Beim 2:2 gegen Hartberg offenbarte Rapid jede nur denkbare Facette, die in dieser Mannschaft steckt. Biss, Aggressivität, Zielstrebigkeit – und später Lethargie, mentale Mängel... Kommentar: Rapid und die gefährliche Wurschtigkeit

Beim 2:2 gegen Hartberg offenbarte Rapid jede nur denkbare Facette, die in dieser Mannschaft steckt. Biss, Aggressivität, Zielstrebigkeit – und später Lethargie, mentale Mängel und Mutlosigkeit.

Rapids Nichterreichen des Meisterplayoffs bestimmte in den letzten Tagen die Medien. Geschont wurde in Hütteldorf praktisch niemand. Der achte Platz nach dem Grunddurchgang ist eine handfeste Blamage.

Starker Beginn

Dabei hatte das Spiel gut begonnen. Rapid wirkte anfänglich so, als wäre das 1:2 in Mattersburg tatsächlich ein einmaliger und wohl auch notwendiger Ausrutscher im Frühjahr gewesen. In den ersten Minuten des Spiels wirkte es so, als wollte Rapid den TSV Hartberg mit Haut und Haaren fressen. Das aggressive, für Rapid-Verhältnisse recht hohe Pressing, drückte die Oststeirer regelrecht an die Wand und schnell schien klar, wer das Feld als Sieger verlassen würde.

Rapid KANN

Nach einer halben Stunde führte Rapid mit 2:0. Zwischen den beiden Treffern wurde ein reguläres Tor von Maximilian Hofmann wegen angeblichem Abseits aberkannt. Dass Rapid innerhalb einer halben Stunde aufgrund der richtigen Marschrichtung und einer gesunden Portion Aggressivität eigentlich drei reguläre Treffer erzielte, zeigt das Potential der Mannschaft auf. Rapid kann kicken, kann auch kämpfen und da und dort sein Glück erzwingen, wenn es der Spielverlauf zulässt. Rapid ist stark genug, um jeden Gegner der Liga zu besiegen. Zugleich ist man aber auch die Mannschaft der Liga, in der am wenigsten Eigeninitiative durch die Spieler steckt.

Als die Körperspannung plötzlich nachließ…

Der Umschwung kam nicht erst mit Hofmanns Eigentor zum 1:2, sondern bereits nach etwa 35 Minuten. Plötzlich stimmte etwas mit der Körperspannung Rapids nicht. Die Pressingversuche wurden immer schwammiger, der Druck auf den ballführenden Gegner ließ nach. Thomas Murg hatte kurz davor das 2:0 besorgt und plötzlich glaubten einige Spieler wieder, dass alles Weitere im Schongang funktionieren würde, nachdem es spielerisch ja offensichtlich passte. Andere Spieler ließen sich anstecken, niemand fühlte sich zu einem Weckruf verpflichtet und so kippte das Spiel noch bevor Hartberg erstmals jubeln durfte. Und zwar auf einer mentalen Ebene.

Weckruf verabsäumt

Kurz vor der Pause hätte es einen Wutanfall gebraucht. Egal von wem. Kühbauer blieb stoisch ruhig wie zumeist und wollte seine ohnehin sensible Mannschaft beim Stand von 2:0 wohl nicht verunsichern. Die so genannten Führungsspieler wogen sich aufgrund des Spielstandes ebenfalls in Sicherheit und erwarteten entspannt den Pausenpfiff. Kapitän Schwab verkörperte den Mentalitätsumschwung in der Partie selbst am allermeisten und erkannte nicht, dass Probleme im Verzug sind. Sein Vorgänger als Rapid-Kapitän lebte es stets vor: Steffen Hofmann sah man auch bei einer 2:0-Führung häufig unzufrieden, verbissen und laut. Schwab, aber auch alle anderen Routiniers, sowie das Trainerteam, erkannten die Zeichen der letzten zehn Minuten im ersten Durchgang nicht und so nahm die körperliche und geistige Spannung Rapids immer weiter ab.

Keine Konfrontation und die falsche Sicherheit

Die ersten zehn Minuten der zweiten Hälfte waren die logische Folge. Hartberg besorgte mit Glück das 1:2 und wenige Augenblicke später mit Klasse und Laufarbeit das 2:2. Diese Abfolge der Ereignisse verstand Rapid nicht. Man hatte doch alles im Griff, stellte die Weichen früh auf Sieg. Dass ein lautes Wort, ein wenig Kritik untereinander, vielleicht auch ein kleiner Streit trotz 2:0-Führung den Fokus aufrechterhalten hätte können, schien niemandem klar zu sein. Stattdessen fasste man sich gegenseitig gar nicht oder nur mit Samthandschuhen an, denn das Ergebnis sprach ja eine recht deutliche Sprache. Und wer ist schon Hartberg? Vor wenigen Wochen schenkte man dem Aufsteiger im Cup fünf Trümmer ein und so ähnlich würde es an diesem Tag wohl auch laufen, zumal nach einer halben Stunde bereits zwei fielen.

Das falsche „Wir sind Rapid“-Gefühl

Aber mit der Körperspannung verlor Rapid auch den Hunger. Plötzlich war wieder das falsche „wir sind Rapid“-Gefühl auf dem Platz spürbar. Nicht das historisch gewachsene, selbstverständliche Gefühl, den Gegner jetzt in alle Einzelteile zerlegen zu können und zu wollen, sondern das „heute haben wir eigentlich eh schon viel getan, wir kriegen eh noch unsere Chancen und weil wir hier in Hütteldorf sind, wird der Gegner schon ehrfürchtig genug bleiben“-Gefühl. Mitnichten, denn Angst braucht man vor einer Mannschaft mit einer derart laxen Einstellung nicht haben. Symptomatisch war Schobesbergers Chance kurz vor dem 1:2: Der Flügelflitzer kam nach einem schönen Doppelpass mit Schwab zu einer guten Torgelegenheit. Aber während Schobesberger abschloss, bewegte sich in der Mitte nur Pavlovic und drei Rapid-Mittelfeldspieler inklusive Passgeber Schwab schauten im Stand zu. Kein Interesse an systematischer Strafraumbesetzung, kein Interesse an irgendeiner Teilnahme an der weiteren Aktion. „Arbeit erledigt“ – schauen wir halt mal, was dabei rauskommt. Und so begann Hartberg zurückzuschlagen…

Kein Zug mehr in der Partie

Als es schließlich 2:2 stand, wich die Zuversicht der Ratlosigkeit. Rapid verkrampfte, machte immer mehr Fehler und auch die Kommunikation schien nicht mehr zu stimmen. Im beidseitigen Umschaltspiel erkannte man, dass Rapid nach und nach die Balance abhandenkommt, was hauptsächlich dem schwachen zentralen Mittelfeld geschuldet war. Dadurch konnte Rapid sowohl gegen als auch mit dem Ball kein Tempo mehr aufbauen und biss sich gegen Hartberger, die einen Motivationsschub bekamen, die Zähne aus. Ein Kopfball von Hofmann nach einer Standardsituation und ein Lattenschuss von Ivan waren die letzten Rapid-Chancen in der Partie. Diese hatte man allerdings in einem Zeitraum, in dem ein intaktes Team das Doppelte bis Dreifache an Chancen kreieren hätte müssen. Die geistige Leere bedingte in der letzten halben Stunde des Spiels aber auch einen Mangel an Frische und Rapid wirkte erschöpft.

Die Stimmung kippt

Klar war man auf Schützenhilfe durch die Austria oder die Admira angewiesen, am Ende hätte aber auch ein Kantersieg nichts an der Tabellensituation geändert. Allerdings wäre ein überzeugender Erfolg ein enorm wichtiges Signal gewesen und die Teilnahme am Qualifikationsplayoff wäre von Anfang an unter einem anderen Stern gestanden. Stattdessen kippt in Wien-Hütteldorf nun die Stimmung und die Schonfrist für die Mannschaft ist endgültig dabei. Nicht zwingend wegen des Verpassens des Meister-Playoffs, sondern viel mehr wegen der blutleeren Darbietung über weite Strecken des Spiels.

Die gefährliche Wurschtigkeit

Die Fans waren verhältnismäßig für die Situation ruhig, schickten nach dem Schlusspfiff die Mannschaft in die Kabine. Zuvor hatten die Spieler offenbar zu große Angst, um sich nach Spielende dem Block West und damit auch der unbefriedigenden Lage zu stellen. Die relative Ruhe unter den Fans hat einen gefährlichen Grund: Die Anhänger können mit dieser charakter- und kampfschwachen Rapid-Mannschaft nichts anfangen, haben keinen Bezug den einzelnen Spielern. Und diese „Wurschtigkeit“ ist für den Verein wesentlich heikler, als ein massiver Wutausbruch im Block. Dass Rapid selbst den eingefleischtesten Fans „egal“ ist, ist die Höchststrafe für diesen sonst so emotionalen Klub und sollte der Hauptgrund für einen umfassenden Umbau im Sommer sein.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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