Mit einer nervenaufreibenden Partie ging das EM-Abenteuer des österreichischen Nationalteams zu Ende. Im dritten Gruppenspiel unterlag man der isländischen Auswahl mit 1:2 und muss... Zuerst pfui, dann hui: Österreichs Halbraumbesetzung im Spiel gegen Island
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Marcel Koller 2_abseits.atMit einer nervenaufreibenden Partie ging das EM-Abenteuer des österreichischen Nationalteams zu Ende. Im dritten Gruppenspiel unterlag man der isländischen Auswahl mit 1:2 und muss somit die Heimreise antreten. Ein großes Thema war dabei das System, das sich besonders in einem wichtigen taktischen Aspekt niederschlug.

ÖFB-Teamchef Marcel Koller überraschte mit seiner Startelf sowohl personell als auch formativ, denn er schickte seine Spieler im Pariser Parc de Princes in einer 3-4-3-Ordnung ohne wirklichen Stürmer ins „Endspiel“. Gegen die tiefstehenden Isländer konnte man damit jedoch keinen Druck erzeugen, was vor allem an der mangelhaften Besetzung der Halbräume lag.

Die Wichtigkeit der Halbräume

Generell kann das Spielfeld in beliebige Teile bzw. Zonen aufgeteilt werden. Eine grobe Einteilung in Längsrichtung wäre zum Beispiel die „klassische“ Variante in drei Streifen (Links, Rechts, Mitte). Gerade im modernen Profifußball ist jedoch gerade die Besetzung der Zonen zwischen den gegnerischen Spielern ein äußerst wichtiger Aspekt.

Dementsprechend etablierte sich in den letzten Jahren eine feinere Unterteilung, sodass die zentrale Zone, die meist breiter definiert wird als die beiden äußeren, schmaler gemacht werden kann und zwei neue Räume eingeführt wurden: die sogenannten Halbräume. Eine detaillierte taktisch-theoretische Beschreibung dazu findet man auf spielverlagerung.de.

Gerade im Spiel gegen tiefstehende Gegner ist die Besetzung dieser Halbräume ein äußerst entscheidender Faktor. Sie eröffnen die Möglichkeit, das Tempo zu erhöhen und den Ball direkt in Richtung Tor zu treiben. Schon gegen Ungarn hatte das ÖFB-Team Probleme darin, diese Zonen strukturiert zu bespielen. Gegen die raumorientierter, aber höchstkompakt verteidigende Isländer wäre dies noch wichtiger gewesen, da diese sehr organisiert verschoben.

Kaum Druck in Halbzeit eins

In der ersten Halbzeit, als Österreich noch im 3-4-3 agierte, gelang dies allerdings praktisch überhaupt nicht. Die einzige Torchance resultierte aus einem Pressingimpuls und dem folgenden Fehler des isländischen Tormanns. Aus dem Positionsspiel heraus kam die rot-weiß-rote Mannschaft hingegen gar nicht erst in die Gefahrenzone, weil man es nicht schaffte, die Halbräume zu infiltrieren, und somit den gegnerischen Defensivblock nie in für ihn unangenehme Bewegung versetzte.

Laut ORF-Field-Reporter Peter Hackmair forderte Koller von den Außenverteidigern, dass sie sich sehr breit positionieren sollten, um die 4-4-2-Formation der Isländer auseinanderzuziehen. Diese reagierten darauf allerdings nicht, da sie erkannten, dass von den österreichischen Außenbahnspielern quasi keine Gefahr ausgehen konnte. Bekamen diese den Ball, verschob Island zur entsprechenden Seite und der Ball musste wieder nach hinten gespielt werden. Warum Island mit relativ geringem Aufwand die österreichischen Angriffsversuche schnell stoppen konnte, erkennt man im nachstehenden Bild.

Man erkennt hier sehr deutlich die 3-4-3-Grundordung des ÖFB-Teams mit David Alaba als leicht zurückgezogenem Stürmer. Island kann je nach Situation sowohl im Zentrum als auch auf den Seiten eine Überzahl herstellen, weil Österreich die Halbräume nicht besetzt und somit den Isländern eine klare Zuordnung erlaubt. Wäre dies nicht der Fall, so hätte Island beim Verschieben viel weniger Zeit und größere Probleme. Der angespielte ÖFB-Außenverteidiger könnte nämlich schnell auf den Spieler im ballnahen Halbraum spielen, welcher dann das Tempo anziehen würde.

Ebenfalls aus der ersten Halbzeit ist diese Beispielszene. Wieder ist kein Österreicher in den strategisch wichtigen Räumen, sodass Island bei einem Pass auf die Seiten keine Bedenken haben muss. Außerdem äußerst sich hier ein weiterer Nachteil, der entsteht, wenn die Halbräume nicht besetzt sind: es ist praktisch unmöglich effiziente Passdreiecke herzustellen. Dies erkennt man daran, dass gerade die Abwehr- und Mittelfeldspieler auf einer Linie stehen.

Theoretisch könnte man auch aus den obigen Ausgangsituationen von den Flügeln aus das Spiel mit einem Seitenwechsel beschleunigen. Dies erfordert allerdings technisch außerordentlich starke Spieler, die einerseits derartige Pässe spielen können und andererseits sich die Zuspiele so mitnehmen können, dass sie umgehend auf das gegnerische Tor ziehen können. Gerade auf Nationalmannschaftsebene eine Wunschgedanke.

Variable Besetzung in Halbzeit zwei

Dementsprechend reagierte Koller in der Pause, stellte formativ und personell um. Österreich agierte wieder im gewohnten 4-2-3-1 mit Alaba als pendelnden Achter, Alessandro Schöpf auf der Zehnerposition und Marc Janko im Sturm. Gerade die ständige Bewegung der beiden Erstgenannten sorgte für viel Dynamik und Gefahr. Sofort nach dem Wiederanpfiff kam Österreich so zu einer guten Möglichkeit. Drei weitere Beispiele wollen wir uns im Folgenden kurz ansehen.

Islands Pressing ist dadurch charakterisiert, dass der rechte Flügelspieler im hohen Pressing stärker nach vorne rückt als der linke. Dadurch ergibt sich meist eine asymmetrische 4-3-3-Staffelung. Aufgrund von Alabas Positionierung im ballnahen Halbraum rückt der rechte Mittelfeldspieler auf die Seite, wodurch der zentrale Mittelfeldspieler nachschieben muss. Dies geschieht zu langsam, sodass der Passweg in den Zehnerraum auf Schöpf geöffnet wird.

Hier sieht man diesen Mechanismus mit vertauschten Rollen. Diesmal bewegt sich Schöpf aus dem Halbraum heraus, zieht den rechten Sechser der Isländer weg und öffnet so den Kanal vom Innenverteidiger in den Halbraum. Alaba bewegt sich ausgehend von einer zentraleren Position dorthin und ist folglich frei. Mit einem Pass  in die Tiefe auf Janko kommt Österreich dann zu einer Abschlussmöglichkeit.

Wenig überraschend fiel auch das Tor der Österreicher nachdem sie die Isländer im rechten Halbraum vor Probleme stellten. In diesem Bild sieht man den entscheidenden Moment. Schöpf bewegt sich in Richtung Zentrum, zieht den absichernden Sechser aus dem Halbraum raus, sodass Alaba problemlos durchlaufen kann. Kurze Zeit später zappelt der Ball im Netz.

Als Fußnote sei hier noch kurz auf die Rolle von Janko und Marko Arnautovic eingegangen. Letzterer bindet durch seine breite Stellung der gegnerischen Rechtsverteidiger und erster zieht die Aufmerksamkeit der Innenverteidiger auf sich. Das obige Bild hält also genau jenen Moment fest, zu dem Island den Angriff am ehesten hätte stoppen können. Nämlich dann wenn der Sechser bei seinem Herausrücken den Ball erobert. Ansonsten sind sie von den Aktionen der Österreicher abhängig und müssen hoffen, dass diese Fehler machen. Hier war dies nicht der Fall.

Diskutable Personalwahl

Es war kein Wunder, dass das ÖFB-Team nach der Umstellung zum alten System wieder stärker wurde. Immerhin konnten sie so auf vertrautere Abläufe zurückgreifen und den Gegner so ständig in Bewegung halten. Durch die viel bessere Besetzung der Halbräume stellte man die Isländer ständig vor Zuordnungsprobleme und erspielte sich einige sehr gute Torchancen. Angesichtes dessen fragt man sich natürlich, warum Koller nicht bereits zu Beginn auf diese bewährte Variante setzte.

An und für sich war die anfangs gewählte Formation durchaus nachvollziehbar und hätte ohne weiteres auch zum Erfolg führen können. Problematisch war vielmehr die personelle Besetzung. Viele Spieler waren auf den eingesetzten Positionen schlicht nicht in Lage, die dafür nötigen Aufgaben auszufüllen. Über einen Halbverteidiger, der nicht in der Lage ist, die gegnerische Formation anzudribbeln, und jemanden als Stürmer, der am besten dann zur Geltung kommt, wenn er das Spiel vor sich hat, zog sich dies auch in das Thema dieses Artikels.

In einem 3-4-3 können nämlich insbesondere die beiden zentralen Mittelfeldspieler mit Vertikalläufen die Halbräume effizient attackieren. Sowohl Stefan Ilsanker als auch Julian Baumgartlinger sind allerdings nicht Spielertypen, die diese Eigenschaft mitbringen. Gerade in den ersten beiden Beispielszenen, die hier analysiert wurden, konnte man dies erkennen.

Alexander Semeliker, abseits.at

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Alexander Semeliker

@axlsem