Jahrelang wurde Italien nicht besucht, doch im Jänner 2018 folgte nur drei Wochen nach meinem ersten Besuch bei unseren südlichen Nachbarn noch ein weiterer.... Groundhopper´s Diary: Italien 2018 – Das „da Capo“ im Jänner (1)

Jahrelang wurde Italien nicht besucht, doch im Jänner 2018 folgte nur drei Wochen nach meinem ersten Besuch bei unseren südlichen Nachbarn noch ein weiterer. Der Grund für dieses „da Capo“ waren die guten Ansetzungen im Nordwesten des Landes, die es uns ermöglichten innerhalb von zwei Tagen vier Spiele zu sehen, wobei die Spielstätten der Spiele sowohl am Samstag als auch am Sonntag nur wenige Kilometer voneinander entfernt lagen. So sollte es am Samstag zeitig in der Früh Richtung Süden gehen, wobei – nach einer Kaffeepause bei Venedig – um die Mittagszeit die sich in der Emilia Romagna befindliche Stadt Carpi erreicht wurde.

Carpi FC – AC Spezia 2:1 (0:0)

Carpi ist eine Kleinstadt mit rund 71.000 Einwohnern und gehört zur Provinz Modena. Verkehrstechnisch liegt sie an der Transitroute Brenner – Verona – Modena und ist daher bestens ans Autobahnnetz angeschlossen. Das sportliche Aushängeschild dieser Stadt ist der FC Carpi 1909. Er ist die Neugründung des AC Carpi, der bis ins Jahr 2000 existierte und nie höher als drittklassig spielte. Nach dem Bankrott des alten Vereins stieg der FC Carpi 1909 in der damals sechstklassigen Eccellenza ein. Nach dem ersten Aufstieg im Jahr 2002 startete Carpi ab dem Jahr 2010 richtig durch und man schaffte es in wenigen Saisonen in die Serie B. Im Jahr 2013 gelang der erstmalige Aufstieg in die zweithöchste Spielklasse Italiens und 2015 ging der Höhenflug der Norditaliener mit dem Aufstieg in die Serie A weiter. Dort schlug man sich sehr tapfer und verließ in der Schlussphase der Meisterschaft sogar die Abstiegsränge. Doch nach 38 Runden hatten die Ligaurgesteine Sampdoria, Palermo und Udinese zwei Punkte bzw. einen Punkt mehr als der Aufsteiger, der in dieser Saison seine Heimspiele im Stadio Alberto Braglia in Modena austrug.

So ging es nicht nur wieder in die Serie B zurück, sondern auch in das heimische Stadio Sandro Cabassi. Das kleine Stadion fasst nur 4.164 Personen, hat aber mit einer Radrennbahn eine Besonderheit aufzubieten. Der Namensgeber des Stadions ist übrigens in Carpi geboren und war Mitglied der Fronte della gioventù per l’indipendenza nazionale e per la libertà, die gegen Mussolinis Italofaschismus kämpfte und an der Absetzung des Diktators beteiligt war. Daher ist auch wenig verwunderlich, dass das Stadion in Via Carlo Marx befindet und die Fans des Vereins dem politisch linken Spektrum zuzuordnen sind.

An diesem Nachmittag war der AC Spezia aus Ligurien zu Gast. Da man nur rund zwei Stunden nach Carpi benötigt, wurde der Verein von rund 350 Tifosi begleitet, die im Auswärtssektor über der Kurve der Radrennbahn ordentlich Stimmung machten. Ansonsten war die Kulisse im Stadion eher schütter, denn es kamen insgesamt nur 1.900 Besucher zu dieser Begegnung, wobei der Sektor der Heimfans ebenfalls nur spärlich besetzt war.

In den ersten 45 Minuten passte sich das Spiel der eher tristen Anzahl an Zuschauern im Stadion an. Es gab kaum gefährliche Aktionen, abgesehen von einem tollen Fallrückzieher von Carpis Mbakogu, der sein Ziel nur knapp verfehlte. Man könnte es aber auch so sehen, dass sich die Mittelständler der Liga einfach neutralisierten. So ging es mit wenig Hoffnung auf Besserung des Spiels in die zweiten 45 Minuten, denn das klassisch-italienische Defensivspiel beider Teams ließ eher auf ein torloses Unentschieden nach 90 Minuten hindeuten. Bis zur 69.Minute waren es auch nicht die Akteure auf dem Rasen, die für Unterhaltung sorgten, sondern lediglich die gut aufgelegte Kurve der Gäste.

Doch eben in dieser Minute sollte ein Freistoß für Carpi von links direkt auf das Tor gehen, wobei die Verteidigung der Gäste nicht klären und Mbakogu den Ball im Gestocher zum 1:0 über die Linie bringen kann. Der durch eine Verletzung bereits mit einem Turban spielende Innenverteidiger Spezias Terzi protestierte lautstark aber vergebens beim Schiedsrichter, zumal er ein Stürmerfoul gesehen haben will.

Aber drei Minuten später kommt es wieder zu einer der Geschichten, die nur der Fußball schreibt. Eckball für Spezia, der von Mora per Kopf in den Fünfmeterraum weitergeleitet wird, wo sich der aufgerückte Terzi befindet, der den Ball per Kopf zum 1:1-Ausgleich in die Maschen verlängert. Die Stimmung bei Mannschaft und Fans von Spezia ist auf dem Siedepunkt und plötzlich ist sogar wieder ein Auswärtssieg in Bereich des Möglichen.

Doch nur sechs Minuten später schickt Mbakogu seinen Sturmpartner Melchiorri in einem Konter steil. Er läuft nicht nur der gesamten Abwehr Spezias davon, sondern ist auch noch einen Augenblick vor dem herlaufenden Tormann Di Gennaro am Ball, der von ihm überlupft wird. So kullert der Ball zum 2:1 für Carpi ins Tor und da in der weiteren Schlussphase kein weiterer Treffer mehr fällt, bleibe die drei Punkte an diesem Nachmittag in Carpi.

Für uns ging es gleich 25 Kilometer weiter nach Südwesten, wo sich in Reggio nell`Emilia das MAPEI-Stadion befindet, in dem unter anderem der US Sassuolo seine Spiele in der Serie A austrägt.

 

US Sassuolo – Atalanta BC 0:3 (0:1)

Das Stadio Giglio, das eigentlich das Heimstadion des AC Reggiana ist, erhielt im Jahr 2012 den neuen Namen Stadio di Reggio Emilia Città del Tricolore. Nur etwa ein Jahr später erwarb das Unternehmen MAPEI die Sportstätte samt Namensrechten. Das Stadion trägt seitdem den Namen MAPEI Stadium – Città del Tricolore und wurde so renoviert, dass es Michael Hatz, der Ende der 1990er Jahre in Italiens Serie A für den AC Reggiana verteidigte, das Stadion nicht mehr wieder erkennen würde.

Während der AC Reggiana mittlerweile in der drittklassigen Serie C kickt, ist der Nachbarverein US Sassuolo im Jahr 2013 erstmals in die Serie A aufgestiegen. Da das eigene Heimstadion nicht den Anforderungen der Serie A entspricht, musste man nach Reggio nell`Emilia umziehen. Sassuolo befindet sich mittlerweile das fünfte Jahr in der Serie A, wobei man sogar schon international spielte und in der Europa League Gruppenphase im Herbst 2016 unter anderem auf den SK Rapid Wien traf. Daher ist das MAPEI Stadium quasi zur zweiten Heimat der Grün-Schwarzen geworden.

8.852 Zuschauer kommen an diesem Abend ins MAPEI-Stadion, das damit gerade einmal zu einem Drittel gefüllt ist. Sassuolo ist an sich kein Zuschauermagnet und in der diesjährigen Saison auch sportlich nicht berauschend. Der Abstand zu den Abstiegsplätzen ist nicht groß, aber solange Benevento, Hellas Verona und SPAL Ferrara auch nur selten punkten, ist die Gefahr aus der Liga zu fallen noch nicht immanent.

Auch an diesem Abend ist Sassuolo wieder unter Druck und Atalanta Bergamo dominiert das Spiel. Auf den Rängen ist das Kräfteverhältnis ähnlich. Der Atalanta-Block ist den Heimfans zahlenmäßig überlegen und auch stimmungstechnisch eindeutig besser.

In der 30.Minute wird ein Freistoß von der linken Seite von Masiello lehrbuchmäßig per Kopf zur verdienten Führung verwertet. Sassuolo kann sich glücklich schätzen, dass man zur Pause nur 0:1 zurück ist.

Nach dem Seitenwechsel haben die Gastgeber aber ihre beste Phase, doch aus einem Konter wäre fast der zweite Treffer der Bergamaschi gefallen. Der Slowene Iličić wird allerdings im letzten Moment durch ein sauberes Tackling gestoppt. In der 65.Minute jubeln die Fans der Gäste ein weiteres Mal. Nach einer zu kurzen Abwehr der Verteidigung Sassuolos, fällt im Gestocher der vermeintlich zweite Treffer. Die Akteure stehen schon beim Anstoß, als der Schiedsrichter nach kurzem Videostudium entscheidet, das Tor aufgrund einer vorangegangen Abseitsstellung nicht zu geben.

Doch nachdem Atalanta in der 83. Minute durch Cristante mit einem Flachschuss ins linke Eck erneut trifft, gibt es keine Zweifel an der Gültigkeit dieses Treffers, sodass die Zuschauer reihenweise das Stadion verlassen. Sie hätten noch nicht gehen sollen, denn es sollte drei Minuten später noch eine interessante Szene geben.

Ein Sassuolo-Verteidiger köpfelt den Ball zum Tormann zurück, der aber völlig überrascht ist und vor dem herannahenden Stürmer nur kurz mit der Faust klärt. Der Ball fällt Freuler vor die Füße, der den Ball ins leere Tor rollt. Zur Überraschung aller entscheidet der Schiedsrichter auf abseits, was zu Protesten seitens Atalantas führt. Es folgen fünf Minuten Videostudium, ehe auch Schiedsrichter Valeri von der Regelkonformität des Treffers überzeugt ist. Die Atalanta-Fans begleiten die Entscheidung mit einem langgezogenen „Oooooh“, wie sonst nur bei einem Eckball oder der „La Ola“-Welle.

In der langen Nachspielzeit geht die Gelb-Rote Karte gegen Sassuolos Goldaniga unter. Die Begegnung endet zwar gemäß der Papierform, doch man verlässt das Stadion mit der Erkenntnis, dass in der Serie A der Videobeweis gut eingesetzt wird und die ersten Entscheidungen des Schiedsrichtergespannes, durch das jeweilige Videostudium der vorangegangen Situation, zu ihrer Richtigkeit korrigiert wurden.

heffridge, abseits.at

Heffridge

Philipp Karesch alias Heffridge wurde 1979 in Wien geboren und hatte von Kindesbeinen an die Lust am Reisen und Fußball zu spielen. Durch diese Kombination bedingt, zieht es ihn nach wie vor auf die Fußballplätze dieser Welt. Die dort gesammelten Eindrücke sind ein fixer Bestandteil der abseits.at-Kolumne Groundhopper's Diary.