Nach der 0:4-Niederlage gegen den FC Bayern war beim FC Barcelona der Sündenbock für viele Fans und Medien schnell gefunden. Der junge Marc Bartra,... Zwischen Puyol und Pique: Die Stärken und Schwächen des FC-Barcelona-Innenverteidigers Marc Bartra

FC Barcelona Logo 2Nach der 0:4-Niederlage gegen den FC Bayern war beim FC Barcelona der Sündenbock für viele Fans und Medien schnell gefunden. Der junge Marc Bartra, ohnehin nur wegen Verletzungen der eigentlichen Stammspieler überhaupt in die Stammelf gerutscht, wurde sehr scharf kritisiert und als untauglich für dieses hohe Niveau beurteilt. Einige sprachen sogar schon davon, dass der Jungstar „verbrannt“ sei und auch langfristig keine Option für die hohen Anforderungen der Katalanen darstellt.

Dabei wurde nicht berücksichtigt, dass die Katalanen eigentlich über eine gute Strafraumverteidigung gegen die Bayern verfügten und das Spiel im gegnerischen Pressing, der mangelnden Entlastung durch eigene Angriffe und Probleme in der Staffelung bei den bayrischen Kontern, sowie natürlich der immerwährenden Standardschwäche verloren. Bartras einzelne Fehler passierten eigentlich nur in Situationen, wo er hinter Alves gegen Ribéry absichern musste, wo er kaum unterstützt wurde und Ribéry mit Dynamik auf ihn zukam; was Bartra dennoch gut löste.

Bartra ließ sich von der ungerechtfertigten Kritik nicht beeindrucken. Dieses Wochenende bestritt er nun sein erstes Länderspiel für die spanische Nationalmannschaft und erobert sich langsam auch einen Stammplatz beim FC Barcelona. In fünf der letzten sieben Ligaspiele spielte er von Beginn an und bestritt die gesamten 90 Minuten. Darum werfen wir auch einen kurzen Blick auf ihn und seinen Spielcharakter.

Zwischen Puyol und Pique

Das Interessante am 22-jährigen Bartra ist seine Fähigkeiten-Vielfalt als Innenverteidiger. Im Gegensatz zu Puyol und Pique tut man sich schwer ihn in die althergebrachten Schubladen von „klassischer“ oder „moderner“ Innenverteidiger zu stecken. Bartra besitzt einen Funken Puyol: Er weicht gerne aus der Kette, geht mit enorm viel Dynamik in Zweikämpfe, ist dabei sehr aggressiv und versucht den Gegner auch physisch in der Zweikampfführung zu bedrängen.

Bei der erfolgreichen CL-Kampagne der Katalanen 2009 tat Puyol dies ähnlich, Pique (und die anderen Abwehrspieler, wenn es kein Konter war) schob dann hinter ihn, sicherte ab und deckte das durch Puyols Herausrücken entstehende Loch. Im Prinzip agierte man wie früher mit einem Vorstopper und einem Libero, wobei diese Ordnung natürlich nur situativ erzeugt wurde. Ähnlich verfahren bis heute noch viele Teams, auch Manchester United mit Ferdinand und Vidic konnte 2008 durch eine solche Wechselwirkung eine sattelfeste Abwehr aufbauen. 2011 übernahm Javier Mascherano Puyols Part.

Pique übernimmt dann im Aufbauspiel etwas mehr Verantwortung. Er definiert sich offensiv wie defensiv eher über seine Sauberkeit, seine Intelligenz, sein Timing und sein Technik. Bartra besitzt ebenfalls diese Fertigkeiten: Er kann auch Piques Part erfüllen, obwohl er im Passspiel natürlich nicht ganz so kreativ und raumgreifend ist. Allerdings ist Bartra defensiv eben variabler und dynamischer als Pique und obwohl er nicht ganz so dynamisch und physisch präsent ist, wie Puyol in seiner besten Zeit, so ist er für sein Alter schon enorm weit.

Dies trifft übrigens auch auf das Aufbauspiel. Bartra ist in der spanischen Liga jener Akteur mit der besten Passquote. Er bringt über 94% seiner Pässe an, was selbst für einen Innenverteidiger ein sehr hoher Wert ist. Nicht umsonst sprach Pique bereits davon, dass Bartra einmal besser werden würde als er – weil er „schneller, intelligenter und mutiger“ ist. Letzteres ist aber auch der Grund, wieso er teilweise noch nicht ganz so weit wirkt, wie er ist.

Mut als Manko?

In einzelnen Szenen wirkt Bartra nämlich fast schon überdreht und taktisch undiszipliniert. Sein Herausrücken ist noch etwas unausgeglichen, nicht immer perfekt an die Situation angepasst und gelegentlich übertreibt er in seinem Aktionsradius. In einzelnen Szenen versucht er dann Bälle im Sechserraum oder in den Halbräumen abzufangen, was aber dank seiner Dynamik und seiner Zweikampfstärke bislang zumeist funktionierte.

Bei eigenem Ballbesitz hat er ein ähnliches Manko. Noch deutlich öfter als Pique stößt er mit Ball nach vorne und beteiligt sich teilweise auch an den Angriffen in deren Endphase. Schon einige Male konnte man sich als Zuseher eines Barcelona-Spiels plötzlich verwundert die Augen reiben, wer denn der groß gewachsene schlanke Jüngling im Strafraum sei, nur um dann schmunzelnd festzustellen, dass Bartra abseits der Kamera einen 40-Meter-Sprint nach vorne gemacht hat, damit sein Team eine kopfballstarke Anspielstation hat.

Dieses Verlassen seiner Position ist natürlich nicht per se etwas Schlechtes. Bislang hat es auch mehr positive als negative Aspekte miteingebracht. Auf längere Zeit wird Bartra aber sein Timing und seinen Radius dabei verbessern müssen, um wirklich Piques Prophezeiung zu erfüllen und sich zur Riege der besten Innenverteidiger emporzuheben. Das Talent würde dafür wohl reichen, wenn er es schafft weiterhin ein solch breites Spektrum an Fähigkeiten konstant abzurufen, ohne in einem Aspekt instabil und fehleranfällig zu werden.

Um seine Fähigkeiten und Spielweise noch kurz zu visualisieren, wollen wir euch noch ein paar Videos zeigen.

Seine körperliche Stärke und Athletik, aber auch seine Intelligenz, sind hier sehr gut zu sehen. Der Betis-Spieler befindet sich zwischen zwei Barcelona-Spielern und kann den Ball im Lauf zwischen ihnen behaupten. Bartra ist nicht nur schneller als die drei Akteure, er hat natürlich auch den Vorteil, dass er sich nicht in einem Zweikampf befindet und nicht durch diesen gebremst wird. Diesen Vorteil setzt er aber auch gut ein. Viele Spieler, die sich in Nähe einer 2-gegen-1-Situation befinden, beteiligen sich selten daran. Die Ursache ist klar: Sie sind ja bereits zu zweit und tun sich oft schwer sich effektiv daran zu beteiligen, ohne zu stören.

Bartra zeigt hier ein Paradebeispiel, wie man es macht. Er weiß, dass er keinen Spieler abdeckt und kann darum in den Zwei- bzw. Vierkampf gehen. Dabei agiert er auf eine Weise, mit der er seine Mitspieler nicht stört. Er nutzt aus, dass durch deren Zweikampf der Gegenspieler abgebremst wird und zieht an ihnen vorbei, nur um im letztmöglichen und gleichzeitig aussichtsreichsten Moment noch eine riskante, aber sehr gute Aktion zu machen, die den Abschluss verhindert.

In dieser Situation zeigt er ebenfalls seine Qualitäten: Alves verliert den Ball, doch Bartra orientiert sich sofort zum Ort des Ballverlusts und steht dann richtig. Der Gegner geht nun auf den Flügel, Bartra bleibt dort und zieht nicht zurück in die Mitte, wodurch er nun neben dem Strafraum in eine Zweikampf mit einem Flügelstürmer gehen muss – für so manchen Innenverteidiger ein Albtraum. Doch Bartra wartet ab, versperrt zuerst die Innenbahn und öffnet sie dann nach einer Sekunde sofort. Der Gegner hat sich zuvor bereits für ein Dribbling nach Außen entschieden, Bartra sperrt die Außenbahn ab und reagiert sehr schnell, wodurch er einen sauberen Ballgewinn machen kann.

Im folgenden Video gibt es noch eine Analyse mit englischen Untertiteln zu Bartras Leistung gegen Almeria:

René Maric, www.abseits.at

Wer sich für Statistiken oder Bartra (oder beides) genauer interessiert, dem sei diese statistischere Herangehensweise an Bartra und seine Fähigkeiten nahe gelegt.

Rene Maric

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