Sehr viel wurde in den letzten Tagen und Wochen über die Geschehnisse beim ÖFB und die nach dem Aus von Marcel Koller entstandene Teamchef-Suche... Der Neo-Teamchef im Porträt (3): Verhalten bei eigenem und gegnerischem Ballbesitz

Sehr viel wurde in den letzten Tagen und Wochen über die Geschehnisse beim ÖFB und die nach dem Aus von Marcel Koller entstandene Teamchef-Suche geschrieben und diskutiert. In den Medien und den sozialen Netzwerken standen dabei leider wieder einmal fast ausschließlich emotionale und persönliche Aspekte im Fokus. Die mächtigen Landespräsidenten wurden dabei ebenso auseinandergenommen wie undurchsichtige Entscheidungsprozesse in ÖFB-Gremien, unglückliche Pressekonferenzen und angebliche „Top-Power-Point Präsentationen“ von möglichen Teamchef-Kandidaten. Und einige suchten noch ganz verzweifelt nach einer Analyse zur missglückten Europameisterschaft 2016. Sportdirektor Willi Ruttensteiner sollte nämlich nicht die nötigen Schlüsse daraus gezogen haben. Dabei darf man den entscheidenden Punkt dieser ganzen Debatte nicht übersehen: In Österreich soll in Zukunft wieder der Fußball im Mittelpunkt stehen und nicht die Wissenschaft.

All jenen, die davon genug haben, bieten wir ein Kontrastprogramm. Wir richten den Scheinwerfer auf das Spielfeld und analysieren in dieser vierteiligen Serie unter anderem die Entwicklung des Trainers Franco Foda, sein aktuelles Spielmodell mit Sturm Graz und versuchen mögliche Modelle für das zukünftige Spiel der Nationalmannschaft unter Foda zu konstruieren. Im ersten Teil widmeten wir uns der persönlichen Entwicklung des Franco Foda an, im zweiten sahen wir uns das Spielmodell des SK Sturm an. Nun analysieren wir wie sich seine Mannschaft im Spiel gegen und mit dem Ball verhalten.

Spiel gegen den Ball

Einige Schlagwörter zum Spiel gegen den Ball von Sturm Graz sind ja im Laufe des Artikels bereits gefallen. Dazu gehören Kompaktheit, Kollektivität, Raumdeckung mit einer ballorientierten Ausrichtung und eine große Portion Disziplin.

Interessant für einen Tabellenführer ist das teilweise sehr passive und abwartende Pressing von Sturm. Dabei ziehen sie sich mit allen Feldspielern zurück und positionieren sich in einem tiefen Mittelfeldpressing. Dem Gegner wird dessen erstes Drittel daher meist kampflos überlassen und der Spielaufbau über die gegnerischen Innenverteidiger zugelassen. Zu dieser vorsichtigeren und passiveren Ausrichtung passt auch der 5-4-1 Mantel sehr gut.

In der untenstehenden Grafik sieht man exemplarisch die Struktur von Sturm im Pressing:

Der Gegner baut hier beispielhaft aus einem 4-3-3 heraus auf. Zu erkennen ist auch die aktive Pressingzone, in welcher sich der Sturm-Block aufhält. Bei relativ vielen Gegnern in der Bundesliga war zu sehen, dass sich viele Spieler um den Block herum positionierten und Sturm dadurch selten bis gar nie die Balance und Organisation verlor.

Ein wichtiger Baustein im Spiel gegen den Ball von Foda ist, dass im Mittelfeld das Zentrum sowie die Halbräume geschossen bleiben. Innerhalb der 5-4-1 Struktur orientierten sich deshalb die beiden Flügelspieler Röcher und Huspek nach innen zu den Zentrumsspielern und positionierten sich bei gegnerischem Aufbau in den jeweiligen Halbräumen. Die Flügelzonen werden daher bewusst offen gelassen, erst bei einem Pass in diese Zonen wird dorthin verschoben und der ballführende Außenverteidiger (bzw. teilweise auch herauskippende Sechser/Achter) von den Flügelspielern unter Druck gesetzt. Durch diese Anordnung ist es für den Gegner äußerst schwer, den Ball im Zentrum zu kontrollieren oder gar längere Ballstafetten aufzuziehen.

Mit dieser Herangehensweise konnte so auch der amtierende Meister aus Salzburg zuhause beim ersten Aufeinandertreffen in dieser Saison mit 1:0 bezwungen werden. Gegen das (zu diesem Zeitpunkt sehr extrem) zentrumslastige Kombinationsspiel der Bullen wurden die zentralen Spielfeldbereiche mit den beiden Ketten sehr gut zugestellt und der Zwischenlinienraum versucht klein zu halten. Den Salzburgern wurde der Spielraum maximal verknappt und den passempfangenden Spielern keine Zeit gegeben. Meist wurden diese durch geschicktes Herausrücken in den Zwischenlinienraum mit dem Rücken zum Tor gestellt, wodurch dem Salzburger Angriffsbemühungen in diesem Spiel die Tiefe genommen wurde. Hier geht’s zur ausführlichen Analyse des Spiels.

Ein weiterer wichtiger Faktor für das Abwehrverhalten ist die Kontrolle des Zwischenlinienraums. Aufgrund von nur zwei vorhandenen Linien ist es eine logische Konsequenz, dass der Raum zwischen diesen Reihen ab und zu groß und zu weit werden kann. Dazu kommt, dass Sturm selten Druck auf den ballführenden Aufbauspieler hat. Dieser könnte dadurch in aller Ruhe (bei entsprechender Passqualität) solche Vertikalpässe vorbereiten. Eine nicht unproblematische Mischung. Vor allem zu Saisonbeginn hatte Sturm auch damit noch zu kämpfen, beim Auswärtsspiel in Hütteldorf gegen Rapid führte dies noch zu einigen Instabilitäten und „unnötigen“ Laufwegen.
Aber mit Fortdauer der Saison hat Foda diesen Schwachpunkt immer besser in den Griff bekommen. Dabei zog er nicht das Mittefeld zurück, was zu einer noch tieferen Grundpositionierung geführt hätte, sondern verlangte von den drei zentralen Verteidigern in der Fünferkette ein schnelleres und aggressiveres Herausrücken aus der Kette, um den Passempfänger bereits bei der Ballannahme stellen zu können. Und dies war auch genau der richtige Weg. Vor allem Koch und Maresic zeigen hier eine sehr hohe Konstanz und Zweikampfstärke. Dieses Verlassen der Kette ist auch deshalb möglich, weil aufgrund der Fünferkette die nötige Absicherung gegeben ist und sehr schnell ein Abwehrdreieck gebildet werden kann. Von Spiel zu Spiel wurden diese Mechanismen immer harmonischer und effektiver.

Sollte doch einmal ein Pass in den Zwischenlinienraum durchkommen, schieben sich die beiden Ketten zusammen und der räumliche wie zeitliche Druck auf den Passempfänger kann hochgehalten werden. Dadurch ist es für den Gegner äußerst schwierig, kontrollierte Folgeaktionen einzuleiten. Eh klar, dass es dafür permanente Konzentration und Handlungsschnelligkeit benötigt.

Sturm kann auch Angriffspressing

Wie so viele Mannschaften im modernen Fußball, die auf ein Abwehr- oder Mittelfeldpressing zurückgreifen, nutzt auch Sturm Graz immer wieder konkrete Auslöser in einem Spiel, um situativ auf ein Angriffspressing zu switchen. Die häufigsten Pressingauslöser sind Abstöße und Einwürfe.
Um den dafür nötigen Zugriff herzustellen rücken die beiden Außenspieler Röcher und Huspek eine Linie nach vorne und positionieren sich neben Deni Alar, dahinter orientieren sich die Flügelverteidiger an den gegnerischen Außenverteidigern und die beiden zentralen Mittelfeldspieler rücken ebenfalls nach und stellen für den Gegner die umliegenden zentralen Optionen zu. Dadurch entsteht ein 3-4-3.

Im bereits oben erwähnten Spiel gegen Salzburg führte diese Pressingvariante zu einer guten Balleroberung durch Sandi Lovric und nach einer direkt vorgetragenen Umschaltaktion zum entscheidenden Treffer durch Alar.

Röcher und Huspek rücken neben Alar vor. Huspek läuft im Bogen von außen nach innen Caleta-Car an, wodurch der Passweg auf Patrick Farkas zugestellt ist. Unterstützend dazu rückt auch Stefan Hierländer auf der ballnahen Seite aus der Fünferkette heraus und stellt Farkas zu.
Für Caleta-Car blieb in dieser Situation nur mehr der riskante Pass auf den entgegenkommenden Berisha, der aber von Lovric aufmerksam verfolgt wurde und durch eine schlechte Ballmitnahme den Ball für Lovric kurz frei gab, der daraufhin sofort in die Tiefe weiterleiten konnte.

Mannschaftstaktisch kann man daher sagen, dass das Spiel gegen den Ball sehr stimmig und geschlossen durchgezogen wird. Wirkliche Schwächen im Mannschaftsverbund sind eigentlich nicht zu finden. Die horizontalen Verschiebebewegungen gehen sehr synchron vonstatten, was in einer Raumdeckung vermutlich das Wichtigste ist. Auch die Intensität und Disziplin über 90 Minuten passt zu 100 %. Dazu kann Sturm aus der tiefen Grundpositionierung auch immer wieder auf ein Angriffspressing switchen, was die Blackies noch unangenehmer macht. Es ist deshalb davon auszugehen, dass diese Elemente von Foda auch bei der Arbeit mit dem Nationalteam einfließen werden.

Spiel mit dem Ball

Wie bereits dem Zitat von Franco Foda zu entnehmen war, war die Implementierung eines besseren Ballbesitzspiels eines der wichtigsten Ziele vor der Saison. Nach 14 gespielten Runden kann man durchaus behaupten, dass dieses Ziel bis jetzt vollends erreicht worden ist. Die Grazer gehörten mit Sicherheit zu den spiel- und kombinationsstärksten Mannschaften in Österreich.

Auch in dieser Spielphase kommt den Grazern die häufig genutzte 3-4-3 Struktur zugute. Allein durch die positionelle Anordnung ist eine sehr gute Raumaufteilung und –besetzung gegeben. Die Verbindungen zwischen den Spielern sind gut, wodurch der ballführende Spieler immer mehrere Optionen in alle Spielrichtungen zur Verfügung hat. Diese gute Raumaufteilung durch das 3-4-3 ist die Basis für das Ballbesitzspiel.
Allein im Aufbauspiel kann durch die drei Verteidiger und die beiden Sechser auf ein äußerst stabiles Passnetz zurückgegriffen werden, wodurch dem Gegner ein druckvolles Pressing erschwert wird.
Die Wing-Backs geben dafür auf den Flügeln die notwendige Breite und ziehen Spiel und Gegner auseinander. Sie sind für die zentralen Spieler immer wieder gute Optionen, um druckvolle Situationen in der Mitte auflösen zu können oder das Spiel zu verlagern. Zudem sind sie meist die Abnehmer für weite Diagonalbälle (von Zulj oder aus der Dreierkette). In Zusammenarbeit mit den Flügelspielern Röcher und Huspek sorgen die Wing-Backs immer wieder für Gefahr über die Außen und stellen die Gegner vor Zuordnungsprobleme. Dabei nutzten die Grazer häufig die Schwächen von Mannorientierungen auf den Flügeln aus, worauf in der heimischen Bundesliga immer noch sehr viele Mannschaften zurückgreifen. Ein typisches Beispiel dazu war der Führungstreffer durch Alar in Wolfsberg.

In dieser grafischen Darstellung sieht man die Raumaufteilung sowie die Passverbindungen bei eigenem Ballbesitz:

Hier erkennt man die vielen Verbindungen im 3-4-3 zwischen den einzelnen Positionen und Spielern sowie die unzähligen diagonalen Passmöglichkeiten. Daneben kommt es zu  permanenten Dreiecksbildungen und vielen lokalen Überzahlsituationen, wie hier gegen ein flaches 4-4-2.

Für alle jene, die diesen Zeichnungen nicht ganz trauen, gibt es zum Glück die sehr tollen und aussagekräftigen Passmaps. Die zeigen sowohl die realtaktischen Positionen der Spieler bei eigenem Ballbesitz als auch die Passverbindungen zwischen den Spielern.
Hier zum Beispiel die Passmap vom Spiel gegen Rapid in der letzten Runde:

Entscheidende Säulen bzw. sogenannte „Unterschiedsspieler“ im Angriffsspiel der Blackies sind die beiden Außen Röcher und Huspek. Beide sind extrem schnell und trickreich und sorgen dadurch immer wieder für Durchschlagskraft und Überraschungsmomente. Beide passen ihre Positionen bei eigenem Ballbesitz situativ immer wieder an. Meist positionieren sie sich etwas eingerückt in den Halbräumen neben Alar zwischen den Linien des Gegners. Dabei bewegen sie sich in den Schnittstellen zwischen den gegnerischen Innen- und Außenverteidigern und binden zusammen mit Alar die gesamte gegnerische Abwehr. Dadurch öffnen sie auf den Flügeln Raum für die nachrückenden Wing-Backs.
Röcher und Huspek können in bestimmten Situationen aber auch breit bleiben und so die gegnerische Abwehrkette auseinanderziehen. Vor allem nach Spielverlagerungen entstehen durch diese breite Positionierung immer wieder gefährliche 1 gegen 1 Duelle, in den Röcher und Huspek mit Tempo ihre Qualitäten ausspielen können.

Nicht zu vergessen ist das offensive Umschaltspiel, das die Grazer auch nach wie vor sehr druckvoll umsetzen können. Auch hier sind Röcher und Huspek entscheidende Spieler, weil sie mit ihre Schnelligkeit offene Räume sehr gut anlaufen können und dabei auch in der Lage sind, mit Ball am Fuß den Gegenspieler einfach zu überlaufen. Meist ist Peter Zulj der Lieferant aus dem Zentrum für solche Bälle, weil er wie bereits beschrieben ein sehr sauberes Passspiel hat und den letzten Pass konstant gut und präzise spielen kann. Anhand des Umschaltspiels erkennt man wieder die Symbiose zwischen Spielertransfers und der richtigen taktischen Einbindung dieser Spieler auf’m Platz. Sturm Graz hat dies bisher sehr gut hinbekommen.

Ein weiterer Nebenaspekt ist, dass durch die gute Raumaufteilung und den vielen Dreiecksbildungen zwischen den Spielern ein sehr griffiges Gegenpressing nach Ballverlust möglich ist. Obwohl der Weg erkennbar ist und in den vergangenen Runden eine deutliche Steigerung zu sehen war (vor allem gegen Rapid), wäre in diesem Aspekt gefühlt noch etwas Luft nach oben. Der erste Impuls nach Ballverlust könnte in der Gruppe oft noch etwas schneller und aggressiver sein. Auch weil man mit der Dreierkette im Rücken über eine gute und ausreichende Restverteidigung verfügt. Teilweise müssen dadurch noch recht viele „unnötige“ Laufwege nach hinten gemacht werden.

An dieser Stelle könnten noch viele weitere Details wesentlich genauer aufgegriffen werden. Zum Beispiel die Rollenverteilungen im zentralen Mittelfeld , die effektiven Halbraumverlagerungen oder das spielerische Lösen von Drucksituationen am Flügel dank Flachpässen und vielen kleinen Dreiecken. Aber all das ergibt sich praktisch zwangsläufig aus der angesprochenen Grundstruktur und der sehr sauberen Raumaufteilung auf dem Spielfeld. Das ist die Grundlage. Dazu kommt, dass diese Positionen mit den passenden Spielern besetzt werden und diese auch eine sehr gute Qualität mitbringen. Wie bereits beschrieben,  ergibt das eine das andere und viele kleine Rädchen laufen bei den Blackies harmonisch ineinander.

Würde ich an dieser Stelle noch spezifisch auf die jeweiligen Gegneranpassungen und Umstellungen eingehen, würde es den Rahmen dieser Analyse leider sprengen. Allen Interessierten kann ich das Auswärtsspiel gegen St. Pölten ans Herz legen, welches taktisch eines der interessantesten in der bisherigen Saison war und eindrucksvoll die Flexibilität von Franco Foda demonstriert.

Sebastian Ungerank, abseits.at

Sebastian Ungerank

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