Österreich kennt fußballerisch nur zwei Extreme: Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Dass der Maßstab gänzlich fehlt, wenn es um den Alpenkick geht, weiß man... Österreichs Spitzenklubs und das Problem mit der internationalen Selbsteinschätzung

Österreich kennt fußballerisch nur zwei Extreme: Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Dass der Maßstab gänzlich fehlt, wenn es um den Alpenkick geht, weiß man ja. Aber wie gehen die Gegner der Österreicher an die Arbeit? Eine Beobachtung nach den Europacupspielen von Sturm, Austria und Salzburg.

Sturm spielte gegen den Meister aus Ungarn, Videoton Szekesfehervar. Durch den mäßigen Koeffizienten bekamen es die Grazer also gleich mit einem Gegner zu tun, der auf Augenhöhe ankam. Genau so präsentierten sich auch beide Mannschaften in dieser frühen Phase der Saison, die konsequentere stieg auf. Dass der Star-Trainer Paulo Sousa anders als ebensolche Kollegen bei Salzburg nicht mit Schimpf und Schande getadelt wurde, liegt an einer realistischeren Einschätzung der Lage. Während sich die Massenmedien hierzulande darauf versteifen, Österreich hätte den Anspruch mindestens Weltmeister zu sein, geht man in Ungarn kleine Schritte: „Ich bin auf alle meine Spieler sehr stolz. Ich denke, es ist uns gelungen, auf dem Platz den Respekt des Gegners zu erlangen“, gab der Trainer bei laola1.at zu Protokoll. Sein Abwehrchef Zoltán Lipták ergänzte, dass „alle für alle gekämpft haben. Es war ein tolles Tempo. Wir haben fantastisch gespielt.“ Die östlichen Nachbarn können sehr gut einschätzen, dass Österreich derzeit die Nase leicht vorne hat. Der Ruf, Mannschaften wie Shakhtar Donezk oder Valencia auszuschalten, existiert nicht, eine Niederlage gegen ein Team auf Augenhöhe wird gut verdaut.

DAXBACHERS GLÜCK UND PECH

Montenegro ist im Gegensatz zu Ungarn weiter als Österreich. Dies bezieht sich auf die Nationalmannschaft, man führt in der Qualifikationsgruppe G punktegleich mit England. Möglich machen das Namen wie Mirko Vucinic oder Nicola Drincic und der Trainer Zlatko Kranjcar. Die Liga kann mit den Leistungen der Nationalmannschaft jedoch nicht mithalten, das Land ist zu klein, die Konkurrenz zu gering. Trotzdem zeigte Rudar phasenweise, wie weit man als Underdog mit einer guten Organisation kommen kann. Dies fehlt Österreich im Umgang mit stärkeren Gegnern. „Nach 20 Minuten Drangphase von uns hat einiges nicht geklappt. Man hat gesehen, wie schwierig es gegen einen gut organisierten Gegner ist. Im Endeffekt kann man zufrieden sein. „, gab Karl Daxbacher in der Krone zu Protokoll. Sein Gegenüber verlautete via offizielle Homepage zwar ein Lamento über das zu Unrecht aberkannte Tor, Dragan Radojicic meinte aber, man müsse „weiter gehen und in der Liga überzeugen“. Wichtig ist auch „eine bessere Vorbereitung“. Als die Veilchen vor einem Jahr gegen Aris Saloniki mit 1:2 (0:1) Gesamtscore ausschieden, sagte Hector Cuper, dass zwar „zwei in etwa gleich starke Teams gegeneinander gespielt“ haben und man „ein bisschen mehr Glück“ hatte. Trainer Daxbacher redete sich darauf aus, dass „in wichtigen Partien vor dem gegnerischen Tor die Nerven eine wichtige Rolle spielen“ und „so etwas im Training zu üben leider nicht möglich ist“. Radojicic kann also eine deutlich unterlegene Mannschaft gut einstellen, der Austria fehlten gegen Aris einfach nur Glück und Nerven vor dem Tor. Ein Schelm, wer Böses denkt.

KEIN GUTER ZWEITER ANZUG

Übungsleiter Ricardo Moniz ist in seinen Analysen nüchtern und geht immer pädagogisch wertvoll vor. Nach dem Motto „Zuckerbrot und Peitsche“ begrüßte der Niederänder zwar den sicheren Aufstieg, attestierte aber beim Online-Standard, dass man „zu wenige Chancen kreiert habe. Wir haben gesehen, dass etwas Qualität fehlt. Wir haben noch eine kleine Disbalance in der Mannschaft. Es ist meine Verantwortung, das wegzuarbeiten“. Wenn in der Frühphase der Saison eine Mannschaft auf sieben Positionen verändert wird, muss sich Moniz jedoch nicht wundern, dass einige Dinge nicht funktionieren. Sein Gegenüber Vladimir Osipovs sah sein Team unterlegen, freute sich über das Unentschieden und gab zu verstehen, dass man nicht „mehr tun konnte, als ein normales Ergebnis zu erzielen“. Die wahre Stärke der Salzburger habe man noch laut Osipovs noch nicht gesehen, er habe aber „keinen Zweifel, dass sie in die Gruppenphase der Europa League einziehen werden.“ Der bemerkenswerteste Teil ist aber folgendes Statement, das sich einige Manager in Österreich hinter die Ohren schreiben sollten: „Vielleicht ist jemand von unseren Spielern auch dem Gegner aufgefallen.“

Sousa, Radojicic, Osipovs: Die Trainer der Quali-Gegner der drei besten Clubs der abgelaufenen Meisterschaft verfügen über eine realistische Einschätzung des Standings ihrer Mannschaft. Sei es das Erarbeiten von Respekt, konsequentere Umsetzung im Spiel oder das Aufspielen auf einer zum Heimatland relativ großen Bühne. Hoffentlich finden auch Österreichs Trainer und vor allem die Medien die richtigen Worte, sollte das Abenteuer Europa zu Ende gehen.

Georg Sander, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen