Heute widmen wir uns in mehreren Akten dem Abschied der Münchner Löwen vom Profifußball. Im ersten Teil beschäftigen wir uns mit der Geschichte seit... Der 1860-Untergang (1): Kioyos Elfer, Skandale und wilde Personalrochaden

_Walter Schachner

Heute widmen wir uns in mehreren Akten dem Abschied der Münchner Löwen vom Profifußball. Im ersten Teil beschäftigen wir uns mit der Geschichte seit dem Abstieg aus der Bundesliga im Jahr 2004. Und bis zur Übernahme durch Hasan Ismaik.

15. Mai 2004: 1860 München spielt im Münchner Olympiastadion am vorletzten Spieltag der deutschen Bundesliga gegen Hertha BSC um den Verbleib in der Bundesliga. Die Löwen brauchen dabei unbedingt einen Sieg, um die Chancen auf ein echtes Abstiegsendspiel am letzten Spieltag in Gladbach zu wahren. Bis kurz vor Schluss führen die „Sechzger“ mit 1:0. Doch Hertha, selbst noch mit Abstiegssorgen, drängt auf den Ausgleich. Und dieser fällt auch in der 82. Minute. Ein Unentschieden wäre wohl zu wenig für den Klassenerhalt. Doch dann bietet sich die große Gelegenheit, das Schicksal doch noch zum Positiven zu wenden. In der 89. Minute zeigt Schiedsrichter Stefan Trautmann auf den Punkt; die Löwen bekommen einen Elfmeter zugesprochen. Schießen soll Francis Kioyo, der erst vier Minuten zuvor von Trainer Gerald Vanenburg eingewechselt wurde. Kioyo läuft an und… verschießt! Das Spiel endet 1:1. Am letzten Spieltag verlieren die Blauen mit 1:3 in Gladbach – der Abstieg ist somit perfekt.

Wiederaufstieg misslingt

Die Geschichte der Löwen in der zweiten Liga ist von vielen sportlichen Aufs und Abs, absoluter Planlosigkeit und daraus resultierenden exzessiven Personal-Rochaden gekennzeichnet. In der ersten Saison nach dem Abstieg gelingt die Akklimatisierung an die neue Liga nur sehr schleppend. Der neue Trainer Rudi Bommer muss einem komplett neu zusammengestellten Kader arbeiten. Viele Spieler sind gegangen, die ihm zur Verfügung stehenden wirken zunächst lustlos. Bommer wird im November aufgrund von Erfolglosigkeit gefeuert; es übernimmt sein Assistent Reiner Maurer.  In der Rückrunde läuft es dann besser und 1860 verpasst mit Platz vier nur knapp den Wiederaufstieg.

Die folgende Saison ist die erste, die 1860 in der nagelneuen Allianz Arena spielt. Der Start ist sehr vielversprechend, zeitweise sind die Löwen Tabellenführer. Doch die sportliche Euphorie hält nicht lange: Nach einem 0:0 beim Tabellenletzten Ahlen zu Beginn der Rückrunde muss Maurer gehen. Der Österreicher Walter „Schoko“ Schachner übernimmt. Stefan Reuter wird zum neuen Manager ernannt, als Geschäftsführer wird Stefan Ziffzer installiert. Der ist gleichmal gefordert, die Löwen stehen kurz vor der Insolvenz. Ziffzer muss die Stadionanteile für elf Millionen an den FC Bayern verkaufen, um diese abzuwenden. Sportlich landet 1860 am Ende der Saison auf dem 13. Tabellenplatz.

Das Chaos erreicht den vorläufigen Höhepunkt

Schachner darf trotz dieses Absturzes bleiben, wird aber im März nach einer Negativserie doch gefeuert und durch Marco Kurz ersetzt. Mit Albrecht von Linde kommt zudem der bereits dritte Präsident seit dem Abstieg aus der Bundesliga. Die Löwen landen letztlich auf Platz acht. So langsam muss man sich wohl eingestehen, erstmal in der zweiten Liga festzusitzen.

Die folgende Saison stellte dann auch den zwischenzeitlichen Tiefpunkt dar. Erst am vorletzten Spieltag können die Löwen sich vor dem Abstieg retten. Geschäftsführer Ziffzer beleidigt Präsident von Linde öffentlich („Der Fisch stink vom Kopf her, und bei uns ist das der Präsident.“) Ziffzer wird daraufhin fristlos entlassen, von Linde selbst tritt Ende Mai zurück. Nachfolger wird Rainer Beeck.

Kein Ende des Leids in Sicht

Auch in der neuen Saison läuft es sportlich nicht. Erneut wird der drohende Abstieg erst kurz vor Schluss verhindert. Die Konsequenz: Reuter muss Anfang 2009 gehen, es folgt Manfred Stoffers, Miroslav Stevic wird Sportdirektor. Trainer Kurz wird Ende Februar entlassen. Nachfolger wird dessen Assistent Uwe Wolf. Am 33. Spieltag wird der von Ewald Lienen abgelöst. Nicolai Schwarz aus Berlin ist als neuer Investor im Gespräch; nach Querelen zwischen Geschäftsführung, Aufsichtsrat und DFL steigt er aus.

Vor der Saison verkauft Stevic die beiden Bender-Zwillinge Lars und Sven, die eigentlich die Zukunft des Vereins sein sollten. Sportlich lenkt Lienen die Löwen dennoch in ruhigeres Fahrwasser; am Ende der Saison ist man Achter. Doch ohne Skandal läuft auch diese Saison nicht ab. Stoffers verklagt die Arena GmbH des FC Bayern wegen der Zahlung von Catering-Kosten: Er beklagt, die Bayern nutzen ihre Monopolstellung als Vermieter rechtswidrig aus und kündigt an, er werde ab sofort nur so viel Essen bezahlen, wie auch gegessen werde. Stoffer verliert den Prozess; die Löwen müssen über 500.000 Euro zahlen. Richterin Elisabeth Waitzinger über das Urteil: „Der TSV 1860 hat sich freiwillig des Olympiastadions beraubt. Er hat sich freiwillig in die Abhängigkeit begeben. Er ist sozusagen selbst Schuld.“ Stoffers tritt zurück. Trainer Lienen hingegen verlässt den Verein Richtung Piräus.

Punktabzug und Zahlungsschwierigkeiten

Stoffers erwies seinem Ex-Verein durch den Prozess einen Bärendienst, da er für diesen keinerlei Rücklagen gebildet hatte. Sein Nachfolger, Robert Niemann, wirft nach nur 106 Tagen im Amt entnervt hin. Im Oktober werden dem TSV zwei Punkte wegen falscher Angaben im Lizenzierungsverfahren abgezogen. Im Laufe der Saison kommt heraus, dass der Mannschaftsetat um 3,5 Millionen Euro höher liegt als 2007. Auf der Delegiertenversammlung werden die Gremienmitglieder entlastet, obwohl dem Verein finanziell das Wasser bis zum Hals steht. Trotzdem behauptet Präsident Beeck, „dass man noch die so produktiv und zielorientiert gearbeitet habe.“ Wie zum Hohn dieser Aussage, kündigt der Hauptsponsor zum Saisonende das Engagement. Daraufhin tritt Beeck zurück, Vize-Präsident Dieter Schneider übernimmt. Geschäftsführer ist mittlerweile Robert Schäfer; Trainer ist erneut Rainer Maurer, der mit der Mannschaft am Ende auf Platz neun landet. Am 18. März 2011 startet der neue Präsident Schneider einen Hilferuf: Man benötige innerhalb von zwölf Tagen acht Millionen Euro, sonst sei 1860 Pleite. Auftritt Hasan Ismaik…