Die „neue“ Austria hat nach dem großen Umbruch und vielen Veränderung im Sommer etwas mehr als zwei Monate Meisterschaft hinter sich gebracht. Daher ist... Quo vadis Austria? Ein Zwischenfazit (1)

Die „neue“ Austria hat nach dem großen Umbruch und vielen Veränderung im Sommer etwas mehr als zwei Monate Meisterschaft hinter sich gebracht. Daher ist es nun an der Zeit, ein erstes Zwischenfazit zu ziehen und einen etwas tieferen Blick auf die Verfassung der Mannschaft zu wagen. In welche Richtung entwickelt sich das Team von Trainer Thomas Letsch und wo geht die Reise hin? In welchen Bereichen hat man sich verbessert? Wo hapert es noch und gibt es Verbesserungspotenzial? All diese Fragen versuchen wir zu ergründen und einen Status quo zu benennen.

Ausbaufähige Saisonbilanz

Zehn gespielte Runden, 16 Punkte, zehn erzielte Tore, zehn erhaltene Tore und aktuell Platz Vier in der Tabelle. Das sind zunächst einmal die statistischen Fakten hinter der „neuen“ Wiener Austria der Saison 18/19, die mit einem neuen Trainerteam und vielen neuen Gesichtern in der Mannschaft einen Umbruch hinter sich hat. Der Punkteschnitt von 1,6 ist dabei weder Fisch, noch Fleisch, was man auch über die allgemeine Performance der Violetten sagen könnte. Man hat bislang sowohl gute, als auch schlechte Spiele gesehen und die Veilchen bestritten bereits früh in der Saison ein Wellental der Gefühle. Nach dem durchwachsenen Saisonstart mit nur einem Sieg in drei Spielen, holte man in den nachfolgenden sieben Spielen vier Siege, ein Unentschieden und zwei Niederlagen, wobei noch der Cup-Aufstieg gegen Titelverteidiger Sturm Graz hinzukommt. Auch wenn man bei den Zielen mehr oder weniger im Soll liegt, ist noch längst nicht alles gut bei den Violetten und gibt es verschiedene Problemfelder. Auch unter einigen Anhängern der Austria herrscht noch zum Teil Unbehagen und es mangelt nicht an Kritik, da man mit dem Entwicklungsfortschritt nicht zufrieden ist und man die Mannschaft viel weiter sehen würde. Doch ist dieser Einwand berechtigt? Dem wollen wir nun auf dem Grund gehen .

Verbesserte Defensivarbeit und wiedergewonnene Stabilität im Zentrum

Nach der verkorksten letzten Saison bei der Austria, versuchte man aus den vergangenen Fehlern zu lernen und die Problemfelder in der Mannschaft auszumerzen. Dabei war vor allem ein Aspekt wichtig, nämlich das Mittelfeldzentrum zu stärken und stabiler zu machen. Um diese Vorhaben in die Tat umzusetzen, verpflichtete man mit Jeggo, Ebner und Matic drei zentrale Mittelfeldspieler, mit denen man die Qualität in dieser Region, vor allem im Spiel gegen den Ball, erhöhen wollte. Aus diesem Grund bevorzugte man auch zunächst die 4-3-1-2 Grundformation, wo man über ein kompaktes Zentrum das Spiel dominieren wollte. Zwar rückte man zuletzt von der „Raute“ etwas ab, aber diese Tatsache änderte sich auch nach der Systemumstellung nicht wirklich und der Fokus liegt nach wie vor auf einem stabilen Zentrum.

Vor allem mit den Zweikampfstarken Jeggo und Ebner verfügt man nun über genügend Kampfkraft und Power, die wichtige Rollen im Spiel gegen den Ball einnehmen, aber auch Matic erobert speziell im Gegenpressing viele Bälle und trägt so zur Stabilität bei. Wichtig für diese Tatsache ist aber auch die starke Innenverteidigung der Austria, die qualitativ wohl die beste der letzten Jahre ist. Egal ob Madl, Schoissengeyr oder Igor, alle drei brachten bislang überwiegend gute Leistungen und gehören nicht umsonst statistisch auch zu den besten Verteidigern der Liga. Das gilt auch für die beiden Außenverteidiger der Violetten, wo Rechtsverteidiger Florian Klein etwa mit 60 Prozent gewonnene Zweikämpfen nur von Nationalspieler Stefan Lainer (67 Prozent) übertrumpft wird und auch Neuzugang Cristian Cuevas hat bislang voll eingeschlagen und überzeugt nicht nur mit seiner aggressiven Spielweise, sondern auch mit seinen fußballerischen Qualitäten.

Aufgrund dieser Tatsachen wirkt man im Spiel gegen den Ball recht stabil und lässt aus dem Spiel heraus insgesamt auch relativ  wenig zu. Die gruppentaktischen Abläufe wirken dabei ausgereift und mittlerweile automatisiert, wobei man vor allem mit einem guten Abwehr- und Mittelfeldpressing Punkten kann, was speziell beim Derbysieg ein wichtiger Faktor war, dass man im zweiten Durchgang und speziell nach der Führung kaum mehr etwas zuließ. Auch das Gegenpressing der Mannschaft weiß zu überzeugen und man setzt nach Ballverlust oft sofort nach und holt sich dadurch das Spielgerät meist rasch zurück. Speziell im Duell gegen Salzburg konnte man das gut sehen und Salzburg-Trainer Marco Rose erwähnte diese Tatsache auch anerkennend nach dem Spiel. Austria-Trainer Thomas Letsch legt sichtbar viel Wert auf eine stabile Defensive und das Thema Absicherung ist ihm ein wichtiges Anliegen, was er öffentlich immer wieder betont. Sowohl bei den erhaltenen Gegentoren, als auch bei den zu-Null Spielen liegt man ebenfalls auf dem vierten Rang und befindet sich damit in Regionen, die man von einer Top3-Mannschaft erwartet.

Ein Problem bleibt allerdings das Angriffspressing, welches noch ausbaufähig ist. Speziell im Spiel gegen Mattersburg klappte dies so gar nicht und da konnten sich die Burgenländer einige Male spielerisch daraus befreien. Allerdings dadurch, dass die meisten gegnerischen Mannschaften in der Liga sowieso keinen kontinuierlichen Spielaufbau betreiben und meist zu langen Bällen greifen, kommt dies nicht so stark zum Tragen. Dennoch sollte man auch das in der Hinterhand haben und gegebenenfalls zum Einsatz bringen können.

Erhöhte Flexibilität und Anpassungsfähigkeit

Die Zeiten sind vorbei am Verteilerkreis, als man Woche für Woche das gleiche System zu sehen bekam und es in den Aufstellungen nur selten großartige Überraschungen gab. So lief die Austria in dieser Saison schon in den verschiedensten Systemen unter Thomas Letsch auf, von 4-3-1-2, 3-5-2/5-3-2, 4-3-3, 4-2-3-1, bis hin zum zuletzt bevorzugten  4-1-4-1, was man aufgrund der Ausfälle in den letzten Wochen präferierte. Man scheut sich nun nicht mehr auch mal ein System zu wechseln und für einen Überraschungseffekt zu sorgen. Diese Zahlenspielerei ist allerdings grundsätzlich nicht so wichtig und es gibt entscheidendere Faktoren wie die Spielprinzipien, Besetzung der Räume oder etwa die Pressinghöhe, ergo wo man gedenkt zu Attackieren. Diese Flexibilität schien zumindest der defensiven Stabilität der Mannschaft nicht zu schaden, weshalb man davon ausgehen kann, dass die Spieler die Prinzipien unabhängig vom System verinnerlicht haben.

Allerdings könnte dies wiederum auch ein Grund sein, warum man in der Offensive bislang nicht so optimal zur Geltung kam. Klar, wie auch im Defensivverhalten ist im Offensivverhalten dieses Zahlenspiel nicht so entscheidend und die Prinzipien auf dem das eigene Spiel basiert sind wichtiger, allerdings sind offensive Automatismen wesentlich schwieriger einzustudieren, als defensive Abläufe. Es macht daher schon einen Unterschied, ob ich mit einem zentrumsfokussierten 4-3-1-2 auflaufe, oder einem breit angelegten 4-1-4-1/4-3-3, da die Räume unterschiedlich besetzt werden  müssen und sich Passwinkel verändern. Möglicherweise ist dies auch ein Aspekt, der zur stotternden Entwicklung im Offensivspiel der Austria beiträgt. Nachdem man das in der Vorbereitung einstudierte 4-3-1-2 zuletzt kaum spielte und stattdessen zwischen 4-2-3-1 und 4-1-4-1 pendelte, müssen die Abläufe klarerweise verändert und angepasst werden, was wiederum Zeit kostet und einer Umstellung bedarf.

Gleichwohl hat man diesen Umstand auch den Verletzungsproblemen und einem Rückkehrer zu verdanken. Einerseits fielen in den letzten Wochen die beiden Stürmer Edomwonyi und Turgeman aus, wodurch ein System mit einer Doppelspitze nicht mehr in Frage kam, andererseits kehrte Ankersechser Jeggo wieder zurück in die Mannschaft und besetzt alleine den Sechserraum, weshalb ein Platz für Ebner geschaffen werden musste. Ein weiterer Faktor dabei war allerdings auch, dass sowohl Matic, als auch Grünwald sich in der Raute sichtlich nicht wirklich wohl fühlten und so ihre Probleme hatten. Daher ist es auch gut möglich, dass man selbst nach der Rückkehr der Verletzten auf die „Raute“ verzichtet und stattdessen zukünftig eher beim 4-1-4-1 bleibt, da auch die Rückkehr von Sax in nächster Zeit ansteht.

Verbesserter Spielaufbau dank Rückkehrer Jeggo und Cuevas

Kommen wir nun zu einem der großen Problemfelder der Austria, dem Offensivspiel. Zehn erzielte Treffer in zehn gespielten Runden ist natürlich dem Anspruch einer Wiener Austria, die für einen offensiven Fußball stehen möchte, viel zu wenig und unbefriedigend. Allerdings besteht ein Offensivspiel natürlich aus mehreren Aspekten, wie u.a. dem Spielaufbau, der Struktur und Verbindungen untereinander, der Ballzirkulation in den drei jeweiligen Spielfelddritteln oder dem Umschaltspiel. Positiv ist zunächst einmal, dass man grundsätzlich versucht, über einen kontinuierlichen Spielaufbau nach vorne zu kommen und lange Bälle nur wenn es nicht anders geht spielen möchte. Das klappt mal besser, mal etwas weniger gut.

Seit der Rückkehr von Ankersechser Jeggo klappt auch die Anbindung des Sechserraumes bei den Veilchen z.B. wesentlich besser und man wurde dadurch in der Spieleröffnung variabler, da nun nicht mehr ausschließlich die Innenverteidiger für Pässe ins Zentrum zuständig sind.

Ebner musste Jeggo nach dessen Verletzung notgedrungen auf der Sechs ersetzen, nachdem er in der Vorbereitung noch eine Etappe weiter vorne zum Einsatz kam. Defensiv machte der Neuzugang seine Sache zwar gut, allerdings agierte er im Ballbesitz zu verhalten und war als Sechser für eine ballbesitzorientierte Mannschaft viel zu wenig präsent. Mit der Rückkehr von Jeggo änderte sich dies schlagartig und der Australier war in seinen bisherigen Startelfeinsätzen jedesmal unter den Top 3 bei der Anzahl der Ballkontakte auf dem Feld, was Ebner zuvor  in seinen acht Einsätzen auf der „Sechs“ in etwa nie gelang. Jeggo überzeugte nach seiner längeren Verletzung prompt und punktet nicht nur mit seiner Aggressivität und Stärken gegen den Ball, sondern auch mit seinem guten Bewegungsspiel und seiner Präsenz, weshalb er die Rolle als Ankersechser sehr gut ausfüllt. Das erleichtert natürlich den Spielaufbau, denn früher reichte es aus, ein bis zwei Spieler ins Zentrum zu stellen und die Austria wurde relativ einfach auf die Flügel geleitet, wo man sie dann anpressen konnte. Nun muss man schon mehr investieren, denn obwohl Altach zuletzt etwa mit zwei Stürmern versuchte, Pässe durchs Zentrum bzw. auf Jeggo zu verhindern und ihn auch mal in Manndeckung nahm, kam der Australier dennoch auf die zweitmeisten Ballkontakte im Spiel, was einiges über die Qualitäten des defensiven Mittelfeldspielers aussagt.

Ebenfalls wichtig in der Hinsicht ist die Rückkehr von Linksverteidiger Cuevas. Auch er nimmt nun im Spielaufbau durch seine fußballerischen Qualitäten eine wichtige Stellung ein und bekam zuletzt eine angepasste Rolle zugeschnitten, damit man ihn noch besser zur Geltung bringt. In Altach z.B. sammelte der Chilene dadurch 120 (!) Ballkontakte im Spiel und war damit gemeinsam mit Jeggo für mehr als 200 Ballaktionen verantwortlich.  Gemeinsam mit den aufbaustarken Innenverteidigern hat man dadurch schon mal sehr gute Voraussetzungen, um von hinten heraus fußballerische Lösungen zu kreieren und so nach vorne zu kommen. Bitter ist allerdings, dass mit Abwehrchef Madl der aufbaustärkste Innenverteidiger wohl in den nächsten Wochen verletzungsbedingt ausfällt.

Allerdings muss das Trainerteam der Austria noch daran arbeiten, Lösungen gegen pressende Gegner zu finden. Erst kürzlich im Spiel gegen Altach kippte die Partie nach einem guten Beginn auch deshalb, da nachdem die Vorarlberger anfingen weiter vorne zu attackieren, die Austria zu vielen langen Bällen greifen musste und sich spielerisch kaum daraus befreien konnte. Klar ist dies gerade gegen vorne anpressende Mannschaften eine der schwierigsten Aufgaben, die es zu bewältigen gibt, da ein Ballverlust in der eigenen Hälfte verheerende Folgen nach sich ziehen könnte und man unter Druck mit sehr viel bedacht agieren muss. Allerdings besitzt die Austria genügend Qualität, um auch da Lösungen zu finden.

Im morgigen Teil behandeln wie die Balanceprobleme, die fehlende Kreativität und das Grünwald-Paradoxon und schließen mit einem Fazit.

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic