Auch der gestrige vierte EM-Tag hatte so seine Längen. Das einseitige erste Auftreten der Spanier, die erste Halbzeit der Gruppe-E-Underdogs oder Mitfavorit Belgien. Weiterhin... Der wechselhafte vierte EM-Tag: Italiens alternde Balance-Krieger besiegen „zache“ Belgier

Gianluigi Buffon_abseits.atAuch der gestrige vierte EM-Tag hatte so seine Längen. Das einseitige erste Auftreten der Spanier, die erste Halbzeit der Gruppe-E-Underdogs oder Mitfavorit Belgien. Weiterhin warten wir vergeblich auf echtes Spektakel, aber unsere Geduld wurde immerhin von den Italienern belohnt.

Spanien gegen Tschechien. Auf der einen Seite waren da also die Tschechen, die als Mannschaft gefestigter wirken, als Kroatien oder die Türkei, allerdings bis dato nicht in die Verlegenheit kamen, stürmen zu müssen. Auf der anderen Seite die Spanier, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und endlich wieder dynamischer spielen, andererseits aber auch nicht aus ihrer Haut herauskönnen und weiterhin nicht wirklich schnörkellos spielen.

Iniesta macht den Unterschied

Wäre da nicht der spielintelligenteste Mann auf dem Platz gewesen, hätte das für die Spanier übel enden können. Andrés Iniesta hatte 108 Ballkontakte, spielte 93 Pässe bei einer Genauigkeit von 91,4%. Im spanischen Mittelfeld suchte man den 32-Jährigen in dessen 110.Länderspiel konsequent, weil klar war, dass eine zündende Idee von ihm ausgehen würde. Mit Abstrichen gilt dies auch für David Silva, der jedoch bei weitem nicht so präsent war, wie der Barca-Star.

Pedros Einwechslung wichtig

Auch ein wenig für den Umschwung mitverantwortlich war Pedro Rodriguez, der Nolitos Schlafwagenfußball ablöste und die insgesamt zu schwache rechte Abwehrseite der Tschechen mit wenigen Bewegungen ins Wanken brachte. Dass ein Innenverteidiger das entscheidende Tor erzielte, war angesichts der Dramaturgie dieses Spiels nicht verwunderlich.

Tschechen sollten umstellen

Tschechien-Coach Pavel Vrba sollte indes über einen Tapetenwechsel für die offensiveren Positionen nachdenken. Natürlich war Theo Gebre Selassie als Rechtsaußen die Supersicherheitsvariante, allerdings gehört dort in den nächsten Spielen dringend der polyvalentere und offensiv stärkere Borek Dockal hin. Auch über Daniel Pudil oder den formstarken Milan Skoda darf man für die nächsten Partien lauter nachdenken. Tschechien ist nach der Auftaktniederlage erwartungsgemäß gefordert und wird so oder so ein wenig umstellen, die Kroaten und die Türken anders bespielen. Man darf sich nicht von der zähen Offensivleistung der Tschechen täuschen lassen, denn diese Mannschaft kann in Gruppe D immer noch Zweiter werden.

Zlatan einziger Typ in schwedischer Offensive

Die erste Halbzeit des Spiels zwischen Irland und Schweden war getrost zum Vergessen. Die Iren spielten bis ins letzte Drittel auf ihrem Limit und den Schweden fehlen schlichtweg die Krieger. Zlatan Ibrahimovic‘ zurückhaltende Körpersprache im Vergleich zum Verein spricht Bände, denn die braven Jungs hinter ihm sind ihm keine Konkurrenz für die Merchandising-Statistiken.

The Old Hoolahan

Eigentlich hätten die Iren das Spiel nach einer Stunde entscheiden können. Getragen vom bereits 34-jährigen, quirligen Wes Hoolahan zeigten die eigentlich als überaltert eingeschätzten Boys In Green eine gute, beherzte Leistung, hörten allerdings mit dem Führungstreffer auf, Fußball zu spielen. Schweden kam endlich auf und wurde dabei von einem der besseren Mannschaftsteile getragen: Der Viererabwehrkette.

Coole schwedische Viererkette

Dort spielen nämlich durchaus Kandidaten für den Status des Publikumslieblings. Der beste Schwede, Linksverteidiger Martin Olsson spielte eine hochintensive zweite Halbzeit, Krasnodar-Legionär Andreas Granqvist fand nach und nach in die Partie und der Benfica-Youngster Victor Lindelöf wird im weiteren Turnierverlauf noch wichtig für die Schweden werden. Die Schweden schafften es schließlich ein Eigentor und damit das im Endeffekt verdiente 1:1 zu erzwingen, dürfen aber eine Halbzeit wie die erste gegen Belgien und Italien keinesfalls wiederholen.

Conte hängt Wilmots‘ Horizont aus

Und dann kam’s zum großen Showdown des Tages. Italien schickte wider den Erwartungen keine 3-6-1-, sondern eine 3-5-2-Variante mit Pellé und Éder als Doppelspitze aufs Feld – und dieser Schachzug hing Marc Wilmots‘ taktischen Horizont aus. Mit dem bereits vor dem Turnier analysierten 80er-Jahre-Aufbaukick schlenderte eine ideenlose belgische Truppe in eine völlig verdiente Auftaktniederlage. Die Roten Teufel ließen nicht nur taktische Raffinesse vermissen, sondern wirkten auch noch verkrampft und von der großen Balance der Italiener überfordert.

Belgien: Vercoacht oder doch einfach nur schlecht?

De Bruyne war als Rechtsaußen komplett abgemeldet und konnte nie schalten und walten, während Fellaini auf der Zehn im Grunde einen Platz wegnahm. Zudem blieben die belgischen Außenverteidiger, über die viel zu viel aufgebaut wurde blass und Romelu Lukaku wurde einfach von der routinierten italienischen Innenverteidigung abmontiert. Vertikalität war im Spiel der Belgier einfach nicht gegeben. Daran änderte auch die Umstellung auf ein 4-1-4-1 nichts.

Azzurri im Schnitt 31 Jahre alt

Italien war hingegen der erwartete harte Gegner und vor allem eine intakte, fokussierte Mannschaft. Darüber hinaus ist die Truppe von Antonio Conte nichts für Italophobe. Durch die Bank hart arbeitende, clever agierende und auch spielerisch gute Kicker, keine Dauerreklamierer oder Bodentester. Die Tatsache, dass die Squadra, die gestern zu Beginn des Spiels auf dem Platz stand, ein Durchschnittsalter von 31 hatte, Matteo Darmian mit 26 der Jüngste war, macht schon einiges aus.

Siegertypen in blau

Italien ist also eine höchst routinierte, konsequent fehlerminimierende Mannschaft, der im Laufe des Turniers alles zuzutrauen ist. Besonders erfrischend war aber auch, wie die alten Haudegen in blau dieses Spiel lebten. Vor allem die Juventus-Connection, bestehend aus der Dreierabwehrkette und Torhüter Gianluigi Buffon tat sich dabei besonders hervor. Das sind echte Siegertypen, die es bei einem solchen Turnier braucht und die vielen anderen Mitfavoriten – so zum Beispiel den gestern völlig zu Recht besiegten Belgiern – fehlen.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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