Die „neue“ Austria hat nach dem großen Umbruch und vielen Veränderung im Sommer etwas mehr als zwei Monate Meisterschaft hinter sich gebracht. Daher ist... Quo vadis Austria? Ein Zwischenfazit (2)

Die „neue“ Austria hat nach dem großen Umbruch und vielen Veränderung im Sommer etwas mehr als zwei Monate Meisterschaft hinter sich gebracht. Daher ist es nun an der Zeit, ein erstes Zwischenfazit zu ziehen und einen etwas tieferen Blick auf die Verfassung der Mannschaft zu wagen. In welche Richtung entwickelt sich das Team von Trainer Thomas Letsch und wo geht die Reise hin? In welchen Bereichen hat man sich verbessert? Wo hapert es noch und gibt es Verbesserungspotenzial? Nachdem wir im ersten Teil die verbesserte Defensivarbeit, die erhöhte Flexibilität und den verbesserten Spielaufbau betrachteten, widmen wir uns nun einigen Problemfeldern, die in der gegnerischen Hälfte zu finden sind.

Balanceprobleme, fehlende Kreativität und Grünwald-Paradoxon

Ein weiteres Problem ist das eigene Offensivspiel in der gegnerischen Hälfte, was man leicht an der geringen Torausbeute ablesen kann. So ist Kapitän Alexander Grünwald mit vier Toren der treffsicherste Austrianer, allerdings hat bis auf Stürmer Edomwonyi bislang kein anderer Spieler mehr als einen Treffer in der Liga beisteuern können. Das spricht natürlich Bände und wenn man nach so vielen Runden so wenige Treffer erzielt, stellt sich da auch die Qualitätsfrage. Denn gerade im letzten Drittel ist man davon abhängig, dass die Spieler Lösungen finden, um zu Torchancen zu kommen. So betonte Pep Guardiola, einer der besten Trainer der Welt, nicht umsonst, dass es in der Konzeption des Offensivspiel seine Kernaufgabe sei, seine Spieler zunächst in das letzte Drittel und in Stellung zu bringen, den Rest müssen sie dann erledigen. Damit spricht er einen wichtigen Punkt an, nämlich dass gerade im und rund um den gegnerischen Strafraum vor allem die Kreativität und Lösungsfindung der Spieler gefragt ist.

Bei der Austria hat man aktuell das Gefühl, dass zu viel Last auf den Schultern von Kapitän Grünwald liegt. Mit vier Toren und zwei Vorlagen war der Spielmacher damit an 60 (!) Prozent der Austria Tore direkt beteiligt, was ein ungewöhnlich hoher Wert ist. Speziell Spieler wie Prokop, Venuto oder Friesenbichler fallen bislang eher durch ihre Ineffektivität auf und trugen kaum zu Scorerpunkte bei, obwohl gerade sie aktuell von den Ausfällen von Turgeman und Edomwonyi profitieren, ihre Chancen allerdings kaum nutzen konnten, um sich langfristig in die Mannschaft zu spielen. Zumindest konnte Neuzugang Ewandro bislang bei seinen wenigen Minuten immerhin andeuten, dass er das Problem in Zukunft mindern könnte. Auch mit der Rückkehr von Sax wird wieder mehr Kreativität in die Mannschaft zurückkehren, denn der Offensivspieler konnte in den Trainings vor seiner Verletzung durchaus überzeugen und könnte daher in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Man wird sehen, ob sich mit der Rückkehr der verletzten Spieler dieses Problem lösen lässt.

Allerdings stellt sich dann wieder die Frage, wie Trainer Thomas Letsch seine Offensivspieler in die Struktur der Mannschaft einbinden möchte. Denn der Deutsche legt viel Wert auf eine stabile Defensive und eine passende Absicherung, weshalb in der Struktur seines Teams die Balance passen muss. Am besten kann man das bei Kapitän Grünwald sehen, der bislang nominell schon auf mehreren Positionen bislang zum Einsatz kam und Letsch lange versuchte, die passende Position für den Kapitän zu finden. Durch seine Schwächen im Defensivverhalten ist dies nämlich gar nicht so einfach und es müssen im Idealfall nämlich immer zwei Spieler hinter ihm postiert sein und quasi Abräumer spielen. Allerdings hat nicht nur Grünwald in dieser Hinsicht Probleme, auch Offensivspieler wie Prokop oder Venuto zeigen in der Hinsicht große Mängel, weshalb die richtige Mischung zu finden gar nicht so einfach erscheint.

Aktuell probiert man dieses Problem so zu lösen, indem man Grünwald im 4-1-4-1 ausgehend vom rechten Flügel eine Freirolle ermöglicht. In weiterer Folge soll Ebner die Rolle von Grünwald als halbrechter Achter absichern und ausbalancieren, stattdessen Rechtsverteidiger Klein quasi die Position von Grünwald auf dem rechten Flügel übernehmen und weit aufrücken. Gegen Hartberg klappte dies noch recht gut, gegen Altach eher weniger. Das liegt auch daran, dass diese Vorgehensweise ein zweischneidiges Schwert ist. In dem Fall sind nämlich gerade die drei Offensivspieler ( gegen Altach Prokop, Grünwald, Friesenbichler) gefragt, Kreativität auszustrahlen und Lösungen in der gegnerischen Hälfte zu liefern. Allerdings fällt Prokop aktuell durch seine mangelnde Effektivität in seinen Aktionen auf und auch Friesenbichler ist kein Stürmer, der alleine etwas auf die Beine stellen kann, sondern auf die Zuspiele seiner Mitspieler angewiesen ist. Da Matic auch eher ein Spieler ist, der am liebsten Aktionen aus der Etappe einleitet, bleibt nur noch Grünwald übrig, um für Ideen und Durchschlagskraft im letzten Drittel zu sorgen. Erwischt er wie in Altach nicht seinen besten Tag, sieht es um das Offensivspiel der Austria recht düster aus.

Es bleibt daher abzuwarten, ob sich diese Problematik mit der Rückkehr einiger Offensivspieler verbessert. Ewandro zeigte gegen Hartberg und Altach vielversprechende Ansätze, aber auch die beiden Stürmer Edomwonyi und vor allem Turgeman, der fußballerisch der beste Angreifer im Team ist, wären als Solospitze in dieser 4-1-4-1 Struktur prädestiniert. Sollte sich dennoch keine Besserung in den nächsten Spielen einstellen, dann wird der Austria-Trainer wohl dazu gezwungen, mehr Risiko in der Balance zu nehmen und man müsste sich speziell um die Rolle von Ebner im Team Gedanken machen. Denn gerade gegen schwächere Teams, die sich in die eigene Hälfte zurückziehen und der Austria das Spiel überlassen, ist der kampfkräftige Mittelfeldspieler etwas fehl am Platz und fußballerisch zu schwach, um dem Team einen spielerischen Mehrwert zu geben. Das sah man auch gegen Altach, als Ebner mit einem Ballverlust in der gegnerischen Hälfte einen Konter des Gegners ermöglichte, der zum Eckball vor dem 0:1 mündete.

Eine weitere Option wäre es, statt Ebner den anderen Achter Matic auf die Bank zu setzen und Grünwald ins Mittelfeldzentrum zurückzubeordern. Allerdings verfügen die Veilchen aktuell über keinen besseren Verbindungsspieler als den Serben und gerade in Spielen wie in Hartberg oder dem Wiener Derby zeigte Matic, wie wichtig er für die Mannschaft sein kann. Daher wäre es auch gut möglich, dass man in Zukunft wie im Derby auf ein 4-2-3-1 zurückgreift, mit Jeggo und Matic auf der Doppelsechs und Kapitän Grünwald davor auf der „Zehn“. Dann stellt sich allerdings wiederum die Frage, wer die Positionen auf dem Flügel einnimmt, denn mit Prokop, Venuto und Ewandro hat man gleich drei Akteure, die im Defensivverhalten große Defizite aufweisen. Daran kann man auch gut erkennen, wie schwierig es für die Trainer im heutigen Fußball ist, die richtige Balance und Struktur für ihre Mannschaften zu finden. Ein Defensiv- oder Offensivspieler zu viel kann bereits die ganze Balance im Team zum Kippen bringen und für Probleme im Spiel sorgen. Daher ist es auch eine Kunst von guten Trainern, dass sie ihre Spieler richtig einbinden und die passende Mischung finden, damit die Mannschaft optimal zur Geltung kommt und in keine Instabilität verfällt. Ob dies auch Austria-Trainer Thomas Letsch gelingt, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen.

Fazit

Letztendlich muss man konstatieren, dass die Mannschaft unter Trainer Thomas Letsch nach wie vor in der Aufbauphase ist und es noch einiges an Verbesserungspotenzial gibt. Gleichwohl hat man allerdings mit der recht guten Defensivarbeit zumindest bereits die Basis geschaffen, um in Zukunft erfolgreich zu sein und dank dieser Stabilität weniger Gegentore zu erhalten. Dabei ist das zunächst ein überaus wichtiger Aspekt, speziell nachdem die Defensive in den letzten Jahren zu Anfällig für Gegentore und insgesamt ein Schwachpunkt war. Den meist ist es für gewöhnlich so, dass gerade Top-Mannschaften unter einem Schnitt von einem Treffer pro Spiel bleiben und sich dadurch die Gewinnchancen klarerweise erhöhen. In dieser Hinsicht bewegt sich die Austria in die richtige Richtung und man könnte sich schlussendlich in dieser Region einpendeln.

Andererseits nutzt eine gute Defensivarbeit wenig, wenn man nicht in der Lage ist für ausreichend eigene Treffer zu sorgen und damit Spiele zu gewinnen. Gerade dies ist aktuell das größte Manko der Austria, dass man nämlich für eine Spitzenmannschaft viel zu wenige Tore erzielt und noch unter einer Ladehemmung leidet. In der Hälfte der bisherigen Ligaspiele konnte man beispielsweise gar keinen Treffer erzielen, was man von einer Austria überhaupt nicht gewohnt ist. Ironischerweise hat sich dies in relativ kurzer Zeit bei den Violetten völlig gedreht, nachdem man unter Ex-Trainer Fink noch beinahe einen Liga-Rekord knackte, als man in über 20 Spielen jedesmal einen Treffer erzielen konnte. Die Ursachen dafür sind relativ klar und simpel, es braucht einfach mehr Kreativität und Durchschlagskraft in der Offensive. Es ist zu eindeutig zu wenig, wenn ausschließlich Kapitän Grünwald für Ideen und Torgefahr sorgt und es müssen da auch andere Spieler ebenfalls in die Bresche springen.

Daher muss sich auch Trainer Letsch überlegen, wie er von der Struktur her die Mannschaft optimal in eine Stellung bringt, um ausreichend Torchancen zu kreieren. Möglicherweise regelt sich dies von selbst, mit dem Einbau von Ewandro in die Mannschaft, der als bester Fußballer in der Mannschaft gilt, oder der Rückkehr von den verletzten Offensivkräften Turgeman, Edomwonyi und Sax. Sollte es auch danach nicht besser werden, wird Letsch wohl die Balance in der Mannschaft verändern und mehr „Risiko“ im Spiel eingehen müssen, um das Offensivspiel zu beleben. Denn klar ist, der Anspruch einer Spitzenmannschaft muss es sein, für ausreichend Offensivgeist zu sorgen und gerade die Austria steht traditionell für ein lebhaftes Angriffsspiel. Um diesen Anspruch auch in Zukunft gerecht zu werden, wartet auf die Verantwortlichen jedenfalls noch einiges an Arbeit am Verteilerkreis.

Dalibor Babic