England schießt im zweiten Gruppenspiel Außenseiter Panama mit 6:1 vom Platz und trotzdem weiß man nach den ersten beiden Partien mit englischer Beteiligung bei... WM-Analyse: Englands Kantersieg gegen Panama

England schießt im zweiten Gruppenspiel Außenseiter Panama mit 6:1 vom Platz und trotzdem weiß man nach den ersten beiden Partien mit englischer Beteiligung bei dieser WM nicht so ganz genau, was man von dieser Mannschaft erwarten kann. Hatten sie gegen Tunesien in der ersten Halbzeit noch mit einer schwachen Chancenverwertung zu kämpfen, zeigten sich die Mannen von Gareth Southgate gegen Panama äußerst effizient und verhinderten mit vier (!) Toren nach Standardsituationen ein erneuten Geduldsspiel.
Wir zeigen neben der (geplanten) Herangehensweise von Panama auch die Verbesserungen im englischen Spiel auf und wagen zum Abschluss noch einen kurzen Ausblick auf das Spiel gegen Belgien. Nach diesem Spiel wird man definitiv besser wissen, wie das englische Team einzuschätzen ist.

Grundordnungen und Personal

Trainer Gareth Southgate änderte an seiner gewohnten 3-5-2 / 5-3-2 Grundformation natürlich nichts. Auch auf dem personellen Sektor gab es im Vergleich zum ersten Spiel gegen Tunesien nur eine Veränderung. Dele Alli laboriert an einer Hüftverletzung und wurde durch Ruben Loftus-Cheek auf der halbrechten Achterposition ersetzt. Ansonsten kam der eingespielte Stamm zum Zug, mit Maguire, Stones und Walker auf den drei zentralen Verteidigungspositionen vor Torhüter Pickford. Young und Trippier besetzten die Flügelverteidigerpositionen. Henderson gab wie gewohnt den zentralen Anker im defensiven Mittelfeld, vor ihm zog neben Loftus-Cheek der agile Lingard seine Kreise. Die vorderste Sturmlinie besetzten wie schon gegen Tunesien Harry Kane und Raheem Sterling.

Panama-Coach Hernan Dario Gomez schickte wie erwartet seine Mannschaft in einer destruktiv angelegten 4-1-4-1 Grundformation auf den Rasen. Dabei schickte er auch personell die exakt gleichen elf Spieler ins Rennen wie schon in der Auftaktbegegnung gegen Belgien. Die routinierte Achse aus Innenverteidiger Torres (32 Jahre), Sechser Gomez (34 Jahre) und Mittelstürmer Perez (37 Jahre) sollte also auch gegen England für die notwendige Stabilität sorgen.

Iran, Tunesien, Panama – gleiche Ansätze, unterschiedliche Ergebnisse

Oft werden solch große Turniere wie eine Weltmeisterschaft „missbraucht“, um Trends oder neu taktische Ideen festzustellen. Mittlerweile hat sich dies aus mehreren Gründen fast vollständig auf den Klubfußball übertragen, trotzdem sind die strategischen Herangehensweisen oder spezifischen Matchpläne bei derartigen Turnieren durch die Bank interessant und bei vielen Teams häufig verblüffend ähnlich. So zum Beispiel die Matchpläne von Iran, Tunesien und jetzt eben Panama. Alle drei Nationen waren die klaren Außenseiter und sahen sich einem spielstarken, individuell hochklassig besetzten Gegner gegenüber. Alle drei Trainer wählten den gleichen strategischen Zugang, dazu taktisch oft ähnlich umgesetzt. Soll heißen: defensive Stabilität, tief stehen, Strafraumverteidigung, gerne auch mit einer aufgefüllten Fünfer- oder Sechserkette und drei Spielern davor im Zentrum und in den beiden Halbräumen. Auf der anderen Seite heißt das aber auch, dass bei allen drei Mannschaften die gruppentaktische Abstimmung und Absicherung oft ausbaufähig bzw. gar nicht vorhanden war und dass potentiell gute Umschaltmomente aufgrund der tiefen Grundpositionierung selten bis gar nie gefährlich durchgespielt werden konnten (gut, der Iran hätte gegen Spanien auch so den Ausgleich erzielen können). Interessanter Nebenfact dabei ist, dass alle drei Teams nominell mit einer 4-1-4-1 Grundordnung in ihre Begegnungen gingen, dadurch waren auch die produzierten Staffelungen im Spiel gegen den Ball so ähnlich.

So positionierte sich Panama auch gegen England im tiefen Abwehrpressing in einer 6-3-1 Grundstruktur, die beiden Flügelspieler Rodriguez und Barcenas füllten durch ihre tiefen Positionen (vor allem deshalb, weil sie mannorientiert gegen die englischen Flügelverteidiger verteidigten) die Viererkette im Regelfall zu einer Sechserkette auf. Eine Linie höher bildeten der Sechser zusammen mit den beiden Achtern ein pendelndes Dreier-Mittelfeldband mit herausrückenden Bewegungen der Achter auf die aufrückenden englischen Halbverteidiger oder zurückfallenden Achtern (vor allem Lingard). Mittelstürmer Perez hielt ebenfalls Kontakt zu seinen tief positionierten Mitspielern und orientierte sich dafür lose am englischen Sechser Henderson. Dadurch waren zehn bis elf Spieler permanent hinter dem Ball und mit der aufgefüllten Abwehrkette sollten die englischen Angriffe regelmäßig im Sand verlaufen. England fand aber Lösungen und durchkreuzten so frühzeitig den Plan von Panama, weshalb ein solch klares Ergebnis zustande kommen konnte.

Der Abwehrblock von Panama mit seinen losen Mannorientierungen sowie die englische Struktur bei eigenem Ballbesitz.

Standardsituationen als Dosenöffner

Man muss wahrlich kein großer Kenner der Szene sein um behaupten zu können, dass die frühen Tore die Engländer erlöst hat und der Matchplan von Panama ad absurdum geführt wurde. Es wäre für den neutralen Beobachter aber wirklich interessant gewesen, welche Lösungsansätze die Briten im eigenen Angriffsspiel entwickelt hätten, wäre die Partie länger 0:0 gestanden. Gefühlt (was aber eh fast immer täuscht) könnte man bei den Engländern den Eindruck haben, dass sie ihre eigenen Angriffsbemühungen regelmäßig gegen die gegnerische Defensivwand fahren könnten. In diese Richtung ist auch die zweite Hälfte gegen Tunesien (nachdem die auf ein besser abgesichertes 5-3-2 umgestellt haben) gegangen. Zum Glück aus englischer Sicht gibt es aber Standardsituationen und Southgate und sein Team wissen sich diese zunutze zu machen. Den beiden Kopfballtreffern von Stones gingen perfekt eingespielte Bewegungsabläufe voraus, mithilfe derer der Gegner geblockt und Räume freigezogen werden konnten. So umgesetzt sind ruhende Bälle natürlich eine absolute Waffe und können der Dosenöffner für solche Spiele wie gegen Panama sein.

Der zweite Punkt neben den perfekten Standardsituationen war die hohe britische Effizienz vor dem Tor. Gegen Tunesien vergaben Kane und Co. noch zahlreiche Topmöglichkeiten auf den zweiten Treffer und eine etwaige Vorentscheidung, gegen Panama präsentierten sie sich vor dem Tor eiskalt und nutzten de facto jede Chance. Die Entwicklung der Expected Goals während der 90 Minuten verdeutlicht dies recht gut.

Kleines Detail am Rande: Wie die Expected Goals Kurve schön verdeutlicht, war dem Tor von Lingard eigentlich gar keine echte Torchance vorausgegangen (große Distanz, viele Gegenspieler zwischen Ball und Tor etc.).

Standardsituationen gepaart mit hoher Effizienz waren mit Sicherheit die tragenden Säulen für diesen klaren englischen Erfolg, aber auch die Strukturen und Bewegungen bei eigenem Aufbau haben sich etwas gebessert und wirkten in einigen Situationen wesentlich dynamischer als noch gegen Tunesien. Ein Hauptproblem im ersten Spiel war, dass die beiden Achter sehr hoch positioniert waren und dadurch die Räume in den Übergangszonen neben Henderson selten besetzt waren. Dazu kam, dass das Spiel in den Rücken der Abwehr nicht mehr wirklich forciert wurde, wodurch das gesamte Ballbesitzspiel statisch und ideenlos wirkte. Diese zwei Teilaspekte (hohe Achter-Positionen, fehlende Sprints in die Tiefe) konnten die Engländer schon wesentlich verbessern, wobei Tempo und Automatismen durch gruppentaktische Aktionen doch noch äußerst ausbaufähig sind.

Jesse Lingard trug einen großen Teil dazu bei. Er ließ sich immer wieder in die Halbräume knapp vor dem gegnerischen Mittelfeld fallen und ließ sich dort von Halbverteidiger Maguire bzw. Henderson oder Young den Ball kurz zuspielen, um dann mit seiner Dynamik und Schnelligkeit für Bewegung und Lücken im gegnerischen Defensivblock zu sorgen. So entstand auch sein Treffer zum zwischenzeitlichen 3:0. 1 gegen 1 Duelle und deren Kettenreaktionen sind der Schlüssel, um Instabilitäten und Balanceprobleme in derart kompakte Abwehrreihen zu bringen. Das haben viele Favoriten in den bisherigen Spielen zu wenig forciert. Auch Raheem Sterling bewegte sich sehr variabel und sorgte für Dreiecksbildungen und Kombinationsmöglichkeiten, gleichzeitig vernachlässigte er aber nicht die angesprochenen Sprints in die Tiefe in den Rücken der Abwehr (z.B. vor dem 2:0).

Verbessert waren auch Timing und Pässe in den Rücken der gegnerischen Abwehr. Das Verhältnis bzw. die Kombination zwischen entgegenkommenden Bewegungen und Läufen in die Tiefe waren wieder wesentlich balancierter und griffiger und deshalb auch ein Stück weit unausrechenbarer. Vor allem Chip-Bälle vom Flügel oder aus den Halbräumen auf die einlaufenden und kreuzenden Stürmer waren gut getimt und sehr erfolgsstabil. Auch einige flache, raumgreifende Pässe von den Halbverteidigern waren dabei, was man im ersten Spiel noch gar nicht gesehen hat. Allerdings muss man dies alles ins Verhältnis zur Stärke des Gegners stellen, und die ist natürlich in allen Belangen nicht mit Teams wie Belgien zu vergleichen.

Fazit und Ausblick

Dass der Sieg in Ordnung geht ist jedem klar, auch wenn er vielleicht etwas zu hoch ausgefallen ist. Die Briten profitierten in erster Linie von ihren perfekten Standardsituationen und einer guten Chancenauswertung, wodurch die Partie nach einer guten halben Stunde erledigt war. Auch wenn strukturelle Verbesserungen bei eigenem Ballbesitz erkennbar waren, bleibt diese Spielphase das große Fragezeichnen beim Team von Gareth Southgate. Gegen Belgien wird auch das Spiel gegen den Ball wesentlich stärker in den Fokus rücken als in den bisherigen Begegnungen gegen Tunesien und Panama. Damit einhergehend stellt sich auch die Frage, ob eine solch passive und simple 5-3-2 Struktur ausreicht, um die belgische Offensivpower im Zaum halten zu können. Bereits Tunesien und in Ansätzen auch Panama haben aufgezeigt, dass Räume vorhanden und auch bespielbar sind. Hazard, de Bruyne und Co. haben auf alle Fälle die Qualität, einen solch passiven Defensivblock auseinanderzunehmen. Das abschließende Gruppenspiel wird uns hoffentlich einige offene Fragen beantworten können.

Sebastian Ungerank, abseits.at

Sebastian Ungerank