In dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien,... Der verlorene Weltklassespieler (17) – Jim Baxter

Fußball in SchottlandIn dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien, Verletzungen oder einfach die Umstände ihrer Karriere: zur falschen Zeit am falschen Ort kann manchmal schmerzhaft wahr sein.

Wir lassen die Karrieren dieser Akteure Revue passieren, spekulieren über die mögliche Auswirkung ihres fehlenden Durchbruchs in der Geschichte des Fußballs und ein kleines „was wäre, wenn…?“ darf natürlich auch nicht fehlen. Immerhin besitzt für solche Spieler nahezu jeder Fußballfan noch eine schöne Erinnerung und jene fragende Wehmut, welche Erinnerungen man nicht alles verpasst hat.

In diesem Teil widmen wir uns …

Jim Baxter

Der britische Fußball hat(te) ein Alkoholproblem. Bis in die 90er-Jahre fielen zahlreiche Fußballer dem Alkohol zum Opfer oder konnten aufgrund dessen zumindest nicht ihr Potenzial ausnutzen. Die zwei prominentesten Beispiele dafür dürften der legendäre Nordire George Best und der englische Spielgestalter Paul Gascoigne sein. Beide waren mit großem Talent gesegnet, doch konnten es nicht voll ausnutzen oder nur über einen kurzen Zeitraum, wie es bei Best der Fall war.

Auch der legendäre Arsenal-Verteidiger Tony Adams, der Mittelstürmer Jimmy Greaves (erster Millionen-Transfer der Liga) und das irische Abwehrtalent Paul McGrath litten schon während ihrer Karriere unter Alkoholproblemen. Diesen Spielern reichte es trotzdem zumindest bis zur Weltklasse und internationaler Anerkennung. Bei Jim Baxter war dies nicht der Fall. Sein Name ist heute selbst zahlreichen Experten unbekannt.

In der Tradition des „Passing Game“

Die Schotten waren schon immer für ihren kollektiven und aufs Passspiel fokussierten Fußball bekannt; zumindest in der Anfangszeit des Fußballs. Später sollten auch sie einen eher raubeinigen Fußball spielen, insbesondere natürlich in den letzten Jahrzehnten, obwohl es immer wieder löbliche Ausnahmen gab. Die wohl schönste Ausnahme davon war Jim Baxter, der heute noch für viele als der beste schottische Fußballer aller Zeiten gilt.

Baxter wurde am 29. September 1939 in der Provinz Fife geboren, wo er aufwuchs und auch seine Fußballkarriere begann. Wie viele andere arbeitete er zu jener Zeit im Bergwerk, doch sein ehemaliger Direktor in der Schule riet ihm, er solle auch an seiner Fußballkarriere weiterarbeiten und sich den lokalem Verein Halbeath Juveniles anbieten, anstatt sein Glück sofort bei einem größeren Verein zu suchen. Später sollte Baxter davon sprechen, dass dies die richtige Entscheidung war:

„Ich hätte es sonst nie geschafft. Jungen Spielern wie mir wurde sonst immer gesagt, ich solle mein Zeug packen und mein Talent sonstwo ausspielen. Ich schulde ihnen was.“

Später spielte er auch für die Crossgate Primrose. Diese beiden Mannschaften ließen Baxter sein ureigenes Spiel spielen und reifen. Mit 18 Jahren wechselte er dann in den bezahlten Fußball und unterschrieb einen Vertrag als Teilzeitfußballer bei den Raith Rovers. Nur drei Jahre später wechselte er für die damalige schottische Rekordsumme von 17.500 Pfund zu den Glasgow Rangers, bei denen er sich als Spielgestalter im Zentrum etablierte.

Vom Erfolg ins vorzeitige Karriereende

Zwischen1960 und 1965 gewannen die Rangers zehn Titel. In 18 Partien in den „Old Firm“-Derbys mit Jim Baxter gingen sie zu jener Zeit nur zwei Mal als Verlierer vom Platz, Ursache dafür waren auch „Slim Jim’s“ hervorragende Leistungen. Er galt als einer der besten Spielgestalter Europas und bekannt dafür, dass er nicht nur mit seiner tollen Technik das Spiel beeinflusste, sondern seine Mitspieler besser machte und immer wieder nach vorne trieb.

Damals war er erst 26 Jahre alt und hatte sich schon seinen Platz im Pantheon des schottischen Fußballs erobert. Er war nicht nur ein Führungsspieler bei den Rangers, sondern freundete sich auch – früher sehr unüblich und teilweise verpönt – mit Spielern des Erzrivalen Celtic an. In der schottischen Nationalmannschaft konnte er ebenfalls starke Leistungen zeigen.

1963 gewannen sie mit 2:0 gegen den großen Bruder England, angeführt von den herausragenden und technisch wunderbaren Baxter und Pat Crerand, obwohl sie lange Zeit zu zehnt spielen mussten. Bobby Moore sprach später davon, dass diese schottische Elf – noch garniert mit Denis Law und Dave Mackay – die beste schottische Nationalmannschaft aller Zeiten war. Auch 1967 gewannen die Schotten gegen den amtierenden Weltmeister England dank einer herausragenden Leistung Baxters, der in einer Szene gar provokativ den Ball so lange jonglierte, bis sich seine Mitspieler freigelaufen hatten.

Doch Baxters Karriere hatte schon zuvor irreparablen Schaden erlitten. Im Dezember 1964 brach sich Jim Baxter gegen Rapid Wien das Bein und musste vier Monate pausieren. Während der Verletzungspause begann Baxters Alkoholproblem. Darum entschied sich Rangers zu einem Verkauf Baxters, der wieder einen schottischen Ablöserekord aufstellte. In den nächsten Jahren konnte er nur phasenweise an seine Topform anknüpfen. Bei Sunderland und später Nottingham Forrest wurde er nicht glücklich, 1969 kehrte er zu den Rangers zurück.

Nach einer einzigen Saison beendete er seine Karriere. Seine Verletzungs- und Alkoholprobleme hinderten ihn an einem fitten körperlichen Zustand und somit auch an guten Leistungen.

Das Idealbild des schottischen Fußballers

Im Februar 2001 starb Baxter an Krebs. Bis heute gilt er als der talentierteste schottische Fußballer. Er konnte als Zehner spielen, im zentralen Mittelfeld und auf der linken Außenbahn. Er spielte nicht nur wunderbare Pässe oder dribbelte Gegenspieler elegant aus, sondern arbeitete in seiner besten Zeit auch defensiv mit. Seine Spielweise war hochintelligent, selten ging er unnütze Wege und konnte dadurch gegnerische Angriffe effektiver abfangen. Er verkörperte einen ruhigen und auf das Talent konzentrierten Fußball, als ein extrem körperbetonter Fußball in Großbritannien vorherrschte.

Auch seine Ansichten zum Fußball waren extrovertiert und tanzten aus der Reihe. So sprach er davon, dass der Fußball wie eine Frau behandelt werden muss, die man streicheln und mit der man kuscheln muss, wenn man dafür etwas zurückhaben will. Abseits des Platzes war er aber weniger besonnen: Neben seinem Alkoholproblem war er lebenslang süchtig nach Glücksspielen – bis zu 500.000 Pfund soll er verprasst haben. Hier war er dann doch noch irgendwo der archetypische britische Fußballer.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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