Iñaki Bea gilt als Vorzeigeprofi. Seit seinem Wechsel zum FC Wacker Innsbruck im Sommer 2010 absolvierte er 53 Pflichtspiele und verpasste nur ein Ligaspiel... Die unsichtbaren Krücken des Iñaki Bea – Wacker Innsbruck als Antipfosten der Woche

Iñaki Bea gilt als Vorzeigeprofi. Seit seinem Wechsel zum FC Wacker Innsbruck im Sommer 2010 absolvierte er 53 Pflichtspiele und verpasste nur ein Ligaspiel – wegen einer Gelbsperre. Nun verordnete die sportliche Führung dem Spanier eine Auszeit. Beim Cup-Aus gegen Grödig hatte er den eigenen Fans den Mittelfinger gezeigt.

„Er ist immer zu hundert Prozent auf den Fußball fokussiert“, so Sportchef Oliver Prudlo in einem offiziellen Statement. Bea leide unter einer mentalen Blockade, unter anderem laut übereinstimmenden Medienberichten durch den Tod seines besten Freundes im Sommer ausgelöst. Der Verein wolle dem Spieler Zeit geben, aus seinem Tief herauszukommen und wieder zu alter spielerischer und mentaler Stärke zu finden. Dass dies nicht immer alleine geht, weiß Prudlo, so werde „er in dieser Zeit professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.“Für seine Geste hat sich Iñaki Bea bei den Fans entschuldigt.

Volkskrankheit Angst und Niedergeschlagenheit

Depressive Zustände sind in Österreich mehr oder weniger etwas ‚Normales‘. Von Fachleuten wird die psychische Krankheit so beschrieben, dass sie mindestens 14 Tage dauert und sich durch gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit, Antriebsstörungen, Interessensverlust sowie Biorhythmusstörungen manifestiert. Rund 800.000 Menschen, also circa ein Zehntel (!) der Bevölkerung leidet unter diesem Krankheitsbild, die Prävalenzrate ist bei Frauen höher. Ob der Verteidiger tatsächlich an einer klinischen Depression leidet, ist nicht bekannt. Aber ob pathologisch oder nicht, im Trauerprozess durchläuft der Mensch unter anderem die Phase der Depression. Ein anerkanntes Modell ist das Kübler-Ross-Modell der fünf Stufen der Trauer von der gleichnamigen schweizerisch-amerikanischen Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross.

Fünf Phasen der Trauer

Ausgehend von der Sterbebegleitung lässt sich das Modell der vom TIME Magazin zu einer der hundert wichtigsten WissenschaftlerInnen des 20. Jahrhunderts gewählten Ärztin ein Phasenmodell zu der Verarbeitung von persönlichen Schicksalsschlägen umlegen. In der ersten Phase verneint der Betroffene die Vorgänge, will diese nicht wahrhaben. Das Verneinen wird von Zorn gefolgt. Die dritte, sehr kurze Phase des Verhandelns geht zumeist mit einer Hinwendung zu esoterischen Dingen einher. Der Patient „verhandelt“ mit einem höheren Wesen über den Schicksalsfall. Die vierte Stufe stellt die tatsächliche Depression dar. Erst nach diesen vier Phasen kehrt die Akzeptanz ein Betroffene fügen sich ihrem Schicksal, akzeptieren es als Teil des Lebens.

Wissenschaft über Auslöser uneinig

Die Wissenschaftler sind sich noch nicht sicher, wie Depressionen zustande kommen. Ging man vor einigen Jahren noch davon aus, dass Depressionen entweder von außen (exogen) ODER durch Veranlagung ausgelöst werden (endogen), so tendieren die Gehirnforscher derzeit dazu, dass bestimmte biologische Prozesse im Hirn die Depressionen zu Tage bringen. Einer Sache ist sich die Wissenschaft aber sicher: Egal ob angeboren oder antrainiert, die Krankheit wird durch traumatische Ereignisse beschleunigt und verschlimmert. Statistiken gehen davon aus, dass 60% der Selbstmorde Folge von Depressionen sind.

Im Männersport Fußball ein Tabu

Alles, was als „unmännlich“ empfunden wird, hat kaum Platz im Machosport Fußball. Die Dunkelziffer wird unter Männern als hoch angesehen, der Vergleich der Geschlechter liefert Indizien, denn während jede vierte Frau davon betroffen ist, ist es nur jeder zehnte Mann. Männer reagieren anders, etwa durch Reizbarkeit, Verstimmung, schnellem Aufbrausen, Wutanfällen, Unzufriedenheit mit sich und anderen, Neigung zu Vorwürfen und nachtragendem Verhalten, erhöhter Risikobereitschaft, exzessivem Sporttreiben, sozial unangepasstem Verhalten, ausgedehntem Alkohol- und Nikotinkonsum. Wertfrei gesprochen fällt ein derartiges Verhalten bei Frauen mehr auf als bei Männern.

Deisler, Enke, Rangnick

In Deutschland bedurfte es einen Todesfall, bis psychische Probleme medial salonfähig wurden. Nachdem Sebastian Deisler noch mehr oder weniger in der Öffentlichkeit als schlampiges Genie wahrgenommen wurde, führte Robert Enkes Selbstmord zu einem Umdenken, manifest geworden in der Reaktion auf Ralf Rangnicks Erschöpfungssyndrom. Wie schon öfters beschrieben, war es ein Rätsel, warum Fußballer zwar lang und breit über bis dato unbekannte Syndesmosebänder redeten, aber nicht über die Vorgänge im Kopf. Denn so wie traumatische Erlebnisse wie Todesfälle oder Trennungen in der Welt der Fans natürlich vorkommen, tun sie dies auch für die Kicker.

Der Antipfosten der Woche

Gäbe es diese Rubrik, würde er an Iñaki Bea und den FC Wacker Innsbruck gehen. Eben weil in Tirol klar zu sein scheint, dass der Kopf nicht nur zum Köpfeln, sondern zum allgemeinen Funktionieren da ist. Wie oft betonen nicht Trainer und Spieler, dass „wir im Kopf frischer waren“, „gerade alles passt“, „wir einen Lauf haben“ und so weiter? Natürlich wird es erst schwierig, wenn es nicht läuft, aber gerade da muss das gesamte Umfeld richtig reagieren.

Abschließend sei zu sagen: Kein Trainer würde seinen besten Spieler aufstellen, wenn dessen Bein durch eine Operation am Kreuzband im Gips ist und er auf Krücken geht. Hoffentlich werden die Vereine besonnener werden und auch die Krücken akzeptieren, die nicht zu sehen sind.

Georg Sander, abseits.at

Georg Sander

  • narya

    30.Oktober.2011 #1 Author

    Guter Kommentar mit der ein oder anderen schwammigen Formulierung, aber in der Kernaussage sehr treffend. Einzig beim Schlussfazit würde ich nicht nur die Verantwortung den Vereinen anlasten, sondern auch auf die Rolle der Spieler, die sich oft monate- wenn nicht sogar jahrelang mit diesen Erkrankungen „durchschleppen“. Es wird von ihnen erwartet zu funktionieren, das ist dermaßen omnipräsent, dass sie es irgendwann von sich selber fordern und eine Alternative (wie etwa eine Auszeit) gar nicht einmal andenken.

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