Wenn der SK Rapid morgen die Saison gegen den SV Mattersburg eröffnet, werden voraussichtlich weder Andreas Kuen, noch Eren Keles in der Startformation der... Das Kuen-Keles-Paradoxon

_Goran Djuricin - SK Rapid

Wenn der SK Rapid morgen die Saison gegen den SV Mattersburg eröffnet, werden voraussichtlich weder Andreas Kuen, noch Eren Keles in der Startformation der Hütteldorfer stehen. Die Vorbereitung brachte eine interessante Facette ans Tageslicht, die Rapid künftig noch helfen könnte.

Andreas Kuen ist mit seinen 22 Jahren wahrlich nicht zu beneiden. In den letzten vier Jahren musste der Tiroler drei Kreuzbandrisse verkraften, hatte zudem weitere Probleme mit Knien und Adduktoren. Insgesamt fiel das Mittelfeldtalent etwa 20 Monate aus und kam so natürlich nie in den Genuss eines Spielrhythmus.

Anders der Werdegang des Austro-Türken Eren Keles: Der 23-Jährige spielte im Nachwuchs für das Team Wiener Linien, kickte dann für die Vienna, wurde 22-jährig von Rapid verpflichtet. Für die zweite Mannschaft. 2017/18 soll er aber plötzlich (auch) für die Kampfmannschaft auflaufen.

Kuen auf links, Keles auf rechts

Beide Spieler können auf mehreren Positionen eingesetzt werden – und beide konnten im letzten Jahr nur bedingt überzeugen. Kuen spielte bei Rapid als Linksverteidiger bzw. im linken offensiven Mittelfeld. Unter Canadi wurde er zur Flankenmaschine umfunktioniert. Bereits aus dem Halbfeld sollte der technisch gute Zamser eine Hereingabe nach der anderen auf Kvilitaias Kopf befördern. Wirklich gut funktionierte dies nur im vorletzten Derby, als er das 1:0 des Georgiers vorbereitete.

Zu enges Korsett am Flügel

Sonst lief er sich häufig fest, war physisch im Eins-gegen-Eins nicht robust genug. Dadurch, dass Kuen horizontal zu wenig Platz vorfand und eher an der Seitenlinie „gefangen“ war, wirkte sein Spiel unflexibel und teilweise pomadig. Die Lösungsfindungen waren schlichtweg keine besonderen. Unter den Fans machte sich immer mehr Verwunderung darüber breit, welche außergewöhnlichen Talente man ihm 22-Jährigen sehen würde.

Ähnliche Probleme bei Keles

Etwa dieselbe Zeit, anderer Schauplatz: West 1, der Trainingsplatz hinter der „Röhre“ des Allianz Stadions. Eren Keles spielt für die zweite Mannschaft des SK Rapid am rechten Flügel und hat ähnliche Probleme wie Kuen in der Kampfmannschaft. Immer wieder läuft er sich fest, sein Spiel ist zu geradlinig, wirkt nicht „dreidimensional“. Ein Tor und drei Assists stehen nach der Frühjahrssaison beim einst wohl besten Kicker der Wiener Stadtliga zu Buche. Ein zweiter Korkmaz-Hype scheint bei Keles ausgeschlossen.

Verkehrte Welt gegen Monaco

Szenenwechsel. Internationales Testspiel gegen den AS Monaco im Allianz Stadion. Eine Stunde ist gespielt, die Monegassen sind platt von der harten Kondi-Phase der Vorbereitung, Kuen und Keles sollen beim Stand von 1:2 aus der Sicht Rapids helfen, doch noch den Ausgleich zu erzwingen. Und das tun sie seitenverkehrt: Keles spielt links, Kuen rechts.

Nach Traustasons leihweisem Abgang brauchte Rapid eine Alternative auf der linken Seite, konnte aufgrund der hohen Kaderdichte keinen Transfer für diese Position tätigen. Rechts hat indes Louis Schaub noch nicht seine Sommerform erreicht, Murg enttäuscht regelmäßig. Kuen darf also wieder auf seiner angestammten Position ran.

Invers statt linear

Das Resultat: Die beiden Kicker aus der zweiten Reihe sind die besten Spieler auf dem Platz, was einen einfachen Grund hat. Keles und Kuen sind dann stark, wenn sie ihr Spiel invers anlegen können. Wenn die beiden Platz zur Mitte hin haben, die  Halbpositionen besetzen können, vergrößert sich ihr Aktionsradius und zersetzt gegnerische Ordnungen. Anstatt die beiden praktisch mannzudecken, muss der Gegner plötzlich horizontal cleverer agieren, die Spieler häufiger übergeben und mit Positionsuntreue rechnen.

Der Aha-Moment

Ein Raunen ging durchs Stadion, als sich Kuen den Ball auf einer zentralen Position mit einer perfekten Drehung mitnahm, einen diagonalen Lauf startete und Prosenik mit einem Idealpass hinter die Abwehrspieler bediente. Eine solche Aktion hatte man bei Rapid vom Tiroler noch nie gesehen. Dies war schlichtweg dem durch die Position auf der rechten Seite ermöglichten Laufweg geschuldet. Kuen agierte in Räumen, die er von der linken Seite nicht erreicht hätte, weil ihm auf dieser Seite das inverse Spiel schwerer fällt und er zudem häufiger seinen schwächeren Fuß verwenden muss.

Keles sucht Räume zwischen Außen- und Innenverteidigern

Ebenso Keles: Der Käfigkicker kann von der linken Seite an neuralgischen Punkten den Weg zur Mitte suchen und versucht hier vor allem den Raum zu finden, der sich zwischen dem gegnerischen Außen- und Innenverteidiger auftut. Der Abwehrverband des Gegners wird zwangsläufig auf die Probe gestellt, der Gegner muss plötzlich deutlicher kommunizieren, um die Situation zu entschärfen. Auf der rechten Seite hatte Keles größere Probleme, weil sich der gegnerische Außenverteidiger auf sein lineares Spiel fokussieren konnte. Aufgrund seines schwächeren Fußes war es für ihn stets schwieriger in die Mitte zu ziehen und damit die Defensivstruktur des Gegners anzukratzen.

Mehr Überraschungsmomente statt Flügelfokus

Ein Spieler von den Amateuren und ein dauerverletzter Ergänzungsspieler. Wie die beiden Rapid ernsthaft helfen sollen, war vielen Fans bisher nicht klar. Die Antwort ist: Als inverse Flügel. Das insgesamt größte Problem im Rapid-Mittelfeld sind die linearen, vorausschaubaren Abläufe – unerwartete Entscheidungen machen die Grün-Weißen als Ganzes unberechenbarer. Gerade in Zeiten, in denen Flanken eine immer geringere Erfolgsquote aufweisen, sind inverse Flügel gefragt. Und zwei hungrige Spieler mit hohem Potential, die als Einwechsler noch einmal für Verwirrung sorgen können, werden Rapid tatsächlich helfen. Aber nur, wenn sie nicht an der Seitenlinie kleben und sich 90 Minuten einen In-Fight mit dem Außenverteidiger liefern müssen…

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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