In den 90er-Jahren hatte Unternehmer Sergio Cragnotti den Verein Lazio Rom übernommen und wollte ihn an die Weltspitze führen. Cragnotti lotste Stars in die... Forza imbecillità?! –Faschismus in der italienischen Fußballfanszene (2)

Italien FlaggeIn den 90er-Jahren hatte Unternehmer Sergio Cragnotti den Verein Lazio Rom übernommen und wollte ihn an die Weltspitze führen. Cragnotti lotste Stars in die „ewige Stadt“ und kümmerte sich um die Infrastruktur, den „Irriducibili“ überließ er den Kartenverkauf. Mit Erfolg: Die Ultras machten so ein Riesengeschäft. Sie konnten sich dreizehn (!) eigene Geschäfte finanzieren und begannen eigene Fanartikel zu erstellen, die sich bald besser als die offiziellen Lazio-Produkte verkauften. Markenkleidung made in blood & tears wurde an den Mann gebracht. Die Unbeugsamen unterhielten sogar eine eigene Radiostation. Neben einem Teil der Hellas-Verona-Ultras galten sie als die rechtsextremste Fangruppe Italiens. Sie begannen sich in die Klubführung einzumischen.

Der französische Nationalspieler Lillian Thuram staunte nicht schlecht, als er hörte, dass er vor einer möglichen Verpflichtung bei den Hauptstädtern, erst einmal mit den führenden Köpfen der Ultras in media res gehen sollte. Schließlich sind die „Irriducibili“ ja dafür bekannt nicht gerade fremdenfreundlich zu sein. Der dunkelhäutige Thuram nahm von einem Engagement Abstand.

„Irriducibili“-Capo Fabrizio Toffolo befahl Gewaltaktionen gegen die Polizei und Medienvertreter: Journalisten bekamen Morddrohungen. Cragnotti, der Gönner des Vereines musste 2003 schließlich abdanken: Er verschuldete sich und kam wegen Betruges und Korruption ins Gefängnis. Auch Toffolo musste wegen einer seiner vielen Ausschreitungen hinter schwedische Gardinen, anschließend erhielt er ein Stadionverbot. Im  Hintergrund zog der Schläger aber weiter die Fäden.

Claudio Lotito versuchte sich als nächster Lazio-Vereinspräsident: Er kündigte die Abkommen, die der Klub mit den Ultras zuvor eingegangen war und zog sich so deren Zorn zu. Eine Briefbombe flatterte ihm ins Haus, Lotito konnte sich in der Öffentlichkeit nur mehr mit Leibwächtern bewegen. Seine Familie schickte er ins Ausland.

Giorgio Chinaglia, eine Lazio-Legende, die 1974 maßgeblich am ersten Meisterschaftsgewinn der Blau-Weißen beteiligt gewesen war, erschien 2006 auf der Bildfläche. Der Funktionär gab an, eine ungarische Investorengruppe, die an der Übernahme des Vereines interessiert sei, zu vertreten. Die Ultras zeigten sich erfreut und versuchten gemeinsam mit Chinaglia Präsident Lotito zu stürzen. Doch das Projekt scheiterte: Die Finanziers aus Osteuropa hatten Verbindungen zur Camorra und wollten durch das Engagement bei dem Hauptstadt-Klub über Umwege Mafia-Geld „reinwaschen“. Chinaglia und führende „Irriducibili“-Aktivisten kamen in Untersuchungshaft.

Daraufhin ereignete sich 2008 eine wunderliche Situation: Im Spiel gegen Cagliari waren große Teile der Lazio-Ultras wieder einmal selbstdarstellerisch damit beschäftigt ihrem Präsidenten Lotito Hassgesänge zu widmen. Die übrigen Fans „hatten fertig“: Sie unterbrachen das sinnlose Gebrüll mit   „Avanti Lazio“-Chören bis die „Curva Nord“ schließlich für einen Augenblick verstummte. Ein kleiner Sieg für den Fußball und die Fankultur: Die mafiösen Strukturen in der „Irriducibili“-Fanszene beweisen längst, dass es nicht mehr ums Kicken geht. Diese Art von „Fans“ stellen eigentliche eine kriminelle Organisation dar und kämpfen nur um Geld, Macht und Einfluss. Gangs – wie es sie leider in vielen Teilen der Welt gibt.

Seit 2010 existieren die „Unbeugsamen“ nicht mehr offiziell, die Vereinsführung übte letztendlich doch noch genügend Druck aus, um eine Auflösung der Gruppe zu erzwingen. Das „Pendant“ der „Irriducibili“ bezüglich der poltischen Einstellung sind „Boys Roma“: Diese sind die älteste Fangruppierung der AS Roma und existieren schon seit 1972.

Roma gegen Lazio: Bei diesem Spiel fühlt man sich wie in einem Druckkochtopf. Rauchschwaden hüllen die Tribünen ein, pausenlos knallt es und nebenbei wird auch ein bisschen Fußball gespielt.

Nicht alle Wege führen nach Rom

Doch die Hauptstädter sind bei weitem nicht die einzigen heißblütigen Fans Italiens, auch in Turin gibt es genügend fanatische Anhänger: Die „Drughis“ benannten sich einst nach der Gang „Droogs“ aus dem von Stanley Kubrick verfilmten Roman „A Clockwork Orange“ des Briten Anthony Burgess. Engländern gegenüber sind die „Drughis“ grundsätzlich aber nicht sehr freundlich eingestellt: Sie erinnern sich bis heute an die Katastrophe im Heysel-Stadion, als beim Europacup-Finale 1985 gegen Liverpool 32 Turin-Anhänger starben. Die Italiener hatten die Engländer zunächst mit Leuchtraketen und Steinen beschossen, die Liverpool-Fans versuchten daraufhin den „feindlichen“ Block zu stürmen. Während der Massenpanik stürzte eine Tribüne ein und es kam zu 39 Toten und 454 Verletzten.

Für die „Drughis“ ist die Sache klar: Die englischen Fans tragen die Schuld an der Katastrophe. Bei der WM 1990 „rächten“ sie sich als Fans der Azzurri an ihren „Feinden“. Italien veranstaltete die WM und es kam zu brutalen Auseinandersetzungen mit den Fans der damaligen BRD. Am Feld konnte Deutschland allerdings den Sieg davon tragen, die Elf wurde mit Teamchef Beckenbauer Weltmeister. Trotzdem: „Ultra sein heißt keine Angst vor niemanden zu haben“, sagt ein Mitglied der „Drughis“. Als der Verein 2006 wegen eines Manipulationsskandals absteigen musste, stellten sich die Fans beim Spiel gegen Genua in der Serie B gleich gebührend vor: Die Fans von Sampdoria nahmen alsbald die Beine in die Hand, während sich die „Drughis“ anschickten, weiter auf die Polizei einzuprügeln.

Auch in Bergamo, einer Stadt mit 115.000 Einwohnern, gibt es eine berüchtigte Fanszene. Ein Ultra erklärt: „Rom, Turin oder Florenz – mit uns kriegen sie Probleme.“ Die „Curva Nord“ der Atalanta ist bekannt, Anhänger dieses kleineren Klubs kommen fast ausschließlich aus der Stadt selbst. „Es ist die Pflicht der Ultras die Bürger unserer Stadt zu vereinen und die wahren Werte dieses Sportes zu vereinigen.“, sagt der Bergamo-Fan. Der Fußball wird von vielen also noch immer als wichtigstes Bindeglied verstanden.

Im Fallen wachsen die Fäuste

Der italienische Fußball ist am Abgrund: Sinkende Zuschauerzahlen, Schuldenberge und skandalöse Schmiergeldzahlungen prägten die letzten Jahre. Die Steuerschulden mancher Klubs, wie in Neapel oder Florenz, führten diese fast in den Ruin. Bei Juventus Turin wurde jahrelanges, systematisches Doping aufgedeckt: Luciano Moggi, der Manager des italienischen Rekordmeisters, hatte Schiedsrichter bestochen und sein Verein musste daraufhin zwangsabsteigen. „Juve“ wurden die letzten Meisterschaften aberkannt, mit Minuspunkten bedachte die Liga auch den AC Mailand, Lazio Rom, den AC Florenz und Reggina Calcio.

Fanarbeit war lange Zeit ein Fremdwort für das es keine italienische Übersetzung zu geben schien. Auch die Polizei kannte keine Prävention, sondern nur die „Diffida“, das Stadionverbot. Die Spielstätten selbst haben etwas vom weltberühmten römischen Kolosseum: Sie sind verstaubt und veraltet. Den Anforderungen moderner Fußballspiele sind sie schon lange nicht mehr gewachsen, Polizisten fürchteten in den unpraktischen Katakomben regelmäßig um ihr Leben. Die Flächen vor den Fankurven müssen wegen Brandgefahr regelmäßig gewässert werden.

Die Zuschauerzahlen sind mickrig: An die 23.000 Fans kamen in der Saison 2012/2013 durchschnittlich ins Stadion, die deutsche Bundesliga zählt doppelt so viele. Auch auf der Insel besuchen ungefähr 36.000 die Spiele der Premier League.

Doch die Fanszenen bleiben heißblütig – angesichts des sportlichen und wirtschaftlichen Niedergangs- nur ein Zufall? Im Gegenteil: Die Leidenschaft steht immer noch im Vordergrund. Südländische Mentalität und der gewichtige Lokalpatriotismus sind dabei die unausrottbaren Zutaten.

Racitis Frau meinte einst, ihr sehnlichster Wunsch sei es, dass der Tod ihres Mannes etwas verändern würde. Tatsächlich wurden die Repressionen 2007 weiter verschärft: Pyrotechnik und Megaphone wurden in der Kurve verboten, nur noch autorisierte Spruchbanner sollten im Stadion zugelassen werden. Auch gegen die Verwendung von Böllern wurden strenge Gesetze erlassen.

Trotz immer weniger Zuschauern und protestierenden Fangruppen gehen die schlechten Neuigkeiten aber nicht aus. Erst vor etwas mehr als einer Woche erhitzten Juventus-Anhängern mit antisemitischen Schmähgesängen die Gemüter. Die AS Roma spielte im Februar zwei „Geisterspiele“ – Versucht der Verband mit solchen „Radikallösungen“ den Umgang mit Problemfans zu lösen? Tatsache ist, dass es jahrelang keine richtige Fanarbeit in Italien gab. Jetzt muss die Minestrone ausgelöffelt werden und dafür bezahlen wieder einmal Unschuldige, die nur aus Freude am Spiel ins Stadion gehen.

Sieben Jahre nach dem grausamen Tod Racitis hat der römische Journalist Simone Nastasi in seinem Buch „Il caso Speziale“ hinterfragt, ob der damals Verurteilte überhaupt der Mörder des Polizisten ist. Das Urteil gegen Antonio Speziale, den damals 17-jährigen, wurde im November 2012 bestätigt: In letzter Instanz wurde er zu acht Jahren verurteilt. „Il caso Speziale“ erfreut sich in Italien großer Beliebtheit, viele Menschen besuchten die Lesungen Nastasis. Der Autor hinterfragt die Ermittlungsmethoden der Polizei, angeblich seien Zeugen wiederholt nicht geladen und Beweise nicht zugelassen worden. Wird im Fußball nur verstärkt, was latent in Italien, in Europa und auf der gesamten Welt vorhanden ist? Das Brennglas der Fankulturen zeigt wieder einmal, dass das Vertrauen in den Staat und seine Vollzugsorgane gestört ist.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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