Die Engländer fahren mal wieder mit großen Hoffnungen und noch größerer individueller Qualität zu einem Großereignis. Das Abschneiden der Briten bei derartigen Turnieren in... WM-Analyse England: Konservativ, aber gespickt mit Weltklassespielern

Die Engländer fahren mal wieder mit großen Hoffnungen und noch größerer individueller Qualität zu einem Großereignis. Das Abschneiden der Briten bei derartigen Turnieren in den vergangenen Jahren ist ebenfalls hinlänglich bekannt. Dennoch findet seit der Amtsübernahme von Gareth Southgate eine spannende Entwicklung auf der Insel statt. Southgate stellte sich für das Turnier in Russland einen hochinteressanten, jungen und entwicklungsfähigen Kader zusammen, in dem es vor potentiellen Superstars nur so wimmelt. Gleichzeitig steht die Frage im Raum, ob die strategische Herangehensweise mit Fokus auf Defensive und Stabilität zu dieser dynamischen Mannschaft passt. Der Grat ist schmal. Das Turnier in Russland wird uns diesbezüglich aber etliche Erkenntnisse liefern.

Die Testspiele in diesem Jahr bestätigen den eingeschlagenen Weg, wirkliche Tor-Spektakel mit offenem Schlagabtausch wird man mit englischer Beteiligung auch bei der WM nicht zu sehen bekommen. Von vier Partien gewannen die Engländern derer drei (Gegner waren die Niederlande, Nigeria und Costa Rica), gegen Italien erzielte man ein 1:1-Unentschieden. Der defensive Fokus wird dadurch bestärkt, dass sie in diesen vier Spielen lediglich zwei Tore hinnehmen mussten.

Joe Hart fehlt – Tormanntrio extrem unerfahren

Gareth Southgate verzichtete in seinem Kader auf die Nominierung des früheren Stammtorwarts Joe Hart. Stattdessen fahren mit Jordan Pickford, Jack Butland und Nick Pope drei sehr junge und im Nationalteam unerfahrene Goalies mit nach Russland. Als Nummer eins dürfte wohl Jack Butland von Stoke City ins Turnier starten. Er zeigt gute Reaktionen auf der Linie und ist physisch wie koordinativ top ausgebildet. Hinter Jack Butland wird dann wohl Jordan Pickford vom FC Everton die Nummer Zwei sein und als Backup zur Verfügung stehen. Es wäre bei den Briten aber nicht verwunderlich, wenn während des Turnierverlaufes plötzlich wieder eine Tormanndiskussion entflammt. Wäre ja auch nicht das erste Mal. Die Qualität und das Potential ist definitiv gut, ob es für die Ansprüche eines englischen Nationalteams reicht, darf zumindest angezweifelt werden.

Viel Zweikampfstärke auf den zentralen Verteidigungspositionen

Trainer Gareth Southgate lässt seine Mannschaft entweder in einer 3-4-1-2- oder 3-1-4-2-Grundordnung spielen. Die genaue Anordnung im Mittelfeld variiert dabei von Spiel zu Spiel und wird auch vom jeweiligen Gegner abhängig gemacht. Im Spiel gegen den Ball organisiert sich die Mannschaft meist in einer 5-3-2 Struktur, welches ziemlich passiv als tiefes Mittelfeldpressing interpretiert wird. John Stones von Meister Manchester City wird als zentraler Verteidiger der Dreierkette gesetzt sein. Auf der linken Halbposition neben Stones könnte Harry Maguire von Leicester City die Chance auf einen Stammplatz erhalten. Er ist ein guter Zweikämpfer und kann das Spiel mit dem Ball am Fuß durch lebendiges Andribbeln effektiv eröffnen. Zu diesen zwei Akteuren gesellt sich noch Phil Jones von Manchester United, der athletisch herausragend ausgebildet ist und in der Defensive nahezu jede Position besetzten kann, egal ob Dreier- oder Viererkette. Mit Gary Cahill hat Southgate ebenfalls noch einen Mann im Köcher, der konstant und zuverlässig seine Leistungen bringt und dazu auf mehreren Positionen in der Abwehrreihe einsetzbar ist.

Viel Dynamik in den Flügelzonen

Danny Rose von Tottenham und Kyle Walker von Manchester City sind auf den Flügelpositionen des bevorzugten 3-4-1-2 die erste Wahl. Beide Flügelverteidiger agieren dabei ziemlich linear, soll heißen, dass sie im Aufbau sehr früh hoch nach vorne schieben und konstant die Breite an der Seitenauslinie halten. Eingerückte Positionen oder diagonale Laufwege sind selten bis gar nie zu sehen, vielmehr sollen sie durch die breite Position Gegenspieler in ihrer Position binden und dadurch Räume im Zentrum und in den Halbräumen freiziehen. Die Alternativen auf diesen Positionen sind natürlich auch erstklassig. Ashley Young von Manchester United wäre wohl die sichere und routinierte Variante, Gareth Southgate hat aber mit Trent Alexander-Arnold vom FC Liverpool einen äußerst agilen Youngster auf der Bank sitzen, der seine ganze Klasse auch in der Champions-League schon unter Beweis stellen durfte.

Geduld und Raumgefühl sind auf den Sechserpositionen gefragt

Auf den Sechserpositionen schmerzt den Three Lions der Ausfall von Alex Oxlade-Chamberlain. Dadurch hat Southgate mit Eric Dier von Tottenham und Jordan Henderson von Liverpool noch zwei Akteure mit internationalem Format. Beide dürften daher auch gesetzt sein. Geduld und kein zu weiträumiges Freilaufverhalten sind wichtige Eigenschaften für die Sechser im englischen Auswahlteam. Im Normalfall versuchen die Briten nämlich das Spiel flach und kontrolliert aus der eigenen Dreierkette heraus aufzubauen. Pässe in den gegnerischen Block, bevorzugt in den Zwischenlinienraum, sollen den Angriff beschleunigen und in höhere Zonen transportieren. Häufig passiert dies dadurch, dass der ballführende Halbverteidiger andribbelt und so den Gegner zu einer bestimmten Defensivaktion zwingt bevor der endgültig destabilisierende Pass in den Zwischenlinienraum (bevorzugter Abnehmer ist der Zehner) erfolgen kann. Aber was haben die Sechser damit zu tun? Sie sollen sich konstant im Sechserraum aufhalten und auf Lücke anbieten, um die gegnerischen Spieler dort zu binden und ein Aufrücken der Halbverteidiger dadurch erst ermöglichen. Rückt ein gegnerischer Verteidiger zu früh auf den ballführenden Halbverteidiger heraus, ist der Passweg ins Zentrum geöffnet. Eine Überzahlsituation meist inklusive. Mit Dele Alli haben die Engländer für die Zehner-Position im gegnerischen Zwischenlinienraum einen optimalen Spieler, der technisch auf absolutem Weltklasseniveau spielt und komplexe Bewegungen oft in einem wunderbaren Fluss ausführt. Gekoppelt mit seiner Vororientierung und Schnelligkeit ist er prädestiniert für die komplexen und engen Räume im Zentrum. DFB-Chefanalyst Christofer Clemens hat in einem Interview mal angemerkt, dass Talent dann zu erkennen sei, wenn ein Spieler unter maximalen Zeit-, Raum- und Gegnerdruck die bestmögliche Entscheidung trifft. Geht man nach diesen drei Referenzpunkten, ist Dele Alli ein Riesen-Talent, wenn er überhaupt noch als Talent durchgeht. Er hat auf alle Fälle schon jetzt das Potential, einer der Superstars dieser WM zu werden. Loftus-Cheek und Jesse Lingard können ebenso auf dieser Position eingesetzt werden, genauso wie auf den Achterpositionen in einem 3-1-4-2.

Harry Kane und rundherum viel Speed

Harry Kane von den Spurs wird die Engländer als Kapitän durchs Turnier führen. Seine Trefferquote in der englischen Liga ist Weltklasse, genauso wie sein Bewegungsverhalten im Strafraum und bei hohen Bällen. Neben Kane stehen mit Raheem Sterling, Jamie Vardy, Marcus Rashford und Danny Welbeck vier weitere Stürmer im Kader, welche aller über unterschiedliche Qualitäten verfügen und je nach Gegner eingesetzt werden könnten.

Gareth Southgate: Smarter Typ mit erfrischend konservativen Ideen

Erfrischend konservativ ist nicht nur von irgendeiner Bank ein viel gebrauchter Werbeslogan, er passt auch ziemlich gut zu Gareth Southgate und den Briten im allgemeinen. Erfrischend konservativ sind die Herangehensweise von Southgate und die mannschaftstaktische Ausrichtung seiner Truppe. Es ist nichts dabei, was irgendwie extrem außergewöhnlich oder gar innovativ wäre, stattdessen achtet Southgate auf einer saubere Umsetzung von vorherrschenden Strukturen und Mustern und belebt diese mit hochtalentierten jungen Spielern. Das ist der erfrischende Teil der Arbeit von Southgate und weckt die Hoffnung, dass dieser Typ die festgefahrenen Strukturen im englischen Verband etwas auflösen kann, bei dem er seit dem Jahre 2011 engagiert ist.

Die abseits.at-Einschätzung

Es lohnt sich auf jeden Fall, den Fernseher bei Spielen der englischen Nationalmannschaft einzuschalten. Dafür ist die Ausgangsposition allein schon zu interessant. Die große Frage ist, ob die einstudierten Bewegungsabläufe bei eigenem und gegnerischem Ballbesitz ausreichen, um das volle Potential der gesamten Mannschaft auf den grünen Rasen bringen zu können. Oder ist das englische Spiel tatsächlich etwas zu statisch? In der Gruppe sollte man sich unabhängig davon gegen Tunesien und Panama auf jeden Fall durchsetzen können, etwas abhängig von der Gruppenkonstellation könnte gegen Belgien ein echtes Topspiel in der Gruppenphase entstehen und danach ist für die Three Lions jedes Spiel ein Endspiel. Siegen oder fliegen, lautet dabei das einfache Motto. Ein Vorstoßen in die obersten Ränge der WM käme jedoch einer Sensation gleich.

Sebastian Ungerank