In dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien,... Verlorene Weltklassespieler (5) – Valery Voronin

Friedhof, TodesfallIn dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien, Verletzungen oder einfach die Umstände ihrer Karriere: Die Aussage „Zur falschen Zeit am falschen Ort“ kann manchmal schmerzhaft wahr sein.

Wir lassen die Karrieren diverser Akteure Revue passieren, spekulieren über die mögliche Auswirkung ihres fehlenden Durchbruchs in der Geschichte des Fußballs und ein kleines „was wäre, wenn…?“ darf natürlich auch nicht fehlen. Immerhin besitzt nahezu jeder Fußballfan noch eine schöne Erinnerung an solche Spieler und jene fragende Wehmut, welche Erinnerungen man nicht verpasst hat.

In diesem Teil widmen wir uns …

Valery Voronin

Immer wieder hört man in den Medien folgendes: „Die Position vor der Abwehr ist die wichtigste bei jeder Mannschaft“ – und wie kaum eine andere Aussage wird sie von den Medien ad absurdum geführt. Es scheint, als würde man einfach aus Seriositätsgründen bekannten Trainern etwas nachplappern, aber es weder verstehen noch befolgen wollen. Ein perfektes Beispiel dafür ist die Schlagzeile des Guardian aus dem Jahre 2010.

Dieses mangelnde Verständnis der eklatant wichtigen Zentrumskontrolle sorgt für eine falsche Spielerbewertung. Nicht nur Akteure wie Michael Carrick oder Sergio Busquets leiden zurzeit darunter, sondern auch in der Historie des Fußballs wurden absichernde Sechser vergessen. Insbesondere solche, die eher über ihre Spielintelligenz kamen.

Frank Rijkaard ist vielen nur wegen seiner Spuckattacke auf Rudi Völler und seinen gefährlichen Vorstößen in Erinnerung. Dass er ein unglaublich flexibler und intelligenter Akteur war, der diese Fähigkeiten mit einer tollen Physis und Technik verband, wird oft vergessen. Auch Clodoaldo wird beim großen 70er Brasiliens zumeist vergessen, obwohl er mit der wichtigste Akteur dieser Mannschaft war.

Bei den Argentiniern findet man gar mehrere solcher Fälle, die von der Geschichte vergessen wurden. Scheinbar gibt es dort circa alle zwanzig Jahre einen ganz besonderen Fußball, der dann letztlich übersehen wird.

Begonnen hat dies mit Nestor Rossi, welcher der wichtigste Akteur bei der legendären River-Plate-Mannschaft „La Maquina“ und 3maliger Copa-America-Sieger in den 40ern war. Antonio Rattin erlitt ein ähnliches Schicksal in den 60er-Jahren bei Boca Juniors und Osvaldo Ardiles war in den späten 70ern eine tragende Säule beim WM-Sieg; heute ist er nur bei Tottenham-Fans eine Legende. In den späten 90ern wurde mit Fernando Redondo vorerst ein Schlusspunkt unter diese Tradition gesetzt hat.

Doch es gibt noch einige andere von der Geschichte vergessene Spieler, welche diesen Spielertypen à la Sergio Busquets verkörpern. Einer davon wurde sogar 10., 8. und 11. beim Ballon d’Or und das hier ist seine Geschichte.

Vom Akademiespieler zum Topspieler

In den späten 50er-Jahren schaffte Valery Voronin seinen Durchbruch. Von der städtischen Moskauer Jugendakademie schaffte er es zu Torpedo Moskau, die damals noch zu den besten Vereinen der Sowjetunion gehörten. Mit 19 Jahren debütierte der Sechser und eroberte sich einen Stammplatz. Zu Beginn seiner Karriere sollte er im Schatten von Eduard Streltsov stehen – so schien es zumindest. Streltsov galt als weißer Pelé, als bester und talentiertester russischer Spieler aller Zeiten. Mit 18 Jahren wurde Streltsov bereits Torschützenkönig und etablierte sich als kommender Weltklassespieler, in den Wahlen für den Ballon D’Or wurde er schon unter die ersten fünf Plätze gewählt.

Doch es sollte anders kommen. Streltsov kam wegen einer angeblichen Vergewaltigung in ein Arbeitslager und Torpedo Moskau verlor seinen nominell besten Spieler. Aber die Konsequenzen schienen weniger schlimm, als befürchtet.

Der unscheinbare Valery Voronin hielt die Überreste der verbliebenen Mannschaft zusammen. 1960, zwei Jahre nach dem „Verlust“ Streltsovs, holten sie das Double. In der folgenden Saison wurden sie Vizemeister und der erst 23-jährige Voronin galt trotz seines Alters als einer der besten zentralen Mittelfeldspieler Europas.

1964 schaffte er es mit der sowjetischen Nationalmannschaft gar ins EM-Finale, wo man knapp gegen Spanien unterlag. Voronin wurde zum sowjetischen Fußballer des Jahres gewählt, wie auch im nächsten Jahr. In beiden Jahren erhielt er Top10-Platzierungen beim Ballon D’Or.

Der Busquets vor Busquets

Das ist umso beeindruckender, wenn man seinen Spielstil bedenkt. Er war kein Akteur wie Schweinsteiger, der mit langen Bällen oder vereinzelten Dribblings für Gefahr sorgt. Er war auch keiner wie Xavi, der überall auf dem gesamten Feld das Spiel macht. Valery Voronin hatte bestimmte Aufgaben und erfüllte sie mit Präzision und Perfektion.

Im defensiven Mittelfeld eroberte er die Bälle, nur um sie so schnell wie möglich nach vorne zu spielen. Dabei bestach er durch seine Genauigkeit in höchstem Tempo, seine Übersicht und sein strategisches Geschick. Seine Athletik und körperliche Stärke ermöglichte es ihm auch, dass er entweder als Innenverteidiger spielte und mit geschickten Grätschen dribbelstarke Stürmer ausschaltete oder als Box-to-Box-Spieler agierte. Situativ sollte er sich dann nach vorne einschalten, den Ball fordern und möglichst schnell den Ball in von ihm aus der Tiefe erkannte freie Räume weiterleiten.

Dazu passen folgende Zitate:

“From his anchor point in central midfield, Voronin’s incredible sense of positioning allowed him to read the game like few others. A consummate ability to pass the ball meant he could redistribute possession to the right person at the right moment.“

“I well remember Voronin,” recalled journalist Leonid Repin, back in 1999:

“In an instant and elusive moment he could spirit the ball away from attackers. Or he could suddenly burst into the penalty area and with defences at full stretch would slide a clever assist to his striker.

“But most of all, he delighted me with his central play where, taking the ball with a graceful, cat-like movement, Voronin would look up from the tamed ball and, locating all the moving pieces on the grass chess board before him with lightning-fast estimation, was always able to dispatch the ball just so – inevitably drawing a sigh of admiration.”

Als Streltsov 1965 zurückkehrte, schien ein Traumduo vereint. Streltsov machte vorne die Tore, Voronin eroberte die Bälle und sorgte für das strategische Aufbauen von Angriffen. Torpedo Moskau, immerhin nur der viertgrößte Moskauer Verein zur damaligen Zeit, wurde abermals Meister und einmal mehr wurde Voronin in die Top10 der besten Spieler des Kontinents gewählt.

Steiler Abstieg und ungelöster Mord

Doch im Gegensatz zu Streltsov konnte Voronin sich nicht so einfach von privaten Problemen befreien. Im Jahre 1969 kam es zu einem schweren Autounfall, den Voronin nur knapp überlebte. Nachdem er sich physisch überraschend schnell davon erholt hatte, zog er sich psychisch immer stärker von seiner Außenwelt zurück. Er begann zu trinken, kam seltener und seltener zum Training, worunter seine Leistung litt.

Seine Alkoholprobleme sollen allerdings schon vor 1969 begonnen haben, der Autounfall war eher die Konsequenz seiner Alkoholkrankheit, als der Auslöser. Voronins Zustand wurde schlimmer und je schwächer er sich als Fußballer fühlte, umso stärker trank er. Bald beendete er seine Karriere und zog sich gänzlich aus dem Fußballgeschäft zurück.

Während Eduard Streltsov seinen zweiten Frühling erlebte, wurde Voronin von der Zeit vergessen. Es war erst sein Tod, der ihn wieder in die Schlagzeilen brachte. 1984 starb Voronin mit nur 44 Jahren. Am Tag davor wurde er noch von einem Freund, einem Nachwuchskoordinator Torpedo Moskaus, gesehen –wie er mit drei zwielichtigen und unbekannten Fußballern am Luzhniki-Stadion stand, seiner alten Wirkungsstätte. Am nächsten Tag, dem 21. Mai, wurde er in einem Gebüsch außerhalb der Stadt tot aufgefunden. Die Umstände seines Todes wurden nie geklärt, es gilt bis heute als ein ungeklärter Mordfall.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

  • charles aymard

    3.April.2013 #1 Author

    die grenzdebile überschrift über xavi ist nicht aus dem guardian, sondern von der „daily heil“ (wie sie in dem artikel genannt wird), und wird nur im kontext zitiert, dass xavi ihren textern mit der manada das maul mit ihrer zeitung gestopft habe. was (diese zeitung essen zu müssen) angemessen abstoßend ist

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  • charles aymard

    3.April.2013 #2 Author

    ansonsten vielen dank für die hochinteressante serie!

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  • Bernhard

    10.April.2013 #3 Author

    Servus. Feiner Artikel. Wo hast du eigentlich diese doch recht umfangreichen Informationen her?
    Überhaupt sein Todesfall: Gab es keine äußeren Anzeichen auf einen Mord (Schusswunde,Stichwunden…)
    Grüße

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