Es ist heiß im Trainingszentrum Graz-Messendorf als Joachim Standfest abseits.at zum Interview trifft. Der leise Motor seiner Vespa kündigt seine Ankunft an. Ein eher... Standfest: „Auch eine Krätz’n kann Profi werden“

Es ist heiß im Trainingszentrum Graz-Messendorf als Joachim Standfest abseits.at zum Interview trifft. Der leise Motor seiner Vespa kündigt seine Ankunft an. Ein eher Leiser war auch Standfest Zeit seiner Karriere. Einer, der keine Schlagzeilen produzierte, lieber Leistung sprechen ließ. Unauffällig in seinem Defensiv-Spiel. Einer, der die letzten 18 Jahre von Österreichs Profifußball etwas mit der Katze aus „Alice im Wunderland“ gemein hat: er war irgendwie immer da. So unaufgeregt seine erfolgreiche Karriere verlief, so plötzlich war sie vorbei. Der WAC plane nicht mehr mit dem Obersteirer, so teilte man es ihm im April mit. Ein unrühmlicher Abschied, bei dem nicht wenige meinten, Standfest hätte ihn nicht verdient. Doch ruhig sitzen kann er, der mit beiden Grazer Vereinen Meister wurde und bei Österreichs Heim-Euro auflief, nicht. Quasi volley wechselte er ins Trainergeschäft. Erste Station: Regionalliga Mitte, Sturm Graz Amateure. Ein Gespräch über seine „stille“ Karriere,  den Umgang mit jungen Fußballern und aussterbenden Typen.

Joachim Standfest, Sie beendeten im Mai nach Saisonende Ihre aktive Karriere beim WAC. Für Beobachter und Fans kam das sehr plötzlich. Für Sie auch?
Zu dem Zeitpunkt des letzten Spiels nicht mehr. Ich wusste damals seit einem Monat dass man nicht mehr mit mir plant. Als mir das kommuniziert wurde, war’s aber schon überraschend. Ich war und bin körperlich voll auf der Höhe, habe letzte Saison 31 Spiele gemacht, 28 davon auf sehr zufriedenstellendem Level.

Wurde das von außen offenbarte Karriereende zum Schockmoment?
Das wär zu hoch gegriffen. Mein Plan war klar: Noch ein Jahr WAC oder gleich Ende. Trotzdem ist‘s schade dass es dann so gekommen ist. Aber ich war ja nicht untätig was meine Zeit nach dem Profitum angeht.

Das ist das Stichwort: Sie haben die Trainer A-Lizenz gemacht…
Zusammen mit Herwig Drechsel, Oliver Glasner, Alex Zickler, Carsten Jancker und meinen früheren Mitspielern Mario Haas und Ferdinand Feldhofer.

Und ihre erste Trainerstation sind die Amateure des SK Sturm. Eine sehr interessante Mannschaft, etwa wenn man bedenkt dass es das jüngste Team der Regionalliga ist. Vor allem aber weil aus Sturms „Zweiter“ in den letzten Jahren regelmäßig Spieler den Weg bis ins Ausland schafften. Prödl und Jantscher sind nur zwei Namen davon. Und auch was die Versorgung von Sturms Kampfmannschaft angeht beweisen aktuelle Leistungsträger wie Dario Maresic und Romano Schmid den Status der Talenteschmiede.
Richtig, der Ruf den die Sturm Amateure genießen ist sehr gut. Umso reizvoller war es von Anfang an für mich die Aufgabe anzunehmen, als man mir die Stelle angeboten hat. Amateure-Trainer ist ein bedeutsamer Posten im Verein. Ein ganz entscheidender.

Warum?
Weil der Übergang vom Amateur zu den Profis der schwerste ist den ein Kicker in seiner Karriere zu absolvieren hat. Das ist überall so, nicht nur bei Sturm. In Alter von 16, 17, 18 haben die Spieler auf der einen Seite ihre Schulausbildung oder Lehre, dazu private Angelegenheiten die sie in diesem Alter beschäftigen und auf der anderen Seite steht der Schritt zum Profi-Fußballer und der Chance mit dem Sport Geld zu verdienen. Das zu verarbeiten – mental und physisch – ist nicht leicht.

Demnach haben Sie sich eine herausfordernde Aufgabe ausgesucht. Haben Sie sich vor der Übernahme auch mit ihrem Vorgänger Markus Schopp ausgetauscht um Inputs zu erhalten?
Nein. Ganz bewusst nicht. Ich wollte unbefangen an die Arbeit gehen, mir von jedem Spieler selbst ein Bild machen, komplett bei null anfangen. Und auch den Spielern selbst die Chance geben eben bei null zu starten. Austausch fand mit Personal-Coach Günther Neukirchner statt, der die Betreuung einiger Spieler über hat und eine große Hilfe ist, vor allem was die gegenwärtigen Perspektivspieler angeht. Und am Feld – und durchaus auch abseits davon – ist Martin Ehrenreich mein verlängerter Arm. Er spielt ja jetzt bei den Amateuren und hilft mit seiner Erfahrung enorm weiter weil er erst vor einem Jahr seine Profilaufbahn beendet hat.

Mit wem sollten Österreichs Fußballfans in den nächsten Jahren rechnen?
Wer sich am Ende fix etabliert, kann man jetzt noch nicht sagen. Im Auge zum Übergang ins Profitum haben wir jetzt aktuell John Lema oder Fabian Wetl. Winfred Amoah behalten wir derweil noch im U18-Team der Akademie. Aber generell kann ich folgendes sagen: Jeder einzelne in der aktuellen Mannschaft hat das Zeug zum Profi! Das trau ich mich durchaus zu sagen, weil bei Sturm einfach so viele Handgriffe vom Nachwuchs bis zur Kampfmannschaft ineinander gehen dass stets ein geordneter Plan verfolgt werden kann.

Viele Fans und auch ehemalige Spieler haben ein Problem mit dieser Art der „Spieler-Produktion“. Es würden nur mehr brave Akademie-Buberln herangezüchtet die zwar Leistung bringen aber keine Individuen mehr seien. Typen gäb’s sowieso keine mehr.
Es stimmt, dass der klassische Typ, der hin und wieder aneckt und auch medial ‚vermarktbar‘ ist, immer mehr ausstirbt. Und ja, das ist schade. Nur: Ich kann auch als Introvertierter ein Typ sein. Ich selbst war nie einer der auf den Tisch haute oder Schlagzeilen produzierte und mir trotzdem immer Respekt erkämpft – einfach indem ich jedem immer meine Meinung direkt ins Gesicht gesagt hab und meinen Standpunkt vertreten hab. Man kann also auch ein Typ sein ohne dass es die Außenwelt merkt.

Und muss man nach außen hin immer ein „Braver“ sein?
Professionell muss man sein! Man tut sich ja selbst keinen Gefallen wenn man sich mit Trainern und Co. dauernd anlegt. Aber es gibt ja auch die Gegenbeispiele, die durchaus auch als ‚Kretzn‘ ihren Weg machten und Profis wurden. Qualität setzt sich am Ende durch.

Haben Sie ein Vorbild als Trainer?
Am besten wäre es wenn du dir von jedem Trainer eine Scheibe abschneiden könntest. Weil lernen kannst du von allen etwas. Ich hab mir schon manches abgeschaut auf das ich jetzt zurückgreife mit dem Gedanken „das kannst du jetzt anders machen“. Grundsätzlich ist es aber schwer ein Vorbild aus der Vergangenheit zu nennen. Ich bin ja heute mit ganz anderen Möglichkeiten gesegnet: Etwa die technischen Möglichkeiten, die ganz andere sind als etwa bei meinen ersten Jahren als Profi. Damals musstest du beim Videostudium vor- und zurückspulen, heute hast du alle Szenen separat aufbereitet zur Verfügung.

Hat der technische Fortschritt auch Nachteile? Wird das Spiel nicht zu technisch? Immerhin gibt’s heute für jeden einzelnen Spieler unendliche Datenbanken.
Es geht was verloren, das stimmt. Oder sagen wir so: Du läufst Gefahr zu „verkopfen“, also dem eigentlich Spiel nicht mehr die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Das wichtige ist hier eine Balance zwischen Technik und schlichter Beobachtung und Einschätzung hinzukriegen.

Was waren denn die Highlights Ihrer Karriere?
Das bin ich in letzter Zeit oft gefragt worden. Und ein spezielles Highlight möchte ich gar nicht herausstreichen. Ich habe meine Laufbahn nämlich als 18 Jahre steten Aufstiegs empfunden. Natürlich waren die Meistertitel wunderschön, auch die Euro 2008. Obwohl mich letztere bis heute wurmt. Wir hätten damals viel mehr erreichen können. Damit hab ich immer noch nicht abgeschlossen. Und ich denke, dass gerade diese positive Verbissenheit nach Erfolg mich auszeichnete.

Bestehen noch Kontakte zu Kollegen bei früheren Vereinen?
Thomas Krammer, Johnny Ertl, Matthias Hattenberger – wir waren bei der Austria eine gute Partie und stehen noch immer in Kontakt. Aus der GAK-Zeit sind aber auch Kontakte erhalten geblieben. Immerhin bin ich da zum Profi geworden. Mit Martin Amerhauser, Andi Schranz und Gernot Sick bin ich nach wie vor befreundet. Es ist kurios: Eigentlich hab ich bei all meinen Stationen immer mehr Freunde unter den Betreuern – vom Platzwart bis zum Masseur – als bei den Spielern gefunden.

Schranz ist Polizist, Sick im Tourismusbereich tätig und Kabarettist. Sie sind Trainer.
Wie gesagt: Unter den Betreuern hab ich mir immer viele Freundschaften geknüpft. Vielleicht war das ja ein Omen für den jetzigen Job.

Trotzdem: Bevor Sie Fußballer wurden, bestand durchaus die Möglichkeit dass Sie in einem anderen Berufsfeld Fuß fassen – als Schispringer! Da waren sie sogar mit Wolfgang Loitzl in einem Team.
Das wird gern ein bisserl aufgebauscht. Ja, ich bin schigesprungen. Und mit dem Wolfi war ich halt in der gleichen Trainingsgruppe. Aber ich bin trotzdem froh, dass sich dann die Fußballleidenschaft durchgesetzt hat.

Große Sprünge macht Joachim Standfest also lieber als Trainer als von der Schanze?
Definitiv!

Das Interview führte Philipp Braunegger

Philipp Braunegger

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