Der türkische Meister Galatasaray Istanbul verließ das Innviertel als angenehmer Testspielgegner. Jedoch war der späte 3:2-Erfolg über die SV Ried nicht das Einzige, das... Kebab statt Schnitzelsemmerl: Galatasaray und der Imbiss „Ali Baba“ siegen in Ried
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Galatasaray IstanbulDer türkische Meister Galatasaray Istanbul verließ das Innviertel als angenehmer Testspielgegner. Jedoch war der späte 3:2-Erfolg über die SV Ried nicht das Einzige, das am Dienstagabend in Erinnerung blieb. Ein Erfahrungsbericht

Vedat Bayrak wusste, worauf er sich eingelassen hatte. Auf hektische Minuten, dichtes Gedränge, hungrige Mäuler. Dem Inhaber des „Pizza und Kebap Haus Ali Baba“ im Zentrum von Ried im Innkreis war jedoch auch klar, dass dieses eine Spiel seine Kasse klingeln lassen würde. So kam es dann auch. Die Fans belagerten regelrecht seinen provisorisch errichteten Imbissstand gleich neben der Nordtribüne der Keine-Sorgen-Arena. Zwei Kebab ohne Tomaten, einer extra scharf, ein anderer mit viel Sauce, Restgeld geben, Kunden möglichst schnell abfertigen – die zwei Mitarbeiter, die das brutzelnde Fleisch vom Dönerspieß schnitten und dann damit die warmen Weckerl füllten, hatten alle Hände voll zu tun.

Der türkische Spitzenverein Galatasaray Spor Kulübü, hierzulande besser bekannt als Galatasaray Istanbul, stattete dem Innviertel Dienstagabend einen freundschaftlichen Besuch ab. Und verfehlte seine Wirkung als Publikumsmagnet wahrlich nicht. Bei 5.000 Zusehern bedankte sich Rieds Stadionsprecher Thomas Wimleitner in der zweiten Halbzeit des Spiels SV Ried – Galatasaray. Gefühlte 75 Prozent des Publikums trugen ein Trikot des türkischen Rekordmeisters. Die Nordtribüne, sie bot das imposante Bild eines rot-gelben Fahnenmeers. „Wahnsinn! Ich glaube, die Gala-Fans würden ihr Team überall hin begleiten“, sagte Mustafa, 21. Auch er war gekommen, um „seine“ Mannschaft lautstark anzufeuern.

Schon ein paar Wochen weilt der Meister der Süper Lig im Trainingslager in Windischgarsten in Oberösterreich, um sich bestmöglich auf die kommende Saison vorzubereiten. Ziele gibt’s genug. Etwa den Titel in der Liga zu verteidigen und die Erzrivalen Besiktas und Fenerbahce auf Distanz zu halten. Oder wiederum den Cupsieg zu erringen, wie in den vergangenen beiden Spielzeiten. Und auf internationaler Ebene für Furore zu sorgen. 2012/13 hatten die Türken erst im Viertelfinale der Champions League gegen Real Madrid die Segel gestrichen, zu Hause sogar 3:2 gesiegt. Im Jahr darauf dann das knappe Aus im Achtelfinale gegen den FC Chelsea. Die letzte Saison in der Königsklasse war jedoch eine zum Vergessen. Nur ein Punkt in der Gruppenphase, herbe Niederlagen gegen Arsenal und Dortmund. Das Torverhältnis von 4:19 sprach Bände.

Nun keimt neue Hoffnung am Bosporus auf. Verantwortlich dafür: Hamza Hamzaoglu. Von 1991-1995 spielte er für Galatasaray, erzielte als linker Mittelfeldakteur in 104 Partien zwölf Treffer. Im Dezember vergangenen Jahres hatte er das Erbe von Cesare Prandelli angetreten – und die Gelb-Roten zu Meistertitel und Pokaltriumph geführt. Er genieße das Vertrauen der Fans, was in Istanbul nicht immer üblich sei, sagte Mustafa. Ebenjenen Fans schien es auch egal zu sein, dass der Coach in Ried eine bessere B- oder C-Mannschaft aufs Feld schickte. Kein Wesley Sneijder, der noch im Urlaub weilte. Kein Felipe Melo, an dem angeblich Inter großes Interesse zeigt. Kein Fernando Muslera, der für Uruguay noch bei der Copa America seine Hände hingehalten hatte und erst vor kurzem ins Trainingslager stieß. Und schon gar kein Lukas Podolski, dem sie eigentlich alle beim möglichen Debüt auf die Beine blicken wollten. Der deutsche Weltmeister gilt als Transfercoup. Zuletzt kursierten in den Gazetten gar Gerüchte, Galatasaray wolle Zlatan Ibrahimovic locken.

„Das wäre der absolute Wahnsinn“, meinte Mustafa, während er den mehrheitlich aus Jugendspielern bestehenden Akteuren beim Aufwärmen zujubelte. Lockeres Ballgeschiebe hier, ein paar halbherzige Sprints da, dazwischen ein Blick zu den Fans samt obligatem Applaus, wie es sich halt gehört. Es erweckte den Eindruck, als wolle sich bei diesem Probegalopp ja niemand verletzen. Außerdem stehen für Gala ja noch Testspiele gegen namhaftere Gegner wie Celta Vigo (ESP) oder Udinese Calcio (ITA) an. Nach 20 Minuten war das Warmmachen bei den Gästen schon wieder vorbei. Die Rieder zogen indes ein paar Sprintübungen auf, vor dem Cupspiel am Freitag beim Viertligisten SV Innsbruck beteiligten sich auch alle Spieler daran. Keine schlechte Idee, denn nach den zuletzt herben Pleiten in den Testspielen gegen Mlada Boleslav (0:5) und Sparta Prag (1:8) war Rehabilitation angesagt. Manager Stefan Reiter stellte Neo-Coach Helgi Kolvidsson zwar noch nicht die Rute ins Fenster, mahnte aber dennoch, dass es „in dieser Tonart nicht weitergehen“ könne.

Nachdem ein eigens engagierter türkischer Sprecher die Mannschaftsaufstellung von Galatasaray unter tosendem Applaus der gesamten Nordtribüne und anschließendem Gästesektor verlautbart hatte und sich auch die letzten Anhänger mit erfrischenden Getränken und „Ali Babas“ Kebabs versorgt hatten, pfiff Schiedsrichter Andreas Feichtinger die Begegnung an. In den Augen der türkischen Fans: Vorfreude auf ein mögliches Spektakel, darauf, dass sie ihre Mannschaft zum Sieg peitschen können. Aber auch ein bisschen Unverständnis, weil eine komplett neu zusammengewürfelte Truppe auf dem Rasen stand. Hervorzuheben aus der sonst unbekannten Startelf war da noch der von einer Leihe zurückgekehrte Innenverteidiger Dany Nounkeu, der an der Seite des Ex-Dortmunders Koray Günter zum Einsatz kam. Viel erhofften sich die Fans auch vom Linksfuß Lionel Carole, Neuzugang vom französischen Aufsteiger ES Troyes.

Das Spiel plätscherte indes vor sich hin. Für Stimmung sorgten sowohl die heimische als auch die ausländische Fangruppierung, die abwechselnd Schlachtgesänge zum Besten gaben. „Und dafür zahle ich 15 Euro Eintritt?“, wunderten sich nicht wenige Gala-Anhänger auf den Tribünen über das, was sich auf dem Rasen abspielte. Dann ging ein Raunen durchs Publikum: Carole gab Walch auf der Seite ein „Gurkerl“. Bezeichnend, dass diese eine Szene der Höhepunkt vor dem Pausentee gewesen sein sollte.

Zur Halbzeit: Wiederum dichtes Gedränge vor dem türkischen Imbissstand. Kaum einer steuerte in Richtung der Rieder Standln, die Schnitzelsemmerl warteten umsonst auf Abnehmer. Wie auch das großzügige Polizeiaufgebot, das man im Innviertel zu diesem Match entsandte, potentielle Gefahrenherde vergeblich suchte. „Hochsicherheitsspiel“, hatte es aus Kreisen der Exekutive vor dem Spiel geheißen. Den einzigen Risikofaktor an diesem lauschigen Abend sollte die permanente Unsicherheit des Gästetormanns darstellen. Keine Bengalos, keine sturzbetrunkenen Fans, keine Gewalt – friedliche Familien, die sich ein nettes Fußballspiel zu Gemüte führen wollten. Und die zum Großteil den Wiederanpfiff verpassten, da den Kebabverkäufern keine weiteren Hände wuchsen und sie gut daran taten, alle Kunden zu deren Zufriedenheit möglichst rasch zu bedienen.

„Hoffentlich fallen jetzt einige Tore!“, sprach ein älterer Fan samt überdimensional großer Galatasaray-Flagge das aus, was wohl in vielen Köpfen in der Halbzeitpause herumgegeistert war. Die Tore fielen schließlich auch. Allerdings erst auf Seiten der Innviertler, die nur sieben Minuten benötigten, um dem Favoriten zwei Treffer einzuschenken. Erst profitierte der ins Spiel gekommene Flügelflitzer Luca David Mayr von einem Missgeschick des türkischen Goalies, der einen Flachschuss vom ebenfalls eingewechselten Thomas Murg wieder ausgelassen hatte – Mayr umkurvte Eray Iscan und schoss trocken ein. Augenblicklich verstummten die Gala-Fans, schlugen die Hände über die Köpfe, trauten ihren Augen nicht.

„Zum Glück ist das nicht unser Einser-Goalie“, scherzte Mustafa. Er lag mit seiner Aussage goldrichtig. Denn nur wenig später untermauerte Iscan sämtliche Ambitionen auf sein Platzerl auf der Ersatzbank, als er einen harmlos getretenen Eckball durch seine Finger gleiten ließ und verwundert hinterherblickte, wie Gernot Trauner das Leder über die Linie rollte. Spätestens jetzt trieb es einigen im Publikum die Zornesröte ins Gesicht. 0:2 zurück, und das gegen einen Gegner, den sie zuvor nicht einmal gekannt, geschweige denn ernst genommen hatten? Die Türken schienen in ihrem Stolz gekränkt zu sein. Nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Spieler, die mit hängenden Köpfen auf dem Rasen umherschlichen.

Trainer Hamzaoglu tat, was er tun musste. Er krempelte seine Offensive um, brachte zudem mit Sabri den einzigen echten Star, der sich überhaupt im Kader befunden hatte. Seit seiner Jugend spielt der nur 170cm kleine Verteidiger bei Galatasaray, bei den Fans gehört der 30-Jährige auf Grund seiner Loyalität zu den Lieblingen. Fußball spielen, das kann er auch ziemlich gut. Plötzlich waren die Gala-Anhänger wieder lautstark da. Und mit ihnen die Zuversicht, das Spiel zu ihren Gunsten kippen zu können. „Da geht noch was!“, lautete der einhellige Tenor von der Nordtribüne. Und es ging noch was. Minute 80: 1:2. Minute 83: 2:2. Minute 90: 3:2. Dazwischen: Bangen, hoffen, zittern. Für viele eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Auch deshalb, weil Rieds Torwart Markus Schöller Angreifer Sercan Yildirim nach einem langen Ball mit dem Fuß regelrecht niederstreckte. Zum Unmut der Türken bekam Schöller nur Gelb – wohl deswegen, da es sich nicht um ein Pflichtspiel handelte. Der fällige und auch schön verwandelte Freistoß ließ dann alle Dämme brechen.

Sie ballten die Fäuste, schrien ihre Begeisterung hinaus, lagen sich in den Armen – für die Galatasaray-Fans gab es nach einer über weite Strecken äußerst dürftigen Vorstellung ihres Teams doch noch Grund zum Jubeln. „Das war heute zum Teil echt schwach“, gestand sich auch Mustafa ein. Doch auch auf Seiten der Rieder gab es trotz einer erneuten Niederlage positive Reaktionen. Es sei ein „Achtungserfolg, viel besser, als sie in den letzten Partien agiert haben“, bestätigte ein Fan. Und obwohl die Gala-Stars das Testspiel links liegen gelassen hatten, kamen 5.000 Zuseher trotzdem auf ihre Kosten.

Einen deutlichen Gewinner gab es an diesem Abend in Ried, der mit dem eigentlichen Fußballspiel eigentlich nichts zu tun hatte: Vedat Bayrak. Der „Ali Baba“ – Inhaber brachte unzählige Brötchen mit Grillfleisch an die Frau oder an den Mann. Auch an Mustafa, der genüsslich in einen von „Ali Babas“ Kebabs biss. Ein Bissen, der nach Sieg schmeckte.

Martin Roithner, abseits.at

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