Lange hat’s gedauert, aber gegen Ende der Sommertransferzeit verpflichtete der SK Rapid doch noch den langersehnten schnellen, durchschlagskräftigen Angreifer. Veton Berisha, 23 Jahre alt,... Der gesuchte „Terrier“? Das ist Rapids Neuer Veton Berisha!

Lange hat’s gedauert, aber gegen Ende der Sommertransferzeit verpflichtete der SK Rapid doch noch den langersehnten schnellen, durchschlagskräftigen Angreifer. Veton Berisha, 23 Jahre alt, kosovarisch-stämmiger Norweger und Bruder von Salzburg-Leistungsträger Valon Berisha, soll Rapids Offensivspiel facettenreicher machen.

Anfang der 1990er-Jahre, als es im ehemaligen Staat Jugoslawien politisch zu kriseln begann, zogen die Eltern von Valon und Veton Berisha nach Norwegen und ließen sich in einem Vorort von Stavanger nieder. Der ein Jahr ältere Valon wurde schon früh als heißeste Aktie des kleinen Klubs Egersunds IK gehandelt. Veton galt ebenfalls als großes Talent, stand aber ein wenig im Schatten des großen Bruders.

Frühe Debüts in Norwegens erster Liga

Während Valon im Sommer 2009 von Egersunds zu Viking Stavanger wechselte, folgte Veton 1 ½ Jahre später seinem Bruder nach. Für Viking spielten die beiden zwei Jahre zusammen, davon eine Saison als Stammspieler. Beide Berishas debütierten in der höchsten norwegischen Spielklasse kurz nach ihrem 17.Geburtstag – und beide fanden sehr schnell den Weg in die erste Elf.

Unbekümmert und unkonventionell

Die jugendliche Unbekümmertheit der Berisha-Brüder wurde zu einem Markenzeichen. Die heißblütigen Offensivspieler dachten nicht viel nach, sondern folgten ihrem Instinkt. Mit dieser direkten Art, die auch oft ins Unkonventionelle abschweifte, hatten die Gegner in der Tippeligaen so ihre Probleme. Die norwegischen Nachwuchsnationalmannschaften durchliefen beide: In der U21-Nationalelf debütierte Valon 18-jährig, Veton 19-jährig. Der neue Rapid-Stürmer erzielte bis dahin 15 Treffer in Nachwuchsländerspielen.

Körperlicher Vorsprung

Damals kristallisierte sich eine Besonderheit heraus, die weltweit immer wieder zu beobachten ist: Die Berisha-Brüder, so unterschiedlich sie in ihrer Spielanlage sind, waren auf Nachwuchslevel körperlich weiter als ihre Gegner. Normalerweise lässt sich dies eher bei großgewachsenen Spielern beobachten, denen körperlich noch nicht so weit entwickelte Gegenspieler wenig entgegensetzen können. Veton Berisha misst allerdings gerademal 175cm und punktete somit nicht mit seiner Größe, sondern mit seiner Power.

Keine Schwierigkeit bei der Umstellung auf Erwachsenenfußball

Dadurch, dass Veton – ebenso wie sein Bruder – Stammspieler in Stavanger und zugleich eine feste Größe in den Nachwuchsauswahlen war, fiel auch die körperliche Umstellung vom Nachwuchs- auf den Erwachsenenfußball nicht schwer. Ob dies gelingt oder nicht gilt weithin als gewichtiges Ausschlusskriterium auf dem Weg zu einer großen Karriere. Als Veton im Frühjahr 2015 in 14 Spielen elf Tore und vier Assists für Viking Stavanger erzielte, wurde er ablösefrei von Greuther Fürth verpflichtet. Zu diesem Zeitpunkt spielte sein Bruder Valon bereits seit drei Jahren in Salzburg.

Valon machte den besseren Transfer für seine Entwicklung

Veton hatte zum Zeitpunkt seines Wechsels nach Fürth bereits eine halbe Saison in den Knochen, trainierte nur drei Wochen mit der Mannschaft und stürzte sich daraufhin sofort in die nächste Zweitligasaison. Die Ausbeute konnte sich mit acht Toren und vier Assists durchaus sehen lassen, wobei Berisha anfänglich ein paar Probleme hatte, sich an das spielerisch höhere Tempo zu gewöhnen. Hier hatte sein Bruder Valon in der österreichischen Bundesliga einen Vorteil und konnte sich stetiger weiterentwickeln, mit den Nadelstichen Europacup, die für Veton in Fürth wegfielen.

Hohe Erwartungen und Verantwortung

Ein weiterer Vorteil des Salzburg-Legionärs war die Mannschaftszusammenstellung. Durch die hohe offensive Qualität der Mozartstädter, wurde die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt, während bei Fürth auf Vetons Schultern größere Erwartungen auf insgesamt höherem Level ruhten. Die angespannte finanzielle Situation ließ keine Neuverpflichtungen zu, die einen Titelkampf in Deutschlands zweiter Spielklasse ermöglicht hätten. Eine schwierige Saison war für die Fürther somit unausweichlich und bei Veton Berisha kam zu allem Überfluss auch noch Verletzungspech hinzu.

Vom Verletzungspech zum „Chancentod“

Auf Adduktorenprobleme folgten eine Wadenverletzung und schließlich eine Sehnenentzündung, die ihn in der Wintervorbereitung auf das Frühjahr 2017 außer Gefecht setzte. Gegen Ende der Saison komplettierten muskuläre Probleme das Verletzungspech. Der Angreifer verpasste acht Saisonspiele verletzungsbedingt, kam nie in einen guten Rhythmus. Auch wenn Berisha inklusive DFB-Pokal immerhin vier Tore und sieben Assists beisteuerte, fehlte ein wenig die Leichtigkeit. Auch wenn der Einsatz stets passte, „erarbeitete“ er sich 2016/17 das Prädikat „Chancentod“, obwohl er in den 1 ½ Jahren davon sehr solide traf.

Eher Zuarbeiter als Goalgetter

Dies bringt uns zu seiner Rolle in Hütteldorf: Veton Berisha ist ein Angreifer, der annähernd gleich viele Assists, wie Tore fabriziert. Das unterscheidet ihn nicht groß von anderen Stürmerkandidaten Rapids in der vergangenen Sommertransferzeit. Echte Knipser waren bei Fredy Bickel nicht auf dem Zettel – das erwartet man sich ohnehin von Stoßstürmer Kvilitaia und dem technisch starken Joelinton. Es brauchte einen facettenreichen „Zuarbeiter“, der Räume für die komplette Offensive aufreißen kann.

Wenn Freis der Gefährlichste ist…

Das bringt Berisha in eine neue Situation, denn noch nie spielte er in einer Mannschaft, in der der beste Angreifer mehr als 12 Tore (Sebastian Freis bei Fürth 2015/16) erzielte. Eine Situation, die sich stark von der seines Bruders unterscheidet, zumal in Salzburg regelmäßige Torfestivals zu begutachten sind. Veton Berisha wird diese „Tradition“ wohl nicht brechen, ist kein Stürmer, von dem man sich Torquoten eines Robert Beric, Nikica Jelavic oder Erwin Hoffer erwarten darf. Allerdings ist er ein Spieler, der seine Mitspieler besser machen kann.

Mehrere Einsatzvarianten

Grundsätzlich ist Berisha ein Mittelstürmer, aber speziell in Fürth wich er immer wieder auf den rechten Flügel aus. Von dieser Position zog er stets mit schnellen Antritten nach innen, suchte direkte Wege und Eins-gegen-Eins-Duelle. Auch als Linksaußen kam er da und dort zum Einsatz, wusste aber weitgehend nicht zu überzeugen. Am wohlsten fühlt sich Berisha mit Sicherheit als Spitze in einem Zwei-Stürmer-System. Eine Hybridlösung dessen wäre bei Rapid die Variante mit Joelinton auf der Zehn. In einem klassischen 4-4-2 passt er hingegen besser zu Kvilitaia.

Ein offensiver Terrier

Berisha ist kein außergewöhnlicher Techniker oder Trickser, sondern viel mehr ein Spieler, der Räume deutet und Spielzüge vorausahnt. Häufig bewegt er sich an der Grenze zum Abseits, kippt aber auch ab, um den Flügel zu überladen. Herausragend ist hierbei auf jeden Fall seine hohe Arbeitsrate, für die er seit jeher bekannt ist. Berisha ist ein richtiger „Terrier“, erinnert in seinen Bewegungen an den Tschechen Tomás Dosek, der trotz niedriger Torquote zum Publikumsliebling avancierte. Seine kraftvolle Spielweise kann nicht nur Räume für Mitspieler schaffen, sondern auch den Gegner ermüden. Der kleine Norweger ist einer der Spieler, mit denen man es auf dem Platz nicht gerade gerne zu tun bekommt.

Wie nutzen die anderen Spieler Berishas Stärken?

Ein paar Fragezeichen bleiben dennoch. Das Markanteste ist sicher die Chancenauswertung, für die er häufig kritisiert wurde. Gerade bei Rapid ist diese ein großes Thema, auch weil die Hütteldorfer nur selten eine große Anzahl von Chancen herausspielen. Seine Zeit in Stavanger zeigte allerdings, dass es sich hier um einen mentalen Faktor handelt. Wenn Berisha seinen Spielrhythmus findet und ausreichend Vertrauen erhält, wird er es auch mit Toren danken. Einen 20+ Tore Stürmer dürfen sich die Rapid-Fans aber so oder so nicht erwarten. Dafür müssten andere sorgen, die aus Berishas aufwändigem Lauf- und Pressingspiel das Optimum für sich selbst herausholen müssen. Wenn Joelinton oder Kvilitaia diese veränderte Rolle annehmen können, dann werden sie mit Sicherheit von Berishas Spielweise profitieren.

Ligaumstellung als Chance

Ein weiteres Fragezeichen stellt die neuerliche Ligaumstellung dar. Den Wechsel von der norwegischen Tippeligaen auf die klar stärkere 2. Deutsche Bundesliga meisterte Berisha insgesamt gut. Nun folgt ein Rückschritt in die höchste österreichische Spielklasse, von der er normalerweise profitieren sollte. Gerade gegen kleinere Mannschaften sollte Berisha aufgrund seiner Erfahrung der letzten zwei Jahre sofort funktionieren. Ohne Ball Aufbauschwächen des Gegners zu bespielen sollte ein Hauptaugenmerk für den neuen Stürmer sein. Auch seine physischen Vorteile sollten in der heimischen Liga besser zum Tragen kommen.

Wie tief werden Rapids Gegner stehen?

Last but not least werden Berishas bzw. der Mannschaftserfolg auch davon abhängen, wie tief die Gegner gegen Rapid stehen. Sollte Rapid spielerisch speziell im letzten Drittel wieder zwingender werden, kann man davon ausgehen, dass die Gegner im Allgemeinen eine Etappe weiter nach hinten rücken. Dies wiederum würde Rapid höhere Ballbesitzzonen ermöglichen, dafür aber auch weniger Platz in der Zone der Wahrheit. Auch das ist eine Situation, in der sich Berisha bisher kaum befand, zumal die Gegner von Viking Stavanger und Greuther Fürth kaum Beton anrührten, sondern offene Spiele zuließen. Gegen vermeintlich schwächere Gegner könnte dies zu einer Geduldsprobe für Berisha und die gesamte Mannschaft werden. Im Umkehrschluss würde es aber auch bedeuten, dass der Norweger eine gute Waffe für schwere Spiele mit möglichen Räumen im Konter – etwa das Duell mit Salzburg am kommenden Wochenende – sein kann.

…aber Rapid muss sich als Ganzes stabilisieren

Bevor der letzte Punkt Diskussionsthema werden kann, muss sich Rapid aber ohnehin erstmal stabilisieren. Berisha ist sicher ein Puzzlestein, der Rapid unberechenbarer machen und dem Spiel der Grün-Weißen etwas geben kann, das es bisher nicht hatte. Allerdings hängt sehr viel davon ab, wie sich die vorhandenen Spieler auf diesen neuen Puzzlestein einstellen und ihn nutzen. Auch für Joelinton oder die offensive Dreierreihe, allen voran Schaub und Murg, werden sich durch die Verpflichtung Berishas die Aktionsradien ein wenig verändern.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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