Herbert Prohaska war der letzte Teamchef, der Österreich zu einer Weltmeisterschaft führen konnte. Der gebürtige Wiener hat damit, sowohl als Spieler als auch als... Anekdote zum Sonntag (116) – Herausgeputzt

Herbert Prohaska war der letzte Teamchef, der Österreich zu einer Weltmeisterschaft führen konnte. Der gebürtige Wiener hat damit, sowohl als Spieler als auch als Trainer, eine Top-Karriere zu Buche stehen. Als einen seiner größten Verdienste sieht es der ehemalige Fußballer allerdings an, dass er seinen Wurzeln immer treu geblieben ist.

Weißt du, Berti, du bist immer noch so wie früher!“, meinte eine ältere Dame, die Prohaska seit klein auf kannte, als dieser Fotos für seine Autobiografie in der Simmeringer Hasenleitengasse machen ließ. Zum 50er „schenkte“ sich der Lockenkopf der Nation ein Buch mit seiner Lebensgeschichte, in dem er – natürlich auch – über seine Jugend im Arbeiterbezirk berichtete: Prohaskas Vater arbeitete als Hilfsarbeiter in einer Metallfirma, seine Mutter war Bedienerin. Über sein Aufwachsen erzählte Herbert in einer ORF-Doku: „Tag und Nacht hatten wir im Sommer die Fenster offen. Diebe hätten nichts stellen, sondern nur etwas bringen können.“ Tatsächlich waren die Verhältnisse karg: Bis zum 12. Lebensjahr nächtigte Herbert aus Platzgründen im Bett seiner Eltern. Kuchl und Zimmer (kein Kabinett!) – das war im ehemaligen Kriegslazarett Standard.

Trotzdem war es eine super Jugend.“, bekräftigte die ehemalige Nummer acht der Wiener Austria: „Niemand hat mehr gehabt, man musste niemanden etwas neidig sein.“  Später – als sich der Italien-Legionär eine Rolex für 100.000 Schilling leisten konnte – änderte sich für ihn nicht viel, denn die wirklich wichtigen Dinge kann man sich sowieso nicht kaufen. Während seiner Zeit in Rom und Mailand lernte Prohaska von seinen 25 italienischen Mannschaftskollegen (Ausländerbeschränkung!) aber la dolce vita kennen. Frischer pesce und frutti di mare, süffiger Rotwein, schnittige Anzüge und flotte Autos machten das Leben schöner. Als er einst von Inter-Legende Sandro Mazzola im ultramodernen Ledermantel besucht wurde, wusste er noch nicht, dass auch er schon bald in ähnlicher Kluft herumlaufen sollte. Wer kann, der kann. Toni Polster, dem von Herbert in seinen ersten Profitagen bei der Austria das Kicken „beigebracht“ wurde, ist auch ein Arbeiterkind. Toni wurde im Nachbarbezirk Favoriten geboren und verbrachte seine Kindheit im Gemeindebau: Im „Känguru-Hof“ – rund um die Statur des australischen Tieres – erzielte er seine ersten Treffer, denn schon als Knirps war Toni eine echte Tormaschine. Polster wechselte später ebenfalls nach Italien, von dort kam er nach Spanien und Deutschland. Während seiner erfolgreichen Karriere erfuhr auch der heute 53-jährige wie Geld das Leben angenehmer gestalten kann. Sein Interesse für Musik und Mode ist geblieben. Bis heute verkauft Toni selbstgestalte Hemden und T-Shirts: Zum Beispiel die von Gloriette produzierte Serie „Legendäre Tore“, die an glorreiche Treffer der österreichischen Fußballgeschichte erinnern soll.

Als sich das Nationalteam 1998 erfolgreich für die WM in Frankreich qualifiziert hatte, war die Freude im Bus nach dem letzten Heimspiel gegen Weißrussland grenzenlos. Niemand wollte nachhause. Kapitän Herzog gab die Marschroute vor: Ab ins „Noodles“, dem damaligen In-Lokal für Kicker-Partys. Toni Polster kannte das Restaurant im Ersten Wiener Gemeindebezirk noch nicht und fragte seinen Spielführer deshalb, welche Kleidung für das „Noddles“ adäquat sei. „Herzerl“ scherzte: „Na, feiner Anzug und Krawattenpflicht, klar?!“ Polster nickte ehrfurchtsvoll, dabei hatte der Bremen-Legionär doch nur Spaß gemacht. Das erkannte der Topstürmer in dieser Situation allerdings nicht. Andi beschloss aus der Not eine Tugend zu machen und nahm seine Mitspieler später beiseite. Er erklärte, dass legere Kleidung selbstverständlich ok sei, aber: „Pssst! Keiner sagt‘s dem Toni!“ Tatsächlich ging die Verschwörung auf und Polster staunte nicht schlecht, als er beim Treffpunkt der einzige Herr im edlen Zwirn war. Seine Mitspieler bogen sich vor Lachen, Toni verzog keine Miene. Die ganze Nacht lang hielt er tapfer durch, obwohl die enge Krawatte zum aus-der-Haut-fahren zwickte. Nur seine teuren Lederschuhe zog er klammheimlich unterm Tisch aus. Spaßvogel Herzog war nach der Feier eine Zeit lang Luft für den Köln-Legionär.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag