Verletzungen, unglückliche Schiedsrichterentscheidungen, schlechtes Coaching oder einfach Pech  –  viele Erklärungen für das Ausscheiden von Bayern München in Pokal und Champions League wurden bereits... Das Ausscheiden des FC Bayern in Pokal und CL – mannschaftstaktische und strategische Ursachen

_FC Bayern München Wappen 2

Verletzungen, unglückliche Schiedsrichterentscheidungen, schlechtes Coaching oder einfach Pech  –  viele Erklärungen für das Ausscheiden von Bayern München in Pokal und Champions League wurden bereits ausführlich in den Medien diskutiert. Doch selten werden taktische Gründe für die Niederlagen gegen Dortmund und Madrid analysiert, obwohl in dieser Hinsicht einige Parallelen in den Spielen zu finden sind. Einige Punkte sollen in diesem Artikel näher betrachtet werden:

In den Spielen im April, den entscheidenden für den Verlauf der Saison in den Pokalwettbewerben, zeigten sich bei den Bayern deutlich die mannschafts-taktischen Unterschiede zur letzten (und noch deutlicher zu den anderen Saisonen unter Guardiola). In der Offensive versuchen die Bayern immer noch durch Ballbesitzphasen und Passstafetten, den Gegner in der eigenen Hälfte einzuschnüren und sukzessive den Druck zu erhöhen. Dabei wurde oft auf den Flügeln der Durchbruch gesucht, schnelle Verlagerungen von Alonso oder Thiago sorgen für die Aufrechterhaltung des Drucks auf die gegnerische Abwehr. So ergaben sich vor allem in der ersten Halbzeit im Hinspiel gegen Madrid und auch gegen Dortmund sehr dominante Phasen, in denen die Bayern überlegen waren.

Doch in keiner Partie konnte der Druck über einen langen Zeitraum aufrechterhalten werden. Die Bayern wirkten oft schon zu Beginn der zweiten Halbzeit und spätestens in den Schlussphasen physisch unterlegen (was gegen Madrid natürlich auch am Unterzahlspiel lag). Ein Grund darin lag aber auch im mangelnden Gegenpressing in dieser Saison: bei Ballverlusten schafften die Bayern selten die direkte Rückeroberung, dadurch entstanden teilweise lange gegnerische Ballbesitzphasen aber auch viele Schnellangriffe der Gegner, deren Verteidigung Kraft kostete. Probleme mit gegnerischen Kontern gab es zwar auch unter Guardiola, denkt man an die Tore von Griezmann oder Cuadrado letzte Saison. Doch schaut man sich die Torschüsse an, so hatte Atletico in beiden Spielen 18 Torschüsse, Real hingegen 53 (Quelle: WhoScored). Hätte Real seine Chance konsequenter ausgespielt oder Manuel Neuer einen normalen (statt einen sehr guten) Tag erwischt, wäre das Ergebnis wohl deutlicher ausgefallen.

Ein weiterer Grund für das schwache Gegenpressing liegt aber auch im Angriffsspiel der Münchner. Denn häufig sah man (nach eigenem Ballgewinn) direkte Bälle in die Spitze, ohne sich vorher als Team neu zu positionieren. Diese Schnellangriffe brachten zwar eine Spur Unberechenbarkeit und hatten auch durchaus ihre Vorteile. So wäre letzte Saison das 2:1 gegen Dortmund wohl nie gefallen, da nach dem Ballgewinn der Fokus auf die Besetzung der Zonen und Positionen gelegen hätte, anstatt direkt wieder den Weg zum Tor zu suchen. Dadurch entstand aber hier eine Situation, bei der beide Innenverteidiger (wegen dem vorherigen Freistoß) noch im Strafraum des BVB waren und somit Hummels das Tor machen konnte.

Nichtsdestotrotz führten diese „chaotischen“ Angriffe auch zu vielen Ballverlusten. Da zuvor die Räume nicht neu besetzt wurden, war ein Gegenpressing nicht möglich. Diese Spielweise führte vor allem gegen Madrid zwar zu einem für den Zuschauer unterhaltsamen Auf und Ab, war aber strategisch vor allem mit Hinblick auf die physischen Probleme und die angeschlagenen Spieler sicherlich nicht von Vorteil für die Bayern.

Zuletzt fällt ein Muster bei den Gegentoren der Bayern in den Spielen gegen Madrid und den BVB auf: Fünf Tore (beide im Hinspiel gegen Real und die ersten beiden im Rückspiel, sowie das 2:2 von Aubameyang) fielen nach Flanken in Strafraumnähe von außen bzw. den Halbräumen. Dabei fällt auf, dass bei eigentlich allen Situationen die Flanke ohne großen Druck gespielt wird, obwohl die Bayern oft in Ballnähe in Überzahl sind.

Alle diese Situationen (und man findet auch in anderen Spielen ähnliche) entstehen durch zu langsamen Anlaufen und Verschieben im letzten Drittel. Oft ist die Abstimmung zwischen Außenverteidiger und Außenstürmer schlecht, daher erfolgt das Herausrücken durch den Außenverteidiger zu spät. Die Folge ist eine schlechte Raumaufteilung im Zentrum, da auch die Innenverteidiger zu spät ihre Position anpassen. So konnten Ronaldo und Aubameyang unbedrängt treffen, obwohl sie alleine gegen zwei Bayern-Verteidiger im Strafraum waren.

Diese Häufung von Gegentoren nach demselben Muster zeigt: Den Bayern fehlen eintrainierte Abläufe und auch die nötige Intensität im Verteidigen in Strafraumnähe, wenn die ganze Mannschaft hinter dem Ball ist. Insbesondere Real legte diese Schwäche offen, da sie über das wohl beste Außenverteidigerduo verfügen, die durch Modric und Kroos mit Bällen versorgt werden. Und im Strafraum ist eben Ronaldo.

Man kann also sagen: Den Bayern fehlen im Moment mannschaftstaktische Mittel um Nachteile in der physischen Verfassung oder in der individuellen Klasse (vor allem bezogen auf die von Real Madrid) wett zu machen. Die fehlende Struktur mit und gegen den Ball führte zu Abnutzungskämpfen, bei denen am Ende die Bayern unterlegen waren. Dies ist – aus Sicht der Bayern – besonders ärgerlich, da solche Faktoren beeinflussbar beziehungsweise trainierbar sind – im Gegensatz zu fehlendem Matchglück oder Schiedsrichterleistungen.

Fabian Schaipp, abseits.at

Fabian Schaipp