Die erste Halbzeit des Derbys wurde für die Wiener Austria zum Albtraum. Rapid zeigte die defensiven Unzulänglichkeiten und strukturellen Probleme des Erzrivalen eiskalt auf... Analyse: Das waren die schwersten Fehler der Austria im Derby

Die erste Halbzeit des Derbys wurde für die Wiener Austria zum Albtraum. Rapid zeigte die defensiven Unzulänglichkeiten und strukturellen Probleme des Erzrivalen eiskalt auf und spielte die Veilchen an die Wand. Unser Austria-Analytiker Dalibor Babic beschreibt im Detail, was die Probleme auf violetter Seite waren.

Ein fragwürdiger Matchplan wird entblößt

Im Vorfeld des Wiener Derbys gab es bei der Austria ja bekanntlich durch zahlreiche Ausfälle einige Fragezeichen, auf die wir vor dem Spiel bereits ausführlich eingegangen sind. Vor allem die Ausfälle von Schlüsselspielern wie Handl oder Potzmann wiegten schwer und es galt diese aufzufangen. Eine der Schlüsselfragen war daher: Wird man die übliche pressingintensive Spielanlage durchziehen oder doch einen etwas passiveren Ansatz wählen?

Hier bot sich die These an, dass eine Abkehr von der 3-4-3-Pressingformation nicht überraschend käme und man zu einem 5-2-1-2/5-2-3 zurückgreifen könnte – ergo auf eine Fünfer- statt Dreierkette umstellt. Dafür sprachen zwei Dinge: Einerseits, um Rapids aktuell in überragender Form agierenden Flügelspieler Marco Grüll besser kontrollieren zu können und ihm nicht zu viel Rückraum zu geben, andererseits um die neu formierte Innenverteidigung nicht zu sehr zu stressen.

Merkwürdiges Anlaufverhalten der Veilchen

Doch gingen wir auch davon aus, dass man so oder so zumindest in der Anfangsphase auf das klassische Angriffspressing setzen würde, um dem Gegner zu zeigen, dass man aktiv und präsent ist. Um es gleich vorweg zu nehmen: Das war allerdings nicht der Fall. Gegen den Ball schickte Trainer Michael Wimmer seine Spieler in einer klaren 5-2-3-Formation auf das Feld. Die erste Pressinglinie bestehend aus Fitz, Schmidt und Huskovic hatte in erster Linie den Auftrag, die Passwege in die zentralen Räume zuzustellen und damit Rapid nach außen zu drängen. Doch schon das Anlaufverhalten der drei Spitzen wirkte merkwürdig, angefangen bei Mittelstürmer Schmidt, der irgendwo zwischen den beiden Innenverteidigern stand und sie nicht aktiv anlief. Die beiden Flügelstürmer Fitz und Huskovic sollten die beiden Innenverteidiger auch nicht attackieren, sondern raumorientiert agieren und den Passweg in den Halbraum zustellen, wo oftmals Rapids Seidl oder Lang lauern. Doch schon da entstand strategisch ein großes Problem, das wir auch schon vorab in unserer Vorschau thematisierten.

Es fehlte ein Spieler im Pressing

Geht die Austria nämlich ins Angriffspressing, entsteht das 3-4-3 bekanntlich dadurch, dass die Flügelverteidiger weit hochschieben und die gegnerischen Außenverteidiger attackieren. Doch dadurch, dass man in der Fünferkette verblieb, fehlte rein nummerisch ein Pressingspieler, der die Stürmer unterstützte. Für dieses Spiel bedeutete das, dass die erste Pressinglinie konstant gegen die Viererabwehr von Rapid von Haus aus in Unterzahl war.

Das kann man durch geschicktes Anlaufverhalten im Idealfall wettmachen, aber dafür müsste man überhaupt ein solches Anlaufverhalten haben. Die Violetten agierten abwartend, versuchten nur die Räume zuzustellen und agierten nicht, sondern reagierten. Dadurch kam Rapid prompt in einen guten Rhythmus, holte sich Sicherheit im eigenen Ballbesitz und legte sich die Austria zurecht. Vor allem bohrte man aber den strategischen Vorteil gnadenlos an.

Nummerische Unterzahl auf dem Flügel wird entblößt

Das Hauptproblem bei Spielaufbau des Gegners war schlicht, dass die Flügelspieler Fitz und Huskovic vor eine nahezu unlösbare Aufgabe gestellt wurden. Sie sollten nämlich sowohl die Innenverteidiger, als auch die Außenverteidiger beeinflussen. Doch im Endeffekt lief es darauf hinaus, dass sie sich entscheiden mussten: Gehen wir aktiv auf die Innenverteidiger drauf und lassen den Außenverteidiger frei, oder stellen wir den Außenverteidiger zu und lassen den Innenverteidiger laufen?

Diese skizzierte Zwickmühle kratzt jedoch nur an der Oberfläche und offenbart eine viel gravierende Problematik – nämlich eine strategische Unterzahl. Vor allem die rechte Seite der Austria hatte darunter zu leiden und wurde von Rapid auch gezielt angebohrt, indem „Sechser“ Grgic immer wieder hinter Außenverteidiger Auer kippte. Nimmt man noch den Flügelverteidiger Ranftl (der ja für Grüll zuständig sein sollte) mit ins Boot, stehen schon von Haus aus zwei Verteidiger drei Angreifern gegenüber. Es dauerte keine zwei Minuten, ehe dies zum ersten Mal von den Gastgebern entblößt wurde und zur ersten Topchance durch Angreifer Burgstaller führte. Die Entstehung kann auf bei den nächsten beiden Bildern wunderbar erkennen:

Rapid im Spielaufbau, Innenverteidiger Kongolo am Ball. Die erste Pressinglinie der Austria steht recht zentral und versucht die Mitte zuzumachen, während der Innenverteidiger anläuft. Der rechte Flügelstürmer Huskovic steht hier schon vor einer Zwickmühle: Attackiert er Kongolo oder lässt er den Innenverteidiger gewähren, um sich an Linksverteidiger Auer zu orientieren? Doch egal was er macht, es wird das Falsche sein, sieht man sich doch einer nummerischen Zwei-gegen-Drei- Unterzahlsituation ausgesetzt…

Huskovic wählt den Mittelweg und macht was ihm gesagt wurde, nämlich den Passweg zu decken. Daher orientiert sich Ranftl an Linksverteidiger Auer und spekuliert auf den Querpass in der Hoffnung, hinter ihm sichere Martins ab. Da aber im Zentrum Innenverteidiger Martins durch Seidls „Entgegenkommen“ aus seiner Position gezogen wird, gibt es nun keine Absicherung mehr und ein riesiges Loch, welches Rapid mit einem einfachen langen Ball bespielt und Grüll dadurch in weiterer Folge Burgstaller in Szene setzen kann, der schon nach 120 Sekunden nahe am 1:0 für Rapid war.

Kein gutes Zeichen, wenn man quasi von Start weg mit so einem riesigen strategischen Nachteil startet, den der Gegner nach Belieben bespielen kann. Dabei wäre es recht einfach zu lösen gewesen. Wenn die Austria wie üblich ihr Pressingmuster durchgezogen hätte, wäre Ranftls herausschieben das Kommando für Martins gewesen, automatisch durchzusichern und auf Grüll herauszuschieben, während die restliche Kette zum Ball schiebt. Stattdessen steht aber die Fünferkette über nahezu die gesamte Breite verteilt und wartet ab.

Kommunikative Probleme

Hier ist noch nicht mal die Rede von der Höhe der Abwehrlinie, die durchaus absurd ist, da der Ballführende mit dem Gesicht zum gegnerischen Tor und ohne Druck anläuft und spätestens bei der Ausholbewegung des Verteidigers Rapids die Kette zurückfallen hätte müssen. Des Weiteren wäre die Situation zu vermeiden gewesen, wenn etwa der Mittelstürmer einfach den ballführenden Innenverteidiger angelaufen hätte oder Martins und Fischer besser miteinander kommuniziert hätten, indem Martins seinen Gegenspieler an Fischer übergibt und so nicht herausrücken muss und in seinem Raum verbleiben kann. Ersteres war durch den Trainer scheinbar nicht vorgegeben, Zweiteres hätte interne Kommunikation erfordert. Das zeichnet ein schlechtes Bild und es wirkt so, als wäre man nicht gut vorbereitet gewesen.

Die Austria-Defensive wird entblößt

Dementsprechend nahm das violette Verderben in der Anfangsphase seinen Lauf und von Minute zu Minute wackelten die Austrianer mehr und mehr. Von Sicherheit und Kompaktheit war gar nichts zu sehen, sondern es wirkte eher so, als agierten alle Spieler kopflos und überfordert. Rapid konnte zu jeder Phase einfach durch die erste Pressinglinie spazieren und fand den Zwischenlinienraum hinter dem Mittelfeld, wo über Lang, Grüll und Seidl die Post abging und die Abwehrkette einen Angriff nach dem anderen ausgesetzt war.

Vor allem Seidl konnte sich immer wieder aus Drucksituationen und engen Räumen befreien und mit Verlagerungen die ballferne Seite finden, womit er mehrmals die Violetten aufriss. Kompaktheit? Zugriff gegen den Ball? Fehlanzeige. Die Gäste kamen immer zu spät und vor allem die beiden Sechser waren gegen den Ball quasi nicht vorhanden. Passivität in allen Phasen und allen Ecken prägte das Spiel der Austria, während Rapid besser und besser wurde. Und ehe man sich versah, stand es nach 20 Minuten bereits 2:0 für die Gastgeber.

Rapid-Doppelschlag steigert Austria-Bedrängnis noch weiter

Zunächst rutschte ein Ball etwas glücklich in den Lauf von Burgstaller durch und erwischte dem herausgerückten Plavotic auf dem falschen Fuß, wodurch in weiterer Folge Seidl freigespielt werden konnte und alleine vor dem Tor trocken zum 1:0 traf. Keine zwei Minuten später führte eine toll einstudierte Freistoßsituation zum 2:0 von Rapid, bei dem einerseits bei der Ausführung mit der Aufmerksamkeit der Austrianer gespielt wurde und andererseits in der Mitte zwei Verteidiger der Violetten geschickt geblockt wurden, weshalb Burgstaller völlig frei zum Kopfball kam. Solche überlegten Varianten sieht man bei den Violetten schon die ganze Saison über nicht und kommt es nicht von ungefähr, dass man eines der schwächsten Teams bei Standards ist. So lief die Austria schon früh einem 0:2-Rückstand hinterher.

Austrias Ingame-Coaching wird entblößt

Es kam aber noch bitterer. Mit Abwehrchef Martins, der offensichtlich angeschlagen in das Spiel ging und versuchte sich durchzubeißen, verloren die Violetten den nächsten wichtigen Akteur. Man war nun in einer Zwickmühle gefangen, da man keinen Rechtsfuß mehr als Innenverteidiger übrighatte. Also entschied sich Austria-Trainer Wimmer kurzerhand das System umzustellen und auf ein 4-2-3-1 zu setzen. Auch der Trainer der Violetten schmiss hier seine Nerven über Bord. Man spielt seit über einem Jahr ein System, hat alle Abläufe einstudiert und automatisiert, noch nie richtig mit einer Viererkette gespielt und trotzdem nahm man diese Veränderung mitten in einer Phase vor, in der die Mannschaft bereits verunsichert ist.

0:3 statt 1:2

Die Ironie ist, dass man trotzdem beinahe ins Spiel zurückgekommen wäre. In dieser Phase und nach ca. 25 Minuten schraubte Rapid die Pressingintensität etwas zurück und die Violetten kamen zu etwas mehr Ballbesitz und Rhythmus. Eine Einzelaktion von den beiden besten Austrianern, Krätzig und Fitz, führte zu einem Kracher des Spielmachers der Gäste, der an der Innenstange landete. Das Glück war also nicht auf der Seite der Favoritner, wobei sich der Anschlusstreffer zuvor auch nicht angedeutet hatte. Stattdessen kassierte man das 0:3 und die Umstellung auf eine Viererkette wurde bestraft.

Mit einem Pass kam Rapid in den Zwischenlinienraum, mit einem weiteren durch die Schnittstelle, und Grüll lief auf und davon, da Ranftl zu breit stand und nicht schnell genug in die Mitte rückte. So konnte der Flügelstürmer den Torhüter überspielen und zum 3:0 für die Hausherren treffen. Das Muster war quasi immer dasselbe und Rapid konnte es sich im Zwischenlinienraum gemütlich machen und mit Tempo auf die Abwehr zulaufen, wie es ihnen beliebte, da die vorderen Ketten quasi nicht vorhanden waren.

Schlechteste Halbzeit unter Wimmer

Die defensiven Unzulänglichkeiten der Austrianer füllten bislang die Zeilen dieses Artikels. Wenn wir allerdings noch auf die Probleme im Ballbesitz eingehen, würde das wohl den Rahmen sprengen. Allerdings können wir es auch kurzhalten und die Analyse ist diesbezüglich recht einfach: Wenn die Austria mit nur einem Stürmer angelaufen wurde, spielte sie lange Bälle – wenn sie gepresst wurde, versuchte sie die Probleme spielerisch zu lösen. Man machte also quasi immer das Falsche.

Kombiniert man das mit einer „Doppelsechs“, welche mehr gefährliche Angriffe des Gegners durch Ballverluste, als eigene durch Passideen initiiert, wird die Luft ziemlich dünn. Heraus kommt eine erste Halbzeit, die wohl die schlechteste in der Amtszeit von Trainer Michael Wimmer war und wenn Torhüter Mirko Kos nicht mit einer tollen Parade das 0:4 verhindert, geht man bereits mit einer echten Packung in die Halbzeitpause.

Austria findet ihre Identität wieder

Basierend auf der ersten Halbzeit musste man sich im Lager der Violetten sorgen vor einer historischen Niederlage machen und es war klar, dass nun eine Reaktion gefragt sei. Austria-Trainer Wimmer kam auch zur Besinnung und kehrte zu seinem System zurück, in dem er Flügelverteidiger Ranftl in die Innenverteidigung zog und stattdessen Bayern-Leihgabe Krätzig dessen Part übernahm, während Polster den linken „Schienenspieler“ gab.

Dazu kam auch Andreas Gruber ins Spiel, der den unsichtbaren Schmidt ersetzte. Interessanterweise besetzte Gruber die rechte Seite und Huskovic wechselte stattdessen nach links, weshalb nun Fitz als Mittelstürmer agierte und eine Art „falsche Neun“ gab. Doch die Austria kehrte nicht nur zu ihrem System, sondern auch zu ihrer Identität und Spielweise zurück.

Von Anfang an ging man mit Vollgas ins Angriffspressing und warf sich mit ganzer Wucht dem Erzrivalen entgegen, was man sich schon von der ersten Minute an gewünscht hätte. Und der „Erfolg“ sollte den Violetten recht schnell rechtgeben. Man drehte den Spieß um und lieferte ein Feuerwerk ab, wodurch Chancen im Minutentakt die Folge waren. Durch das Angriffspressing kam Rapid in keinen Rhythmus mehr, verlor die Bälle sehr schnell und die Austrianer setzten sich in der gegnerischen Hälfte fest. Es wirkte fast so, als hätten die beiden Teams kurzerhand die Rollen getauscht. Die Folge war, dass man in nur acht Minuten ganze vier Topchancen vorfand, wobei alleine Stürmer Huskovic zweimal alleine vor dem starken Hedl stand und jeweils am Torhüter oder sich selbst scheiterte.

Effizienzprobleme

Das wären die Momente gewesen, um den Anschlusstreffer zu erzielen und das Spiel vielleicht doch noch spannend zu machen. Man behielt auch danach die Oberhand und kam im zweiten Durchgang auf fast 70 Prozent Ballbesitz. Allerdings fehlte im letzten Drittel die Kaltschnäuzigkeit und letzte Konsequenz, weshalb viele aussichtsreiche Situationen nicht verwertet werden konnten. Von Minute zu Minute schwand damit auch die Hoffnung auf ein Comeback und die letzte Möglichkeit darauf vergab Flügelverteidiger Polster, der völlig freistehend den Ball neben das Tor setzte. Letztlich blieb es beim 0:3 und es setzte die erste Derbyniederlage nach mehreren Jahren.

Derby erfordert eine ausführliche Aufarbeitung in Violett

Das was in der ersten Halbzeit auf Seiten der Austria passierte, kann man nur als kollektives Versagen auf allen Ebenen bezeichnen. Man ging bereits mit einem Matchplan in dieses Derby, der de facto zum Scheitern verurteilt war und Rapid perfekt in die Karten spielte. Statt mit Überzeugung, einer hohen Energie und Aggressivität ins Spiel zu gehen, wählte man die Passivität und entschied sich abzuwarten. Dabei waren genau das jene Tugenden, die zuletzt den Ausschlag für die positive Derbybilanz gaben. Natürlich spielten hier auch die Ausfälle eine nicht zu unterschätzende Rolle und die Austria konnte den Verlust von fünf potenziellen Stammspielern nicht auffangen, aber dennoch hätte man zumindest in der Anfangsphase die übliche Spielanlage durchziehen und dann darauf reagieren können – je nach Ausgang.

Aber auch die Spieler müssen sich in die Verantwortung nehmen und es war offensichtlich, dass einige Akteure nicht für dieses Spiel bereit waren oder es auch qualitativ auf diesem Niveau einfach nicht reicht. Trainer und Mannschaft haben ein dickes „Nicht genügend“ für diese Darbietung verdient und werden wohl einige Tage daran zu knabbern haben. Daran ändert auch die gute zweite Halbzeit nichts, die stattdessen eher das Gefühl bestärkte, dass in diesem Spiel mehr möglich gewesen wäre, wenn man von Anfang an mehr Mut und die Identität gezeigt hätte, für die man eigentlich steht. Dieser Kritik müssen sich auch Michael Wimmer und sein Trainerteam stellen und es bleibt zu hoffen, dass hier die richtigen Schlüsse aus diesem Schlamassel gezogen werden.

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic