BELLA ITALIA. Italien spielt plötzlich schönen Fußball. Trainer Conte überreicht dem Land als Abschiedsgeschenk einen Spielstil neuer Prägung. Die Squadra Azzurra –  plötzliches Aufputschmittel raunzender... Moderner Stiletto statt alter Stiefel

Italien - Flagge_abseits.atBELLA ITALIA. Italien spielt plötzlich schönen Fußball. Trainer Conte überreicht dem Land als Abschiedsgeschenk einen Spielstil neuer Prägung. Die Squadra Azzurra –  plötzliches Aufputschmittel raunzender Tifosi – steht vor dem Spiel gegen Deutschland vor ihrer Reifeprüfung.

Der Italiener hat, so die weit verbreitete Meinung, eine Neigung zum Raunzen. Das „lamento“ (jammern) ist in Italiens Cafe-Bars sogar eine eigene Kommunikationstradition wenn man so will: da wird mit Händen und Füßen gestikuliert und jeder zweite Satz gern mit „che miseria“ („was für eine Katastrophe“) beendet. Aktuell ist wieder so eine Zeit am Stiefel: Korrupte Politiker, streikende Müllabfuhren, Schulden die die Festigkeit der Kommunen bedrohen, Arbeitslosigkeit. Und immer Thema: der kranke Calcio. Vor der EM war vom italienischen Fußball einmal mehr nicht viel Positives zu hören. Die Stadien sind, mit Ausnahme der Juventus-Heimstätte, bessere Ruinen, die Zuschauerzahlen stagnieren großteils, absurderweise steigen gleichzeitig die Kartentickets – womit man dem dominierenden TV-Markt unter der Regie des Senders „Sky“ weitere Kunden zuschanzt.

Die Ultras werden von zunehmender Polizei-Repression und Schikanen wie personalisierten Tickets planmäßig verdrängt. Stars? Mangelware. Große Namen machen längst einen Bogen um die Serie A. Und die Squadra, die Nationalmannschaft? „Euro? Che Miseria!“ Das wird nix mit dieser Mannschaft, Italien habe die schwächste Auswahl zum Turnier geschickt die man seit Menschengedenken hatte. Nicht selten war diese „Expertise“ zu hören. Hinzu kamen die Ausfälle Claudio Marchisios und Marco Verrattis kurz vor Turnier-Start. Trainer Conte sei mit den Gedanken längst bei Chelsea, seinem neuen Arbeitgeber, die EM sei lästige Pflichtübung. Und die Spieler! Eder? Pelle? Wer?! Die Befürchtung: Italien wird nicht einmal die Gruppenphase überstehen.

Und jetzt das. „Italia nuova!“ Das neue Italien, jubelt man jenseits des Brenner, nachdem eben jene Herrschaften um Pelle und Eder erst die sogenannte „Todesgruppe“ mit Belgien, Schweden und Irland gewannen und sich Montag gegen Spanien mit der Zähmung der „Roten Furie“ endgültig zu einem Titelfavoriten mauserten.

Avanti! Italien macht Wellen

Das neue Italien? Tatsächlich hat sich unter Trainer Antonio Conte, diesem Rumpelstilzchen, das so erfrischend agiler auftritt als Teamchefs vergangener Epochen,  einiges verändert. Dominierte in der Qualifikation noch Sparsamkeits-Fußball in dem man nie mehr Aufwand betrieb als unbedingt notwendig, sprühen die Italiener jetzt regelrecht vor Spielwitz. Und – vor allem – ungemeinem Forechecking. Letzteres war selten ein Attribut italienischen Spiels. Das Zeitalter des Catenaccio – dem vehementen Verteidigungsdenken, dem Mauern und Dichtmachen – hat man zwar schon länger entsagt, eine derartige Spielfreude wie zuletzt ist man von den Azzurri trotzdem nicht gewohnt. Gegen die Belgier konnte dies bereits beobachtet werden, so richtig „wellenartig“ wurde Italiens neuer Spielstil hingegen erst gegen den spanischen Titelverteidiger ersichtlich. Zwar kam man gegen Ende des Achtelfinals in Schwierigkeiten und war auch auf Schlussmann Buffon angewiesen, trotzdem war Italien über weite Strecken der Partie derart überlegen wie man es angesichts der sich zuletzt gesteigerten Spanier nicht erwarten konnte. Das Abwehrbollwerk um die drei „alten Herren“ Chiellini, Bonucci und Barzagli setzten Morata, Fabregas und Kollegen schachmatt, spielten kontrolliert und meist aufbauend über die Außen wie De Sciglio in die Offensive. Dorthin wo Pelle und Eder von Ramos und Pique nie in den Griff zu bekommen waren und sich sogar den Luxus leisten konnten fahrlässig mit den Torchancen umzugehen. Kurz: dieses „Italia nuova“ spielt einen schönen Fußball.

Contes Konzept des entspannten Spielaufbaus und trotzdem steten raschen Überbrücken des Mittelfelds ist bisher aufgegangen (Ausnahme: die Pleite gegen die Iren. Doch auch da war augenscheinlich dass der Übungsleiter seine Leistungsträger bewusst pausieren lies. Denn – und das ist nicht neu bei Italien – was macht die Squadra wenn sie schon fix durch ist? Genau: nix.).

Wenn die heimische und internationale Presse die Mannschaft jetzt mit Lobeshymnen überschütten dann auch, weil mit so einer Spielanlage nicht gerechnet wurde. Sich überraschen lassen und dann positiv hoch emotionalisiert reagieren ist ja auch eine Eigenschaft, die man Italienern nachsagt.

Deutsche „Nerds“ als Reifeprüfung

Doch Vorsicht. Italiens Spiel mag durch neue Gesichter wie jene des Brasilianers Eder sympathisch wirken und ist außerdem auch schön anzusehen –  frei von Risiko ist es trotzdem nicht. Zum einen könnte die Fahrlässigkeit in punkto Chancenauswertung zum Problem werden, zum anderen auch der Umstand im nächsten Spiel nicht mehr auf die Überfallstaktik wie gegen Belgien und Spanien setzen zu können. Denn jetzt wartet Deutschland. „Lieblingsgegner“ hin oder her: Deutschland ist der stärkste Gegner im Klassement. Kein Team der Welt verfügt über ein derartig ausgeklügeltes Gegner-Analyse-System wie „Die Mannschaft“. Bierhoffs Spin-Doktoren und Taktik-Nerds werden unmittelbar nach Schlusspfiff von Italiens Aufstieg die Computer angeworfen haben und seitdem sämtliche spielerische Attribute des Gegners durchforstet haben. Italien wird wenig Räume vorfinden, noch einmal so leichtfertig mit Chancen umzugehen wie zuletzt könnten ins Auge gehen. Und: Deutschlands Offensive um Gomez, Müller und Co. werden ihr Spiel wesentlich agiler anlegen als es Italien zuletzt gewohnt war. Denn auch die DFB-Elf setzt ihre Angriffe „wellenartig“. Und was geschieht wenn Italien in Rückstand gerät? Wird dann Contes Spielanlage auch greifen?

Jetzt oder nie

Deutschland wird Italiens ultimative Reifeprüfung. Besteht es sie ist es wirklich „nuova“, neu. Fliegt man raus wird im stiefelförmigen Land nur die fragmentartige Erinnerung an schöne Spiele wie gegen Belgien und die „perfekte Rache“ fürs EM-Finale 2012 gegen Spanien übrig bleiben. 2018 wird die Mannschaft bei der WM in Russland nicht mehr mit ihrer Senioren-Abwehrreihe antreten, unter dem neuen Teamchef wird es wieder ein neues System geben das vielleicht erst greifen wird müssen.

Darum gilt es für Italien: carpe momentum. Nutze den Moment. Das „lamento“ in Italiens Bars und Cafes wird durch einen EM-Titel nicht verschwinden, zu viele andere „echte“ Probleme hat das Land. Doch vielleicht ist gerade dieser Umstand ein vermeintlicher Bote aus der Zukunft der großes erahnen lässt: im Frühjahr 2006 hatte der Betrugsskandal „Calciopoli“ um Lugiano Moggi das Land erschüttert. Im Sommer wurde man Weltmeister. Auch damals hieß es an den Stammtischen „che miseria!“ wenn man auf die Nationalmannschaft zu sprechen kam. Und heuer? Wie gesagt: Deutschland wird Italiens Reifeprüfung. Vor dieser in allzu großes Jubeln auszubrechen ist zu vermeiden. „Denn in der Blumenwiese lauert die Schlange“, sagen die Alten die am Campari nippen. Deutschlands Giftzähne können tödlich sein. Mäßige Quali, Verletzungspech vor Turnierbeginn, eine darbende Liga – wie eingangs erwähnt waren Italiens Vorzeichen nicht gut. Doch, und auch das sagen die Alten in der Trattoria, „d’un male nasce spesso un bene“ – „aus dem Übel erwächst Gutes“.

Philipp Braunegger, abseits.at

Philipp Braunegger