Rapid reagierte ungewöhnlich auf den Abgang von Giorgi Kvilitaia und verpflichtete den Schweizer Nachwuchsteamspieler Jérémy Guillemenot vom FC Barcelona. Der 20-Jährige war bereits seit... Instinktstürmer: Das ist Rapids Neuverpflichtung Jérémy Guillemenot

Rapid reagierte ungewöhnlich auf den Abgang von Giorgi Kvilitaia und verpflichtete den Schweizer Nachwuchsteamspieler Jérémy Guillemenot vom FC Barcelona. Der 20-Jährige war bereits seit Jahren auf dem Radar von Fredy Bickel und sowohl in Bezug auf den Transfer, als auch auf den Spieler selbst, lassen sich einige Parallelen zur Vergangenheit ausmachen.

Einst Kapitän von Schweizer Nachwuchsauswahlen, Shooting Star bei Servette Genf, eines der Top-Talente der Eidgenossen. Der junge Schweizer mit portugiesischer Mutter und französischem Vater wurde nicht nur in der Schweiz gefeiert, auch in Spanien hinterließ er – zumindest anfangs – einen merklichen Eindruck. Erst im letzten Jahr kristallisierte sich heraus, dass die getätigten Karriereschritte nicht optimal gesetzt wurden.

Über die U18 früh in die Kampfmannschaft von Servette

Im Alter von neun Jahren wechselte Guillemenot zu Servette Genf – kurz nach seinem 16.Geburtstag debütierte er in der U18. Zu diesem Zeitpunkt stieg er bereits von der U16-Nationalelf in die U17-„Nati“ auf. Richtig los ging die Karriere des heute 20-Jährigen aber erst in der darauffolgenden Saison 2014/15. Weiterhin 16-jährig stürmte er regelmäßiger für die U18 von Servette, erzielte in 14 Partien 8 Tore, ein Schnitt von einem Tor pro 130 Minuten. Gegen Ende der Saison folgte das Debüt in der Kampfmannschaft: Knapp fünf Monate nach seinem 17.Geburtstag wurde er beim 1:2 gegen Schaffhausen eingewechselt und spielte danach noch zwei weitere Saisonspiele.

Starker Wechsel vom Nachwuchs ins Profigeschäft

2015/16 war Guillemenot bereits fixer Bestandteil der Servette-Kampfmannschaft. Das Zünglein an der Waage war aber die parallel laufende UEFA Youth League, wo er fix gesetzt war. Die Ligasaison war für den jungen Stürmer als Konsolidierung gedacht und um ihn nicht zu „verheizen“ wurde er nicht immer ins Getümmel geworfen, sondern auch mal mit den notwendigen Pausen belohnt. Zehnmal spielte er in der Liga von Beginn an, zwölfmal wurde er eingewechselt, eine Cup-Partie kam noch hinzu. Dabei gelangen dem Youngster sieben Tore und fünf Assists, was einem Schnitt von einem Scorerpunkt pro 94 Minuten entspricht. Eine außerordentlich starke Statistik für einen U18-Spieler in seiner ersten Saison auf Profilevel.

Youth League Tore ausschlaggebend

Der wichtigste Faktor in dieser „Durchbruchssaison“ war aber die Youth League, denn parallel zur harten dritten Schweizer Liga kam auch noch der Jugendfußball hinzu, wo Guillemenot mehr mit seinen spielerischen Vorzügen, als mit der sonst notwendigen Physis glänzen konnte. Sein Doppelpack gegen Villarreal beim 3:2-Auswärtssieg war noch entscheidend, in der nächsten Runde war gegen Anderlecht aber trotz eines weiteren Doppelpacks Endstation. Diese Partien waren aber der Grund dafür, warum der FC Barcelona anklopfte. Vier Treffer gegen andere Youngster waren wertvoller als die sieben Pflichtspieltore für die Servette-Kampfmannschaft. Und zwar aus einem einfachen Grund: Barcelona wollte Guillemenot in erster Linie für die Juvenil A, also die U18-Mannschaft holen. Und hier lag der Hund begraben, denn Guillemenot wäre bereits „weiter“ gewesen.

Trotz Barca-Vertrag: Rückschritt auf Nachwuchs-Level

Guillemenot wechselte ablösefrei nach Barcelona. In der sonst logischen Reihenfolge des Aufstiegs vom Nachwuchs- zum Erwachsenenfußballer war ebendieser Wechsel aber ein Rückschritt. Bei Servette spielte er in der Kampfmannschaft und auf Top-Level weiter im Nachwuchs. Für Barcelona sollte Jérémy auf demselben Toplevel, der UEFA Youth League spielen, andererseits aber in der spanischen U18-Meisterschaft, die völlig andere Tugenden voraussetzt, als die Schweizer Meisterschaft. In einer Zeit, in der sich Guillemenot bereits körperlich stark behaupten und auch gegen Routiniers bestehen musste, wurde er plötzlich wieder ins dauerhafte Spiel gegen Gleichaltrige zurückversetzt.

Nur zwei Einsätze für Barcelona B

Barcelona ist in diesem Zusammenhang nur ein großer Name. Guillemenot gab für diese große Chance seinen Platz in der Servette-Kampfmannschaft auf und versuchte sich nun gegen einige der weltweit größten Talente in der eigenen Mannschaft durchzusetzen. Relativ knapp nach seinem Wechsel zu Barcelona durfte er auch zweimal in der dritten Liga für den FC Barcelona B ran, stand 71 Minuten auf dem Platz, erzielte auch prompt einen Treffer. Aber das war’s dann schon wieder. Den Rest der Saison verbrachte er bei der U18, wo er natürlich funktionierte, aber den Anschluss an den Erwachsenenfußball verlor. Es wäre ganz anders gekommen, wenn Guillemenot in seiner ersten Barca-Saison sowohl für die Juvenil A, als auch für die B-Mannschaft gespielt hätte. Das war aber auch aufgrund der großen Talentedichte beim FC Barcelona nicht der Fall.

Viel Theorie und dennoch Tore

Ein zweites Problem, das der Wechsel nach Barcelona mit sich brachte, war der Zeitpunkt. Im relativ hohen Alter von 17 Jahren trat Guillemenot in die berühmte Jugendakademie La Masia ein, bekam eine Wohnung direkt neben den Trainingsplätzen, wurde mit allem ausgestattet was es braucht. Nur mit einem konnte er nicht spontan ausgestattet werden: Mit der Philosophie, die viele seiner Mitspieler bereits seit mehreren Jahren oder gar ihr gesamtes, junges Fußballerleben genossen und die sich unter derart großem Zeitdruck nicht komplett erlernen lässt. Guillemenot knipste sofort, erzielte in seinen sechs Vorbereitungsspielen auf die neue Saison sieben Tore und dennoch waren gerade bei ihm Theorieeinheiten vorherrschend. Gerade bei Mittelstürmern muss die Umsetzung der Barcelona-Philosophie exakt sein und speziell im Antizipationsspiel war sie es bei Guillemenot noch nicht, auch wenn er stets Torgefahr ausstrahlte.

Insgesamt 27 Treffer in der ersten Saison

2016/17 war dennoch eine gute Spielzeit für den jungen Schweizer. Obwohl er nur knapp ein Drittel der möglichen Spielminuten in der Liga bekam, erzielte er auf nationaler Ebene sechs Treffer für die U18 von Barcelona. Hinzu kamen drei Tore und zwei Assists in sieben Youth-League-Spielen. Erst im Halbfinale scheiterte Barcelona an Red Bull Salzburg. Guillemenot machte inklusive der teils hochkarätigen Testspiele und Nachwuchscups 19 Tore für Barcas Nachwuchsteam. In den Barcelona-Foren wurden vor allem er und der Südkoreaner Lee – mittlerweile Teamspieler und bei Hellas Verona unter Vertrag – gefeiert und es war nicht selten die Rede davon, dass gerade Guillemenot die Abschlussschwäche des Teams ausmerzen kann. Mit den acht Treffern für die Schweizer U19-Nationalelf, die ebenfalls im Laufe dieser Saison gelangen, kam Guillemenot über die gesamte Saison sogar auf 27 Treffer.

Leihgeschäft statt Chance in der zweiten Mannschaft

So weit, so gut – das erste Jahr wurde weitgehend gut über die Runden gebracht, nun ging es an den nächsten Schritt. Und der sollte im Idealfall Stammplatz bei Barcelona B heißen. In einem mittlerweile weitgehend vertrauten System und einer klaren Offensividee wieder in den Erwachsenenfußball einzutreten, wäre an dieser Stelle perfekt für Guillemenot gewesen. An dieser Stelle wird nun aber klar, wie schwer es ist, beim FC Barcelona ganz nach oben zu kommen. Guillemenot wurde an den Drittligisten Sabadell verliehen und war damit nicht alleine: Auch der 19-jährige Rafa Mújica musste sich in derselben Saison seine Sporen bei Cornellá verdienen, obwohl er als zweites großes Offensivtalent bei Barcelona B galt. Der bereits angesprochene Lee wurde nach Italien verliehen – nach nur einem Spiel für Barca B. Man setzte auf andere: Der Honduraner Anthony Lozano wechselte noch im Winter von Barcelona B zu Girona, der bereits 23-jährige Marc wurde für die kommende Saison an Eibar verliehen, nachdem beide in der Vorsaison für Barca B stark spielten.

Sabadell-Wechsel zwar logisch, aber mit vielen Problemen verbunden

Von allen Barca-„Versuchsobjekten“ kam Guillemenot in der Saison 2017/18 am schlechtesten weg. Für Sabadell bestritt er 23 Partien, davon nur acht von Beginn an. Die Ausbeute war ein schöner Treffer, dafür aber zwei gelb-rote Karten – und nur eine einzige Partie über 90 Minuten. Sabadell war in dieser Saison die defensivste Mannschaft der dritten spanischen Liga. In den 38 Partien des Teams fielen insgesamt nur 60 Tore und defensive Stabilität war oberste Prämisse. Als Stürmer war man da aufgrund der schleppend nachrückenden Hintermannschaft schon mal auf verlorenem Posten. Das zweite Problem war das statistisch starke, aber dennoch irgendwie verlorene Jahr in Barcelonas U18. In jungen Jahren bei den Profis, dann wieder im Nachwuchs, plötzlich wieder bei (sehr defensiv ausgerichteten) Profis. Und trotzdem war offensichtlich, wieso Barcelona für dieses Leihgeschäft gerade Sabadell auserkor: Die tiefe Grundposition des Teams sollte Guillemenots Antizipationsspiel, das Bälle nach vorne schleppen, nachdem man sie tief abgeholt hatte, verbessern. Unterm Strich steht aber ein gebrauchtes Jahr und im Grunde das Prädikat des Flops bei Sabadell, was aber mehr oder weniger vorauszuahnen war.

Antithese zu bestehenden Rapid-Stürmern

Die Gründe, warum nun Fredy Bickel aktiv wurde, scheinen ebenso offensichtlich: Mit Deni Alar und dem noch verletzten Andrija Pavlovic  hat Rapid bereits zwei Stürmer verpflichtet, die gerne ausweichend agieren und sich gerne in den Raum des Zehners oder an die Seiten fallen lassen. Mit Ivan ist eine weitere Stürmer-Alternative ohnehin polyvalent in seinen Bewegungen und technischen Möglichkeiten. Guillemenot ist von allen Rapid-Stürmern der klassischste Strafraumstürmer.

Direkt und instinktgetrieben wie einst Wallner

Mit seiner Körpergröße von 182cm ist er nicht unbedingt ein Wandspieler wie es Kvilitaia und zahlreiche seiner Vorgänger waren, an Durchschlagskraft und auch Kopfballstärke mangelt es dem jungen Schweizer aber nicht. Phasenweise erinnert er in seinen Bewegungsabläufen und vor allem in seinem „Zocken“ an den jungen Roman Wallner. Die markanteste Stärke des 20-Jährigen sind Abschlusssituationen. Guillemenot schließt häufig instinktiv ab, zögert kaum, schießt sofort. Seine Schussratio ist dabei sehr hoch, was bedeutet, dass er zahlreiche Schüsse direkt aufs Tor bringt. Mehr als zwei Ballberührungen braucht er im Strafraum für gewöhnlich nicht, um eine Aktion abzuschließen.

Passend zu den Mitspielern, aber systematische Flexibilität als Voraussetzung

In seltensten Fällen spielte Guillemenot auch als Zehner oder Linksaußen, was aber bei Rapid mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht der Fall sein wird. Würde sich der Neuzugang durchsetzen, verhieße das für die Position von Deni Alar, aber auch für den im September zurückkehrenden Pavlovic nichts Gutes. Zumindest dann, wenn Rapid weiterhin mit einer Spitze aufläuft. Der Strafraum- bzw. Fünfmeterraumfokus von Guillemenot ist stärker als der von Alar und Pavlovic, wodurch er eigentlich gut zu beiden passen würde. 4-4-2-Varianten mit Guillemenot als Speerspitze funktionieren vermutlich besser, als Varianten mit Alar und Pavlovic zusammen. Im Falle eines Einstürmer-Systems wird es aber zu Zweckentfremdungen und unpopulären Positionsentscheiden kommen.

Trotz Barcelona: Österreich ist die größte Herausforderung

Bevor dies diskutiert werden kann, muss aber zu allererst abgewartet werden, wie schnell sich Guillemenot in Wien einfinden wird. Das allgemeine Rüstzeug bringt er zwar mit, aber im letzten Jahr fiel er dennoch in ein Formloch und beginnt erst in der Woche des Meisterschaftsstarts mit der Mannschaft zu trainieren. Die österreichische Bundesliga ist zudem für den 20-Jährigen die bis dato qualitativ und physisch größte Herausforderung, weshalb auch entsprechende, im Vergleich zur Sabadell-Zeit veränderte Fitnessvoraussetzungen erfüllt werden müssen.

Je offensiver das gesamte Team, desto besser

Guillemenot wird bei Rapid eher ein „Heim-Stürmer“ sein. Der Schweizer ist stärker, wenn die allgemeine Spielhöhe in Richtung gegnerisches Tor verlagert wird. Seine Grundschnelligkeit macht ihn zwar auch zu einem passablen Konterspieler, aber die Stärken des Angreifers liegen ganz klar in den kurzen, schnellen Aktionen. Kurze Antritte, gut durchdachte Laufwege, sofortiger Abschluss – das sind die Haupttugenden des 20-Jährigen. Die Auftritte bei Sabadell waren nicht sonderlich repräsentativ für seine Kurzpassfähigkeiten, aber diese sollten in La Masia ebenfalls etwas geschliffen worden sein. Für kurze, schnelle Aktionen am gegnerischen Strafraum ist er also ein guter Kombinationsspieler. Das Fallenlassen ins Mittelfeld und das dort auf Kontrolle abzielende Kurzpassspiel, wie es etwa Deni Alar gut beherrscht und auch Kvilitaia konnte, sind sicher noch ausbaufähig.

Schafft Guillemenot erneut den schwersten Sprung?

Zwei große offene Fragen werden Guillemenot in seiner Anfangszeit bei Rapid begleiten: Wird der Schweizer erneut den Sprung vom „Kinderfußball“ zum „echten Fußball“ schaffen und wie stark wird er im Pressing sein, speziell für den Fall, dass seine Nebenleute ein wenig auslassen? Der Mehrfachsprung La Masia -> Sabadell -> Rapid ist kein kleiner und hat nicht primär mit fußballerischen Qualitäten, sondern mit der nötigen Mentalität und Kampfkraft zu tun. Und zumal das Pressing in der vergangenen Saison eines der Hauptprobleme Rapids war, muss die neue Pressingformation mit Argusaugen beobachtet werden. Klar ist, dass Guillemenot auch in dieser Hinsicht kein „Pendler“ ist, sondern eher die Zentralachse besetzt, um einen möglichen Direktweg zum Tor aufrechtzuerhalten. Die Pressingintensität der Flügelspieler müsste dadurch noch höher werden.

Parallelen zur Joelinton-Leihe…

Rapid holte den gebürtigen Genfer leihweise und könnte ihn danach langfristig verpflichten. In der Vorgeschichte erinnert der Transfer ein wenig an den von Joelinton vor zwei Jahren. Auch der Brasilianer war Stürmer, spielte einige gute Partien für Sport Recife und wechselte dann nach Hoffenheim, zu einem Top-Klub, wo er keine Chancen auf einen Platz in der Kampfmannschaft hatte. Guillemenot hat heute mehr Erfahrung als Joelinton damals, auch die sprachliche Barriere sollte weitgehend wegfallen und die Kaufoption ist im Gegensatz zum Brasilianer ebenfalls zu stemmen.

…aber Joelinton kam als „Einser“

Allerdings gibt es einen massiven Unterschied zum Sommer 2016: Joelinton wurde damals als Einserstürmer verpflichtet, was weithin als zu riskant kritisiert wurde. Guillemenot ist nach Kvilitaias Abgang auf dem Papier Stürmer Nummer drei. Alar sollte momentan vorne sein, Pavlovic wird in etwa zwei Monaten denselben Anspruch stellen. Guillemenot hat somit weniger Druck als Joelinton seinerzeit und kann von hinten die vorderen Kaderplätze angreifen. Die Verpflichtung eines zusätzlichen Topmannes für den Sturm hätte den Konkurrenzkampf auch spontan deutlich stärker angeheizt. Das hätte zwar seine Vorteile gehabt, aber der als ausgezeichneter Kaderplaner bekannte Fredy Bickel entschied sich nun für eine solche, in der Hierarchie gestaffelte Variante. Und diese kann auch aufgehen – aber nur sofern Deni Alar von Beginn an trifft und der Stürmerdruck damit im Allgemeinen niedrig bleibt. Andernfalls wird auch der Perspektivtransfer Guillemenot kritisch beäugt werden. Weniger wegen dem Spieler selbst, sondern wegen dem Perspektivcharakter, den der Transfer zu Beginn einer enorm wichtigen Saison aufweist.

Daniel Mandl, abseits.at

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Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen