Der 7. Dezember 1932 markiert zugleich den Höhepunkt und das Ende des Wunderteams. Die Zeit hat keinen Respekt vor jugendlicher Kraft oder Athletik. Alle... Anekdote zum Sonntag (136) – Das letzte Wunder

Der 7. Dezember 1932 markiert zugleich den Höhepunkt und das Ende des Wunderteams. Die Zeit hat keinen Respekt vor jugendlicher Kraft oder Athletik. Alle Protagonisten von damals sind heute bereits verstorben, die Erfolge verblassen langsam. Tragisch, dass vielen Fans Namen wie Anton Schall, Rudi Hiden oder Fritz Gschweidl nichts mehr sagen. Selbst Matthias Sindelar ist nicht mehr so bekannt, wie er es sich eigentlich verdient hätte: Der Austrianer war einst der beste Mittelstürmer der Welt.

Mit einem 5:0-Sieg gegen Schottland begann die kurze aber intensive Erfolgsserie der legendären Mannschaft. Hugo Meisl und zahlreiche Sportjournalisten – vom Verbandskapitän etwas verächtlich „Schmieranskis“ genannt – „einigten“ sich auf das „Schmieranski-Team“, das anschließend zum Wunder mutierte. Die Journaille hatte die Aufstellung von Gschweidl und Schall neben Sindelar gefordert. „Motzl“ war nämlich nicht nur ein genialer, sondern auch launischer Angreifer. Er lieferte nicht immer die Leistung ab, die er eigentlich zeigen konnte. Erst mit Gschweidl und Schall hatte das „Kind aus Favoriten“ die richtigen Nebenleute und wurde zu einer Fixgröße. Diese Mannschaft schoss die deutschen Nachbarn in Berlin mit 6:0 ab.

Am 1. Dezember fuhr das rot-weiß-rote Team vom Westbahnhof gegen England. Die Aufstellung: Hiden im Tor. Vor ihm: Verteidiger Sesta – „the worlds best back“ wird die englische Presse nach dem Match schreiben sollte- und Kapitän Rainer. Linker Läufer: Gall, rechter Läufer: Austrianer Nausch. Mittelläufer Pepi Smistik, vorne in der Mitte Sindelar, links von ihm Schall und ganz außen Adolf Vogl. Rechts von Sindelar: Gschweidl und rechtsaußen Zischek. Obwohl Gschweidl und Vogl nicht ganz fit waren, wurde Meisl dazu angehalten die Bestbesetzung aufzubieten. Schließlich war sogar die englische Königsfamilie an der Stamford Bridge zugegen. „Ihr könnt sogar gewinnen. Die ganze Sportwelt schaut auf euch. Spielt anständig, protestiert’s nie gegen den Schiedsrichter und rennt’s, was das Beuschel aushält.“, waren die magischen letzten Worte des polyglotten Meisl – Sportsmann von der Melone bis zur Sohle. In dunklen Trikots wurde das Team vom englischen Kronprinzen per Handschlag begrüßt. Der gelernte Hufschmied Karl Sesta zerdrückte dem Herzog von York dabei fast die Hand.

Daheim in Österreich saßen die Menschen begeistert vor den Radiogeräten. Unternehmen gaben ihren Mitarbeitern für die Übertragung des Spiels zwei Stunden frei. Am Heldenplatz konnte man gegen 20 Groschen für die Winterhilfe mit Lautsprechern dem Spektakel live lauschen. Die Engländer führten zur Pause 2:0, ehe Zischek verkürzte. Dann begann das berühmte Kurzpassspiel des Wunderteams: Das Scheiberln. Die Mannschaft war spielerisch überlegen, fügte sich zwei Gegentore durch Spielereien selbst zu und versetzte die Zuschauer in Staunen. 3:4 ging das Match verloren, wobei Adolf Vogl am Schluss eine hundertprozentige Chance auf das 4:4 vergab. Nach zwölf Spielen, die man nicht verloren hatte, musste man die erste Niederlage gegen das Mutterland des modernen Fußballs hinnehmen. Der Maler Paul Meissner verewigte viele Jahre später in seinem berühmten Bild vom Wunderteam das Herauslaufen der Spieler aus den Katakomben. Hugo Meisl blickt dabei zufrieden in den Hut, aus dem er die Mannschaft gezaubert hat. Nicht nur er, sondern auch der belgische Referee Langus waren nach dem Spiel hin und weg: „Das schönste Match, das ich in meiner Karriere leiten durfte. Niemals braucht eine Niederlage mehr zu schmerzen.“

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag