Robert Lewandowski wird sich die Tage vielleicht wundern, wieso ein derartiges Tam-Tam um ein wenig exotisches Interview seinerseits gemacht wird. In einem dahinplätschernden Gespräch... Kommentar: Ein Profi, ein guter Profi

Robert Lewandowski wird sich die Tage vielleicht wundern, wieso ein derartiges Tam-Tam um ein wenig exotisches Interview seinerseits gemacht wird. In einem dahinplätschernden Gespräch mit dem Spiegel sagte der 29-jährige Pole viel Vernünftiges und beiläufig auch den Satz: „Bayern muss sich etwas einfallen lassen und kreativ sein, wenn der Verein weitere Weltklassespieler nach München lotsen will.“ Aha. „Wenn man ganz vorne mitspielen will, braucht man die Qualität dieser Spieler.“, fügt der Angreifer noch hinzu.

Seither überschlagen sich die Meldungen: Was fällt „Bobek“ denn ein mit solch einer Kritik an die Öffentlichkeit zu gehen? Aber wo genau, liegt eigentlich das Problem? Dass der FC Bayern sauer ist, das kann man ja noch verstehen. Sauer, wie es jeder andere Arbeitgeber auch wäre, wenn der Herr Fachinspektor Meier beim Branchenevent umringt von Kollegen der Konkurrenzfirmen an der Sektbar über die hausinterne Firmenpolitik herzieht. So etwas macht man einfach nicht. In diesem Fall kommt erschwerend hinzu, dass nicht der fiktive Fachinspektor Meier in feuchtfröhlicher Stimmung seine Bosse kritisiert hat, sondern der sehr bekannte Herr Lewandowski in einem renommierten Magazin Interna ausplauderte. Blöd ist das vor allem deshalb, weil der Angreifer in den letzten Monaten schon mehrmals ungut aufgefallen ist: So ließ Bayerns Nummer 9 über seinen Manager ausrichten, er hätte sich mehr Unterstützung seiner Teamkollegen bei seiner (nicht erfolgreichen) Jagd nach der Torjägerkrone erwartet. In der Sommerpause warf man ihm anlässlich der Asienreise der Münchner Lustlosigkeit vor. Ist das herbe Medienecho um das dreiseitige Interview also der miesen Stimmung, die Lewandowski einst selbst heraufbeschworen hat, geschuldet?

Robert ist ein Profi – kein Fan, kein Idealist, kein Fußballromantiker

Besser wärs. Denn eigentlich zeugt jenes abgedruckte Gespräch nur von einem reflektierten Fußballprofi mit festen Überzeugungen. Stein des Anstoßes ist für viele Fans gar nicht Lewandowskis Phlegma dem irren Kickerkapitalismus gegenüber, vielmehr fuhr Roberts Meinung zur Vereinstreue am Wochenenden in den sozialen Netzwerken Achterbahn: „Man sollte aufhören den Profifußball mit solchen Emotionen zu überlagern. Loyalität ist zwar ein schönes Wort, eine wunderbare romantische Vorstellung und im Privatleben auch ein wichtiger Wert. Im Spitzensport zählen aber andere Parameter: Erfolg und Geld. Und diese beiden Komponenten entscheiden über einen Transfer, nichts anderes.“ Lewandowski ist ehrlich. Er tut, was von ihm erwartet wird. Es genügt ein Blick in seine Autobiografie zu werfen um zu wissen, wo der Strafraumstürmer seine Prioritäten gesetzt hat: Er will gut, besser, der Beste sein. Da gehört es eben dazu, von einem guten Verein, zu einem besseren und schließlich zum besten zu transferieren. Treue und Solidarität einem Klub oder Fans gegenüber, die länger als die Vertragslaufzeit andauert, existiert in einer solchen Lebensphilosophie eben nicht.

Robert Lewandowski ist nicht Fan eines Vereines. Er ist Fußballer und Angestellter eines Klubs. Bei beiden – beim Fan und beim späteren Spieler – beginnt es mit einer Leidenschaft: Der Spieler wird zum Profi und Fußball wird für ihn zum Beruf. Der Anhänger lebt seine Passion, die zu einem festen Teil seines Lebens heranwächst. Es sind Paralleluniversen, die untrennbar zueinander gehören, sich allerdings nicht berühren. Idealistische Kicker, Buben, die selbst Fans ihrer Ausbildungsvereine waren und sind, leben in beiden Welten und können so ordentlich auf die Nase fallen: Denn Spielerverträge werden nun einmal nach der Leistung und nicht nach anderen Kriterien bestimmt. Sollte es hart auf hart kommen, ist es unmöglich Versprechen à la „Ich werde diesen Verein nie verlassen!“ einzuhalten. Nur die wenigsten Brautpaare bedenken schließlich im Glücksgefühl der Verliebtheit, dass sie einmal geschieden werden könnten. Im Laufe eines Lebens geht jedoch fast jede zweite Ehe in die Brüche.

Die Farbe des Geldes

So mancher Leser wird sich nun denken: „Moment, es geht ja auch anders!“ Tatsächlich gibt es sie, die positiven Beispiele: Die Tottis, die Gerrards, die Casillas. Oder auch Kicker der jüngeren Vergangenheit die bessere Angebote ablehnten, weil sie sich am rechten Ort fühlen, wie Jamie Vardy oder Antoine Griezmann. Es gibt auch Spieler, die zu Ligakonkurrenten wechselten, aus der weiterglühenden Liebe zu ihrem Herzensverein aber keinen Hehl machten und unangefeindet blieben – beispielsweise Lukas Podolski oder Frank Lampard. Man sieht: Es geht zwar, muss aber nicht so gehen. All diese unterschiedlichen Einstellungen zum Beruf Fußball haben ihre Daseinsberechtigung. Auch die Ethik eines Robert Lewandowski.

Für die Idealisten unter uns ist natürlich klar, welcher Typ Spieler vorrangig den Fußball bevölkern sollte. Robert Lewandowski bezeichnet sich als Realisten, deswegen stößt er sich auch nicht an horrenden Transfersummen und der Kommerzialisierung der kleinsten Zelle ballesterischer Kultur. Manchen Entwicklungen blickt aber auch er skeptisch entgegen: „Brauchen wir ein Konzert in der Halbzeit des DFB-Pokal-Finales?“ Der Fußball ist eben nicht umsonst. Er ist ein Riesengeschäft geworden. Alle wollen mitnaschen. Tragisch ist dabei eigentlich nur, dass der Kampf ums Business überall vollkommen ausufert. Es scheint keine Grenzen mehr zu geben, diese gesellschaftliche Entwicklung macht auch vor dem Fußball nicht Halt. Das sieht man ganz deutlich, wenn man sich die explodierenden Werbeverträge, Spielergehälter und TV-Gelder ansieht. Besuchen Sie einmal ein Strafgericht, Sie werden staunen: Da marschieren Betrüger auf freiem Fuß aus der Tür, während Körperverletzungsdelikte nach einem Rempler oder Drohungsanzeigen wegen eines Facebook-Postings mit unbedingten Freiheitsstrafen bestraft werden können. Wir leben in einer Gesellschaft, die körperliche und verbale Gewalt (zu Recht!) ablehnt, doch wir scheinen mitunter zu vergessen, dass Gewalt viele Gesichter hat: Sie sucht sich ihre Schlupflöcher und spiegelt sich auch in der rücksichtslosen Vermarktung eines Arbeitersportes wider.

Idealisten münzen vielleicht jenes Zitat, dass der verstorbene Johan Cruyff einst über Jose Mourinho gesagt hat, auf Robert Lewandowski um: Er ist einer der besten Spieler der Welt, doch hoffentlich wird so ein Spielertyp nie alleine den Fußball beherrschen. Idealismus ist im Gegensatz zu Realismus kein Ziel. Es ist ein Wert, an dem man sich orientiert: So wie Juan Mata (vielleicht auch eine berühmte Ausnahme) mit seiner Initiative Common Goal. Zyniker sprechen von Almosengeben, haben die Hände in den Hosentaschen, zucken mit den Schultern und sagen vielleicht – so wie Robert: „Fußball ist Kapitalismus, jeder will in dieser Branche Geld verdienen. Das ist eigentlich nichts Verwerfliches, so funktioniert unsere gesamte westliche Gesellschaft.“ Matas Idee, ein Prozent seines Gehaltes für soziale Zwecke zu spenden, ist ein gallisches Dorf in der wahnwitzigen Sportwelt, die inzwischen von Scheichs und Oligarchen vereinnahmt wurde. Natürlich ist auch Matas Initiative Bestandteil dieses Systems und in diesen Kreislauf eingebunden. So wie auch dieser Artikel, der über Umwege ebenfalls diese Geldmaschinerie bedient. Jeder Fan, der über verwöhnte Spieler lästert, bläst denselben – und tausenden Werbebegünstigten – seine sauerverdienten Groschen in den Hintern. Alles hängt miteinander zusammen. Und jetzt kommt der Mist: Es muss leider so sein:

Ein Spieler wie Robert Lewandowski, ein Söldner, macht die Fans glücklich und die Fans machen ihn glücklich. Seine Scheuklappen, sein Antrieb zeichnen ihn als Spieler aus. Doch selbst für ihn gibt es moralische Grenzen: „Ein Streik [Anmerkung: Spielerstreik] ist das schlechteste aller Mittel und so etwas kommt bei echten Spitzenteams eigentlich nicht vor. Ein Spieler, der so etwas macht, verrät die Gemeinschaft und die wird ihm das nicht verzeihen.“ Er hat eben seine Prinzipien, der Herr Lewandowski.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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