Am 1. September 1938 beschließt Italiens Ministerrat die „Provvedimenti nei confronti degli ebrei stranieri“ – Maßnahmen gegen ausländische Juden: Innerhalb von sechs Monaten haben... Kicker unterm Hakenkreuz (3) – Die letzten Tage des Árpád Weisz
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Inter Mailand - Wappen, Logo_abseits.atAm 1. September 1938 beschließt Italiens Ministerrat die „Provvedimenti nei confronti degli ebrei stranieri“ – Maßnahmen gegen ausländische Juden: Innerhalb von sechs Monaten haben diese das italienische Festland, die Kolonie in Libyen sowie die ägäischen Besitzungen zu verlassen. Alle jüdischen Italiener, die nach dem 1.1.1919 die Staatsbürgerschaft erlangt haben, verlieren diese mit sofortiger Wirkung.

Árpád Weisz geht an diesem Tag wie gewöhnlich vom Stadio Littoriale nachhause in die Via Luigi Valeriani 39. Manchmal holt er auf dem Heimweg seine Kinder Clara und Roberto von der Volksschule Bombicci ab, dafür muss er jene Straße nehmen, die heute nach dem Ende der Schlacht um Bologna „Straße des 21. April 1945“ heißt. In jenen Septembertagen werden die Straßen der Altstadt jedoch sukzessive nach Faschistenfunktionären benannt und vor dem Stadion des AGC Bologna thront ein steinerner Mussolini mit Pferd. In vier Tagen wird dem achtjährigen Roberto und seiner jüngeren Schwester wie allen jüdischen Kindern der staatliche Schulbesuch verweigert. Nur rund ein Monat danach wird ihr Vater als Trainer plötzlich entlassen. Der jüngste Meistermacher der Serie A ist arbeitslos. An jenem 1. September sind die letzten Tage im Leben des Árpád Weisz angebrochen und das obwohl er erst fünf Jahre später ermordet wird. Das abrupte Ende seiner Laufbahn läutet sein langsames Sterben ein. Qualvoll wird die Schlinge um seinen Hals immer enger gezogen bis es für ihn und seine Familie kein Entkommen mehr gibt.

Fürstlich

Schon früh lernt Árpád Weisz, dass man als Jude in Europa nicht das unbekümmertste Leben führen kann: Als junger Mann verlässt er seine ungarische Heimat nicht nur um seine Spielerkarriere voranzutreiben, sondern auch wegen erster antisemitischer Gesetze des Horthy-Regimes und geht nach Brünn. Die judenfeindlichen Zwillinge im Geiste, Hitler und Mussolini, drängen den Trainer Weisz schließlich ins niederländische Exil, wo er nur ein weiterer Name auf einer deutschen Deportationsliste ist. Dabei beginnt sein Leben im schönen Teil der Donaumonarchie, im Budapester Speckgürtel. In einem europäischen Judentum, das sich vom ärmsten Schtetl in Galizien bis hin zur assimilierten Elite des Habsburgerreiches nuanciert, wird Weisz in eine gutsituierte Familie hineingeboren. Das Toleranzedikt Joseph II. eröffnet den nach Europa gewanderten Semiten den Weg in die Gesellschaft, sodass um die Jahrhundertwende die größte jüdische Minderheit des Abendlandes in Österreich-Ungarn lebt. In Budapest wohnen damals zahlenmäßig sogar noch mehr Juden als in Wien. Etwa eine Autostunde von der Stadt entfernt, in Solt, erblickt Weisz am 16. April 1896 das Licht der Welt.

Wer heute nach Solt kommt, den erinnert nicht mehr viel an jene Zeit als der Ort eine schmucke Provinzstadt am Donaustrand war, wo wohlhabende Ungarn in ihren Herrenhäusern lebten und in romantischen Parks dem Kleinstadtleben frönten. Die ebenerdigen Palazzi in Pastellfarben, von hellrosa bis zartgelb, wie jener des Komponisten Vécsey, verfallen langsam, die Strommasten sind vorsintflutlich, die meisten Menschen nur auf der Durchreise. Zu Weisz Geburt ist das 5.000-Seelen-Nest aber eine Miniatur-Ausgabe von Baden bei Wien à la hongroise: Malerisch, filigran, naturnah – weit genug entfernt und trotzdem nahe genug an der pulsierenden Hauptstadt. Die meisten, die hier wohnen, können ganz ordentlich leben. Weisz Eltern sind stolze Ungarn: Ihren Sohn benennen sie nach dem Nationalhelden Árpád, einem magyarischen Feldherren, dessen Nachkommen bis ins 14. Jahrhundert herrschten. Vater Weisz ist Tierarzt und K.u.k.-Beamter, der Junior besucht das Gymnasium. Nicht bekannt ist, wie er zum Fußball kommt. Wahrscheinlich so wie die meisten Buben: Irgendeiner wirft ihm als Kind ein Fetzenlaberl vor die Füße und so nimmt die Geschichte ihren Lauf.

In den frühen Zwanzigern spielt Weisz als linker Flügelspieler beim SC Törekvés, dem Budapester Eisenbahnerverein und nicht etwa beim jüdisch geprägten MTK oder den kaisertreuen Bürgerlichen von Ferencváros, zu welchen er aufgrund seiner Herkunft besser gepasst hätte. Sein Partner auf der linken Seite ist Ferenc Hirzer: Flink wie eine Gazelle und technisch auf Topniveau. Er ist der begabtere Spieler der Freunde, trotzdem schaffen es beide ins ungarische Nationalteam. Da die Eisenbahner in der Meisterschaft gegen die etablierteren Stadtrivalen auf Dauer keine Chance haben, wechseln Weisz und Hirzer gemeinsam zu Makkabi Brünn. Für diesen Umzug bricht der 27-jährige sein Jusstudium an der Budapester Universität ab. Das tschechische Makkabi erblüht zu dieser Zeit wie eine frischbegossene Rose: Kaufleute investieren in den jüdischen Sportklub, der es sich deshalb leisten kann Legionäre zu verpflichten. 1923 besteht Makkabi mit Gyula Feldmann, Sándor Nemes, Ernö Schwarz, Reszö Nikolsburger und Joszéf Eisenhoffer fast ausschließlich aus jüdisch-ungarischen Nationalspielern. Als erstes de-facto-Profiteam messen sich die Makkabianer regelmäßig mit europäischen Spitzenmannschaften. Aufgrund der Verpflichtung des nicht-jüdischen Hirzers bekommt der Klub jedoch Ärger mit dem Verband, da er satzungsgemäß eigentlich ein rein-semitischen Verein bleiben soll. Letztendlich muss Hirzer wieder gehen.

Meuterei von 1924

1924 gehört Árpád Weisz zum Kader für das olympische Fußballturnier in Paris. Die topbesetzten Ungarn scheitern jedoch schon im Achtelfinale nicht ganz unabsichtlich an Ägypten: Die Spieler rebellieren, verweigern Anstrengung wegen der schlechten Behandlung, die ihnen der ungarische Verband zuteilwerden ließ. Miklós Horthy lässt die großteils jüdische Nationalmannschaft in einem miesen Hotel in Montmartre unterkommen, während mitgereiste Funktionäre in feinster Seidenbettwäsche mit Blick auf die Seine und den Eiffelturm nächtigen. Ein, zwei Goi des Teams hat er zudem als Spione in die Pflicht genommen. Sie sollen Nörgler denunzieren. Die Unruhestifter zu entlarven ist aber gar nicht notwendig, denn einer aus der Mannschaft geht ohne jegliche Zurückhaltung vor und überschallt so jede verhaltene Kritik der anderen: Béla Guttmann, späterer Weltklassetrainer, damals aber noch 25-jähriger Defensivspieler, verleiht seiner Entrüstung unverhohlen Ausdruck in dem er erschlagene Mäuse aus den lausigen Unterkünften der Kicker an die Hotelzimmertüren der Offiziellen hängt. Guttmanns Nationalmannschaftskarriere ist somit nach vier Spielen plötzlich und für immer zu Ende. Flügelstürmer Weisz bleibt in Paris übrigens ohne Einsatz.

16. Oktober 1938: Bologna besiegt Lazio zuhause mit 2:0. Es ist Weisz letztes Spiel als Trainer der Rot-Blauen, danach zwingen ihn die Rassengesetze zur Aufgabe seiner Tätigkeit. Die „Dichiarazione sulla razza“ verbieten nicht nur den Militärdienst für Juden und sogenannte „Mischehen“ sondern reglementieren auch den Zugang zu Arbeitsplätzen. Der gebürtige Österreicher Hermann Felsner tritt Weisz Nachfolge an. Er ist kein Unbekannter in Bologna: „Il dottore magico“, wie ihn die Presse einst getauft hat, hat bereits 1925 und ’29 den scudetto in die Universitätsstadt geholt. Er schließt nahtlos an seine Erfolge an und gewinnt mit Weisz Mannschaft 1939 erneut die Serie A. Leider orientiert sich in diesen Jahren nicht nur der FC Bologna an einem Österreicher: Der italienische Staat schließt sich mit einer Reihe von Erlässen Hitlers wahnwitziger Rassenpolitik an. Noch bleibt es aber bei der Verdrängung jüdischen Lebens aus der Öffentlichkeit, die systematische Vernichtung wird erst nach dem Sturz Mussolinis in Angriff genommen.

Der Fußballer Árpád Weisz gehört nicht zu den Besten seiner Generation. Nach einer Saison in Brünn trennen sich die Wege von ihm und Hirzer: Die Gazelle geht nach Turin, Weisz zu Calcio Padova, wo Legionäre gutes Geld machen können. Seine Bilanz ist erschreckend schlecht: In nur sechs Spielen für Padua erzielt er ein Tor. 1926 beendet er bei Inter Mailand seine aktive Karriere, bei keinem Verein ist er länger als ein Jahr geblieben. Der Ungar weiß aber genau, wie es jetzt weiter gehen soll. Bereits in Budapest schätzte der Trainer nicht nur seine spielerischen Qualitäten sondern vor allem seine Analysefähigkeit. Jetzt mit 30 Jahren hat er genug Fachwissen und taktisches Verständnis erworben, sodass er sich, nach einem Intermezzo als Co bei US Alessandria, beim Inter-Präsidium als Trainer aufdrängt. Bis 1931 coacht er die Mailänder, seine Amtszeit wird dabei nur von einer Bildungsreise nach Südamerika unterbrochen: Nachdem sich Uruguay und Argentinien im olympischen Fußballfinale 1928 gegenüberstehen, möchte Weisz den Fußball der beiden Länder eingehend studieren. Pedro Petrone, ein Messi-Ronaldo-Verschnitt der 30er, ist der Starstürmer der Urus, doch auch das System der Lateinamerikaner scheint der europäisch-englischen Methode weit überlegen zu sein.

The Hungarian Connection

Jänner 1939: Árpád Weisz und seine Familie müssen Italien verlassen, denn hier wird er keinen Trainerposten mehr finden. Zurück nach Ungarn? Nein, dort sind die rassistischen Gesetze noch weitaus schlimmer als am Stiefel. Auswandern nach Südamerika, wo der von Weisz geliebte Fußball in seiner Reinkultur gespielt wird? Auch nicht, denn die Familie hängt an Europa: Roberto und Clara sind in Mailand geboren und echte italienische bambini, auch ihre Mutter, la bella signora Ilona, plädiert zunächst für einen Zwischenstopp. Also übersiedeln die Vier nach drei Monaten Hotelleben via Paris schließlich nach Holland, wo der Meistertrainer ein Angebot des FC Dordrecht angenommen hat. Im Nachhinein scheint es absurd, dass die Familie näher an die deutschen Grenzen gezogen ist. Damals jedoch hofften viele, Holland würde, wie auch im Ersten Weltkrieg, neutral bleiben und ein sicheres Auffangbecken für Flüchtlinge bieten. Das Leben in der kleinen Hansestadt wirkt ähnlich beschaulich, wie jenes, das Weisz aus seiner Kindheit in Solt kennt. Hier, denkt er, kann er abwarten, und konzentriert sich auf seine Arbeit am Platz: Er sichert den Klassenerhalt.

Ungarische Fußballlehrer haben in den Zwanzigerjahren einen exzellenten Ruf: Da gibt es Stuttgart- und AS-Rom-Coach Lajos Kovacs, den Vater des „Grande Torino“ der 50er, Ernö Erbstein, oder Jenö Karly, der während eines verrückten Finalspieles von Juventus Turin an einem Herzinfarkt stirbt (am Ende holen seine Turiner übrigens den Titel). Die Italiener nennen ihre Art Fußball zu taktieren, zu trainieren und zu fühlen respektvoll „Calcio danubiano“: Jene Mischung aus feinmechanischer Wiener Schule, Raum-Nützen nach tschechischer Methode und dem Ballbesitz-Fußball des MTK ist auch die Basis von Weisz Philosophie. Für Unsummen locken Milan, Inter, Juve und Co. die Gelehrten an den Stiefel: „Ein österreichischer oder ungarischer Familienvater ist kein Millionär, der seine Kinder zum Studieren nach Oxford oder Cambridge schicken könnte. Fußball als Beruf ist nicht unehrenwert.“, zeigt Nationaltrainer Pozzo Verständnis. Unter diesen Trainern ist Weisz der erfolgreichste: Nach zwei Saisonen im Mittelfeld der Tabelle, wird er 1929/1930 mit Inter Mailand Meister in der erstmals ausgetragenen Serie A. Sein System – a bisserl „danubiano“, a bisserl südamerikanisch – wird er im Lehrbuch „Il giuoco del calcio“ festhalten. Mit 34 Jahren ist Weisz bis heute der jüngste Scudetto-Trainer der Geschichte. Der zehn Jahre ältere Vittorio Pozzo schreibt das Vorwort zu Weisz Buch und entwickelt mit seiner Hilfe sein „Metodo“ , jenes System, das Italien 1936 den Olympiasieg und zwei Jahre darauf die Verteidigung des WM-Titel einbringen soll. Pozzo verdankt Weisz auch den besten Mann für die „Azzurri“: Der Ungar holt im September 1927 den 17-jährigen „Peppino“ in die Mailänder Kampfmannschaft und baut ihn als Mittelstürmer auf. Sieben Jahre später stemmt der fesche Ballkünstler im blauen Trikot den Coupe Rimet in die Höhe. Heute trägt die Heimat der Nerazzurri seinen Namen: Guiseppe Meazza.

Als in der Saison nach dem Meistertitel das Mailänder Erfolgskonstrukt einbricht, geht Weisz zu AS Bari. Sein Landsmann István Tóth-Potya übernimmt und wird Sechster. Weisz kann mit Aufsteiger Bari die Klasse halten, ehe ihn der neue Inter-Klubpräsident Ferdinando Pozzani zurückholt. Aller guten Dinge sind zwar drei, doch der jüngste Meistermacher muss 1933 zwei schmerzhafte Niederlagen verdauen: Im Mitropacup verlieren die zwangsumbenannten Norditaliener als AS Ambrosiana gegen einen gewissen FK Austria Wien das Finalrückspiel mit 3:1, in der Serie A müssen sie Juventus Turin den Vortritt lassen. Weisz, der inzwischen die ebenfalls aus Ungarn stammende Ilona geheiratet hat, bricht daraufhin endgültig seine Zelte in der Domstadt ab. Er trainiert zunächst den Zweitligisten Novara Calcio ehe er in Bologna sesshaft wird. Die Bologneser haben ihn schon auf der Wunschliste seit er mit Bari im Relegationsspiel den Abstieg abwenden konnte.

12. Mai 1940: Die Wehrmacht dringt nach Dordrecht vor und kesselt die niederländische Armee ein. Drei Tage später kapitulieren die Niederländer und das Besatzungsregime Nazi-Deutschlands beginnt sich zu etablieren. Nicht nur die Weisz müssen sich (zum zweiten Mal) diskriminierenden Verordnungen beugen, unter den vielen jüdischen Bürgern ist auch eine Familie Frank aus Frankfurt am Main, die ein ähnliches Schicksal ereilen wird. Über ein Jahr lang kann Árpád Weisz den FC Dordrecht noch trainieren, dann wird er im September ’41 erneut wegen seiner jüdischen Abstammung entlassen. In einem seiner letzten Spiele besiegt der FC noch den großen Bruder aus Rotterdam, Feyenoord.

Fußball mit Paprika oder dem Visionär ist nichts zu schwör

Associazione Giocare Calcio Bologna heißt der FC Bologna 1934 als Árpád Weisz neuer Trainer wird. In der Stadt mit der – neben Paris – ältesten Universität Europas fühlt sich der Fußballgelehrte richtig wohl. Er macht aus dem Mittelständler einen zweifachen Meister und wird gefeiert. Bolognas Aufstieg beginnt dabei schon knapp zehn Jahre zuvor, als Felsner die Norditaliener übernimmt. Dem Österreicher wird – ähnlich wie Weisz – ein großer Einfluss auf die Spielkultur am Stiefel attestiert. Leandro Arpinati, hochrangiges Mitglied der Partito Nazionale Fascista und Fußballfunktionär, lässt ab 1925 das Stadio Littoriale zu Ehren seines Jugendfreundes Mussolini erbauen. „Die Idee kam mir bei einem Besuch der Caracalla-Thermen.“, schwärmt Arpinati über die prachtvolle Heimat der Bologneser. Am 10. Mai 1936 ist jeder der 50.000 Plätze besetzt: Die Krönung von Viktor Emanuel III. zum Kaiser von Äthiopien vom Vortag lässt die Tifosi kalt, sie feiern Bolognas Meistertitel nach einem 3:0-Triumph über Triest. Die Mannschaft rund um Schiavio, Italiens Siegtorschütze zum WM-Titel 1934, und den uruguayischen Stützen Sansone, Fedullo und Andreolo beendet Juventus Alleinherrschaft in der Serie A. Das Ausländerverbot umgeht die Associazione, wie fast alle Erstligisten, indem ihre südamerikanischen Wunderwuzzis dank italienischer Vorfahren in den Augen des Regimes sowieso als „reinrassig“ gelten. Was mag Weisz denken, als er Mussolini als Trainer der Meistermannschaft vorgestellt wird? Ein mulmiges Gefühl begleitet den jüdischen Ungarn, doch das kurze Zusammentreffen mit dem Diktator beschränkt sich auf ein Händeschütteln.

Ein Jahr später verteidigt Bologna den Titel – auch weil der zurückgetretene Schiavio glänzend durch Carlo Reguzzoni ersetzt wird. Nach unglücklichen Auftreten im Mitropacup, feiert die AGC mit einem 4:1-Sieg über Chelsea anlässlich der Pariser Weltausstellung im Juni 1937 einen überraschenden Prestigeerfolg. Die Londoner werden dermaßen vorgeführt, dass jene 90 Minuten einer Lehrstunde gleichen. Nach heutigen Maßstäben entspricht der Sieg einem Championsleague-Triumph und der Meistercoach ist 1937 zweifelsohne der größte Fußballtrainer Europas. Der schlichte, bunte Glaspokal wird Weisz letzte Trophäe. Bologna-Präsident Renato dall’Ara hat den Erfolg als „Sieg des Faschismus“ bezeichnet und soll auf makabre Weise Recht behalten: Jener Faschismus wird seinem Trainer bald den Tod bringen.

Im Spiel gegen Chelsea zeigt sich Weisz erfolgreiches Taktikkonzept at its best: Seine felsenfeste Defensivausrichtung lässt den Gegner das Spiel machen, während der italienische Meister über die Flügel erbarmungslos zuschlägt. Die Londoner finden bis zum Schlusspfiff kein wirksames Gegenmittel gegen diese Strategie. Für Paris Soir gewinnt die technisch und taktisch beste Mannschaft das Turnier. Allenatore Weisz ist detailverliebt und somit seiner Zeit weit voraus: Am Trainingsgelände feilscht er mit dem Platzwart zeitweise um die Graslänge jedes Halmes. Er kümmert sich um das Essen der Spieler, spannt sie zum Einzeltraining ein und liegt Präsident dall’Ara so lange in den Ohren bis dieser die Kabine beheizen lässt. Ritiro, die traditionelle Versammlung der Mannschaft am Abend vor dem Spiel, gehört ebenso zu Weisz Standardrepertoire. Seit seiner Zeit bei Törekvés bereitet er sich akribisch mittels Gegneranalyse vor und sieht darin einen wichtigen Schlüssel zum Erfolg. „Weisz war der „special one“ seiner Zeit“, erklärt Gianni Antonucci, Fußballexperte aus Bari. Das Bindegewebe seines Spieles ist Herbert Chapmans 3-2-2-3, das W-M-System, aber noch mehr bewundert er Jimmy Hogan. Als er das Angebot des FC Dordrecht erhält, nimmt er nicht zuletzt deshalb an, weil auch Hogan die Holländer einst coachte, ehe er zum ÖFB stieß. Weisz ist der große Modernisierer des calcio, ohne Angst vor Veränderung. Mit dem Ausbau des Flügelspieles sowie einem zurückgezogenen Außenläufer legt er den Grundstein für die Entwicklung des italienischen Fußballes. Der Ungar trichtert seinen Spieler seine taktischen Beweggründe solange ein, bis diesen sein System in Fleisch und Blut übergegangen ist: Fulvio Bernardini, Doktor der Wirtschaftswissenschaften, ist auch als Spieler klug genug, Meazza freiwillig Platz zu machen und sich ins Mittelfeld zurückzuziehen. „Jetzt kann ich das Kind endlich einsetzen“, seufzt Weisz erleichtert.

August 1942: Seit April muss die Familie Weisz den Stern tragen. Die Kinder gehen nicht mehr zu Schule, Restaurantbesuche sind gestrichen, auch das Mitfahren in öffentlichen Verkehrsmitteln. Trotzdem hofft Árpád Weisz auf ein Wunder. An einem sonnigen Augustmorgen zerschlägt sich jeder Optimismus: Ein Brief trifft in der Wohnung am Dordrechter Bethlehemplatz ein, der die Familie auffordert, sich fünf Tage später am Bahnhof einzufinden. Árpád, Ilona und die Kinder steigen mit tausenden Fremden in einen Zug, der sie in das Durchgangslager Westerbork bringt: Der Meistertrainer steht nun unter dem Kommando eines ehemaligen Düsseldorfer Polizisten und Kabarettliebhabers: SS-Obersturmführer Gemmeker lässt jeden Dienstag Züge nach Auschwitz abfahren. Schon nach wenigen Wochen werden auch die Weisz weiter verschleppt.

Es führt kein Weg zurück

In seiner fußballerischen Heimat bleibt der berühmte Trainer lange Zeit nicht nur ein totgeschlagener sondern auch ein totgeschwiegener Mann. Als Matteo Marani in der Klubhistorie zufällig auf seinen Namen stößt, beginnt er zu recherchieren. Marani ist Sportjournalist aber vor allem rossoblu – tifosi. Um herauszufinden, wohin Weisz Weg nach seinem erzwungen Abschied aus Bologna führte, arbeitet er sich durch die Schulakten des 1930 geborenen Roberto. Mithilfe eines Bologneser Telefonbuches ruft er 2006 sämtliche Ex-Bombicci-Schüler an und bekommt zufällig Robertos engsten Kinderfreund ans Rohr: Giovanni Savigni erzählt dem Journalisten die Geschichte der Familie, die dieser in seinem Buch “Dallo Scudetto ad Auschwitz” niederschreibt. Árpád Weisz wird plötzlich wieder bekannt. Seine ehemaligen Vereine ziehen nach: Im Jänner 2012 enthüllen Inter-Präsident Moratti und sein Bologneser Kollege Guaraldi eine Gedenktafel für den Startrainer am Mailänder Stadion, bereits drei Jahre zuvor ist ein ähnliches Schild in Bologna befestigt worden. „Weisz ist nicht nur eine historische Figur, sein Name bleibt im heutigen Kampf gegen Rassismus lebendig.“, erklärt Moratti: „Leider ist Rassismus keine Sache der Vergangenheit.“ Anlass dieser Aussage waren rassistische Schmähungen die AC-Milan-Profi Boateng bei einem Testspiel von Fans eines Viertligisten erdulden musste. Mittlerweile weisen auch Bari und Dordrecht mittels Plaketten auf ihren berühmten Chefcoach hin.

2. Oktober 1942: Árpád Weisz ist das letzte Mal mit seiner Familie zusammen. An der Rampe in Auschwitz werden sie für immer getrennt: La bella Ilona, Clara und Roberto werden drei Tage später, an einem Freitag, in der Birkenauer Gaskammer vergast. Schwache Frauen und kleine Kinder taugen nicht für die Zwangsarbeit der Nazis. Jahre später müssen das auch die Franks aus Deutschland und so viele andere erleben. Ahnungslos vom Schicksal seiner Familie arbeitet der 46-jährige wie ein Tier in der Eisengießerei. Über seinen Aufenthalt im Lager ist sonst wenig bekannt, einen Fußball hat Weisz höchstwahrscheinlich nie wieder gesehen.

31. Jänner 1944: Eineinhalb Jahre nach dem Tod seiner Familie stirbt Árpád Weisz morgens in Auschwitz-Birkenau an Tuberkulose, Unterernährung und gebrochenem Herzen. „Eingefallenes Gesicht, erloschene Augen, kalte Lippen, Stille, ein zerrissenes Herz, ohne Atem, ohne Worte, keine Tränen“ Volle Stadien, das Lachen seiner Kinder und sein Leben im Bologneser Quartiere Saragozza wirken auf ihn nur noch wie Augenblicke aus einer anderen Zeit. Sein Leben lebte Árpád Weisz als Árpád Weisz bis 1938, dann wird er sukzessive zum Menschenmaterial, zum Namen auf einer Liste degradiert. Schändlich, dass man jahrelang nicht einmal sein Andenken pflegte.

Dass man den großen Trainer in Italien einfach vergessen hat, passt zum kollektiven Gedächtnisschwund nach 1945. Sämtliche Hitler-Gefolgsstaaten verbuchten ihre Missetaten in einem dunklen Kapitel und setzten einen Haken darunter. „Unser Land hat sieben Jahre lang die Augen geschlossen“, bringt es Fußballjournalist Buffa heute auf den Punkt – keine Rede von Überzeugungstätern, Kollaborateuren und dem hauseigenen despota. Dabei verfolgte Mussolini – der persönlich eher an Tennis und Reiten interessiert war – mit der Schaffung der Serie A ausschließlich die Verbrüderung des italienischen Volkes und die Nivellierung von Klassenunterschieden. Die Ausrichtung der Fußball-WM 1934 sollte die Überlegenheit der „römischen Rasse“ und den Sieg des Faschismus demonstrieren. Das jahrelange „Nicht einmal ignorieren“ rassistischen Gedankengutes führte dazu, dass es bis heute rechtsextreme Tendenzen in Tifosi-Kreisen gibt – wie Lazio-Fans letzten Dienstag beim Spiel gegen Bayer Leverkusen wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis stellten. Inter, der Verein, der sich seine weltoffenen Absichten 1908 schon in den Vereinsnamen geschrieben hat, bemüht sich seit 2013 besonders um das Lebenswerk seines ersten Meistertrainers: Mit Unterstützung der jüdischen Gemeinde Mailands wurde ein Gedenkturnier für den Ermordeten ins Leben gerufen. 69 Jahre nach seinem Tod wärmen Bologneser und Mailänder Spieler vor dem Cupviertelfinale in T-Shirts mit seinem Konterfei auf: „No al razzismo“. Hätte Weisz doch nur zu Lebzeiten so viel Unterstützung erfahren. Dabei darf nicht vergessen werden, dass überdurchschnittlich viele Italiener ihren jüdischen Mitbürgern halfen der Verfolgung zu entgehen. Von 23.000 Yad-Vashem-Auszeichnungen für die „Gerechten unter den Völkern“ wurden 500 Mal Staatsangehörige der Mittelmeer-Halbinsel geehrt. Heute würde man Weisz Andenken jedoch am besten gerecht werden, wenn aktuell Schutzsuchenden die notwendige Hilfe zuteilwird. Zwar findet in Europa kein Massenmord mehr vor den verschlossenen Augen der Weltöffentlichkeit statt, trotzdem verpflichten Anstand, Mitmenschlichkeit und vor allem die eigene Geschichte uns alle zu einem Mindestmaß an Solidarität. Zugeschaut, wenn Menschen in einem Lager nur Namen auf Listen waren, wurde immerhin schon genug.

Marie Samstag, abseits.at

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Marie Samstag