Ralph Hasenhüttl wird in der nächsten Saison der zweite österreichische Trainer in der Bundesliga. Mit dem FC Ingolstadt schaffte er es sich konstant ganz...
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_Ramazan Özcan - FC IngolstadtRalph Hasenhüttl wird in der nächsten Saison der zweite österreichische Trainer in der Bundesliga. Mit dem FC Ingolstadt schaffte er es sich konstant ganz oben zu halten, wurde Herbstmeister und fixierte letztlich auch den Aufstieg souverän. Für viele eine Überraschung; vor der Saison galt Ingolstadt keineswegs als Favorit auf den Aufstieg. Doch schon zu Saisonbeginn zeigten sie eine interessante und vielversprechende Spielweise, welche die Basis für die enorm gute Hinrunde darstellte.

Ballbesitz und Asymmetrie

In den ersten Spieltagen der Saison warteten die Ingolstädter mit interessanten Mechanismen im eigenen Ballbesitz auf. In der ersten Linie standen sie oft breit auseinander, Torhüter Özcan beteiligte sich am Spielaufbau und die Sechser unterstützten diese Bewegungen. Man konzentrierte sich auf die tiefe Ballzirkulation, um dann die Bewegungen der Angreifer einbinden und ins letzte Drittel komme zu können. Hierbei sind besonders die Flügelstürmer entscheidend gewesen.

Leckie auf der linken Seite agierte als einrückender Flügelstürmer, während Lex und Groß im Wechsel die rechte Seite besetzten. Groß pendelte zwischen Außenbahn, defensiven Halbraum und Zehnerraum, wodurch er eine sehr ankurbelnde Rolle im Spiel hatte. Ohnehin ist Groß der Schlüsselspieler Ingolstadt; er ist ungemein unterschätzt und könnte in den nächsten Jahren womöglich sogar in den Dunstkreis der deutschen Nationalmannschaft kommen.

Lex pendelte eine Ebene vor Groß zwischen Außenbahn und Sturmzentrum, wodurch die Angriffsbewegungen der Ingolstädter schwierig zu verteidigen waren. Neben Morales und Roger, die von der Doppelsechs situativ vorstießen, und dem einrückenden Groß war es auch Mittelstürmer Hinterseer, der mit seinen zurückfallenden Bewegungen den Zehnerraum besetzte und Räume für die zwei anderen Stürmer öffnete.

Hasenhüttls Mannschaft war dennoch keine Ballbesitzmannschaft. Sie hatten zwar anlockende Bewegungen durch die tiefe Zirkulation, sehr interessante Bewegungen im Spielaufbau und im zweiten Drittel, doch immer wieder spielten sie riskante, aggressive Direktpässe in die Tiefe und fokussierten sich auf zweite Bälle.

Im Laufe der Saison wurde es klarer ein 4-3-3, in welchem Groß und Morales als Achter vor Roger oder Bauer agierten. Insgesamt hatten sie dadurch gute Verbindungen nach vorne, konnten die defensiven Halbräume im Ballbesitzspiel einbinden und den Ballvortrag beschleunigen. Die Überladungen und Durchbrüche über die rechte Seite gab es weiterhin, auch hier war Groß ein wichtiger Schlüsselakteur.

Gegen Mannschaften mit zwei Stürmern ließ sich meist Roger zentral zurückfallen, wodurch 3-3-4 oder 3-4-3-Staffelungen entstanden. Morales konnte aus dem defensiven Zentrum nämlich öfters nach vorne rücken und sich für zweite Bälle positionieren. Gegen Mannschaften mit nur einem Stürmer positionierten sich die Innenverteidiger oft linksversetzt, um Groß rechts Raum zu öffnen, da sich dieser zurückfallen ließ und vielfach mit langen Bällen oder Einzelaktionen den Angriff einleitete.

Im Laufe der Saison sollte sich daran wenig verändern. Teilweise gab es einen stärkeren Fokus auf zweite Bälle und lange Bälle in die Spitze, wo das Mittelfeld erst übersprungen wurde, um dann mit Balleroberungen weit innerhalb der gegnerischen Formation direkt aus gefährlichen Räumen gegen eine ungeordnete Abwehr attackieren zu können. Im Verbund mit der oftmals tieferen und passiveren sowie kompakteren Ausrichtung der Gegner nach der Herbstmeisterschaft bedeutete dies aber auch eine wieder verringerte Durchschlagskraft in der Offensive. Die Ingolstädter hatten einige Probleme sich konstant hochklassige Torchancen herauszuspielen und gerieten zwischenzeitlich sogar in eine kleine Krise.

Dennoch konnten sie sich oben halten. Die wirkliche Stärke der Ingolstädter war dafür verantwortlich. Sie sind nämlich schlichtweg enorm stabil in der Arbeit gegen den Ball.

Defensive Stabilität und Variabilität im Pressing

Um fokussiert auf zweite Bälle agieren und dabei stabil bleiben zu können, benötigt man eine geordnete Abwehr, die passenden Spielertypen und adäquate Staffelungen sowie harmonische Bewegungen aus diesen Positionsstrukturen heraus. Das zeigen die Ingolstädter eigentlich konstant; und profitieren dadurch auch im Pressing. Schon im vergangenen Jahr wiesen sie die zweitbeste Gegentorbilanz nach Stögers Kölnern auf, dieses Jahr waren sie ähnlich gut in der Defensive. Dabei stehen die Mannen von Trainer Hasenhüttl nicht nur tief in der eigenen Hälfte.

Häufig pressen sie auch weit vorne. In einigen Spielen bzw. über mehrere Spielphasen hinweg in den unterschiedlichsten Partien gab es ein hohes Pressing zu beobachten, welches den Gegner schon an dessen Strafraum unter Druck setzte und zu langen Bällen führte. Die Flügelstürmer konnten dann von der Seite einrücken und die Mitte enorm verengen, um den Gegner auf die Flügel zu leiten und dann im Mannschaftsverbund diese Räume mit dem ballorientierten Verschieben zuzustellen.

Außerdem gab es viele nachstoßende Bewegungen zu beobachten. Häufig gab es hinter den Angreifern oder eben auf den Flügeln offene Räume, die dann mit aggressivem Herausrücken der Spieler dahinter besetzt wurden. Gelegentlich öffnen sie zwar Räume durch suboptimale Kompaktheit oder Mannorientierungen, insgesamt funktionierte es jedoch sehr gut. Im tiefen Mittelfeld- oder im Abwehrpressing wurde die Formation gar zu einem 4-1-4-1 oder 4-5-1, welches den Gegnern keinen Platz zum Kombinieren ließ.

Insgesamt kann man sagen, dass sich Hasenhüttls Mannschaft primär über die Arbeit gegen den Ball definiert – und das überaus gut. Wie das in der Bundesliga aussehen wird, ist unklar.

Abstiegskandidat?

Sowohl Ingolstadt als auch Darmstadt gelten in der kommenden Saison als Abstiegskandidaten. Dabei besitzt Ingolstadt zumindest eine passende Spielweise für die erste Bundesliga. Sie gehen wenig Risiko, kommen vertikal ins letzte Drittel und sind im Pressing stabil. Rein von der Spielanlage – nicht unbedingt von der taktischen Umsetzung – erinnern sie an den 1. FC Köln, die sich ebenfalls souverän in der ersten Liga halten konnten.

Desweiteren haben die Ingolstädter mit Groß, Pledl, Morales, Lex, Leckie, Hinterseer durchaus einige Spieler, die entweder gut in die erste Bundesliga passen oder zu dieser Qualität reifen sollten. Auch der verpflichtete Romain Brégerie sollte dies schaffen. Dennoch wären weitere Transfers hilfreich, obgleich sich die Oberbayern auf ruhende Bälle als zusätzliches Mittel verlassen können, um die nötigen Punkte zu schaffen.

Trotzdem könnten sie als Abstiegskandidat #2 in der folgenden Saison gelten (nach Darmstadt). Es wird sicherlich entscheidend sein, was Ralph Hasenhüttl sich einfallen lässt und ob er damit den Klassenerhalt schaffen wird.

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Rene Maric