Hat Österreich ein Fan-Problem? Betrachtet man die „Ausschreitungen“ der letzten Zeit (Platzsturm im Derby und in der Europa League, Affäre Westbahnhof, diverse Sachschäden bei... Das Kreuz mit den Fans

Hat Österreich ein Fan-Problem? Betrachtet man die „Ausschreitungen“ der letzten Zeit (Platzsturm im Derby und in der Europa League, Affäre Westbahnhof, diverse Sachschäden bei Auswärtsfahrten, rechtsradikale Entgleisungen) kann man ohne weiteres zu diesem Schluss kommen. Sogar in der Regionalliga bevorzugen es Vereine zuweilen nicht anzutreten, weil ihnen die Strafe billiger kommt, als der Sicherheitsaufwand, der nötig wäre um das Spiel problemlos abwickeln zu können (auch wenn es in diesem Fall zu einer Einigung kam).

Dieser Artikel ist weder von einem szenekundigen Insider, noch von einem Vereinsverantwortlichen, sondern schlicht von einem Fußballfan, der seine Informationen vorrangig aus Medien bezieht. Er ist ein Resultat aus Beobachtungen und subjektiven Bewertungen.
Im Folgenden wird der Umgang der Verantwortlichen mit der momentanen Situation der österreichischen Fanproblematik beleuchtet.

DIE POLITIK

Für die neue Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) war das Skandalderby eine Steilvorlage, um sich, nach nur einem Monat Amtszeit, erstmals in den medialen Fokus zu spielen. Denn der Platzsturm, live im Fernsehen zu ‚bewundern‘, rückte den Fußball, oder zumindest dessen üble Auswüchse, ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Zudem wird kein vernünftig denkender Mensch gegen Maßnahmen sein, die die Sicherheit in Stadien erhöhen sollen. Mikl-Leitner hatte also nichts weiter zu tun, als die Ausschreitungen zu verurteilen, sich englische Verhältnisse zu wünschen und eine Arbeitsgruppe zu installieren, garniert wurde das Ganze mit dem Vorschlag eines Vermummungsverbots (das seit 2003 gesetzlich verankert ist) um künftige Ausschreitungen zu verhindern. Die Absurdität diverser Aussagen wurde bereits von anderen Kommentatoren dokumentiert, sodass hier nicht näher darauf eingegangen werden muss.
Nun kann man der Ministerin keinen Vorwurf machen, dass sie keine Expertin im sicherheitstechnischen Bereich im Zusammenhang mit Fußballspielen ist, allerdings erscheint es fragwürdig, ob man dann innerhalb von 24 Stunden bereits einen derartigen Lösungsvorschlag unterbreiten soll.
Generell muss die Politik endlich wirksame gesetzliche Grundlagen schaffen, die es den Vereinen ermöglichen und erleichtern ihre Probleme zu lösen (z.B. Stadionverbote durch die Exekutive aussprechen lassen)

DIE VEREINE

Die Reaktionen der Vereinsverantwortlichen sind nach solchen Ausschreitungen immer dieselben: Man ist zu tiefst geschockt und betroffen, weil man im Vorfeld alles getan hat, um derartige Probleme zu vermeiden, man kann es sich selbst nicht erklären und wird alles unternehmen, um diese Störenfriede aus den Stadien zu entfernen. Man wird hart und konsequent durchgreifen, damit sich Familien am Fußballplatz wieder sicher fühlen.
Nun muss man dazu sagen, dass die Gefährdung von Familien oder neutralen Beobachtern in den genannten Fällen enden wollend gewesen ist, die einzig gefährdeten Personen waren jene Gästefans im Hanappi-Stadion die mit diversen pyrotechnischen Gegenständen beworfen wurden. (Ein Umstand der in der Berichterstattung und in Interviews, vgl Prof. Horak oder Christian Doneis in Contra, zuweilen vergessen wurde)

Die Wiener Vereine mussten feststellen, dass eine allzu große Freunderlwirtschaft nicht dazu führt, dass die (Problem-)Fans das Entgegenkommen zu schätzen wissen, sondern zu einem übersteigerten Selbstverständnis, dass gelegentliche „Ausrutscher“ zu tolerieren seien, weil es die gleichen Personen seien, die viel Geld und Zeit in den Verein investierten. Eine moderne Form des Ablasshandels gewissermaßen, bei dem die Vereine auch (zu) lange mitgespielt haben. Andy Marek, z.B., wurde in diversen Foren schon länger für Aussagen kritisiert, weil er des Öfteren Erklärungsversuche für diverse Fehlverhalten von Teilen der grün-weißen Fangemeinde getätigt hat, anstatt das Unvermeidliche auszusprechen: „Diese Vollidioten schaden dem Verein und dem Sport.“
Dies soll keine Anklage gegen den SK Rapid werden, jedoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Umgang mit den Fans dort seit jeher eine besondere Intensität hat, der sicherlich, neben vielen weiteren Faktoren, zur jetzigen Situation beigetragen hat.
Der Maßnahmenkatalog, den Rapid veröffentlichte, entspricht zu weiten Teilen jenem Papier, mit dem die Austria versucht hat, ihr Fanproblem zu lösen. Ob dies (im Gegensatz zum Favoritner Rivalen) gelingt, hängt von der Umsetzung und der Konsequenz des Vereins ab.

DIE FANS

Was kann der gemeine Fußballfan machen, um die Situation zu verbessern? Oft hört man von einem Selbstreinigungsprozess, der einsetzen müsse. Doch wie genau soll der aussehen? Sollen Störenfriede aus dem Stadion geprügelt werden? Unwahrscheinlich.
Sollen die Anständigen solange zu Hause bleiben bis das Problem gelöst ist? Dies würde die Vereine zwar unter (finanziellen) Druck setzen, ist jedoch auch keine brauchbare Alternative, da die Fans einerseits ein Recht haben ihrem Freizeitvergnügen nachzugehen, andererseits gibt es wohl zuwenig, denen das Problem so ernst ist, um diesen radikalen Schritt zu wagen. Außerdem würde das Zurückweichen einer Kapitulation gleichkommen.

Wie man sieht, sind die Möglichkeiten der Fans beschränkt. Gewiss, man kann Petitionen starten, man kann antifaschistische Transparente malen und diese einer breiteren Öffentlichkeit vorführen (vorausgesetzt der Verein erlaubt es) aber der Reinigungsprozess muss von den Vereinen, der Liga und dem Gesetzgeber ausgehen.

FAZIT

Auch wenn es sich um eine verschwindende Minderheit handelt, stellen diese Problemfans eine Herausforderung für die Verantwortlichen dar. Es muss ein Schnitt in den Köpfen der Beteiligten erfolgen, damit endlich klar ist, dass das Stadion und das Umfeld kein rechtsfreier Raum ist, die Vereine dürfen (künftig?) nicht vor Konfrontationen mit der eigenen Fanszene zurückschrecken. Derzeit hat man leider allzu oft den Eindruck, dass die Vereine nicht an einem „sauberen“ Umfeld interessiert sind, sondern lediglich an einem „skandalfreien“ (Frei nach Jörg Jaksche). Dieser Umstand ist nicht tragbar und es liegt an den Vereinen offensiver gegen die Totengräber des Sports vorzugehen. Die Ankündigung Rapids Becherwerfer mit Hausverbot zu belegen, muss eine Selbstverständlichkeit werden, will man den Respekt vor dem Sport wahren. Viel zu lange hat man derlei Unsäglichkeiten Schulter zuckend zur Kenntnis genommen.
So bleibt zu hoffen, dass alle Fans künftig ihren Stellenwert und ihren Platz richtig einzuordnen verstehen.

Patrick Redl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen