Der SK Rapid verpflichtet den 19-jährigen deutschen Juniorennationalspieler Dennis Kaygin. Der Offensivmann, der einen Dreijahresvertrag plus Option unterschrieb, ist definitiv als Aktie für die... Spieleranalyse: Das ist Rapid-Neuverpflichtung Dennis Kaygin

Der SK Rapid verpflichtet den 19-jährigen deutschen Juniorennationalspieler Dennis Kaygin. Der Offensivmann, der einen Dreijahresvertrag plus Option unterschrieb, ist definitiv als Aktie für die Zukunft gedacht und man darf kurzfristig wohl noch nicht zu viel von Kaygin erwarten. Wir haben vorab analysiert, was sich die Rapid-Fans vom türkischstämmigen Deutschen erwarten dürfen.

Erst Anfang April feierte Dennis Kaygin seinen 19. Geburtstag. Er war gerade mal sieben Jahre alt, als er vom Dorfklub Saulheim in den Nachwuchs des FSV Mainz 05 wechselte. Dort durchlief er alle Nachwuchsmannschaften und war zuletzt einer der großen Leistungsträger in einer sehr erfolgreichen U19, die die deutsche A-Junioren-Bundesliga (also die U19-Bundesliga) gewann.

Leistungsträger in Mainzer U19-Meisterelf

Kaygin war einer der besten Spieler der Saison, erzielte in 19 Ligaspielen 16 Tore und bereitete sechs weitere vor. Der Neo-Rapidler wurde dabei äußerst flexibel eingesetzt, führte seine Mannschaft auch immer wieder als Kapitän auf den Platz. Am häufigsten spielte er im offensiven Mittelfeld, aber auch als Linksaußen und als Mittelstürmer bzw. als zweite Spitze kam er für die jungen Mainzer zum Einsatz. In je einer Partie spielte er zudem als Rechtsaußen und eine Ebene tiefer, als Achter im zentralen Mittelfeld.

Insgesamt brachte es Kaygin in 43 Pflichtspielen für die Mainzer U19 auf 22 Tore und 12 Assists. Zuvor hatte der Offensivmann, der auch einen schwedischen Pass besitzt, nur fünf Spiele für die U17 der Mainzer bestritten. Dies lag daran, dass Kaygin in der Saison 2020/21 zwar als Stammspieler bei den B-Junioren begann, die Saison aber bereits ab dem sechsten Spieltag wegen dem Ausbruch des Coronavirus stillstand. Wie alle anderen „verlor“ Kaygin demnach mehr als eine halbe Saison und stieg im Sommer 2021 sofort in die U19 auf, für die er 17-jährig debütierte. Hinuntergereicht wurde er seitdem nicht mehr und so „übersprang“ er die U17 quasi.

In den deutschen Nachwuchsauswahlen kam er punktuell zu Einsätzen: Er bestritt drei Freundschaftsspiele für die U18 (ein Tor) und zwei weitere Testspiele für Deutschlands U19 (ein Assist). Dabei wurde aber jeweils eher ein B-Kader einberufen – Kaygin ist beim DFB demnach eher ein Juniorennationalspieler der zweiten Ebene.

Der schwierige Sprung in den „Erwachsenenfußball“

Für einen Einsatz in der zweiten Mannschaft der Mainzer in der Regionalliga Süd/Südwest reichte es jedoch nicht, obwohl er immer wieder mit der U23 mittrainierte. Der Sprung in die zweite Mannschaft wäre der nächste logische Schritt gewesen, die Konkurrenz ist jedoch recht hoch und angesichts dessen, dass einige, bereits ältere Spieler in der U23 aufgeboten werden, ist das Hierarchiedenken durchaus hoch. Der „Durchmarsch“ in die Bundesliga war für Kaygin damit praktisch ausgeschlossen. Im vergangenen Winter war Fenerbahce Istanbul an einer Verpflichtung des damals 18-Jährigen interessiert, Kaygin entschloss sich aber vorerst zu einem Verbleib in Mainz.

Dass er noch keine einzige Partie im „Erwachsenenfußball“ bestritt, ist sicher noch sein größtes Manko. Dieser bekanntliche schwierigste Sprung in einer angehenden Profikarriere steht Kaygin noch bevor und es ist nur schwer absehbar, wie gut er das „kalte Wasser“ vertragen wird. Es ist anzunehmen, dass er bei Rapid regelmäßig und von Beginn an mit der ersten Mannschaft trainieren wird, sich seine ersten Sporen aber in der zweiten Mannschaft in der Regionalliga Ost verdienen muss. Dass er sich dort allerdings schnell abhebt, sollte eine Grundvoraussetzung sein, zumal Kaygins Potential natürlich unumstritten ist.

Sehr direkter Offensivspieler

Wie es schon aufgrund der starken Torstatistiken zu erahnen ist, ist Dennis Kaygin eher ein Zielspieler, als ein Architekt. Mit seinen 186cm Körpergröße und einer athletischen Statur, ist er eher ein Spieler, der Bälle mit seinem Körper abdeckt und einen möglichst direkten Weg zum Tor sucht. Dadurch ist Kaygin ein Spieler, der in einer Partie nur wenige Ballaktionen hat und diese dann sehr zielgerichtet verarbeitet, anstatt den Fokus auf Kontrolle zu legen.

Drei markante Stärken

Es gibt drei Besonderheiten in Kaygins Spiel, die positiv herauszuheben sind. Zum einen ist er ein ausgezeichneter Freistoß- bzw. Standardschütze. Speziell seine direkten Freistöße sorgen immer wieder für Gefahr. Gleichzeitig ist er bei Freistoßflanken oder Eckbällen auch ein solider Abnehmer für Zuspiele seiner Mitspieler. Ob er auch diese indirekten Standards schießt, ist insgesamt eher Geschmackssache. Mit 186cm Körpergröße wäre er im Zentrum ebenso wichtig, wie als Schütze. Direkte Freistöße waren in Mainz aber eindeutig seine Domäne. Auch die Elfmeter in Mainz schoss der Rechtsfuß.

Eine zweite wichtige Stärke ist das Raumdenken des 19-Jährigen und damit verbundene lange Pässe bzw. Spielverlagerungen. Kaygin spielt nicht häufig lange Bälle, aber wenn er es tut, sind sie ausgesprochen präzise und stören die defensive Ordnung des Gegners massiv. Derartige Verlagerungsbälle kommen bei ihm durchschnittlich etwa ein bis zweimal pro Spiel vor, dann aber ausgesprochen präzise und mit klarem Plan. Im „Erwachsenenfußball“ wird dies allerdings noch auf die Probe gestellt werden, zumal der Gegnerdruck deutlich höher sein wird, als in der deutschen A-Junioren-Bundesliga.

Die im modernen Fußball womöglich wichtigste Stärke des Deutschen liegt im Gegenpressing. Speziell im letzten Drittel ist sein Kampf um Ballrückeroberungen sehr intensiv und findet zumeist zentral und damit in einer unmittelbar gefährlichen Zone statt. Dies passte perfekt in den Spielstil der Mainzer U19, die sich phasenweise ins Spiel „hineinpresste“. In tieferen Zonen verlagert sich Kaygin hingegen eher aufs Positionsspiel und macht Räume zu. Sein Verhalten in den seltenen, defensiven Zweikämpfen ist allerdings ebenfalls grundsolide.

Schnelle Suche nach dem Abschluss

Da Rapids Neuverpflichtung nur wenige Bälle in einem Spiel erhält, sind seine Ballaktionen zumeist durchaus spektakulär. Kaygin passt verhältnismäßig nur selten, sucht stattdessen den Abschluss oder kurze, intensive Läufe oder Dribblings. In der vergangenen Saison resultierten gleich sechs Dribblings Kaygins in einem Treffer, sieben weitere in erfolglosen Torschüssen. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Kaygins Dribbelquote von 4,34 pro Spiel eher durchschnittlich ist. Allerdings ist im Schnitt auch jedes zweite Dribbling des Mittelfeldspielers erfolgreich. Weiters gibt Kaygin im Schnitt pro 90 Minuten drei Schüsse ab, von denen mehr als die Hälfte aufs Tor gehen. Zum Vergleich: Guido Burgstaller gab in der abgelaufenen Saison 2,85 Schüsse pro Spiel ab, davon etwas weniger als die Hälfte aufs Tor. In der A-Junioren-Bundesliga gab es nur zwei Spiele, in denen Kaygin keine Tormöglichkeit vorfand.

Die Frage nach Geduld und dem richtigen Zeitpunkt

Mit der Verpflichtung von Dennis Kaygin kann Rapid grundsätzlich nicht viel falsch machen. Der Youngster hat hervorragende Anlagen und ist ein Spielertyp, wie Rapid ihn im eigenen Nachwuchs so nicht zur Verfügung hat. Ob das Projekt erfolgreich ist, wird aber vor allem davon abhängen, wie schnell sich Kaygin im Erwachsenenfußball etabliert und ob es aktuell der richtige Zeitpunkt ist, das zu tun.

In der jüngeren Vergangenheit startete Rapid ähnliche Versuche, etwa mit Jeremy Guillemenot oder Thierno Ballo – ihre Leistungsexplosion auf Profiebene kam aber jeweils erst nach ihrer Rapid-Zeit. Das könnte bei Kaygin natürlich ebenfalls der Fall sein – allerdings ist es angesichts seines technischen, aber auch körperlichen Rüstzeugs sehr wahrscheinlich, dass er eines Tages zu einem gestandenen Profikicker wird. Ob ihm dieser Schritt aber bei Rapid gelingt, bleibt abzuwarten und wird auch stark davon abhängen, wie viel Geduld man in Hütteldorf für den 19-Jährigen aufbringt. Ein Spieler, der eine sofortige Verstärkung für die Kampfmannschaft Rapids darstellt, ist er nämlich höchstwahrscheinlich nicht. Und die Verpflichtung macht vor allem dann keinen Sinn, wenn man sich bereits nach kürzester Zeit wieder von ihm trennen würde.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen