Nigeria darf als spannender Außenseiter in der Gruppe D gehandelt werden, der sich nicht nur gegen Island, sondern auch gegen Argentinien und Kroatien Chancen... WM-Teamanalyse Nigeria: Gutes Kollektiv mit interessanten Offensivkräften

Nigeria darf als spannender Außenseiter in der Gruppe D gehandelt werden, der sich nicht nur gegen Island, sondern auch gegen Argentinien und Kroatien Chancen ausrechnet. Wir sehen uns die Mannschaft von Coach Gernot Rohr genauer an und verraten euch die Stärken und Schwächen der Super Eagles.

Nigeria gewann in der Qualifikation die Gruppe B vor Sambia, Kamerun und Algerien und verlor die einzige Partie am letzten Spieltag gegen den Tabellenletzten, als die Mannschaft schon fix für die Endrunde qualifiziert war. Die Freundschaftsspiele liefen zuletzt nicht nach Wunsch, denn aus sechs Partien konnte nur das Spiel gegen Polen mit 1:0 gewonnen werden! Gegen die demokratische Republik Kongo trennte man sich mit einem 1:1-Unentschieden, die Spiele gegen Marokko (0:4), Serbien (0:2), England (1:2) und Tschechien (0:1) gingen allesamt verloren. Coach Gernot Rohr testete in den Freundschaftsspielen einige unterschiedliche Formationen, unter anderem ein 3-5-2 und ein 4-3-3. Wenn es in Russland aber ernst wird, dürfte er auf sein erprobtes 4-2-3-1 zurückgreifen. Wir wollen uns die einzelnen Spieler nun genauer ansehen.

Jugend übernimmt

Die Zeiten der Torwart-Legende Vincent Enyeama sind vorbei, doch die Super Eagles haben einen interessanten jungen Einser-Goaile. Der erst 19-Jährige Francis Uzoho spielt bei Deportivo La Coruna, wo er diese Saison zumeist in der zweiten Mannschaft eingesetzt wurde. Obwohl er nur zwei Einsätze in der Kampfmannschaft der Spanier vorweisen kann, vertraut Coach Rohr dem Talent und gibt ihm volle Rückendeckung. Dass einem unerfahrenen Keeper immer wieder Fehler passieren können steht außer Frage und Uzoho sah etwa auch bei der 1:2-Niederlage gegen England beim zweiten Gegentreffer nicht gut aus. Er ist ohne Frage ein talentierter Keeper, doch die WM könnte für den unerfahrenen Schlussmann noch zu früh kommen. Andererseits hätte er natürlich die Chance sich mit starken Leistungen einen Namen zu machen.

Der Wilde und der Coole

In der Innenverteidigung ist William Troost-Ekong gesetzt, der bei Bursaspor unter Vertrag steht. Der 24-Jährige kommt über den Kampf ins Spiel und hat starke Zweikampfwerte. Neben ihm wird voraussichtlich der Ex-Mainzer Leon Balogun starten, da die beiden zusammen bisher gut harmonierten. Balogun ist der etwas ruhigere der beiden Abwehrspieler und geht weniger rustikal ans Werk. Die Alternativen für diese Position sind zudem Chidozie Awaziem vom FC Nantes und Kenneth Omeru von Kasimpasa, der auch als rechter Außenverteidiger aushelfen könnte.

Ersatzmann am interessantesten

Rechts hinten beginnt Bursaspor-Außenverteidiger Shehu Abdullahi, der sich ansonsten auch im defensiven Mittelfeld wohl fühlt. Bevor er im Winter von Anorthosis in die türkische Liga wechselte, wäre er beinahe in Deutschland gelandet, da auch der SC Freiburg Interesse am 25-Jährigen hatte. Die Alternative auf der rechten Abwehrseite ist Tyronne Ebuehi, der gerade von ADO Den Haag zu Benfica wechselte. Der 22-Jährige wäre die spannendere Lösung und bringt mehr Offensivpower mit.
Auf der linken Seite agiert Amkar-Perm-Legionär Bryan Idowu, dessen Mutter zur Hälfte Russin ist. Er hätte auch gerne für Russland gespielt, wurde aber nie einberufen, weshalb der 26-Jährige sich Ende 2017 überreden ließ sich den Super Eagles anzuschließen. Die Außenverteidiger Nigerias sind körperlich robust und verfügen über eine gute Grundschnelligkeit. Wunderdinge sollte man sich aber keine erwarten.

Zwei Arbeiter, ein Stratege

Greift Coach Gernot Rohr auf ein 4-2-3-1 zurück, dann erwarten wir Wilfred Ndidi und und Ogenyi Onazi im defensiven zentralen Mittelfeld. Leicester-Legionär Ndidi absolvierte heuer 33 Partien in der Premier League und sah dabei acht gelbe und zwei rote Karten. Der 21-Jährige hatte die schwierige Aufgabe in die Fußstapfen von N’Golo Kante zu treten, was ihm insgesamt sehr gut gelang. Kein anderer Spieler der Premier League machte mehr Tacklings als der 21-Jährige (4,2 pro Spiel) und er erwies sich im Spiel gegen den Ball als eine enorme Bereicherung. Ogenyi Onazi kann im Vergleich zu Ndidi mehr als Allrounder bezeichnet werden. Der Trabzonspor-Legionär soll in erster Linie auch seinem Vordermann Obi Mikel den Rücken freihalten und seine Defensivaufgaben gewissenhaft erledigen. Er ist aber auch ein ballsicherer Akteur, der kaum Fehler begeht und ab und zu gute Ideen hat. Onazi spielte lange Zeit bei Lazio, wo er aber nur selten als unumstrittener Stammspieler galt. Während seiner Zeit in Rom verfolgte er einmal erfolgreich einen Taschendieb, der einen Touristen ausraubte. Er meinte, dass er als Mittelfeldspieler seine Umgebung eben ständig im Blick haben müsse.
Ndidi und Onazi haben eine Hauptaufgabe – sie sollen dem Star des Teams, John Obi Mikel, den Rücken freihalten. Der heute 31-Jährige stand mehr als zehn Jahre lang beim FC Chelsea unter Vertrag und kann jede Position im zentralen Mittelfeld einnehmen. Im Nationalteam spielt er momentan auf der Zehn, wobei er sich immer wieder zurückfallen lassen soll. Mikel, der aktuell in der chinesischen Liga bei Tianjin Teda unter Vertrag steht, soll das Tempo bestimmen und die Bälle klug verteilen.

Brandgefährliche Flügel

Der aktuell vielleicht wichtigste Spieler im nigerianischen Team ist Rechtsaußen Victor Moses. Der 27-jährige Chelsea-Stammspieler zeigt in der Nationalmannschaft bärenstarke Leistungen und ist eine echte Waffe am rechten Flügel. Er bringt viel Speed und Dynamik mit, vergisst dabei allerdings auch nicht auf die Defensivarbeit. Auf dem linken Flügel dürfte Arsenal-Legionär Alex Iwobi starten, obwohl er heuer bei seinem Klub unter seinen Erwartungen blieb. Der Neffe von Jay Jay Okocha ruft im Nationalteam aber regelmäßig stärkere Leistungen ab und die Verwandtschaft zu Okocha lässt sich sowieso nicht leugnen. Iwobi ist immer für einen spektakulären Trick zu haben, auch wenn dieser vielleicht gar nicht notwendig wäre.

Viel Auswahl im Sturm

Nigerias Angriff ist ebenfalls stark besetzt. Im 4-2-3-1-System hat Odion Ighalo die besten Karten, wobei Kelechi Iheanacho eine gleichwertige Alternative darstellt. Ighalo erzielte zwischen der Saison 2014/15 und 2016/17 in 90 Partien 36 Tore für den FC Watford und verdient sein Geld aktuell wie John Obi Mikel in der chinesischen Liga. Für Changchun Yatai erzielte er seit seinem Wechsel in 38 Partien 23 Treffer. Der 28-Jährige ist einerseits ein starker Konterstürmer, macht aber auch im Kombinationsspiel eine gute Figur. Da sich Obi Mikel von der Zehnerposition oft zurückfallen lässt, soll sich auch Ighalo immer wieder tief fallen lassen, damit der Abstand zwischen den Mannschaftsteilen nicht zu groß wird. Die dabei entstehenden freien Räume können die flinken Flügelstürmer nutzen. Nicht unerwähnt lassen wollen wir Ahmed Musa, der zumindest jedem FIFA-Spieler ein Begriff sein sollte. Musa ist der quirligste und dribbelstärkste Angreifer, hat aber in der Startaufstellung keinen Platz.

Disziplin, Disziplin, Disziplin

Trainer Gernot Rohr hasst Unpünktlichkeit und das lässt er seit seinem Amtsantritt auch die Mannschaft spüren. Wer zu spät kommt fliegt raus. Kapitän John Obi Mikel sprach in den höchsten Tönen von dem gebürtigen Mannheimer und stellte fest, dass im Nationalteam noch nie so viel Disziplin herrschte. Gernot Rohr besitzt seit 1982 die französische Staatsbürgerschaft und wird in seiner neuen Heimat Frankreich als Fußball-Fachmann enorm geschätzt. In Deutschland ist der Afrika-Spezialist für die breite Bevölkerung ein eher unbekannter Name.

abseits.at-EInschätzung

Dass Gernot Rohr auf Disziplin pocht ist kein Zufall, denn Nigeria kann in Russland nur als Kollektiv erfolgreich sein. In der Offensive finden sich zwar mehrere interessante Akteure, jedoch gibt es keinen absoluten Star wie Nwankwo Kanu, auf den das Spiel zugeschnitten ist. Mit Teamgeist, Konzentration und einem direkten Spiel nach vorne wollen die Nigerianer bei dieser Weltmeisterschaft positiv auffallen. Der Präsident wünscht sich den Weltmeistertitel – das wird es natürlich nicht spielen. Ein Aufstieg in der starken Gruppe D wäre schon eine schöne Überraschung!

Stefan Karger