Das Innviertel zittert, das Management in der „Keine-Sorgen-Arena“ schwitzt. Der durch die Ligareform eigentlich geebnete Weg zurück in die höchste Spielklasse wackelt beim Vorjahresabsteiger... Alarmstufe „Ried“ – Das Zittern um den einstigen Vorzeigeverein

Das Innviertel zittert, das Management in der „Keine-Sorgen-Arena“ schwitzt. Der durch die Ligareform eigentlich geebnete Weg zurück in die höchste Spielklasse wackelt beim Vorjahresabsteiger mittlerweile gewaltig. Gelingt auch am Freitag in Hartberg nicht der erste Sieg im neuen Jahr, droht das Spitzenduo inklusive derer beiden besetzten Aufstiegsplätze zu enteilen. Momentan winkt die Relegation gegen St. Pölten. Ein Schicksalsspiel das man sich in Oberösterreich nur allzu gern ersparen möchte. Denn glaubt man der stets bestens informierten lokalen Presse, hängt vom Aufstieg auch die sportliche Zukunft des Vereins ab. Oder drastischer ausgedrückt: Klappt das Comeback nicht, drohen im Innviertel die (Profifußball-)Lichter auszugehen.

Vom Vorbild zum Sorgenkind?

Der seit über zwei Jahrzehnte als Vorbild und Positivbeispiel für einen seriös geführten „Dorfklub“ dient, ist zuletzt immer weiter ins Chaos gestürzt. Seit dem Aufstieg 1995 gehören die Wikinger zwar mit meist begrenztem finanziellen Spielraum, dafür mittlerweile mit einem schmucken Heimstadion zum Stamm des österreichischen Profifußballs. Selbst nach dem Abstieg zur Jahrtausendwende folgte das schnelle und erfolgreiche Comeback in der höchsten Spielklasse. Die zwei Cupsiege 1998 und 2011 gossen die Erfolgsstory sogar in Trophäen.

Die Innviertler sind somit ein Verein, der sich erfrischend von Hauruck-Projekten mancher Mäzene unterscheidet. Wo man anderswo mit dem schnellen Geld den ebenso schnellen Erfolg kaufen wollte, um dann ebenso rasant wieder von der Bildfläche zu verschwinden, war die SV Ried stets anders! Demütig wurde Schritt für Schritt an vielen kleinen Schrauben gedreht, mit Bedacht in Kader und Infrastruktur investiert.

Doch mittlerweile ist man selbst mitten ins Chaos gestürzt, klappt der Aufstieg nicht, könnten die Wikinger im Worst Case gar im Sommer den Profibetrieb einstellen (müssen). So wie schon eine überdurchschnittlich hohe Zahl von Profivereinen am „Klubfriedhof“ Oberösterreich.

Die verzwickte Lage

Die Konstellation, dass neben den zwei Fixaufsteigern auch noch ein Dritter mittels Relegation den Aufstieg schaffen kann, mindert die Sorgenfalten im Innviertel möglicherweise etwas. Denn zumindest innerhalb der Liga fehlt dem Anschein nach die direkte Konkurrenz in Form einer vierten aufstiegsambitionierten Mannschaft! Einerseits darf Liefering als B-Team nicht, andererseits will zwar Hartberg, kann aber wahrscheinlich die strengen Bundesligaanforderungen in so kurzer Zeit nicht stemmen und darf damit mangels fehlender Lizenz nicht aufsteigen. Bleiben also ohnehin wohl nur drei ernsthafte Kandidaten für die drei Plätze im Aufstiegsrennen über.

Spitzenreiter Wacker Innsbruck liegt aber schon sieben Punkte vor dem Herbstmeister. Auf den Zweiten aus Wiener Neustadt fehlen dem Tabellenvierten nun zwei Punkte. Damit würde „nur“ die Relegation als schlechteste der drei möglichen Optionen winken. Und trotzdem darf man auch ambitionierte Hartberger im Rücken bis zur Lizenzentscheidung nicht ganz ausblenden.

Mit St. Pölten würde im Entscheidungsspiel ein abgeschlagenes Schlusslicht warten, das für die SV Ried in Herbstform mehr als nur in Reichweite sein sollte. Doch vom Schwung des alten Jahres ist derzeit nur wenig übrig, im Jahr 2018 wartet man noch auf den ersten Sieg. Und in einem direkten K.-O.-Duell ist in zweimal neunzig Minuten alles möglich. Die Zukunft der Innviertler würde sich somit in einer Roulette-Entscheidung weisen? Klappt es mit dem Bundesliga-Aufstieg nicht, wird es folglich wohl auch keinen Profifußball mehr im Innviertel geben. Die daraus resultierenden Folgewirkungen wären fatal, so gäbe es dann auch keine Akademie in der jetzigen Form mehr. Außerdem will in diesem Fall auch Boss Roland Daxl hinschmeißen. Die SV Ried stünde dann vor einem Scherbenhaufen, sowohl sportlich als auch organisatorisch, aber vor allem finanziell. Die Existenz der Innviertler steht damit auf dem Spiel.

Wie konnte es soweit kommen?

Vom relativ sicheren achten Platz in der letztjährigen Winterpause weg wurde einiges umgekrempelt. Wie es die meist topinformierten Kollegen von den OÖ-Nachrichten schon treffend formulierten, „dass Anspruch und Wirklichkeit so weit voneinander entfernt sind – wie die SV Ried vom Europacup -wird von der Klubführung so vorgegeben.“ Weil dorthin, in die obere Hälfte, jener Tabellenregionen der Wiener, Grazer oder Salzburger Hauptstadtklubs möchte man, wie dem ambitionierten Leitbild auf der Homepage zu entnehmen ist, auch hin.

Mit Stefan Reiter konnten – dem Anschein nach – dagegen nur kleinere Brötchen gebacken werden. Die zwar für den Klassenerhalt genug, immer für spannende Ausreißer nach oben gut, aber für die Etablierung in den Europacup-Plätzen eher zu wenig wären; weshalb der langjährige Stratege hinter der Kaderplanung abmontiert und durch den unerfahrenen Franz Schiemer ersetzt wurde. Der als „schwierig“ eingeschätzte deutsche Coach Christian Benbennek wurde ebenso bald in die Wüste geschickt. Der durch interne Unruhe befeuerte Abwärtstrend im Frühjahr gipfelte schließlich im Abstieg.

Mit einem umgebauten Kader ging Geschäftsführer und Finanzvorstand Roland Daxl in der sky go Erste Liga „All In“. Das zur Verfügung stehende Budget ist absolute Ligaspitze – wobei vieles auch auf Pump fremdfinanziert ist. Laut den OÖN-Insidern wird man diese Saison mit einem kräftigen Verlust abschließen. Ein dickes Minus, das selbst beim geglückten Aufstieg in die Bundesliga nur schwierig und langsam abzubauen sein wird. SV-Ried-Experte Harald Bartl von den OÖ Nachrichten merkte weiter auch an „Wer sich vom oft zitierten neuen TV-Vertrag einen Geldregen erhofft, verrechnet sich. Mit den Einnahmen steigen auch die Spielergehälter deutlich an.“ Keine beruhigende, wohl aber eine plausible Prognose…

Stefan Reiter – Sündenbock oder Erfolgsbaustein?

In der Innviertler Vorstandsriege wird man nicht müde, den Sündenbock in Stefan Reiter zu suchen. Der nun 57-Jährige soll zuvor falsche, zu teure und kaum brauchbare Spieler in die Keine-Sorgen-Arena gelotst haben. Eine interessante These.

Trotzdem, die Geschichte wiederholte sich schneller als den Wikingern lieb war. Nachdem Reiter schon seit 1993 im Innviertel tätig war, verließ er 2001 seinen SV Ried und heuerte in Pasching an. Mit der Konsequenz, dass das Projekt von Franz Grad im Waldstadion aufblühte, während die Wikinger in der Folge den ersten Abstieg seit dem Bundesliga-Debüt zu verdauen hatten. Nachdem das Mastermind hinter dem Rieder Erfolgslauf 2004 wieder ins Innviertel zurückgeholt wurde, segelten die Wikinger fortan wieder gewohnt ruhig, meist unspektakulär durch das Fußball-Oberhaus.

Bis sich im Vorjahr die Führungsriege mit Reiter überwarf, ihn für den Rückfall in der Tabelle samt mäßiger Leistungen am Platz verantwortlich machte. Und den im Sommer auslaufenden Vertrag nicht verlängerte, ihn vielmehr schon im Winter, eine Woche vor dem Rückrundenstart in den Urlaub schickte. Ob die SV Ried ohne diese Entscheidung den Klassenerhalt geschafft hätte, werden wir nie erfahren. Klar ist aber auch, dass diese Personaldebatten im Hintergrund nicht gerade förderlich für die Auftritte am Rasen zu sein schienen.

Der Coach und die Innviertler Ländle-Connection

„Personaldebatten“ im Plural deswegen, weil neben dem Manager-Büro auch in der Coaching-Zone frische Luft durchs Innviertel wehen sollte. Man bediente mit sich der Expertise aus dem Ländle. Im Frühjahr wurde mit Lassaad Chabbi ein bekannter, aber doch noch Bundesliga-unerfahrener Coach nach Ried geholt. Im Sommer gab es als verspätetes Einstandsgeschenk den aktuellen Shootingstar der Liga, Sohnemann Seifedin vom SK Sturm, der sich mit bislang 15 Volltreffern um die Torjägerkrone matcht. Dazu kamen auch mit Grabher, Wießmeier, Haring oder Durmus mehr als nur eine Handvoll weitere ehemalige Schützlinge aus dem Ländle als Draufgabe. Glücklich wurde man im Fansektor mit dem rasanten Personalumbau innerhalb Mannschaft nie so wirklich. Dazu wurden viele Spieler in Hinblick auf das Bundesliga-Comeback mit langfristigen und deshalb nicht gerade billigen Verträgen ausgestattet.

Ausgestattet wurde auch der neue Coach, nämlich mit einer so noch nie dagewesenen Machtfülle. Chabbi kann und konnte den Kader ganz nach seinen Wünschen formen. Nun wo es nicht mehr so läuft, wäre ein vorzeitiger Wechsel des bis 2019 vertraglich gebunden Trainers deshalb nicht nur teuer, sondern würde auch die sportlichen Geschicke erneut umstoßen. Ein schlechter Zeitpunkt also für Experimente. Somit wird man dem 56-Jährigen wohl noch länger das Vertrauen aussprechen und ihm medienwirksam den Rücken stärken. Vielleicht mehr mangels Alternativen als wirklich gewollt.

Die Mission Aufstieg soll bzw. muss gelingen

Um den Turnaround vor bzw. im letzten Meisterschaftsviertel noch zu schaffen und den Aufstieg ohne den Umweg „Relegation“ zu fixieren, wurde die Länderspielpause zum mentalen Frühjahrsputz genutzt. Manager Franz Schiemer, Geschäftsführer Roland Draxl, das Trainerteam und die Spieler führten „ehrliche“ und intensive Gespräche. Man will fortan wieder an einem Strang ziehen und die Innviertler dort hinführen, wo man nicht nur dem eigenen Anspruch hingehört: In die Bundesliga! Dort – und nur dort – kann sich die SV Ried wieder konsolidieren und sich wieder zukunftsfit aufstellen.

Am verlängerten Osterwochenende soll dazu der erste Schritt aus der Minikrise zurück in Richtung Wiederaufstieg gemacht werden. Am Freitag geht es nach Hartberg, dort könnte man unabhängig von deren Lizenzfrage schon sportlich bzw. tabellarisch für klare Verhältnisse sorgen. Am Dienstag kommt dann Wattens nach Ried. Die beiden direkten Konkurrenten aus Wr. Neustadt und Innsbruck hat man auswärts. Schwierige Partien stehen auch daheim am Programm: Liefering kommt ebenso nach Ried, wie zahlreiche Linzer Hauptstädter zum OÖ-Derby gegen Blau-Weiß.

Werner Sonnleitner, abseits.at

Werner Sonnleitner