Die Bundesligasaison 2015/2016 geht in die finale Phase. Am Wochenende wurde mit der 28. Runde das letzte Meisterschaftsviertel gestartet. Die aktuelle Tabellensituation verspricht durchaus... Schneckenrennen Bundesliga: Die Zahlen zum scheinbar lahmsten Titelkampf seit Jahren

_Bundesliga MeisterDie Bundesligasaison 2015/2016 geht in die finale Phase. Am Wochenende wurde mit der 28. Runde das letzte Meisterschaftsviertel gestartet. Die aktuelle Tabellensituation verspricht durchaus Spannung, sorgt aber auch immer wieder für Diskussionen über das Niveau hierzulande. abseits.at wirft einen Blick auf die Daten.

Die diskutable Lage der österreichischen Liga und des Meisterrennens lässt sich besonders gut anhand folgender Tatsache beschreiben: In den bisherigen 28 Runde war es nur zweimal der Fall, dass Salzburg, Rapid und die Austria ihre Spiele am selben Spieltag gewinnen konnte. Eine vernichtende Statistik, die den Kritikern unweigerlich in die Hände spielt. Aber handelt es sich heuer nur um einen Ausnahmefall?

Vergleich mit den letzten zehn Jahren

Zunächst sehen wir uns den aktuellen Punktschnitt der zehn Erstligateams an und vergleichen ihn mit jenen der letzten zehn Jahre. Jeder Punkt im nachstehenden Diagramm steht dabei für einen Klub und die durchschnittlich erreichten Punkte pro Spiel.

Man erkennt sofort, dass das Feld äußerst dich beisammen ist. Tabellenführer Red Bull Salzburg holt im Schnitt nur 1,03 Punkte pro Spiel mehr als der Letzte SV Grödig. Einen kleineren Abstand gab es innerhalb der vorliegenden Stichprobe nur in der Saison 2005/2006, als Absteiger Admira nur 0,94 Punkte pro Spiel weniger als Meister Austria holte. Generell ähnelt die damalige Datenstruktur jener von heuer extrem stark.

Zwischen diesen beiden Saisonen gab es verschiedenste Entwicklungen. Schon in der letzten Spielzeit hatte man das Gefühl, dass jeder jeden schlagen konnte, was sich darin äußert, dass die Datenpunkte nahezu regelmäßig verteilt sind. Den wohl besten Kompromiss zwischen Spannung und Niveau gab es in der Saison 2008/2009 als zwei Teams um den Titel kämpften, vier eng am Tabellenende lagen und die restlichen drei Mannschaften sich die Europacupplätze ausmachten. Dazwischen gab es respektable Abstände. In dieser Saison war auch der Ligaschnitt mit 1,40 Punkten pro Spiel am höchsten.

Behalten die Teams das aktuelle Tempo, würde der Meister am Saisonende einen Punkteschnitt von unter zwei Punkten pro Spiel haben. Eine durchaus magere, aber keinesfalls einzigartige Ausbeute. In vier der letzten zehn Jahre war das nämlich bereits der Fall – zuletzt 2011/2012, als es auch den niedrigsten Gesamtschnitt von 1,33 Punkte pro Spiel gab.

Vergleich mit den Fünfjahreswertung-Konkurrenten

Als nächstes vergleichen wir die Punkteausbeute mit jenen Ländern, die in der UEFA-Fünfjahreswertung um die österreichische Liga herum platziert sind. Aufgrund des ambitionierten Ziels der Liga, einen Fixplatz in der Gruppenphase der Champions League zu erreichen, wurden dabei nach oben hin alle Länder bis einschließlich der Schweiz berücksichtigt, die aktuell den dafür notwendigen 12. Platz belegt.

Auf den ersten Blick fällt nun auf, dass das Gedränge in keiner Liga so hoch ist, wie in der tipico Bundesliga. Der Mittelwert variiert übrigens nur unwesentlich, da er lediglich von der relativen Anzahl an Unentschieden und nicht von der Größe der Liga abhängt. Nur in der polnischen Ekstraklasa ist der Abstand zwischen Tabellenführer und –letzten annähernd gering (1,18) wie in Österreich. Gerade das Führungsduo liegt aber deutlich weiter vorne als der Rest und auch über dem Schnitt von Salzburg.

Mit Ausnahme von Rumänien, wo aktuell Astra Giurgiu mit 51 Punkten aus 26 Spielen Erster ist, gibt es in keinem anderen Land einen Tabellenführer, der unter der 2-Punkte-pro-Spiel-Marke liegt. In der Schweiz, dem Lieblingsvergleichsland der Kritiker, ist der FC Basel wie gewohnt das Maß aller Dinge. Dahinter gibt es jedoch anders als in Österreich klare Abstufungen.

Vergleich mit den europäischen Topligen

Zum Abschluss wagen wir nun noch den Vergleich mit den besten Ligen Europas und sehen uns den Punkteschnitt der Teams aus Spanien, Deutschland, Italien, England, Portugal, Russland, Ukraine und Belgien an. Auch hier kann man den Stand der tipico Bundesliga nur schwer relativieren.

In diesem Vergleich gibt es außer Salzburg keinen einzigen Tabellenführer, der unter zwei Punkte pro Spiel erreicht. Im Gegenteil: die meisten kratzen an der 2,5er-Grenze oder übertreffen sie sogar. Andererseits holte nur das belgische Schlusslicht bisher mehr Punkte pro Spiel als der SV Grödig.

Sieht man sich die Verteilung der Datenpunkte an, dann wird das Bild nicht wirklich besser. In Österreich liegen 90% der Mannschaften zwischen einem und zwei Punkten pro Spiel – ein Wert, an den nur Frankreichs Ligue 1 annährend ankommt (85%). Überall sonst liegt diese Quote bei maximal 75%.

Eine Frage der Perspektive

Eine Situation wie in der österreichischen Liga findet man international also weder in den Topligen noch in – gemessen an der UEFA-Fünfjahreswertung – ähnlich starken Ligen wieder. Auch wenn man sie mit den heimischen Ausgängen der letzten Jahre vergleicht, findet kaum ein derart enges Feld, bei dem der Tabellenführer einen ähnlich tiefen Punktschnitt hat.

Ob dies nun positiv oder negativ zu bewerten ist, hängt von der Perspektive ab. Ein neutraler, außenstehender Beobachter empfindet die Ausgeglichenheit der österreichischen Liga womöglich als spannende Ausgangslage für das Saisonfinish. Emotionale Fans, die Woche für Woche mit einem Klub mitfiebern, sind hingegen wohl eher enttäuscht darüber, dass es ihr Team nicht schafft, im Titelkampf Kapital aus dem Schwächeln der Konkurrenz zu schlagen.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem