Ralf Rangnick ist als Trainer des FC Schalke 04 zurückgetreten. Aufgrund eines Erschöpfungssyndroms trat der Coach der Gelsenkirchener zurück, die Gesundheit gehe laut einer... Ralf Rangnick: Bewusstseinserweiterung im Fußball – Enkes Erbe?

Ralf Rangnick ist als Trainer des FC Schalke 04 zurückgetreten. Aufgrund eines Erschöpfungssyndroms trat der Coach der Gelsenkirchener zurück, die Gesundheit gehe laut einer Pressemitteilung auf jeden Fall vor. Die umfassende Begrüßung des Entschlusses des „Fußballprofessors“ wäre wohl vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen.

Claudia Heil (Judo), Kenny McKinley (Football), Robert Enke (Fußball), Dimitri de Fauw (Radsport), Darren Sutherland (Boxen), Arturo Gatti (Boxen), Mike Whitmarsh (Beachvolleyball), Christophe Dupouey (Mountainbike), Adam Ledwon (Fußball), Steffen Krauß (Fußball), Sergi Lopez (Fußball), Mikael Ljungberg (Ringen), Marco Pantani (Radsport) – die Liste derer, die mit dem Spitzensport nicht fertig werden, ist lang. Mit dem Freitod von Robert Enke wurde aber zumindest ein Tabu gebrochen: Es wird darüber geredet. Buffon, Adriano, Biermann – bereits einige Fußballprofis bekannten sich zu der Krankheit und redeten darüber.

Rastloses Rumpelstiltzchen

Der 54-jährige Fußballtrainer Rangnick wiederum jettete seit seinem Antritt als (Spieler-)Trainer bei Viktoria Backnang 1983 durch die Fußballwelt, rechnete den Fußball penibel aus, brachte dem Lieblingsnachbarn die Viererkette bei und bildete sich in Zeiten ohne Engagement privat weiter. An der Linie stand er selten, viel mehr kannte und kennt man ihn wild gestikulierend und schreiend, selten zufrieden mit dem Gesehenen. Damit ist nun aber Schluss. Nichts geht mehr und das ist gut so. Tönnies, Heldt, Medien, Kollegen – allerorts wird der Beschluss des „Professors“ begrüßt.

Enkes Erbe?

In der Krankheitsklassifizierung der UNO, dem Index ICD-10, wird das Erschöpfungssyndrom, auch „Burn-out“ genannt, als „Ausgebranntsein“ und „Zustand der totalen Erschöpfung“ mit dem Diagnoseschlüssel Z73.0 erfasst. Desillusionierung und Apathie, psychosomatischen Erkrankungen und Depression oder Aggressivität und eine erhöhte Suchtgefährdung sind Symptome der Krankheit. Jahrelang wurde im Spitzensport totgeschwiegen, dass es derartige Krankheitsbilder gibt, erst der Tod des deutschen Nationaltorwarts Robert Enke schaffte ein Bewusstsein für psychische Erkrankungen. Der deutsche Psychiater Dr. Manfred Lütz beschreibt das Problem mit der Psyche mit folgenden Worten: „Was wir brauchen, ist mehr Aufklärung über psychische Krankheiten, dann hätte sich Robert Enke in seinen gesunden Zeiten vielleicht mit seiner Erkrankung an die Öffentlichkeit getraut. Ein Drittel der Deutschen erleidet irgendwann im Leben eine psychische Störung.“

„Übermenschen“?

Gerade im Fußball neigen die Fans dazu, die angebeteten Kicker auf Podeste zu heben, deren Fundamente tönern sind. Formschwächen werden überhart kritisiert, die Ausnahme zur Regel erkoren. Der Satz „mens sana in corpore sana“ stimmt nicht. Sportler sind Menschen mit emotionalen und psychischen Höhen und Tiefen, nur werden sie ihnen nicht zugestanden. Egal wo die Depression herrührt, geben darf es sie nicht. Der Mensch im Privatissimum darf schwach sein, weinen, sich auskotzen. Für Menschen öffentlichen Interesses gilt dies nicht. Die zu „Übermenschen“ stilisierten Sportler leben den unfassbaren Umgang mit der Berühmtheit zur Freude des Boulevards manchmal putzig aus – Wayne Rooney tankt Benzin in den Dieselmotor, Marko Arnautovic stellt sich ins Halteverbot -, über die andere Richtung des Pendels wird aber selten gesprochen.

Es bleibt Ralf Rangnick zu wünschen, dass er den Schritt, mit seiner Krankheit an die Öffentlichkeit zu gehen, früh genug gesetzt hat. Die These, dass er dies ohne Robert Enkes Freitod nicht getan hätte, steht im Raum und es ist begrüßenswert, dass in der Glamourwelt des Fußballs nicht mehr nur über Meniskusrisse und kaputte Knöchel berichtet wird, sondern auch über die psychische Gesundheit.

Georg Sander, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

Keine Kommentare bisher.

Sei der/die Erste mit einem Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.