Zum zweiten Mal infolge qualifizierte sich Coach Carlos Queiroz mit dem Iran für eine Weltmeisterschaft. 2014 erreichte man in einer Gruppe mit Argentinien, Nigeria... WM-Teamanalyse Iran: Biederes Kollektiv – bis auf den rechten Flügel

Zum zweiten Mal infolge qualifizierte sich Coach Carlos Queiroz mit dem Iran für eine Weltmeisterschaft. 2014 erreichte man in einer Gruppe mit Argentinien, Nigeria und Bosnien nur einen Punkt und trat als Tabellenletzter die Heimreise an. Wie präsentiert sich der Iran vier Jahre danach? Wir sehen uns den Kader an und verraten euch die Stärken und Schwächen der Mannschaft.

Die Mannschaft von Coach Carlos Queiroz bestritt heuer sechs Freundschaftsspiele, von denen vier gewonnen und zwei verloren wurden. Siegreich absolvierte man die Spiele gegen Sierra Leone (4:0), Algerien (2:1), Usbekistan (1:0) und Litauen (1:0). Niederlagen setzte es gegen Tunesien (0:1) und die Türkei (1:2).

Der inkonstante Weitwurf-Champ

Alireza Beiranvand ist 25 Jahre alt, 1,94 Meter groß und gewann in den beiden vergangenen Jahren mit Persepolis die persische Liga. Vergangene Saison blieb er mit seinem Verein 718 Minuten ohne Gegentor und folgte Alireza Haghighi im Nationalteam als Einser-Tormann nach. Beiranvand verfügt über schnelle Reflexe, ist trotz seiner Größe schnell am Boden und macht auch in der Luft bei Flanken meist einen sicheren Eindruck. Sein Markenzeichen sind aber seine langen Auswürfe tief in die gegnerische Hälfte hinein, mit denen er im Verein auch schon einige Male Angriffe einleiten und sich Assists gutschreiben lassen konnte. Hört sich vielversprechend an, allerdings ist Beiranvand auch für seine Aussetzer berüchtigt, die immer wieder zu Gegentoren führen. Es fehlt leider die Konstanz, denn er schöpft zu selten sein großes Potential aus und wirkt von Zeit zu Zeit unkonzentriert.

Unspektakulär, aber recht solide

Im Abwehrzentrum ist Pejman Montazeri von Esteghal eine Option neben dem fix gesetzten Morteza Pouraliganji von Al Sadd. Montazeri verdrängte seinen Vereinskollegen Majid Hosseini aus der Startelf und ist mit 34 Jahren einer der Routiniers in der Mannschaft. Pouraliganji spielt in Katar Vereinsfußball und ist besonders in der Luft nur schwer zu bezwingen. Auch bei eigenen Standardsituationen werden die Gegner gut auf den torgefährlichen Innenverteidiger aufpassen müssen. Eine weitere Option, die in den letzten Wochen ein wenig wahrscheinlicher wurde, wäre es den defensiven Mittelfeldspieler Roozbeh Cheshmi statt Montazeri im Abwehrzentrum starten zu lassen. Dies hätte unter anderem den Vorteil, dass das Aufbauspiel von hinten heraus ansehnlicher werden würde.

Wie Tag und Nacht

Die Wahl der Außenverteidiger fällt ein wenig leichter, denn Milad Mohammadi ist auf rechts und Ramin Rezaeian auf links gesetzt. Mohammadi ist 24 Jahre alt und steht bei beim FK Achmat Grosny (ehemals Terek Grosny) unter Vertrag. Er ist sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft einer der Schlüsselspieler und spielt im Aufbauspiel eine wichtige Rolle. Mohammadi ist sehr schnell, ein guter Dribbler und kann 90 Minuten lang intensiv seinen Flügel bearbeiten. Der linke Außenverteidiger ist ebenfalls ein Legionär und verdient seine Brötchen in der belgischen Liga bei Oostende. In dieser Saison musste er hart um einen Stammplatz kämpfen und blieb weit unter seinen Erwartungen, weshalb Rezaeian im krassen Gegensatz zu Mohammadi als Schwachstelle in der Mannschaft ausgemacht werden könnte. Mohammadi würde von uns acht Punkte erhalten, Rezaeian nur zwei, daher:

Wenig individuelle Qualität im Zentrum

Carlos Queiroz stellte von seinem 4-2-3-1-System zuletzt auf ein 4-1-4-1 um. Den defensiven Part übernimmt im Normalfall Amkar-Perm-Legionär Saeid Ezatolahi, der allerdings beim ersten Spiel aufgrund einer roten Karte in der Qualifikation gegen Südkorea nicht mitmischen darf. Alternativ kann der bereits oben erwähnte Roozbeh Cheshni im defensiven Mittelfeld auflaufen. Olympiakos-Legionär Ehsan Hajsafi wäre ebenfalls eine Option. Hajsafi kann im zentralen Mittelfeld aufgrund seiner Vielseitigkeit zahlreiche Rollen einnehmen und könnte im Spiel gegen Marokko ebenfalls Ezatolahi ersetzen.
Im offensiven Mittelfeld ist Kapitän Masoud Shojaei-Soleimani zuhause, der mit seinen 34 Jahren viel Routine in die Waagschale wirft. Shojaei absolvierte über 100 Meisterschaftsspiele für Osasuna und kickt momentan in Griechenland bei AEK Athen. Der 74-fache Nationalspieler kann den tödlichen Pass spielen und glänzt im Team öfters als Vorbereiter.
So richtig überzeugen kann das zentrale Mittelfeld nur als hart arbeitendes Kollektiv. Die individuelle Qualität ist im Vergleich zur Konkurrenz deutlich geringer.

Schützenkönig bei PSV

Auf dem rechten Flügel spielt der Star des iranischen Teams. Alireza Jahanbakhsh kickt bei PSV Eindhoven und steuerte 21 Tore und 12 Assists bei! Jahanbakhsh ist beidbeinig, bewegt sich extrem gut mit und ohne Ball und verfügt über einen ausgezeichneten Schuss. Der 24-Jährige Torschützenkönig wird wohl nach der Weltmeisterschaft in eine der Top-Ligen wechseln.
Linksaußen könnte Ashkan Dejagah in die Startaufstellung rutschen, denn der ehemalige Wolfsburger meldete sich rechtzeitig fit nach seiner Knieverletzung. Dejagah hat nach seiner missglückten Rückkehr zu Wolfsburg bei Nottingham Forest unterschrieben, kam dort aber verletzungsbedingt nur zu einem Einsatz als Joker. Ob es für einen Platz in der Startaufstellung reichen wird ist allerdings alles andere als sicher. Bessere Chancen auf einen Einsatz in der Startaufstellung hatte Mehdi Taremi, doch der Linksaußen musste beim jüngsten 1:0-Sieg gegen Litauen verletzungsbedingt ausgewechselt werden und es ist noch nicht sicher, ob sich ein Einsatz gegen Marokko ausgeht.

Im Nationalteam läuft´s besser

Im  Sturm ist Rubin-Kazan-Legionär Sardar Azmoun gesetzt, der im Klub zwischen Startaufstellung und Ersatzbank pendelt und in insgesamt 26 Einsätzen fünf Treffer erzielte. Im Nationalteam stellt er regelmäßiger seine Torgefährlichkeit unter Beweis, denn insgesamt erzielte er in 34 Länderspielen 24 Treffer. Auch aktuell ist mit ihm zu rechnen, denn in den letzten sechs Länderspielen traf der 23-Jährige immerhin fünf Mal! Alternativ wäre auch Saman Ghoddos von Östersunds FK und der erfahrene Reza Ghoochanejad eine Alternative im Sturmzentrum. Ghoddos könnte auch auf den linken Flügel ausweichen sollte Taremi nicht rechtzeitig fit werden und Dejagah ebenfalls nicht von Beginn an auflaufen.

Wer zur WM fährt darf streiten

Carlos Queiroz scheut sich nicht davor sich mit Gott und der Welt anzulegen. Er wollte sogar den iranischen Ligabetrieb stoppen um früher mit seinen Nationalspielern arbeiten zu können, da sich diese laut seinen Aussagen in einer schlechten körperlichen Verfassung  befanden. Er legt sich auch öfters mit dem iranischen Verband an, doch dieser erträgt den streitbaren Taktiker, da er die Nationalmannschaft verlässlich zu den Endrunden führt. Queiroz hat wie gewohnt eine kompakte und gut organisierte Mannschaft geformt, die mit Spielern wie Jahanbakhsh und Azmoun eventuell auch in der Offensive gefährlicher als vor vier Jahren werden könnte. Die Formation vom 4-2-3-1 zum 4-1-4-1 soll ebenfalls zu mehr Szenen im gegnerischen Strafraum führen.

Die abseits.at-Einschätzung

Der Iran ist in der schweren Gruppe B der große Außenseiter und ein Aufstieg wäre eine riesige Sensation. Es ist keineswegs einfach die Perser zu knacken und die Gegner werden höchstwahrscheinlich viel Geduld mitbringen müssen. Dennoch ist mit einigen Ausnahmen die individuelle Qualität der Akteure noch nicht groß genug um tatsächlich ein gewichtiges Wort um den Aufstieg mitzureden. Der rechte Flügel mit Mohammadi und Jahanbakhsh ist aber allen Ehren wert!

Stefan Karger, abseits.at

Stefan Karger