Helge Payer wollte es bis in die Verlängerung nicht wahrhaben. Der Ex-Rapid-Tormann war felsenfest davon überzeugt, dass die algerischen Wüstenfüchse den Favoriten aus dem...

manuel_neuerHelge Payer wollte es bis in die Verlängerung nicht wahrhaben. Der Ex-Rapid-Tormann war felsenfest davon überzeugt, dass die algerischen Wüstenfüchse den Favoriten aus dem Norden besiegen würden. Tatsächlich zitterten sich die Deutschen ins Viertelfinale und prolongierten somit die Serie der unglücklichen Achtelfinal-Verlierer dieser WM-Endrunde. ORF-Kastner-Jirka macht es mit Hilfe einer Zweideutigkeit eindeutig deutlich: „Özil zu Lahm (lahm).“

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Mit aller Macht

Doch das Offensiv-Verhalten der DFB-Elf war an diesem Abend in Porto Alegre nicht einmal das Hauptproblem. Dem beherzten Einsteigen des „verpatzten Liberos“ Manuel Neuer ist es zu verdanken, dass die Algerier Deutschland nicht aus dem Rennen um den begehrten Pokal lupften. Goalie Neuer war irre (und) gut, sein Vordermann Mustafi fiel negativ auf. Der 22-Jährige Italien-Legionär spielte als gelernter Innenverteidiger außen rechts und machte keine gute Figur. Die DFB-Kicker Großkreutz (30 Mal), Lahm (15 Mal) und Jungstar Durm (5 Mal) haben in dieser Saison öfter als der gebürtige Bad Hersfelder auf dieser Position gespielt, saßen aber nur draußen oder wurden anderweitig eingesetzt. So machten die Nord-Afrikaner beherzt das Spiel und suchten ihren „lucky punch“. Vergeblich.

Sei’s drum – für „in Schönheit sterben“ gibt es nirgendwo einen Preis, am Allerwenigstens bei einer WM-Endrunde. Joker Schürrle, der weißblonde Chelsea-Kicker, „verunstaltete“ ein „Ferserl“ nach Müller-Zuspiel in der Verlängerung zum 1:0, Özil erlöste „sein“ 80-Millionen-Volk mit dem zweiten Treffer. Tapfer gaben die Algerier jedoch nicht auf und konnten in der letzten Minute der „additional time“ noch den Ehrentreffer erzielen.

Die beiden deutschen Tore waren ein hartes Stück Arbeit an diesem Abend gewesen. Mit Hängen und Würgen und seltsamen Freistoßtricks versuchte man den flotten Afrikanern „die Schneid abzukaufen.“ Müllers Stolperer bei einem Freistoß sollte die Araber verwirren, wurde aber nur zur Lachnummer. Einen manifesten Unterschied zwischen dem üblichen „Über-den-Ball-Laufen“ mehrerer Schützen bei einem Freistoß und dieser „Clowneinlage“ gibt es zwar nicht, doch wo werden diverse Verwirrungspraktiken noch enden? Entledigen sich Stürmer in Zukunft ihrer Trikots um die gegnerischen Verteidiger zu verwirren? Oder schinden sie Zeit durch vorgetäuschte Verletzungen? Hoppla – Letzteres gibt es ja schon.

Vielleicht sollte Thomas Müller auch Unterricht bei Lars Eidinger nehmen. Der deutsche Schauspieler ist der Star der Berliner Schaubühne, Filmdarsteller und Freizeit-DJ und sagt über sich: „Ich bin Deutschlands bester Faller.“ Eidinger weiß zudem: „Ey, ich bin ein super Fußballer.“ Sein ballesterisches Talent ist aber eher eine Naturbegabung, das Hinfallen hat der 38-Jährige hingegen professionell einstudiert. „Ich kann so hinfallen, dass meine eigene Frau nach einer Premiere sagt: „Mensch, da hast du dir aber wehgetan!“ Das hab’ ich auf der Schauspielschule gelernt, es ist einfach Handwerk.“

Der Mann mit dem Mikrofon

Der „boarische“ Müller stand nach dem Spiel allerdings nicht im Fokus, ebenso wenig wie der, ob seiner spektakulären „Feldarbeit“ über den grünen Klee gelobte, Manuel Neuer. Per Mertesacker reagierte im Interview mit dem ZDF etwas trotzig. Die Unterhaltung des gebürtigen Hannoveraners mit einem Journalisten war aber im Gegensatz zu dem „Was soll die Frage jetzan“– Gespräch eines Günther Neukirchner nach einer 0:4-Niederlage der „Blackies“ gegen den GAK anno 2005 relativ ruhig. Der Arsenal-Kicker scheint wenig Glück mit Fernsehinterviews zu haben: Schon im September 2005 wurde der 1,98 Meter große Abwehrspieler nach einem DFB-Länderspiel von einem Reporter als „Marcell Jansen“ tituliert. Damals blieb Per ein „sanfter Riese“, nach dem Achtelfinalspiel gegen Algerien wirkte der Arsenal-Legionär jedoch verärgert.

Die post-match-Gespräche, die sich im Kabinengang vollziehen, bergen grundsätzlich gehöriges Konfliktpotential in sich. Überschneiden sich doch konträre Interessensgebiete: Der Reporter will brauchbare Antworten und kein nichtssagendes „Einheitsgewäsch“, der Spieler ist voller Adrenalin, will sich nicht politisch-korrekt geben, sondern Enttäuschung/Freude/Wut oder jede andere Emotion ausleben. Das heißt konkret: Der verschwitzte Kicker möchte eigentlich flugs wieder in die Kabine unter Seinesgleichen „abtauchen“.

„Was wollen Sie jetzt von mir, so kurz nach dem Spiel?“, lässt Mertesacker den metaphysischen Frageansatz des ZDF-Journalisten Büchler erstmals ins Leere laufen. Der Verantwortliche klärt den Spieler Schritt-für-Schritt auf: „Ich gratuliere erstmal [sic!] und wollte dann fragen, warum es in der Defensive und beim Umschaltspiel nicht so gut gelaufen ist, wie man sich das vorgestellt hat. Nur so.“ Mit dieser Aussage gibt der Gesprächspartner zu verstehen, dass er die letzten fünf Worte in der Gegenfrage des Verteidigers nicht verstanden hat. Mertesacker macht eindeutig klar, dass er sich kurz nach einer kräfteraubenden Verlängerung nicht im Stande sieht, die Einzelheiten dieses umkämpften Achtelfinales zu erörtern. Dies bekräftigt der Nationalspieler auch durch folgende Worte: „Ich leg‘ mich erstmals drei Tage in die Eistonne und dann analysieren wir das Spiel und dann sehen wir weiter.“

Des Pudels wahrer Kern „entblättert“ sich aber erst, als Büchler die Frage deponiert, wann die DFB-Elf denn wieder spielerische Akzente setzen würde. Jetzt platzt „Merte“ der Kragen: „Wat wollen Se? Sollen wir wieder ausscheiden? […]“

Darum geht es also: Deutschland kann nicht genug kriegen. Die DFB-Jungs sollen nicht nur kämpfen, sondern auch auf technischem, taktischen und kollektiven Niveau das beste Team in Brasilien werden/sein. Doch kaum ein Weltmeister hat eine „weiße Weste“ und kann in allen Endrunden-Spielen glänzen. Außerdem ist es unpässlich so knapp nachdem das rettende Ufer erreicht wurde, einem „wackeren Helden“ unverblümt ein „Das man sich noch steigern muss, das dürft‘ auch Ihnen klar sein.“ an den Kopf zu werfen. Das Fenster zur Selbstkritik durch geschickte Fragen zu öffnen, geht anders, Herr Büchler.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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