Bereits fünf Runden vor Schluss steht der israelische Meister fest. Und dieser heißt nicht etwa Hapoel Tel Aviv oder Maccabi Haifa, sondern erstmals Hapoel... Das Wunder von Kirjat Schmona – wie ein völlig unbekannter Klub die Topklubs aus Tel Aviv und Haifa ausbremste!

Bereits fünf Runden vor Schluss steht der israelische Meister fest. Und dieser heißt nicht etwa Hapoel Tel Aviv oder Maccabi Haifa, sondern erstmals Hapoel Ironi Kirjat Schmona. Noch nie gehört? Wir helfen euch auf die Sprünge und verraten euch das Erfolgsrezept eines hochinteressanten Klubs.

Kirjat Schmona ist eine von Israels nördlichsten Städten, liegt in der Huleebene an der Grenze zum Libanon und zählt nur 23.000 Einwohner. Die Stadt liegt in einer strategisch nicht unwichtigen Zone und so trafen während des Libanonkriegs 2006 insgesamt 1.012 Raketen die Stadt, deren Bewohner auch abseits des Krieges immer wieder vor Hisbollah-Raketen in Bunker flüchten mussten. Fußball gab’s zwar, war aber in Kirjat Schmona praktisch obsolet. Die beiden Vereine der Stadt Hapoel Kirjat Schmona und Maccabi Kirjat Schmona spielten im israelischen Fußball nur eine untergeordnete Rolle – Hapoel befand sich nach einer Ligareform Ende der 90er-Jahre nur in der vierten Leistungsklasse.

Vehicle-Recovery als Grundstein für das nötige Kleingeld

Im Sommer 2000 wurden die beiden Vereine aus Kirjat Schmona auf Drängen des Geschäftsmannes Izzy Sheratsky zusammengeschlossen. Sheratsky ist der Gründer und Eigentümer des Unternehmens Ituran Location and Control Ltd., welches  GPS-Geräte verkauft, die vor allem dafür eingesetzt werden, dass gestohlene Fahrzeuge geortet und somit wiederbeschafft werden können. Sein Unternehmen ist Marktführer in Brasilien, Argentinien, Israel und den USA und zählt heute über 600.000 Kunden bzw. Abonnenten weltweit. Für entsprechende Finanzspritzen zur Starthilfe des neuen Klubs war also gesorgt und Hapoel Kirjat Schmona stieg in der Saison 2002/03 von der dritten in die zweite Liga auf. In den nächsten drei Jahren verpasste das Team zweimal um Haaresbreite den Aufstieg in die höchste Spielklasse, doch 2006/07 war es schließlich soweit und der Verein aus dem Norden gewann die zweite Liga (Liga Leumit).

Europacup – Abstieg – Aufstieg – Achtungserfolge

Schon in der ersten Saison in Israels höchster Spielklasse konnte das Team überraschen und holte 2007/08 den dritten Platz. Im Sommer 2008 spielte Hapoel Kirjat Schmona somit im Europacup, warf Mogren Budva aus Montenegro aus dem Bewerb, verlor schließlich in der zweiten Qualifikationsrunde gegen Litex Lovetch aus Bulgarien. Beim Heimspiel gegen Lovetch  verirrten sich trotz eines guten 0:0 im Hinspiel nur 500 Zuschauer ins Stadion. Was kaum zu erwarten war trat 2008/09 doch noch ein: Kirjat Schmona stieg sofort wieder in die zweite Liga ab, schaffte aber 2009/10 den direkten Wiederaufstieg. Die Saison 2010/11 wurde zu einem Vorboten für das, was noch kommen würde: Das Team wurde Fünfter, gewann unter anderem gegen Vizemeister Hapoel Tel Aviv, brachte starke Spieler heraus, wie etwa Viam Amasha (26), der nach der Saison zu Maccabi Haifa wechselte und in der Europa League für Furore sorgte.

Keine unrealistischen Transfers

Vor der Saison 2011/12 galt Hapoel Kirjat Schmona trotzdem als große Unbekannte. Dass das Team mit dem Abstieg nichts zu tun haben würde, war für die israelischen Experten klar. Die Transferpolitik mutete jedoch kaum kämpferisch an: Man holte den einen oder anderen Stammspieler von kleineren israelischen Klubs, sowie Spieler, die bei den Großklubs nicht zum Zug kamen:

Nennenswerte israelische Zugänge vor der Saison 2011/12:

  • Ahmed Aabed (22, linkes Mittelfeld, zuvor in der 2.Liga bei Maccabi Ahi Nazareth)
  • Lior Levi (24, rechter Verteidiger, zuvor Stammspieler in der 2.Liga bei Hapoel Kfar-Saba)
  • Ravid Gazal (29, defensives Mittelfeld, in den letzten Jahren stark bei Hapoel Ashkelon und Maccabi Netanya, davor Ergänzungsspieler bei Maccabi Haifa)
  • Shlomi Azulay (22, Stürmer, Perspektivspieler und Joker bei Maccabi Haifa, wurde für ein halbes Jahr ausgeliehen)

Vor allem Gazal und Azulay fanden sich auf Anhieb gut zurecht und wurden zu Stützen in der Meistermannschaft. Das Team zählt insgesamt nur vier Legionäre, wobei Mittelfeldmotor William Njobvu (25) aus Sambia mit dreijähriger Teamerfahrung der längstdienende ist. Seine zweite Saison für Kirjat Schmona bestreitet außerdem der US-Amerikaner Bryan Gerzicic (28), der neben Njobvu den Part als „6er“ im 4-2-3-1-System einnimmt.

Matovic für die Sicherheit, Solari für die Kunststücke

Drei Transfers prägten die letzte Transferperiode jedoch besonders markant. Mit Dusan Matovic (28) verfügt Hapoel seit Sommer 2011 über einen ausgezeichneten linken Verteidiger. Der Serbe spielte früher für Inter Bratislava und Ekranas Panevezys in Litauen und spielte 2011/12 eine Top-Saison. Selbiges gilt für den neuen Edeltechniker im Team: Der Argentinier David Solari (26, Bruder des ehemaligen Real-Madrid-Spielers) wurde in Kolumbien geboren, wuchs in Italien auf, spielte bisher für zehn verschiedene Klubs und stieß aus Zypern zu den Israelis. Der rechte Flügelspieler erzielte vier Tore in 14 Saisonspielen seit Winter und drückte der Liga mit seinem trickreichen, ansehnlichen Spiel seinen Stempel auf.

Abu Hazeira als Mann für die Tore, Rochet als Schaltzentrale

Der wohl wichtigste Transfer war jedoch der von Shimon Abu Hazeira (25), der im Frühjahr 2011 ausgeliehen war, im Sommer 2011 fix verpflichtet wurde und zu einem idealen Ersatz für den zu Maccabi Haifa abgewanderten Viam Amasha darstellte. In der laufenden Saison erzielte er 12 Tore in 31 Spielen, wobei ihm kein einziger Doppelpack, dafür aber gleich acht matchentscheidende Tore gelangen. Der flexible Angreifer konnte sich in den Jahren vor seinem Wechsel zu Kirjat Schmona beim griechischen Klub Larissa nicht durchsetzen, gilt aber nun als einer der wertvollsten Angreifer der israelischen Liga. Der Chef im Team spielt übrigens hinter Abu Hazeira: Der 24-jährige Adrian Rochet ist ein Eigenbauspieler aus Kirjat Schmone, misst nur 169cm und ist wohl der größte Aufsteiger der diesjährigen Saison in der Ligat ha-Al.

26 Spiele unbesiegt

Der beeindruckende Meistertitel wurde nicht nur möglich, weil die sonst starke Konkurrenz rund um Hapoel Tel Aviv und Maccabi Haifa schwächelte, sondern auch weil Hapoel Kirjat Schmona eine beispiellose Serie hinlegte und zwischen 10.September 2011 und 3.März 2012 kein Spiel verlor. Inklusive Cup blieb das Team in 26 aufeinanderfolgenden Spielen unbesiegt. Somit konnte man sich sogar eine kleine „Krise“ leisten, denn aus den letzten sechs Spielen holte die Mannschaft nur fünf Punkte. Der letzte dieser Punkte war jedoch zugleich der schönste: Ein 0:0 gegen Hapoel Tel Aviv im eigenen Stadion genügte, um den Meistertitel frühzeitig zu fixieren. Nur 4.800 Fans aus einer krisengeschüttelten, maroden, aber dank Investor Izzy Sheratsky aufstrebenden Stadt feierten den Titel mit den Spielern.

Auswirkungen auf den österreichischen Fußball?

Auch auf den österreichischen Fußball könnte das Wunder von Kirjat Schmona mittel- oder langfristige Auswirkungen haben. Ein Meistertitel, der fünf Runden vor Schluss mit 16 Punkten Vorsprung fixiert wird, ist zu auffällig, um ihn als einmaligen Glücksfall abzutun. Man muss davon ausgehen, dass Hapoel Kirjat Schmona zumindest in den nächsten Jahren einen nicht unwesentlichen Platz im israelischen Spitzenfeld einnehmen wird und so israelische Punkte für die UEFA-Fünfjahreswertung sammeln kann. Israel liegt derzeit 4,325 Punkte hinter Österreich auf dem 17.Platz der Wertung, was für den heimischen Fußball zwar keine unmittelbare Gefahr darstellt, jedoch unangenehm werden könnte, wenn sich Hapoel Kirjat Schmona neben einigen „etatmäßigen“ Spitzenklubs am Gipfel des israelischen Fußballs etabliert. Gegenargument: Der Verein muss nächste Saison zwei Qualifikationsrunden überstehen, um die Champions League zu erreichen, wird jedoch in seinem ersten Spiel aller Voraussicht nach ungesetzt sein. Aufgrund der mangelnden Erfahrung auf europäischer Ebene ist somit auch ein sehr frühes Ausscheiden möglich, was wiederum ein Vorteil für Österreich sein könnte…

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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