Spanien geht nicht nur als Favorit der Gruppe B ins Rennen, sondern muss allgemein zum engeren Favoritenkreis für den Gewinn der Weltmeisterschaft 2018 in... WM-Teamanalyse Spanien: Fast in allen Belangen weltmeisterlich

Spanien geht nicht nur als Favorit der Gruppe B ins Rennen, sondern muss allgemein zum engeren Favoritenkreis für den Gewinn der Weltmeisterschaft 2018 in Russland gezählt werden. Fast alle Mannschaftsteile sind exzellent besetzt. Wir sehen uns den Kader genauer an und verraten euch die vielen Stärken und wenigen Schwächen der Mannschaft.

Nach der erfolgreichen Qualifikation für die Endrunde in Russland bestritt Spanien insgesamt sechs Freundschaftsspiele. Die Mannschaft von Trainer Julen Lopetegui blieb wie in der Qualifikation ohne Niederlage, remisierte jedoch gegen Russland (3:3), Deutschland (1:1) und die Schweiz (1:1). Siege gab es gegen Tunesien (1:0), Argentinien (6:1!!) und Costa Rica (5:0).

Perfekter Keeper

Manchester-United-Legionär David de Gea hütet das Tor der Spanier. Der 27-Jährige gehört zur absoluten Weltklasse und weist keinerlei Schwächen auf. Egal ob im Eins-gegen-Eins oder bei hohen Bällen – man kann sich kaum einen besseren Keeper wünschen. Gerade im spanischen Team muss de Gea auch seine spielerischen Qualitäten als Tormann unter Beweis stellen, denn Coach Lopetegui verlangt in gewissen Situationen, dass er das Spiel schnell macht. Oldie Pepe Reina (Napoli) und Kepa Arrizabalaga (Athletic Bilbao) sind de Geas verlässliche Ersatzleute.

Konkurrenten in La Liga | Vereint im Team

Bei der Besetzung des Abwehrzentrums gibt es keine emotionalen Diskussionen. Sergio Ramos und Gerard Piqué bilden das Innenverteidiger-Duo und verfügen mit ihren 32 bzw. 31 Jahren über viel Erfahrung. Piqué machte sich mit seinen Ansichten zur Katalonien-Frage nicht immer Freunde bei den spanischen Fans, weshalb er auch klarstellte, dass dies seine letzte Weltmeisterschaft werden würde. Sergio Ramos ist am Platz sicherlich der aggressivere der beiden und rückt auch immer wieder extrem aus der Viererkette heraus, um seinen Gegenspieler zu stellen. Dies funktionierte zuletzt bei Real besser als im spanischen Team, wo die Gegner immer wieder die sich ergebenden Löcher bespielen konnten, weshalb wir hier einen Punkt Abzug geben müssen. Bei Standardsituationen ist die Kopfballstärke der beiden Abwehrrecken eine richtige Waffe, die Spieleröffnung befindet sich ebenfalls auf sehr hohem Niveau. Nacho Fernández und Cesar Azpilicueta stehen als Ersatzleute parat, sollte sich einer der beiden Stamm-Innenverteidiger verletzen oder eine Sperre einhandeln.

Außenverteidiger müssen marschieren

Die Außenverteidigung steht der Innenverteidigung um nichts nach, insbesondere da sich Daniel Carvajal von seiner Muskelverletzung mittlerweile wieder erholte und vollkommen fit ist. Der Real-Rechtsverteidiger ist ein richtiger Allrounder, der trotz offensiver Ausrichtung seine Pflichten in der Defensive nie vernachlässigt und sich auch in taktischer Hinsicht in den letzten paar Jahren enorm verbesserte. Links hinten erhält Jordi Alba den Vorzug gegenüber Nacho Monreal. Der Barcelona-Außenverteidiger sorgt auf dem linken Flügel für permanenten Druck und hat mit seinen 29 Jahren noch nichts von seiner Geschwindigkeit eingebüßt. Da die Flügelspieler im 4-3-3-System der Spanier stark ins Zentrum kippen, ist es umso wichtiger, dass die Außenverteidiger weit nach vorne schieben und die Breite besetzen.

Traumhaftes Mittelfeld

Das zentrale Mittelfeld ist das Prunkstück der Spanier. Den defensiven Part im 4-3-3-System übernimmt wie beim FC Barcelona Stratege Sergio Busquets, der bereits 2010 unter del Bosque neben Xabi Alonso sein Heimatland zum Titel führte. Es gibt wenig Spieler, die über so ein taktisches Gespür verfügen wie der 29-jährige Ausnahmekönner. Ballkontrolle, Übersicht, Technik, perfektes Pass- und Stellungsspiel – viel Verbesserungspotential ist bei Busquets nicht vorhanden. Sollte Busquets ausfallen bzw. will Lopetegui das Zentrum besser absichern, kann er auch auf Bayern-Legionär Thiago zurückgreifen (siehe unten bei Grafik 2).

Vor Busquets sollte Iniesta einen Stammplatz haben, der kommende Saison in Japan spielen und für den die Endrunde in Russland das letzte Großereignis werden wird. Interessant wird sein wer neben dem 34-Jährigen im Zentrum spielen wird – den Platz werden sich wohl die Atletico-Spieler Saul Niguez und Koke untereinander ausmachen. Saul Niguez hat dabei aktuell die besseren Karten auf einen Platz in der Startaufstellung, auch weil er mit seinen 23 Jahren für eine neue, junge und hungrige Generation steht.

Auf dem Papier sind es Flügelspieler

Die nominellen Flügelspieler in Spaniens 4-3-3 ziehen allesamt ins Zentrum, sodass in erster Linie die offensiven Außenverteidiger die Räume in der Breite besetzen sollen. Natürlich kommt es aber zu Überladungen, um situativ Überzahlsituationen herzustellen. Am linken Flügel duellieren sich die Real-Spieler Isco und Marco Asensio um einen Platz, wobei Erstgenannter die Nase vorne hat. Am rechten Flügel wird City-Legionär David Silva den Vorzug vor Lucas Vazquez erhalten.

Wo ist der Knipser?

Der Angriff wird Coach Lopetegui die meisten Kopfschmerzen bereiten, denn es fehlt aktuell ein Knipser, der von den Laufwegen her perfekt zu seinen kreativen Mannschaftskollegen passt und die Vorlagen eiskalt verwertet. Da Alvaro Morata nach einem starken Start bei Chelsea nach und nach in eine veritable Formkrise schlitterte, schaffte es der Angreifer nicht einmal in den WM-Kader. Atletico-Stürmer Diego Costa hat momentan wahrscheinlich die besten Karten auf einen Platz in der Startelf.  Der 29-Jährige fiel unter Trainer Conte bei Chelsea in Ungnade und flüchtete zu Atletico Madrid, wo er im Frühjahr drei Meisterschaftstore erzielte. Die Alternativen zum Atletico-Angreifer sind Iago Aspas (Celta Vigo) und Rodrigo Moreno (Valencia).

Kein Revoluzzer

Auch unter Coach Julen Lopetegui steht der Ballbesitz im Vordergrund, was anhand des Kaders keine große Verwunderung auslöst. Der Coach hat nach der Übernahme von del Bosque nicht viel am Team verändert und vertraut dem Stamm, der bei der Europameisterschaft 2016 im Achtelfinale gegen Italien ausschied. Interessant ist, dass Lopetegui bisher nur als Trainer von Nachwuchsmannschaften Erfolge vorweisen kann: 2012 wurde er mit der spanischen U19 Europameister, ein Jahr später gewann er das gleiche Turnier mit der U21. Danach verlief sein Engagement beim FC Porto eher enttäuschend.

Die abseits.at-Einschätzung

Julen Lopeteguis Mannschaft zählt zu den engeren Favoriten. Der Großteil der Kaderspieler weiß wie man Trophäen gewinnt und vom Tormann bis zum offensiven Mittelfeld lassen sich kaum Schwachstellen ausmachen. Die Situation im Sturm ist jedoch alles andere als ideal und man wird abwarten müssen, ob Diego Costa seine Form findet bzw. ob einer der beiden anderen Angreifer in die Bresche springen kann. Während das Spiel mit dem Ball phasenweise weltmeisterlich funktioniert, kann es im Spiel gegen den Ball insbesondere gegen pressingresistente Mannschaften zu Problemen kommen, da das Pressing manchmal in nicht aussichtsreichen Situationen zu ungestüm ausgeführt wird. Wenn an der Balance noch ein wenig gearbeitet wird, dann ist natürlich mit ein wenig Glück auch der Titel möglich.

Daneben gibt es noch zahlreiche andere Varianten – beispielsweise könnte Bayern-Legionär Thiago neben Busquets im zentralen Mittelfeld agieren. Dies könnte dann so aussehen:

Stefan Karger, abseits.at

Stefan Karger