Es war klar, dass es aufgrund der Ergebnisse bei der EM 2016 und der darauffolgenden Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018 eine Teamchef-Diskussion geben würde.... Kommentar: Zurück in die rot-weiß-rote Steinzeit

Es war klar, dass es aufgrund der Ergebnisse bei der EM 2016 und der darauffolgenden Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018 eine Teamchef-Diskussion geben würde. Die Art und Weise wie die Landesverbandspräsidenten Marcel Koller und Willi Ruttensteiner abservierten war aber weder professionell noch zielführend, geschweige denn auch nur in Ansätzen elegant. Und wenn man sich die Aussagen der Entscheidungsträger anhört, dann muss man befürchten, dass wir wieder in die Fußball-Steinzeit zurückkatapultiert werden.

Einigen Personen wird der 3:2-Heimsieg im letzten Heimspiel der WM-Qualifikation nur wenig geschmeckt haben, denn die jüngsten Personalentscheidungen rund um Koller und Ruttensteiner wären bei einer saftigen Niederlage gegen Serbien wesentlich leichter zu verteidigen gewesen. Da spielte allerdings die ersatzgeschwächte Mannschaft nicht mit, die auf UND abseits des Platzes Charakter bewies und eindrucksvoll demonstrierte, dass sie hinter Marcel Koller steht.

Kritische Fragen unerwünscht?

Jetzt müssen sich die Herrschaften kritische Fragen gefallen lassen. In der gestrigen Sport am Sonntag-Sendung reagierte der Salzburger Fußballverbandspräsident Herbert Hübel äußerst dünnhäutig auf Fragen, in denen leise Kritik eines ORF-Reporters mitschwang. Wir zitieren:
„Nicht alles hineininterpretieren, ihr wärt´s ja nie zufrieden, dann würden wir euch arbeitslos machen. Also nehmt´s das leicht das Ganze, ok? Wenn´s zu schnell ist dann heißt es, es wäre nicht bedacht, wenn es zu langsam ist, ist es zu langsam, also man macht es nie recht, ja? Aber ich bin froh, dass es so viele Teamchefs gibt. Also haltets schön die Daumen und bleibt´s dem Fußball treu, ja?“

Diese Antwort ist an Überheblichkeit nur schwer zu überbieten. Wenn den Landesverbandspräsidenten schon die Macht eingeräumt wird das letzte Wort bei derart wichtigen Personalfragen zu haben, dann sollten sie sich ihrer Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit auch bewusst sein. „Also nehmts das Ganze leicht, ok?“  Also haltets schön die Daumen und bleibts dem Fußball treu, ja?“ Solche Aussagen kann man sich vielleicht gegenüber einer U6-Nachwuchsmannschaft in Dorfgastein erlauben. Anmaßender geht es wirklich kaum.

Flach spielen, hoch gewinnen?

Nun soll Peter Schöttel als Nachfolger von Willi Ruttensteiner den Nachfolger von Marcel Koller finden. In den kommenden Tagen wird eine Liste mit Kandidaten erstellt, bis Ende des Monats soll dem Volk der neue Teamchef präsentiert werden. Und jetzt wird es laut KURIER richtig abenteuerlich: „Den Verantwortlichen schwebt eine billigere Lösung vor…. Ein weiterer Wunsch: Es sollen wieder vermehrt Praktiker am Ball sein. Fußball sei keine Wissenschaft, war zuletzt immer wieder zu hören.“

Dazu passen auch perfekt die Aussagen einiger Landesverbandspräsidenten, die ebenfalls in der gestrigen Sport am Sonntag Sendung eingeblendet wurden. Der Präsident des Tiroler Fußballverbands Josef Geisler meinte etwa: „Grau ist alle Theorie – sie bringt den Fußball nicht weiter.“ Der bereits oben erwähnte Herbert Hübel ließ 2012 verkünden: „In manchen Dingen sollten wir zu den Wurzeln zurückkommen. Alles ein bisserl einfacher, da ist nichts Falsches dabei. Wir sind nicht Barcelona. Wir sind auch nicht der DFB.“
Wir sind aber auch nicht der SC Wald-Königsleiten, Herr Hübel.

Wer wird den Kopf hinhalten?

Peter Schöttel selbst wird man nicht zu viele Vorwürfe machen können, dass ihm die Stelle des ÖFB-Sportdirektors in den Schoß fiel. Er konnte zwar aus Zeitgründen noch kein Konzept präsentieren, überzeugte dennoch die Entscheidungsträger – wohl auch da er umgänglicher und weniger streitlustig als sein Vorgänger ist. Der besonnene Ex-Rapidler genießt aber auch in der Öffentlichkeit einen recht guten Ruf und man hätte in der Wahl des Ruttensteiner-Nachfolgers sicher gröberer Schnitzer machen können. Interessant ist auch, dass der neue Sportdirektor im Organigramm nicht mehr wie einst Ruttensteiner über dem Teamchef stehen soll. Schöttel ist dem zukünftigen Trainer der Nationalmannschaft gleichgestellt, damit sein Schicksal beim ÖFB nicht automatisch mit dem des Nationaltrainers verbunden ist. Wer wird also bei zukünftigen Misserfolgen seinen Kopf hinhalten? Hoffentlich jene Landespräsidenten, die für das momentane Chaos verantwortlich sind.

Was ist uns Fußball wert?

Fußball ist mehr als ein Spiel. Der französische Nobelpreisträger der Literatur, Albert Camus, wurde einmal gefragt, ob er den Fußball oder das Theater bevorzuge. Er entschied sich ohne zu zögern für den Fußball. Camus kickte als Nachwuchsspieler bei Racing Universitaire d’Alger und lernte dort was es heißt Verantwortung gegenüber seinen Mitspielern zu übernehmen: „Alles, was ich über Moral und Verpflichtung weiß, verdanke ich dem Fußball.“

Diese Aussage mag für einige vielleicht übertrieben sein, allerdings ist es nur schwer zu leugnen, dass Fußball in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle zukommt. Der oberösterreichische Verband drückt es auf seiner Homepage schön aus: „Der Sport mit dem runden Leder sozialisiert, integriert, erzieht, bewegt und begeistert.“ Tausende Nachwuchstrainer im ganzen Land bemühen sich, häufig auf ehrenamtlicher Basis, ihren Schützlingen Grundeigenschaften wie Teamgeist, Fairplay und einen respektvollen Umgang untereinander beizubringen. Ein erfolgreiches österreichisches Nationalteam samt dazugehörenden Idolen macht dabei die Sache um einiges einfacher.

Davon abgesehen ist es wohl kaum jemandem verborgen geblieben, dass unser Lieblingssport ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor geworden ist. Die Zeiten haben sich geändert. Der 19-jährige Maximilian Wöber, der beim SK Rapid gerade einmal 24 Pflichtspiele bestritt, wechselte für 7,5 Millionen Euro zu Ajax. Innenverteidiger Kevin Wimmer, der zwischen 2015 und 2017 15 Meisterschaftseinsätze bei den Spurs absolvierte, wechselte um 18 Millionen Pfund zu Stoke City.

Billiglösung kann teuer werden!

Für einen richtig guten Trainer wird man auch tief ins Börserl greifen müssen. Wenn die durchaus teuren Kartenpreise und die sonstigen Einnahmen nicht ausreichen, um einen absoluten Fachmann ins Land zu holen, dann wird man sich eben andere Finanzierungsmöglichkeiten suchen müssen. Warum nicht ein spezieller Sponsorendeal, der hilft das Gehalt zu stemmen? Kontakte in die Wirtschaft sollten genügend vorhanden sein! Hier wären die Landesverbandspräsidenten gefragt!

Anscheinend sind die derzeitigen Entscheidungsträger aber ohnehin der Meinung, dass Taktik und analytisches Denken überbewertet sind. Warum also unnötig Geld ausgeben? Wir sind ja nicht der FC Barcelona! Einfach einen Trainer holen, der so wie Sportdirektor Peter Schöttel dankbar sein wird, dass er diese einmalige Chance erhält. Ich lehne mich nicht sehr weit aus dem Fenster, wenn ich prophezeie, dass der neue Teamchef noch keinen vergleichbaren Posten in seiner Karriere als Cheftrainer bekleiden durfte. Und das könnte sich langfristig als teure Entscheidung erweisen. Wenn ihr nämlich in den kommenden Monaten das zunichtemacht, was Ruttensteiner und Koller in den letzten Jahren aufgebaut haben, dann werden auch die Fans bald nicht mehr 60€ für eine Karte auf der Längsseite im altehrwürdigen Ernst-Happel-Stadion bezahlen.
Also haltets schön die Daumen und bleibt´s dem Fußball treu, ja?“  Mal sehen…

(Kommentar von Stefan Karger)

Stefan Karger

  • Teiwaz

    9.Oktober.2017 #1 Author

    Klassischer Fall von „Hände falten, Goschn halten“. Mich widern solche Leute, unverhältnismäßig oft auftauchend in der Generation der „Landesfürsten“, derartig an ich kann’s nicht in Worte fassen.

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