Deutschland geht als Titelverteidiger ins WM-Turnier und wie immer auch als Mitfavorit. Beeindruckend ist die Turnier-Bilanz von Bundestrainer Jogi Löw. Seit er nach der... WM-Analyse Deutschland: Geniale Mittelfeldzentrale als größter Trumpf

Deutschland geht als Titelverteidiger ins WM-Turnier und wie immer auch als Mitfavorit. Beeindruckend ist die Turnier-Bilanz von Bundestrainer Jogi Löw. Seit er nach der Heim-WM 2006 die Cheftrainer-Position von Jürgen Klinsmann übernommen hat, erreichte er mit seinen Mannschaften bei fünf Großveranstaltungen immer mindestens das Halbfinale.

Löw brachte viele neue und erfrischende Facetten in den deutschen Fußball, die alte Tugend als Turniermannschaft hat er aber beibehalten und sogar noch verstärkt. Bestärkt durch den Confed-Cup Sieg im vergangenen Sommer vollzog Löw seit der letzten WM vor vier Jahren einen notwendigen größeren Umbruch, sowohl am Spielersektor als auch in der mannschaftstaktischen- und strategischen Ausrichtung. Er kann dank der herausragenden Nachwuchsarbeit aus einem großen Spielerpool fischen, was ihm gleichzeitig eine erhöhte taktische Flexibilität und Anpassungsfähigkeit ermöglicht.

Die Testspiele im Jahr 2018 verliefen allesamt durchwachsen –  also so, wie Testspiele in der Ära Löw eigentlich immer verlaufen. Im ersten Spiel des WM-Jahres erreichte die Mannschaft in einem hochklassigen Spiel ein 1:1-Unentschieden gegen in Sachen Positionsspiel und Raumbesetzung hochklassig spielende Spanier. Es folgte ein 0:1 gegen Brasilien und die aus prestigeträchtigen Gründen schmerzhafte 1:2-Niederlage gegen Österreich. Im letzten Test vor dem Ernstfall fuhr die DFB-Elf einen 2:1-Sieg gegen Saudi Arabien ein, wobei sich natürlich alle einen höheren Sieg und eine kreativere Vorstellung gewünscht hätten.

Löw setzte dabei vor allem auf eine 4-2-3-1 Grundordnung, welche abhängig von der eigenen personellen Positionsbesetzung und jener des Gegners jeweils anders interpretiert und angepasst wurde. Die häufig überbewertete Systemfrage wird sich Löw aber noch offen lassen, die Entwicklung im eigenen Kader (Physis, Form etc.) abwarten und dementsprechend berücksichtigen. Auch vor vier Jahren hat der Bundestrainer gezeigt, dass er nicht stur auf eine Ordnung setzt und auch während des Turnierverlaufs bereit ist, die eigene Grundordnung zu wechseln (damals von einem 4-3-3 zu einem 4-2-3-1, Lahm kehrte gleichzeitig auf die Außenverteidigerposition zurück). Auch Varianten mit einer Dreier- bzw. Fünferkette sind absolut denkbar.

Neuer lautet die Antwort auf die Frage der Nation

Es war das vorherrschende Thema während der gesamten Vorbereitung in Südtirol: Wird Manuel Neuer rechtzeitig fit und kehrt er nach einer Saison ohne Spielpraxis bei der WM ins deutsche Tor zurück oder wird er durch den eingespielten und konstant gut agierenden Barcelona-Torhüter Marc Andre Ter Stegen ersetzt? Löw löste diese Diskussion relativ unaufgeregt und erklärte Manuel Neuer zu seiner Nummer eins, vorausgesetzt er erreicht bis zum Turnierstart die nötige Fitness. Die beiden Testspiele gegen Österreich und Saudi Arabien lassen darauf schließen, dass er die angesprochene Physis erreichen wird und die fehlende Spielpraxis mit seinem Erfahrungsschatz und den vielfältigen Aufgaben und Konstellationen im Training ausgleichen kann. Denn es ist unbestritten, dass Neuer absolute Weltklasse ausstrahlt und der notwendige sichere Rückhalt für das DFB-Team ist. Nicht nur wegen seiner fußballerischen und tormanntechnischen Klasse, sondern gerade auch wegen seiner Ausstrahlung und Präsenz auf dem grünen Rasen. Schließlich war es auch Neuer, der bei der letzten Weltmeisterschaft (vor allem im Achtelfinale gegen Algerien) der ganzen Welt die moderne Interpretation des Torhüterspiels demonstrierte.

Robustheit und Spielstärke in der Innenverteidigung

Die bevorzugte Kombination in der Innenverteidigung wird vermutlich aus den beiden Bayern-Stars Mats Hummels und Jerome Boateng bestehen. Ähnlich wie Neuer blieb auch Boateng von Verletzungen nicht verschont und war deshalb ebenfalls mit weniger Spielpraxis in die WM-Vorbereitung gestartet als normal. Unabhängig davon sind beide Spieler aber athletisch herausragend und agieren im Spielaufbau sehr druckvoll und variantenreich. Sowohl Hummels als auch Boateng spielen Pässe mit einem hohen Packing-Faktor (Anzahl der überspielten gegnerischen Spieler) und können dadurch immer wieder das gegnerische Pressing aushebeln und destabilisierend. Bedingt durch diese aktive und risikoreiche Spielweise sind beide nicht vor (leichtsinnigen) Fehlern geweiht, was manche Fans und Experten kritisch betrachten. Würde man von beiden eine einfache Plus-Minus-Liste führen, wären beide vermutlich aber im ziemlich hohen Plus-Bereich. Als Backup sind Süle und Rüdiger vorgesehen. Beide können nicht nur die Positionen in der Innenverteidigung besetzen, sondern auch übergangslos in einer Dreierkette spielen.

Interessante Spielercharaktere auf den Außenverteidigerpositionen

Rein von den Namen her könnte man auf den Außenverteidigerpositionen eventuell einen Leistungsabfall oder gar Schwachstellen orten. Derweil sind Hector und Kimmich aber extrem interessante Perspektivspieler mit einer bereits sehr hohen Entscheidungsqualität. Jonas Hector zum Beispiel, der trotz des Abstieges mit Köln seinen Vertrag dort verlängerte, wurde in der Jugend auf der Zehner-Position eingesetzt, dann auf die Sechs zurückgesetzt und in der Bundesliga schließlich zum spielstarken und defensiv-taktisch sauberen Außenverteidiger umfunktioniert. Kimmich und Hector dürften bei Löw gesetzt sein, beide können auch als Wing-Backs in einer Fünferkette spielen, was ihren Wert für die Mannschaft natürlich noch einmal wesentlich erhöht. Einzig die Form der beiden im Vorfeld des Turniers bereitet ein wenig Kopfzerbrechen.

Pressingresistenz im Zentrum soweit das Auge reicht

Die DFB-Auswahl im zentralen Mittelfeld ist schlichtweg Weltklasse. Alle Spieler sind mit einer sehr guten Passqualität, Vororientierung, Übersicht und der richtigen Entscheidungsfindung in unübersichtlichen Situationen ausgestattet. Gerade im Zentrum, wo von allen Seiten Druck auf den ballführenden Spieler ausgeübt werden kann, eine entscheidende Qualität. Toni Kroos, einer der ball- und passsichersten Spieler im Weltfußball, wird gesetzt sein. Agiert Löw mit einer Doppelsechs, bleibt die zweite Sechserposition vakant. Dabei wird die Wahl wohl auf Khedira oder Gündogan fallen, immer abhängig auch vom Gegner und vom eigenen Matchplan. Dazu hat der Trainerstab mit Sebastian Rudy einen verlässlichen und oft unterschätzten Backup in der Hinterhand. Rudy bewegt sich im Sechserraum sehr vorausschauend und agiert dabei nicht zu weiträumig, was sich positiv auf die Stabilität der eigenen Mannschaft auswirkt. Eine Linie höher wird Mesut Özil die Zehner-Position ausfüllen. Die Qualitäten des Nadelspielers sind bekannt: gute Bewegungen und Positionierungen im Zwischenlinienraum, hohes Timing bei Schnittstellenpässen hinter die letzte gegnerische Abwehrlinie und guter Standardschütze. Varianten (personell wie taktisch) hat Löw auch hier genug. Er könnte Reus oder Müller in die Mitte ziehen, genauso gut könnte Bayern-Neuzugang Leon Goretzka derartige Aufgaben lösen.

Wie gut muss das deutsche Flügelspiel sein?

Das haben sich viele nach der Nichtnominierung von City-Legionär Leroy Sane gefragt. Tatsächlich überrascht die Abwesenheit des Supertalents. Oberflächlich betrachtet bringt Sane nämlich Qualitäten mit, die dem DFB-Konstrukt gut zu Gesicht stehen würden. Damit sind vor allem sein Tempo und seine Dribblingsstärke gemeint. Vor allem in Umschaltsituationen wären diese Qualitäten gefragt gewesen. Nachdem Sane zu Hause bleiben muss, werden wohl im Turnierverlauf Draxler, Reus, Müller oder mitunter auch Brandt die Flügelpositionen besetzen. Das Duo des entscheidenden WM-Treffers vor vier Jahren, Andre Schürrle und Mario Götze, hatte dagegen nach durchwachsenen Leistungen in den letzten zwei, drei Jahren keine Chance, in den DFB-Kader zu kommen.

Was ist aus dem deutschen Sturmspiel geworden?

Wie in der Einleitung bereits erwähnt, brach Jogi Löw im Laufe seiner Amtszeit nach und nach mit etlichen deutschen Tugenden. Dazu gehört auch die zentrale Sturmposition. Deutschland war in der Vergangenheit immer für seine robusten und torgefährlichen Mittelstürmer bekannt. Die Teilnahme des Mittelstürmers am Ballbesitz- oder Kombinationsspiel wurde dabei fast belächelt und als Verschwendung betrachtet. Plötzlich stellte Löw in einigen Spielen gar keinen klassischen Mittelstürmer mehr auf und schickte dafür einen zusätzlichen Mittelfeldspieler auf den Rasen, um noch dominanter und variabler auftreten zu können. Schließlich haben es der FC Barcelona und die spanische Nationalmannschaft eindrucksvoll vorgezeigt. In der Zwischenzeit hat sich Löw auf eine Mischform geeinigt, mit Timo Werner hat er dazu auch den passenden Spielertypen. Werner hat dank seiner Schnelligkeit einen großen Zug zum Tor und kann dadurch immer wieder die Räume hinter der gegnerischen Abwehr aggressiv attackieren. Dazu verhält er sich auch im Spiel gegen den Ball dank der RB-Schule individualtaktisch auf einem guten Niveau. Mit Mario Gomez scheint im Kader dann aber doch noch ein „klassischer“ Mittelstürmer auf.

Der beste „Turniertrainer“ der Welt

Jogi Löw zu beschreiben oder zu charakterisieren ist mittlerweile fast schon überflüssig. Jeder weiß, wie der Bundestrainer tickt und welcher Fußball ihm vorschwebt. Die in der Einleitung erwähnte Turnier-Bilanz spricht ebenfalls Bände. Löw ist Ästhet und Pragmatiker zugleich. Er verfolgt seine übergeordneten Spielprinzipien konsequent, wählt aber für die Erreichung dieser Prinzipien immer wieder neue taktische Wege und Herangehensweisen. Er will ansehnlichen und mitreißenden Fußball spielen lassen, weiß gleichzeitig aber ganz genau, dass Fußball im Endeffekt kalter Ergebnissport ist. Vermutlich macht in gerade das so erfolgreich und sympathisch.

Die abseits.at Einschätzung

Mit Deutschland ist immer zu rechnen. Auch wenn die Leistungen in den Testspielen nicht berauschend waren, können sich unsere Nachbarn zum Turnierstart hin noch einmal extrem steigern und ihre Qualitäten während des Turnierverlaufes noch weiter entfalten. Mit einem derartigem Kader und einem solch erfahrenden Coach an der Seitenlinie ist zumindest ein Halbfinal-Einzug immer realistisch.

Sebastian Ungerank