Im Topspiel der elften Runde der österreichischen Bundesliga empfing nach der langen Länderspielpause Tabellenführer Sturm Graz den Verfolger Austria Wien. Dabei wollten die Grazer... Analyse: Sturm demontiert Wiener Austria

Im Topspiel der elften Runde der österreichischen Bundesliga empfing nach der langen Länderspielpause Tabellenführer Sturm Graz den Verfolger Austria Wien. Dabei wollten die Grazer die Tabellenführung wieder zurückholen, nachdem Salzburg gestern diese vorübergehend erobern konnte. Die Austria hingegen wollte die Serie an ungeschlagenen Spielen prologieren und den Abstand zur Spitze nicht vergrößern. Jedoch stellte sich relativ früh im Spiel heraus, dass dieses Unterfangen eher eine schwierige Angelegenheit wird. Sturm präsentierte sich hervorragend eingestellt und taktisch flexibel, worauf die Wiener keinerlei Antworten fanden. Die Probleme im Spiel der Veilchen wurden völlig entblößt und gnadenlos ausgenutzt, weshalb das Spiel zu einer deutlichen Einseitigkeit tendierte.

Personalsorgen bei violetten Gäste, Sturm stellt System um

Während der zweiwöchigen Pause entspannte sich die personelle Lage bei der Austria nur geringfügig. Zwar kehrten die erkrankten Holzhauser und Prokop zurück in die Mannschaft, jedoch wurde in der Innenverteidigung niemand rechtzeitig fit, nachdem auch Ruan Renato sich schwer verletzte und dieses Jahr nicht mehr zum Einsatz kommen wird. So musste Serbest erneut in der Abwehr aushelfen und bildete mit Kadiri die Innenverteidigung. Im Sturm bekam etwas überraschend Monschein den Vorzug vor Friesenbichler, da man diesen scheinbar als prädestinierter für dieses Spiel erachtete. Bei Gastgeber Sturm wurde nach der Länderspielpause ebenfalls ein wichtiger Stammspieler nicht rechtzeitig fit, weshalb Flügelspieler Röcher nicht mitwirken konnte. Gleiches galt für Spendlhofer, der sich eine Muskelverletzung zuzog.

Auf die Planungen von Sturm hatte dies jedoch nicht allzu große Auswirkungen. Trainer Foda dachte sich gegen die Wiener etwas Neues aus und überraschte seinen Gegenüber Fink mit einigen Veränderungen und bewies erneut seine taktische Flexibilität. Zunächst nahm er eine Systemumstellung vor – von einem 3-4-3, hin zu einem asymmetrischen 4-1-4-1 und wartete darüber hinaus mit einigen gegnerspezifischen Anpassungen auf. Zunächst war vor allem die Rolle von Potzmann eine große Überraschung, da dieser nicht wie gewohnt auf dem linken Flügel als Wing-Back zum Einsatz kam, sondern als nominell halbrechter Achter aufgestellt wurde. Dabei hatte er in seiner neuen Rolle einen ganz speziellen Zweck zu erfüllen. Einerseits sollte er vor allem die Rolle von Huspek ausbalancieren, der sehr hoch positioniert wurde und oft auf einer Höhe mit Stürmer Alar aufzufinden war, andererseits wurde die rechte Seite für strategische Überladungen genutzt, um Überzahl zu schaffen und die Austria auf diese Seite zu locken. Anschließend wollte man sobald die Gäste zum Ball verschoben, die ballfernen Räume bespielen, um das Mittelfeld der Veilchen aufzureißen.

In diesen ballfernen Räumen lauerten immer wieder entweder Hierländer oder Zulj, und sollten so als Anspielstationen parat stehen für das Spiel über den dritten Mann, wenn man das Spiel in andere Zonen verlagern wollte. Darüber hinaus gab es eine interessante Asymmetrie im System der Grazer, die zu einem ganz speziellen Zweck gewählt wurde. Einerseits rückte Hierländer immer wieder in das Zentrum und sollte so als Übergangsstation im Kombinationsspiel fungieren, andererseits wurde Huspek wie bereits erwähnt sehr hoch positioniert. Damit wollte man dem Spiel konstant Breite geben und Huspek sollte entweder als Empfänger für Spielverlagerungen dienen oder mit seinen Läufen in die Tiefe, die Schnittstellte der Abwehr attackieren und Räume für Mitspieler schaffen.

Austria wechselt ebenfalls das System etwas und hat von Anfang an Probleme

Die Gäste aus der Hauptstadt passten die Formation ebenfalls etwas an und formierten sich zunächst in einer 4-2-3-1 Anordnung, nachdem man zuletzt meist im 4-1-4-1 auftrat. Das hatte wohl folgenden Grund, da man sich scheinbar mehr Stabilität im Zentrum erhoffte, da in den vergangenen Partien immer wieder die schlechte Anbindung der Achter ein großes Problem war. Dabei griff man zum üblichen Abkippen von Holzhauser, während Alhassan sich davor im Zentrum positionieren sollte. Die Außenverteidiger agierten äußerst konservativ und rückten weder weit auf, noch kippten sie in das Zentrum hinein. Das Augenmerk legte man im Matchplan scheinbar auf das offensive Mittelfeld und sah dort Möglichkeiten dem Gegner Probleme zu bereiten. Das Trio Tajouri, Prokop und Pires sollte sich im Zwischenlinienraum der Grazer bewegen und dort auf Anspiele von Holzhauser lauern, um dann Tempo auf die gegnerische Abwehr aufzunehmen. Gegen den Ball verzichtete man zunächst auf ein höheres Attackieren und agierte abwartender, um zunächst aus einer gesicherten Defensive heraus nach vorne zu kommen.

Das Spiel begann zunächst etwas gemächlich und beide Seiten waren augenscheinlich auf Sicherheit bedacht. Die Austria zirkulierte den Ball in der ersten Aufbaureihe, die Grazer lauerten in ihrem raumorientierten 4-1-4-1 und sahen sich an, was die Gäste anzubieten hatten. Relativ rasch erkannten die Gastgeber jedoch, dass die Veilchen alles andere als gefestigt wirkten und streuten nun vermehrt Pressingsequenzen in ihr Spiel ein, mit denen man auch relativ bald hohe Ballgewinne erzielen konnte. Die Austria fand überhaupt nicht in ihren Rhythmus und fand nahezu keine Lösungen, um von hinten in höhere Zonen vorzudringen. Dies lag nicht nur daran, dass der Gegner defensiv gut und konzentriert agierte, sondern war vor allem auch hausgemacht. Das lag einerseits an dem bekannten Abkippen von Holzhauser, das mal wieder ohne Dynamik und ohne Zweck ausgeführt wurde. Ohne Zweck war es deswegen, weil Sturm das erwartete und es auch nicht verhinderte, sondern einfach geschickt darauf reagierte.

Einerseits wäre das Abkippen nicht nötig gewesen, da Sturm zunächst vorne nicht attackierte und nur mit Alar versuchte die Räume zu verschließen. Dadurch stand man mit Drei gegen Eins in Überzahl und verschenkte damit das Zentrum de facto. Sturm brauchte nur noch Alhassan im Auge behalten und damit war das Aufbauspiel durch das Zentrum komplett abgewürgt, da Prokop sehr hoch positioniert wurde. Normalerweise hat diese schwierige Rolle Serbest inne und füllt sie dank seiner Qualität recht ordentlich aus, wodurch diese Problematik zumindest etwas entschärft wird, aber der Neuzugang aus Nigeria ist mit dieser Rolle überfordert gewesen, da er auch eher eine Etappe weiter vorne seine Qualitäten besitzt. Durch die einkippenden Außenverteidiger wurde diese Problematik meist ebenfalls kaschiert, aber man verzichtete in diesem Spiel darauf. Dadurch konnte die Austria nur über die Flügel das Spiel aufbauen, wo sie Sturm allerdings bereits erwartete und immer wieder erfolgreich anpresste. Dadurch spielten die Gäste viele lange Bälle, die meist postwendend wieder retour kamen.

Sturm bekam dadurch immer besseren Zugriff auf die Partie und wurde selbstsicherer in ihrem Auftreten. Immer wieder sorgte man für gute Ballgewinne, kombinierte im Anschluss daran dann meist mit wenigen Kontakten und bespielte die offenen Räume des Gegners konsequent. Einer dieser Ballgewinne führte dann auch zu einem Elfmeter für die Gastgeber, den man jedoch verschoss. Das war jedoch der Startschuss für eine Drangphase, die dann auch im Führungstreffer mündete. Nach einem Fehlpass von Holzhauser spielte Maresic mit einem herrlichen Pass auf Potzmann die halbe Mannschaft des Gegners aus und Potzmann bediente im Anschluss Alar, der sich diese Gelegenheit nicht entgehen ließ. Kurze Zeit später schlug es nach einem Eckball erneut im Kasten der Wiener ein, diesmal sorgte Kadiri mit einem unglücklichen Eigentor für den Treffer und das 2:0.

Die Austria fand auch danach keinerlei Antworten gegen das Konzept der Grazer. Im Ballbesitz gelang es überhaupt nicht für eine stabile Zirkulation zu sorgen, da der Spielaufbau nicht existent war und zumeist aus langen Bällen bestand, sobald man nur im Ansatz Druck verspürte. Die Gastgeber verstanden es gut, die Veilchen auf dem Flügel zuzustellen und diese immer wieder zu überladen, wodurch es auf den Seiten schwer wurde sich durchzusetzen. Die Offensive hing völlig in der Luft und wenn sie mal eingesetzt wurden, versuchte man es immer wieder mit Dribblings in Unterzahl, die jedoch meist aussichtslos waren. Gegen den Ball gelang es kaum Zugriff zu erlangen, da man keine Kompaktheit zustande brachte. Das Mittelfeld verschob sehr schlecht und die Abwehr rückte überhaupt nicht nach. Die Grazer konnten sich immer wieder mühelos mit wenigen Kontakten befreien und verlagerten im richtigen Moment das Spiel, um die Austria aufzureißen und dann die offenen Räume zu bespielen. Vor allem Huspek brachte immer wieder gefährliche Hereingaben zur Mitte und sorgte so für Betrieb im Strafraum. Umso überraschender, dass Sturm trotz der deutlichen Überlegenheit kaum zu klaren Torchancen kam. Das war jedoch auch nicht notwendig, da man bereits komfortabel mit 2:0 in Führung lag und mit dem Ergebnis in die Pause ging.

Austria stellt um und probiert nochmal alles

Nach der katastrophalen ersten Halbzeit war der Trainer der Gäste naturgemäß gezwungen Veränderungen vorzunehmen, um vielleicht doch noch für den Umschwung zu sorgen. Zwar schickte Trainer Fink die Mannschaft mit dem gleichen Personal auf das Feld, nahm jedoch einige Anpassungen vor. Zunächst kehrte man wieder zum 4-1-4-1 System zurück und Alhassan rückte eine Etappe vor auf die Acht, während Holzhauser den alleinigen Sechser gab. Darüber hinaus wurde Holzhauser scheinbar angeordnet, nicht mehr abzukippen und den Raum vor der Abwehr zu besetzen. Tajouri bekam nun die Aufgabe, sich vermehrt fallen zu lassen und im Aufbau ins Zentrum einzurücken. Weiters presste man nun wesentlich höher und rückte mit der gesamten Mannschaft weiter auf, ging somit nun mehr Risiko ein. Sturm hingegen zog sich etwas weiter zurück und presste nur noch situativ, womit man mit dem Ergebnis im Rücken den Gegner kommen ließ.

Das Spiel der Austria wurde durch die zahlreichen Anpassungen zumindest minimal besser. Immerhin schaffte man es nun öfter in höhere Zonen vorzudringen und dort den Ball zirkulieren zu lassen, wodurch die Offensive besser ins Spiel kam. Darüber hinaus nahm die Anzahl der langen Bälle deutlich ab und man versuchte flach nach vorne zu kommen. Jedoch tat man sich auch weiterhin schwer und kam kaum in den Strafraum, geschweige denn zu Torchancen. Das lag jedoch vor allem an der hervorragend organisierten Defensive der Gastgeber, die der Austria das Leben schwer machte. Die Grazer formten in ihrem 4-1-4-1 ein engmaschiges Netz, in welchem sich die Veilchen immer wieder verfingen und die Bälle leichtfertig verloren. Bei Ballgewinn spielten die Gastgeber ihrerseits immer zügig und mit wenigen Kontakten nach vorne, wodurch man immer wieder gefährlich blieb. Den Todesstoß versetzten sich die violetten Gäste jedoch nahezu selbst. Nach einem katastrophalen Fehlpass von Serbest, fing Huspek den Ball ab und spielte Alar frei, dessen Abschluss wurde unglücklich von Kadiri abgefälscht und landete hinter dem chancenlosen Pentz im Netz.

Mit dem 3:0 war auch das kleine Aufbäumen der Austria Geschichte und das Spiel vorzeitig entschieden. Die Gäste gingen nun wenig Risiko ein und waren mit dem Ergebnis bereits gut bedient, während Sturm sich endgültig auf die Defensive konzentrierte und sich zurückzog. So plätscherte die Partie die restliche Spielzeit vor sich hin und hatte wenige Highlights. Einzig Holzhauser sorgte mit einem Distanzschuss mal für Gefahr, traf jedoch nur die Latte. Als wäre die Niederlage nicht bereits bitter genug, verlor die Austria noch einen weiteren Spieler, nachdem Martschinko bereits in der ersten Hälfte mit einer schweren Knieverletzung vom Platz musste. Pires wurde kurz vor Abpfiff nach einem Foul noch vom Platz verwiesen, wobei dies eine sehr harte Entscheidung war. Das war dann auch der Schlusspunkt an diesem gebrauchten Tag aus Sicht der Austria.

Fazit

Sturm setzte sich also in diesem Spitzenspiel verdient mit 3:0 durch und setzte damit ein ordentliches Ausrufezeichen. Dabei überraschte Trainer Foda mit seiner Aufstellung und Ausrichtung, womit er einiges an Risiko nahm, jedoch ging sein Plan vollkommen auf. In der Defensive präsentierte man sich bissig und ließ quasi nichts zu, während man in der Offensive immer wieder für Gefahr im Umschaltspiel sorgen konnte, auch wenn man zu wenigen klaren Torchancen kam. Mit diesem Sieg zeigte man, dass der heurige Erfolgslauf zumindest wesentlich nachhaltiger wirkt und man mit den Grazern definitiv rechnen muss im Kampf um die Meisterschaft. Die Austria hingegen startete äußerst ungünstig in diesen heißen Oktober und hatte letztlich nicht den Hauch einer Chance. Dabei wurden viele Probleme der Veilchen aufgedeckt. Einerseits ist die Personaldecke durch die Ausfälle in der Innenverteidigung extrem angespannt und andererseits rächt sich die ausbleibende Verpflichtung eines Sechsers gerade in dieser Situation nochmal zusätzlich. Serbest wird dadurch an zwei Stellen benötigt, ist aber auch gezwungen nahezu jedes Spiel zu machen. Ebenso müssen dadurch andere Spieler in die Bresche springen, die noch nicht soweit sind Verantwortung zu übernehmen. Spieler wie Kadiri oder Alhassan müssen aktuell einfach funktionieren und vorangehen, anstatt von einem eingespielten Kollektiv getragen zu werden. Die vielen Abgänge und Ausfälle setzten der Mannschaft ordentlich zu und machen die Aufgabe für Trainer Fink nicht gerade einfacher, nachdem jetzt auch noch Stammspieler Martschinko vermutlich monatelang ausfallen wird. Für die Veilchen gilt es nun rasch wieder in die Spur zu finden, denn bereits am Donnerstag empfängt man in der Europa League den kroatischen Meister Rijeka und wenige Tage darauf den Erzrivalen Rapid zum großen Wiener Derby.

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic

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