Die Schweden sicherten sich in der WM-Qualifikation hinter Frankreich den zweiten Platz in ihrer Gruppe und schickten dadurch die favorisierten Holländer nach Hause. Mit... WM-Analyse Schweden: Pragmatisch und im Rahmen der Möglichkeiten

Die Schweden sicherten sich in der WM-Qualifikation hinter Frankreich den zweiten Platz in ihrer Gruppe und schickten dadurch die favorisierten Holländer nach Hause. Mit Italien musste in den anschließenden Playoff-Spielen der nächste höher eingestufte Favorit daran glauben. Soll heißen, dass diese Schweden rund um Coach Janne Andersson nicht unterschätzt werden dürfen.

Bezüglich der strategischen und taktischen Herangehensweise bieten sie das genaue Kontrastprogramm zum Gruppengegner Mexiko. 4-4-2-Grundordnung, defensive Kompaktheit, Mittelfeldpressing und konsequentes Spiel auf den zweiten Ball. DFB-Chefanalyst Christofer Clemens wird aufgrund dieser Eigenschaften die Schweden als „Chaos verursachende“ Mannschaft beschreiben. Wir schauen uns diese unscheinbaren Schweden etwas genauer an.

Die Testspiele im heurigen Jahr verliefen äußerst durchwachsen, wenn man es höflich formulieren möchte. Von den vier Spielen gingen zwei verloren (gegen Chile und Rumänien), die anderen zwei endeten mit einem torlosen Unentschieden (Gegner waren Dänemark und Peru). Anhand der Testspiel-Ergebnisse lässt sich der Fokus der Schweden bereits sehr gut auf den Punkt bringen. In den vier Partien kassierte man drei Tore, schoss allerdings auch nur ein einziges. Ohne Superstar Zlatan Ibrahimovic konzentrieren sich die Schweden noch mehr auf ein sauberes Spiel gegen den Ball und greifen dabei auf recht konventionelle und einfache Muster zurück. Auch deshalb, weil schlichtweg die individuelle Qualität fehlt. Dafür holen sie aber das Maximum aus ihren Möglichkeiten heraus.

Vakante Torhüterposition

Prinzipiell ist Robin Olsen vom FC Kopenhagen die Nummer eins im Tor der Schweden. Aufgrund eines Schlüsselbeinbruches fiel dieser aber lange Zeit aus und deshalb bekamen die nominellen Ersatz-Torhüter Karl-Johan Jonsson und auch Kristoffer Nordfeldt immer wieder ihre Einsatzzeiten. Deshalb ist es noch etwas unklar, wer als Stammtorhüter in das Turnier startet, was primär von der Genesung und vom Fitnesszustand von Robin Olsen abhängig sein wird. Alle drei Keeper sind aber solide Schlussleute mit starken Paraden auf der Linie und passablen fußballerischen Qualitäten.

Gute Mischung in der Innenverteidigung

Das Innenverteidiger-Duo wird in der Regel von Kapitän Andreas Granqvist und von Manchester-United Legionär Victor Lindelöf gebildet. Der 23-jährige Lindelöf ist dabei ein sehr interessanter Akteur in den schwedischen Reihen. Er interpretiert die Aufgaben als Innenverteidiger sehr modern und verfügt über ein gutes Aufbauspiel und eine gute Passqualität. Sein Partner in der Innenverteidigung, Andreas Granqvist, ist deutlich rustikaler und definiert sich vor allem über seine Kopfballstärke und Robustheit im Zweikampf.
Als Backups sind Pontus Jansson von Leeds United und Filip Helander vom FC Bologna eingeplant.

Klare Rollenverteilungen auf den Außenverteidigerpositionen

Ähnlich wie bei der deutschen Nationalmannschaft dürften auch bei den Schweden die Außenverteidigerpositionen ziemlich klar besetzt sein. Auf der linken Abwehrseite dürfte Ludwig Augustinsson von Werder Bremen die erste Wahl sein, während Routinier Mikael Lustig von Celtic Glasgow die rechte Seite beackert und häufig mit aufrücken soll. Mit Martin Olsson von Swansea City und Emil Krafth vom FC Bologna hat Trainer Andersson auch in diesem Mannschaftsteil die positionsgetreuen Optionen mit nach Russland genommen.

Robustes Sechser-Duo als Anker im schwedischen Spiel

Innerhalb der4-4-2-Grundordnung haben die beiden Sechser naturgemäß eine sehr stützende und stabilisierende Funktion. Einerseits im Spiel gegen den Ball, wo sie die Abstände zu den angrenzenden Linien (Sturm, Verteidigung) möglichst klein halten sollten und zusammen mit den einrückenden Außenspielern die Aufgabe haben, das Zentrum zu verdichten und die gegnerischen Aufbauversuche so auf die Flügel lenken können. Auch bei eigenem Ballbesitz geht es viel um Absicherung und Stabilität. Das Aufsammeln und Weiterleiten von zweiten Bällen nach langen Abschlägen des Torhüters gehört dabei ebenfalls zu den Kernkompetenzen wie die aggressive Zweikampfführung um sogenannte freie Bälle im Mittelfeld. Gesetzt ist Routinier Sebastian Larsson von Hull City. Neben ihm hat wohl Albin Ekdal vom HSV die besten Karten, der vor allem seine Stärken im Zweikampfverhalten ausspielen soll. Oscar Hiljemark vom FC Genua und Gustav Svensson von den Seattle Sounders sind ebenfalls Kandidaten für die offene Sechserposition neben Larsson.

Emil Forsberg sticht aus schwedischem Kollektiv heraus

Der bekannteste Name (ohne Zlatan Ibrahimovic, eh klar) im schwedischen Aufgebot dürfte RB-Leipzig-Akteur Emil Forsberg sein. Ähnlich wie in Leipzig kommt er auch im Nationalteam über die linke Angriffsseite und pendelt dort zwischen Positionen am Flügel und dem jeweiligen Halbraum. Durch diese eingerückten Positionierungen agiert er häufig wie ein verkappter Spielmacher und findet aus strategisch günstigen Positionen (im offensiven Halbraum, häufig Zuordnungs- bzw. Übergabeprobleme beim Gegner) teils brillante und überraschende Lösungen. Diese Qualitäten machen ihn zu einem äußerst interessantesten Spieler im europäischen Fußball. Sein Gegenüber auf der rechten Seite wird Viktor Claesson vom russischen Erstligisten Krasnodar sein. Claesson ist deutlich mehr auf Dynamik und Durchbruch aus als Forsberg und ist deshalb der wesentlich geradlinigere Spielertyp von beiden.

Klares Sturmduo im 4-4-2

Das Sturmzentrum ist mit Ola Toivonen  und Marcus Berg personell ebenso klar besetzt wie der Großteil der restlichen Mannschaftsteile. Janne Andersson ist generell eher der Typ Trainer, der auf eine klare und eingespielte Stammelf baut und Wechsel, sei es personeller oder taktischer Natur, eher ungern vornimmt. Jeder Spieler ist für eine Position vorgesehen und diese ist dann auch doppelt besetzt. Ein weiterer konträrer Ansatz zur mexikanischen Herangehensweise. Die beiden Stürmer müssen im schwedischen Kollektiv viel Defensivarbeit verrichten und fokussieren sich in ihren Positionierungen darauf, den gegnerischen Sechserraum zuzustellen und die optimale Grundposition für das anschließende Mittelfeldpressing zu finden. Mit John Guidetti und Isaac Thelin, hat Andersson zwei robuste Strafraumstürmer in der Hinterhand, die bei einem möglichen Rückstand in der Schlussphase noch einmal für Durchschlagskraft und Präsenz sorgen könnten.

Unbekannter Chefcoach mit ausgeprägtem Realitätssinn und Pragmatismus

Janne Andersson, 55 Jahre alt, hat bis zu seinem Amtsantritt Mitte 2016 immer schwedische Klubmannschaften trainiert, deswegen ist er auf europäischer Bühne auch noch weitestgehend unbekannt. Wie bereits erwähnt baut er auf eine klare Stammelf und einer grundsoliden Arbeit gegen den Ball. Das ist das Fundament im schwedischen Spiel, das sie auch dank der recht simplen Strukturen sehr gut verinnerlicht haben und so auch schon individuell überlegene Gegner geschlagen haben. Zieht Andersson sein Ding durch und festigt sich die Mannschaft im ersten Spiel gegen Südkorea rasch, werden ihn wohl einige Menschen außerhalb der schwedischen Landesgrenze deutlich besser kennen als davor.

Die abseits.at Einschätzung

Wie in der Einleitung angerissen: Die Schweden können Favoriten ärgern und auch besiegen. Etwas fraglich ist, wie sie sich gegen vermeintlich ebenbürtige Gegner wie Mexiko und Südkorea anstellen. Ein solides Spiel gegen den Ball mit Konteraktionen wird hier nicht ausreichen, um etwas Zählbares einfahren zu können. Viel wird in diesen Begegnungen von der Spielstruktur und Spieldynamik abhängen, was natürlich schwerer vorherzusagen ist. Man kann aber ohne Zweifel behaupten, dass die Schweden bis hierher aus begrenzten Möglichkeiten das Optimum herausgeholt haben.

Sebastian Ungerank