status, den er sich erarbeitet hatte, zeigte sich, als seine Mannschaftkollegen ein Leiberl mit Genesungswünschen in die TV-Kameras hielten. Neun Monate dauerte es, bis der Rechtsfuß wieder spielen konnte. Zunächst über 90 Minuten in der Primavera, der Amateur- bzw. Nachwuchself des Klubs. Das Märchen wurde aber perfekt, als sein Team bei seinem Comeback am 26. Oktober siegte und das erste Mal in dieser Saison die Abstiegsplätze verließ. Seitdem lief er noch fünf Mal auf, davon einmal in der Coppa Italia über die volle Distanz. Im Winter will er wieder voll angreifen und so auch dem Nationalteam wieder helfen.

Markus Berger – Academica Coimbra

Etwas abseits des Radars der Öffentlichkeit mauserte sich Markus Berger zum Fixinventar der portugiesischen Superliga. Der bald 27-jährige Innenverteidiger verbrachte seine Jugend zunächst in Salzburg, ehe er sich beim VfB Stuttgart und Eintracht Frankfurt den Feinschliff. Nach 61 Spielen und dem Aufstieg mit der SV Ried 2004/05 sowie dem Vizemeistertitel 2007 wechselte er nach Portugal. Neun Spiele machte er in der Premierensaison, spielte sich gegen Saisonende in die erste Mannschaft. Die Spielzeit 2008/09 darf mit nur sieben Einsätzen als durchwachsen bezeichnet werden. Ab Oktober 2009 gehört er als Ersatzkapitän aber endgültig zur ersten Mannschaft. In dieser Saison wechselt er zwischen Bank und Platz. Mit dem 20-jährigen Abdoulaye vom FC Porto und Joao Real von Funchal holte Coimbra nämlich zwei neue Innenverteidiger. Die Akademiker wollen hoch hinaus, aber Berger ist ein fixer Bestandteil des Teams. Der Nachwuchsrekordspieler (34 Einsätze im U21-Team) könnte durch seine Erfahrung ein wichtiger Bestandteil des Teams für 2014 werden. Wer wöchentlich gegen Falcao, Hulk und die kommenden Talente spielt, ist eigentlich auch eine Alternative für das Nationalteam. Der Anruf blieb bis jetzt jedoch aus. Mehr als 70 Einsätze in der portugiesischen Superliga sprechen an sich eine deutliche Sprache.

Thomas Piermayr – Inverness Caledonian Thistle

Auch dieser Wechsel war eine Randnotiz in Österreich. Der LASK stieg ab und der Abwehrallrounder und ehemaliger U21-Teamspieler ging nach Schottland. Der Schritt in die schottischen Highlands an die Mündung des Ness darf als guter bezeichnet werden. Zwar sind die Männer aus der nördlichsten Stadt Großbritanniens derzeit nur Zehnter, landeten aber in der Vorsaison am guten fünften Platz. Aber die Premier League aus England wirft immer wieder ein Auge auf den Norden, nach der letzten Saison wechselten Roman Golobart und David Davis zu Wigan Athletic beziehungsweise den Wolverhampton Wanderers. Vielleicht ist das auch der Weg, den das Fußballerleben für den 22-Jährigen vorsieht. Zwölf Spiele absolvierte der Linzer, in den letzte Wochen wurde er aber nur eingewechselt, hat seinen Stammplatz vom Beginn der Saison verloren. Aber seine Vielseitigkeit in der Abwehr ist ein großer Trumpf, auch wenn er sich rechts hinten am wohlsten fühlt. Möglicherweise ist dies seine Eintrittskarte ins A-Team seiner Heimat.

Tanju Kayhan – Besiktas Istanbul

Die Kayhans sind eine fußballverrückte Familie. Bruder Ercan ist beim Wiener Sportklub eine Kultfigur, Bruder Coskun am besten Weg dazu. Orhan spielt beim SU Bischofstetten in der niederösterreichischen 1. Klasse West-Mitte. Im Sommer wechselte Tanju gemeinsam mit Veli Kavlak zu Besiktas Istanbul. Der Vorteil für die Türken liegt auf der Hand: Durch Kayhans Abstammung fällt er nicht unter die Ausländerregelung. Darüber hinaus sind die Türken  im Großen und Ganzen nicht mit Verteidigern gesegnet. Im Gegensatz zu Kollege Kavlak kann der 22-jährige Ex-Nachwuchsteamspieler nur 65 Einsatzminuten verbuchen – zu wenig für den ehemaligen Stammspieler in Wien-Hütteldorf. Doch der bullige Außenverteidiger kostete über eine Million Euro und wird wohl noch zu mehr Einsätzen kommen. Schließlich kann nicht erwartet werden, dass sich ein Spieler im Ausland, gerade auf einer so wichtigen Position, sofort durchsetzt. Immerhin ist das Ziel der Hauptstädter der Meistertitel! Das Schicksal hat noch dazu einiges an Ironie für den jungen Spieler über, ist doch Nationalspieler Ekrem Dag einer seiner Konkurrenten um einen Platz im Team. Tanju Kayhan muss dran bleiben, dann wird er sich durchsetzen.

Mario Hieblinger – Ergotelis

Und wieder ein Kicker, der sich in Österreich nicht durchsetzen konnte und im Ausland glücklich wurde. Über 200 Spiele absolvierte Hieblinger in Österreich in der ersten und zweiten Spielklasse, unter anderem bei Mödling, der Salzburger Austria oder dem FC Kärnten. Walter Schachner lotste ihn 2005 zum GAK, um den Abgang von Mario Tokic zu kompensieren. Der heute 34-Jährige scheiterte aber an der großen Aufgabe und ging ein Jahr später zu Aufsteiger Ergotelis in die erste griechische Liga. Seitdem ist er fixer Bestandteil des Teams aus Iraklion, der Hauptstadt Kretas. Zunächst bis 2011 verpflichtet, verlängerte er bis 2013 und wird seine Profikarriere im Mittelmeer beenden, auch wenn Lokalmedien in Vorarlberg zuletzt vom Interesse von Austria Lustenau berichteten. Bis jetzt absolvierte er 134 Spiele für den „Internationalen Verein“ aus Ergotelis, auch die schwere Verletzung im Herbst 2008 (Schädelbasisbruch) änderte nichts daran. Zwischen 2003 und 2005 absolvierte er darüber hinaus zwölf Partien im Nationalteam.

Georg Sander, abseits.at

Georg Sander